01 Februar 2020

1. Feb, 2020


Die Trade Deadline rückt mit großen Schritten näher und folglich steigt die Temperatur in der Gerüchteküche. Noch bis zum 6. Februar dürfen die 30 General Manager der Association nach Lust und Laune schachern und feilschen. Auf dem Weg dorthin kredenzt die NBACHEF-Redaktion wie jedes Jahr die wichtigsten Trade Chips der Jagdsaison. Heute: Andre Drummond.

von JONAS RÖHRIG @jonasRo19 | 1. Feb, 2020


Als Andre Drummond den Pistons im Draft 2012 an neunter Stelle in die Hände fiel, weil u. a. Michael Kidd-Gilchrist und Thomas Robinson vor ihm ausgewählt wurden, konnten sie ihr Glück wohl kaum fassen. Der zweitjüngste Spieler seines Jahrgangs hatte in seiner Rookie Saison zwar noch mit Rückenbeschwerden zu kämpfen, doch nur ein Jahr später war klar, was für ein Talent in ihm steckt.

Trotz der fixen Idee von GM Joe Dumars, den damaligen Drummond/Greg Monroe Frontcourt um Josh Smith zu ergänzen, pflückte der 2,11 Meter Koloss schon in seiner zweiten Saison die zweitmeisten Rebounds der Liga. In den nächsten Jahren wurde er mit gerade mal 22 zum ersten Mal All-Star, führte die Liga viermal bei den Rebounds an und war seit Dennis Rodman 1997/98 der erste Spieler, der über eine Saison 16 Rebounds griff.

Fast Forward ins Jahr 2020: Die Pistons haben gerade vor heimischem Publikum deutlich mit 125-112 gegen die Memphis Grizzlies verloren. Gegen die talentierten Bären ist das gewiss keine Schande, doch die Zuschauer sehen eine mehr als deprimierende Detroiter Mannschaft. Die Starting Five liest sich Derrick Rose/Reggie Jackson/Svi Mykhailuk/Sekou Doumbouya/Thon Maker. Rose, der über die letzten Wochen wie ein Wahnsinniger um einen Trade zu einem Contender spielt, ist Topscorer. Langston Galloway steht die meisten Minuten an diesem Abend auf dem Feld. Klingt nicht nach dem Team mit dem sechstteuersten Kader der NBA, oder? (Fun Fact: Die Pistons bezahlen Josh Smith dieses Jahr immer noch 5,3 Mio $.)


Detroits designierter Franchise Player Blake Griffin hat diese Saison schon 28 Spiele verpasst und muss zum wiederholten Mal am Knie operiert werden, nur sieben Monate nach seiner letzten Knie-OP. Während sein Co-Star die gesamte Saison ausfallen wird, hat Drummond zwar nur mit kleineren Verletzungen zu kämpfen, doch die Aussichten für die restliche Spielzeit sind nicht wirklich rosig.

Aktuell stehen die Pistons bei 17-33 Siegen und damit nur auf Platz 11 im Osten, aber theoretisch noch in Reichweite der Playoffs. Detroit hatte laut ESPN jedoch den bisher einfachsten Spielplan aller Teams, für die restliche Saison blüht ihnen laut SOS (Strength of Schedule) der acht-schwerste Restspielplan.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass Detroit den Fokus eher auf die nächsten Jahre richtet und seinen Star-Center auf dem Trademarkt anbietet, zumal dieser wie gewohnt abliefert. Auch diese Saison kann kein Spieler der Liga mit Drummonds Dominanz am Brett (15,7 Rebounds pro Spiel) mithalten. Selbst offensiv legt er Karrierebestwerte auf (17,3 Punkte pro Spiel), doch der „Big Pinguin“ ist kein Scorer, seine Bestwerte sind vielmehr eine Folge der Umstände in Detroit.

