03 Januar 2020

3. Jan, 2020


Mit dem Jahr 2019 endet eine Dekade und damit auch eine Ära. Zwischen 2010 und 2019 veränderte sich die NBA und der Basketball selbst rapide. Um all das zu fassen und gebührend zu ehren, hält die #NBACHEF-Redaktion inne, um die wichtigsten Protagonisten, Erinnerungen und Veränderungen zu küren sowie um einen Ausblick auf das neue Jahrzehnt zu wagen.

von NBACHEFSQUAD  | 3. Jan, 2020


MVP der Dekade

Stefan Dupick @hoopsgamede: LeBron James hat die letzten zehn Jahre dominiert. Acht Finals und drei Titel sind sehr beeindruckend, in der letzten Dekade führt quasi kein Weg am King vorbei.

Anno Haak @kemperboyd: LeBron James und ich finde das ehrlich gesagt in keiner Weise diskutabel. Seit 2010 acht Finals am Stück, drei Championships, drei Finals MVPs, zwei MVPs, neun All-NBA First Teams. Und als die Dekade anbrach, über die wir sprechen, hatte er schon sieben Saisons in den Beinen. Curry hin, Dynastie her. LeBron James, der Spieler des Jahrzehnts.

Marc Lange @godzfave44: Nicht, dass wir uns missverstehen: LeBron James war ohne Zweifel der beste Allaround-Player der letzten zehn Jahre. Trotzdem geht mein Vote an Steph Curry. Der Guard der Warriors hat das gesamte Spiel der NBA in dieser Dekade neu definiert. Dabei geht es nicht primär darum, dass er Würfe, die zwei Meter hinter der Dreierlinie abgefeuert werden, zu einer Normalität hat werden lassen. Curry und seine Warriors haben die komplette Liga dazu gezwungen neue defensive Strategien zu entwickeln, die heute in jedem defensiven Playbook fest verankert sind. Drei Meisterschaften, zwei MVP-Titel und die beste reguläre Saison der Geschichte im Jahr 2015/2016 unterstreichen zusätzlich, welchen Einfluss Steph auf dieses Jahrzehnt hatte.


Gerrit Lagenstein @GAL_Sports: Acht Finals in Folge. Davon nur drei gewonnen. Aber nochmal: ACHT FINALS IN FOLGE. LeBron hat diese Dekade dominiert wie kein anderer. Teilweise führte der King Teams auf die höchste Ebene, die ohne ihn nichts in den Playoffs verloren gehabt hätten. Ganz nebenbei erzielte er in der Dekade 20.000 Punkte und damit mehr als 99 Prozent aller NBA-Spieler jemals in ihrer ganzen Karriere.

Daniel Schlechtriem @W14Pick: Kein Spieler hat diese Dekade mehr geprägt als LeBron James. Die Cavaliers waren ein wandelndes Wrack, als er sie 2010 verließ und haben sich von seinem zweiten Abgang immer noch nicht erholt. Gleiches gilt für die Heat: Nur zwei Mal Playoffs und eine Serie gewonnen, seit LeBron 2014 seine Talente wieder aus South Beach mitnahm. Als sich die Warriors anschickten, eine Dynastie zu werden, stemmten sich LeBrons Cavs dagegen. Auch wenn ihm die Eastern Conference in den acht Jahren selten einen echten Kampf lieferte, an James als MVP führt kein Weg vorbei.


Der denkwürdigste Moment

Dupick: Im Jahr 2011 wird ein gewisser Dirk Nowitzki unsterblich, indem er mit den Mavs den Titel gewinnt. Dirk hat mit seinem Spiel die Position des Power Forwards revolutioniert und in 2011 den verdienten Lohn bekommen

Haak: „Curry back to Igoudala, Igoudala up for the lay-up... OH, BLOCKED BY JAMES!“


Lange: Hier lasse ich einfach mal Mike Breen für mich sprechen: „Seven to shoot, Nowitzki drives underneath with a lefty layup, banks it in with 3.6 remaining! Miami, out of timeouts, trailing by two, James back to Wade, Wade puts it up for the win... off the mark! And Dallas has tied the Finals! With one of the most incredible comebacks in NBA Finals history!“

Lagenstein: Game Seven der 2016er Finals. Das beste Team der Geschichte trifft auf den (vielleicht) besten Basketballer der Geschichte. Kurz vor Schluss ist nicht nur das Spiel sondern auch die gesamte Serie bis auf den Punkt ausgeglichen. Es folgen „The Block“, „The Shot“ und „Cleveland, this is for you“ statt der Krönung für die 73-Siege-Truppe.