Dies belegt auch seine Abschlussquote am Ring, die mit 63% zu den schwächsten unter allen Centern gehört. Aus Detroits Sicht spricht einiges für einen Trade: Zum einen würden sie zu 100% in den Tanking-Modus verfallen, woraus ein hoher Draft Pick entstehen dürfte. Das in einer Draftklasse, der nachgesagt wird, nach der Spitze qualitativ deutlich abzufallen. Mit diesem Rookie könnte dann zusammen mit den eigenen Youngstern Doumbouya und Luke Kennard langsam am neuen Pistons-Team gefeilt werden.

Würde ein Trade für Drummond aus einem Erstrunden-Pick oder einem jungen Spieler und auslaufenden Verträgen bestehen, hätte Detroit im Sommer außerdem über 40 Mio. $ Cap Space. Ein zusätzlicher Trade von Rose würde natürlich noch mehr finanziellen Spielraum liefern. Spielraum, den das Front Office in der Motor City in den letzten Jahren nur selten hatte.


Gegen einen Trade spricht aber vor allem Drummonds Spieleroption für die nächste Saison, die er, angesichts der schwachen Free Agent Klasse, wohl verfallen lassen wird. Hinzu kommt, dass die meisten Teams auf Center bereits gut besetzt sind und nicht auf der Suche nach einem neuen Starter. Dass Drummond auch noch einige Defizite (Finishing, Freiwürfe, Perimeter-Verteidigung) mit sich bringt, macht die Suche nach einem Trade-Partner nicht einfacher. Ich habe es trotzdem mal probiert:

Atlanta Hawks 

Was dafür spricht: Die Hawks sind das drittschlechteste Team am Brett diese Saison und können mit ihrer Center-Rotation aus Alex Len, Damian Jones und Bruno Fernando nicht zufrieden sein. Atlanta enttäuscht nach (ganz) leisen Playoff-Hoffnungen vor der Saison bisher auf ganzer Linie und legt das mieseste Net-Rating der Liga auf. Dazu sitzen die Falken auf einem Haufen auslaufender Deals und haben für die nächste Saison nur 27 Mio. $ garantierter Verträge ausgegeben.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass GM Travis Schlenk zur Trade Deadline nach Verstärkungen sucht und Drummond weit oben auf seiner Liste steht. Der 26-Jährige könnte sich in der Trae Young One Man Show-Offense auf seine Stärken konzentrieren, wodurch er effektiver agieren sollte. Drummond ist zwar, wenn er in der Defense aus der Zone raus muss, ein echter Negativ-Verteidiger, aber in Sachen Ringschutz machen ihm nicht viele Center etwas vor. Zusammen mit John Collins (2,0 Blocks pro Spiel) würde er direkt am Korb einen nahezu unüberwindbaren Frontcourt bilden.

Was dagegen spricht: Die Chance, dass Drummond in Atlanta seine Spieleroption ziehen würde, scheint gering und dass die Hawks ihm dann einen langfristigen Maximaldeal anbieten noch geringer. Auch mit viel Cap Space werden sie flexibel bleiben wollen, gerade weil ihre Youngster in den nächsten Jahren auch bezahlt werden wollen.

Drummond hilft Atlanta bei ihren offensiven Problemen (Platz 29 beim Offensiv Rating) auch nicht wirklich weiter. Aufgrund seines fehlenden (Mittel-) Distanzwurfes würde er eher Platz für die Drives von Young und den jungen Flügelspieler wegnehmen. Dazu kommt, dass er im Pick-and-Roll als Blocksteller einer der ineffektivsten Center ist, die das Blocken und Abrollen regelmäßig laufen.


Außerdem wollte Atlanta wohl Allen Crabbe in einen Deal für Drummond nach Detroit schicken, nach dem Trade für Jeff Teague spielt Crabbe jetzt aber in Minnesota. So wird es nun schwierig, ohne drittes Team die 27 Mio. $ für den Gehälterausgleich zusammen zu bekommen.