Schlechtriem: Die Finals 2016, das nicht für möglich geglaubte Comeback der Cavs nach 3-1 Rückstand gegen die 73-Siege Warriors. Der Schlüsselmoment bleibt LeBrons Block gegen Iguodala, alles, was danach kommt – Irvings Dreier, der shirtlose J.R. auf der Siegesparade, Durants Wechsel zu den geschlagenen Dubs – ist geprägt und möglich gemacht von dieser einen Rettungstat.


Der größte Gamechanger

Dupick: Die letzte Dekade wurde vom Konstrukt der Big Three dominiert, mit LeBron, Wade und Bosh in Miami begann der Aufschwung und setzte sich später in Cleveland fort, bis es bei den Warriors gar zu einer Big Four reichte. Der wahre Gamechanger entwickelte sich jedoch eher im Schatten, der Aufstieg der Analytics und damit die Evolution des Drei-Punkte-Wurfs. Während das Konstrukt der Big Three langsam wieder abebbt, hat die Evolution des Dreiers („Morey-Ball“) seinen Zenit noch nicht erreicht.


Haak: Stephen Currys Range. Nicht nur, dass es ohne Currys ridiküle Dreier-Chucker wie Trae Young heute gar nicht gäbe. Curry hat das Spiel für immer verändert. Prinzipiell ist ein Aus-acht-Metern-35-%-Schütze heute keine Freakshow mehr, sondern gehört zu einer ausgewogenen Offense. Das Spielfeld ist für immer tiefer geworden durch Curry. Und das ist durch Regeländerungen auch nicht mehr einzufangen.

Lange: „The Decision“ von LeBron James. Das Meisterstück LBJ, Dwyane Wade und Chris Bosh innerhalb eines Sommers im selben Team unterzubringen war DER Power-Move des vergangenen Jahrzehnts. Auch wenn sich einige Heat-Fans vielleicht etwas mehr als zwei Meistertitel in dieser Ära erhofft hatten: Das Vermächtnis des besagten Sommers liegt vor allem auf Spielerseite. Die Ermächtigung der NBA-Stars ist seit LeBron James' Entscheidung immer noch in der Liga zu spüren und das wird auch in der nächsten Dekade noch so sein.

Lagenstein: Kevin Durants Wechsel zu den Warriors war ein Erdbeben, machte aus einem sehr guten, aber nur ein sehr, sehr gutes Team. „The Decision“ war zwar ebenfalls nur für zwei Meisterschaften gut, definierte aber LeBron James Karriere völlig neu. „The Chosen One“ wurde erst zum Bad Boy und dann zum Ringträger. Ohne Titel scheint in der NBA nichts zu gehen. Der Wechsel nach Miami ermöglichte James in Jordans Sphären aufzusteigen.

Schlechtriem: Tim Duncans Rücktritt 2016, weil er das Ende einer Ära markiert. Seine Spurs schlagen sich seither beachtlich, die Selbstverständlichkeit eines Contenders ist jedoch verloren gegangen. Auch wenn es in diesem Jahrzehnt „nur“ zu einem Titel gereicht hat, mit Duncan war San Antonio eine feste Größe der Association und das 'team to beat' der Western Conference. Eine solche Erfolgsgeschichte, Dominanz über fast 20 Jahre, wird sich nicht so schnell wiederholen.


Perspektive 2030

Dupick: Aktuell befinden wir uns in einer Liga, in der ein Spieler ohne Wurf keine Daseinsberechtigung hat. Dieses Spielchen dürfte weiter auf die Spitze getrieben werden. Jeder Big muss werfen können und es wird Teams geben, die nur noch Dreier nehmen.

Haak: Ich habe nicht die leiseste Ahnung und ich werde auch nicht darüber hinwegtexten. Eine Prognose wäre nicht seriös und wenn Sie mir nicht glauben, würde ich vorschlagen, dass Sie sich selbst fragen, was Sie geantwortet hätten, wenn jemand im Dezember 2009 geschrieben hätte, dass bis 2020 die Golden State Warriors, angeführt vom 7. Pick der damals laufenden Rookie-Klasse als Zweifach-MVP, die größte Dynastie stellen, LeBron James nach einem Zwischenstopp in Miami bei den Lakers spielen und die New York Knicks eine einzige Playoffserie gewinnen würden.

Lange: In der NBA werden sich in der kommenden Dekade hoffentlich einige Dinge ändern, um das Spiel attraktiver und fairer zu gestalten. Dazu gehören: Eine kürzere reguläre Saison, mit z. B. nur 66 Spielen. Kontroverse Entscheidungen der Schiedsrichter sollten kritischer hinterfragt werden, durch einmalige Interventionsmöglichkeiten der Coaches, wie es beim Football der Fall ist. Gleichzeitig würden weniger Timeouts für einen besseren Spielfluss sorgen. Und: Die Einführung des Vierpunktewurfs ist nach dem Dreipunktewurf-Wahnsinn der 2010er nicht mehr so abwegig wie in den vergangenen Jahrzehnten...

Lagenstein: Ich glaube, dass es mehr Teams in den Finals geben wird. In den 2010er Jahren schafften diesen Sprung nur neun Teams. Es wird schon sehr viel Glück brauchen, damit eine Franchise eine ähnliche Dynastie wie die Warriors aufbauen können wird. Ein wegen Verletzungen unterbezahlter Superstar, ein weiterer, der nur wegen des Anstiegs des Salary Caps kommen kann? Ein absoluter Steal an 35. Stelle der Draft? Das wird sich nicht wiederholen. Ich tippe auf acht verschiedene Champions.

Schlechtriem: Ich glaube nicht an eine Rückkehr der Warriors, auch nicht an die Formierung eines neuen Superteams. Viele sprechen bereits vom Sommer 2021, der die Landkarte verändern könnte und die Machtverhältnisse auf Jahre zementieren, dazu ist aber höchstens Antetokounmpo in der Lage und der wird, da bin ich unabhängig vom weiteren Saisonverlauf sicher, schon diesen Sommer einen Super-Max in Milwaukee unterzeichen. Auf absehbare Zeit bleibt also vieles wie es ist und das Titelrennen in den nächsten Jahren so offen, wie es zwischen 2010 und 2019 selten war. Die Thunder mit ihren gefühlten zweihundert Draft Picks werden eine der spannenden Storys des nächsten Jahrzehnts, als designierter MVP der Dekade hat sich Luka Dončić bereits in Position gebracht. Vielleicht wird die nächste Epoche aber auch geprägt von den Superstars der zweiten Generation. Wade Jr. und LeBron Jr. stehen bereits in den Startlöchern.





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Persönliche Erinnerungen

Dupick: Als Kobe-Fanboy der ersten Stunde war das letzte Jahrzehnt leider schmerzhaft. Mit Beginn der Dekade ging es für the Black Mamba bergab und durch die Verletzungen und das Schaulaufen in seiner letzten Saison wurde es leider nicht besser. Mein persönlicher GOAT gehört nach wie vor zu den besten Shooting Guards aller Zeiten, konnte seine Karriere aber nicht mit dem Prädikat beenden, welches ich ihm gewünscht habe.

Haak: Damian Lillard wird bleiben. Dass ein einziger Spieler binnen weniger als fünf Jahren zwei serienbeendende Dreier trifft, ist ähnlich wahrscheinlich wie... sagen, wir Wade, Bosh und James in einem Sommer zu scoren. Die 2014er Serie gegen die Rockets, die er beendete, wird mir für immer in die Iris des inneren Auges gebrannt sein. Ich musste samstags morgens früh weg und konnte deshalb (nur) das letzte Viertel livelivelive sehen. Das Spiel wankte hin und her in den letzten 60 Sekunden. Houston hatte das bessere Team, war favorisiert, drohte einen 1-3-Rückstand aufzuholen und: die Blazers hatten 14 Jahre keine Serie mehr gewonnen. Jeder Filmproduzent mit Ehre im Leib hätte so ein Drehbuch wegen Kitschüberdosis abgelehnt. Aber die Realität kann mehr. Batum, Lillard, S.W.O.O.S.H. Bitte. Danke. Hallo 2020er.

Lange: Als NBA-Fan hat man es speziell zur Playoff-Zeit oft nicht leicht. Arbeit oder Prüfungsphasen in Deutschland kollidieren mit den späten Anpfiffzeiten an der Ost- und Westküste der USA. Dementsprechend habe ich mir noch nie jedes einzelne Playoffspiel eines Teams in der Post Season live angeschaut, um meinem Pflichten tagsüber irgendwie gerecht zu werden - mit einer Ausnahme. Beim Title-Run der Mavericks im Jahr 2011 lag etwas in der Luft. Etwas, dass mich bei jedem anstehenden Spiel der Mavs zwang, wachzubleiben. Alle 21 Spiele der Texaner sah ich mir in der Nacht an. In meinem ganzen Leben habe ich nicht wieder so viel Kaffee konsumiert und hing in der Uni sowie auf der Arbeit sowas von durch. Doch das war es alles wert. Diese Zeit, diese Leistungen von Dirk bewiesen mir wie noch nie zuvor, weshalb Basketball der beste Sport der Welt ist.

Lagenstein: 2010 habe ich mein erstes NBA Spiel live gesehen. Die folgenden Jahre haben mich geprägt. Ich bin mit Kobe, LeBron, Dirk und Co aufgewachsen. Zwei der drei haben ihre Karriere schon beendet, bei meinen anderen Helden wird es auch nicht mehr lange dauern. An ihre Stelle werden neue Stars treten. Aber sie werden es schwer haben, für mich das gleiche Standing zu haben wie für den damaligen Jugendlichen.


Schlechtriem: Für die Rockets war es ein spannendes Jahrzehnt, das mit Moreys Meisterstück, dem Harden-Trade, so richtig begann. Das größte Highlight war selbstverständlich die Serie gegen die bis dato unantastbaren Durant-Warriors. Houston hatte sie in den Seilen, 3-2 in Führung – dann verletzt sich in Chris Paul der wichtigste Spieler dieser Runde. Diese Oberschenkelverletzung hat den Rockets vermutlich die dritte Championship gekostet. Der Schmerz wird noch eine Weile andauern. In positiver Erinnerung bleibt Spiel 6 2015 gegen die LA Clippers. „Lob City“ führte die Serie 3-1, verlor zwar Spiel fünf in Houston, hatte dann aber im sechsten Spiel zu Hause die Conference Finals eigentlich gebucht. Eigentlich, denn die Rockets drehten ab Ende des dritten Viertels einen 19 Punkte Rückstand, gewannen das vierte Viertel 40-15, angeführt von Josh Smith (!) und Corey Brewer (!!). Ich erinnere mich, wie ich das Spiel und die Serie innerlich schon abgehakt hatte, mir in tiefer Enttäuschung Gedanken über das Matchup Clippers/Warriors sowie die bevorstehende Offseason machte und tief in der Nacht meinen Augen nicht recht traute, als Smith und Brewer plötzlich Dreier versenkten wie Reggie Miller und Ray Allen in ihren besten Tagen. Totenstille und Ungläubigkeit im Staples Center, jubelnde Rockets, die wenige Tage später die ersten Conference Finals seit 1997 klar machten. Für meine Fan-Seele der größte Moment des Jahrzehnts.