Boston Celtics

Was dafür spricht: Auch den Kelten wird Interesse am Big Man nachgesagt, was nachvollziehbar klingt, schließlich ist nach dem Abgang von Al Horford die Center Position die Schwachstelle in Boston (Sorry, Daniel…). Gerade in den Playoffs könnte es unterm Korb an Masse fehlen, um gegen Joel Embiid, Giannis Antetokounmpo und Co. mitzuhalten.

Coach Brad Stevens ist es auch absolut zuzutrauen, einen inselbegabten Offensivspieler wie Drummond effektiv in sein System einzubauen. Zusammen mit Kemba Walker, einem der besten Pick-and-Roll Ballhandler (94. Perzentil) könnte Drummond auch zu einer gefährlicheren (sprich: effizienteren) offensiven Waffe werden.

Die viertbeste Defense der Liga wäre auch in der Lage, seine Schwächen besser zu kaschieren, als es noch in Detroit der Fall ist. Stevens könnte seine Center je nach Matchup durchrotieren, wodurch Drummonds Schwäche gegen Faceup Big Men nicht so stark ins Gewicht fallen würde.

Ein Trade mit Boston wäre nur möglich, wenn Gordon Hayward dafür im Gegenzug nach Detroit wechseln würde. Auch wenn er in Boston enorm beliebt ist, würde Haywards Weggang das Überangebot auf der Flügelposition auflösen und den Ball noch mehr in die Hände der jungen Stars Tatum und Brown geben.

Was dagegen spricht: Brauchen die Celtics Drummond? Und selbst wenn ja, lohnt es sich, Hayward plus einen Draft Pick abzugeben, wenn nicht mal sicher ist, ob der Center über die Saison hinaus in Boston bleibt? Danny Ainge hat sich in den letzten Jahren wirklich nicht den Ruf erarbeitet, auf dem Trademarkt unüberlegt zu handeln.

Selbst wenn die Celtics Drummond als das fehlende Puzzleteil auf dem Weg zum Titel identifiziert haben sollten, läuft ihnen die Zeit nicht weg. Ihre Stars sind noch jung und 14 Spieler des aktuellen Kaders über die Saison hinaus an sie gebunden (Kanter und Hayward haben eine Spieleroption). Wenn sie Drummond haben wollen, können sie sich auch nach der Saison in der Free Agency um ihn bemühen.

Die Aufstellung mit Kemba Walker, Jaylen Brown, Jayson Tatum, Gordon Hayward und Daniel Theis funktioniert überragend. Unter allen viel genutzten Lineups (< 100 Minuten) legen sie das zweitbeste Offensiv-Rating auf. Dieses Erfolgskonzept jetzt aufzubrechen, um Drummond für einige Monate zu „mieten“ scheint sehr riskant.

Miami Heat

Was dafür spricht: Die Heat haben enorme Probleme am offensiven Brett (Platz 29), nur die Thunder greifen weniger Rebounds am gegnerischen Korb. Defensiv sind sie zwar so stark, dass die Reboundschwäche hier nicht so sehr ins Gewicht fällt, doch diese Schwachstelle würde Drummond in kürzester Zeit stopfen.


Dazu kommt, dass Miamis Center Rotation aus Meyers Leonard, Kelly Olynyk und Chris Silva in Sachen Ringschutz absolut gar nichts anbietet (zusammen 1,0 Blocks pro Spiel). In nächster Korbnähe lassen die Heat eine Erfolgsquote von fast 65% zu, nur die tankenden Cavs sind schlechter. Auch hier würde eine Addition von Drummond wahre Wunder wirken.

Ähnlich wie in Boston könnten auch am South Beach Drummonds defensive Schwächen durch eine sehr gute Team-Defense ausgeglichen werden. Ein Frontcourt aus MIP-Kandidat Bam Adebayo und Drummond würde wohl jedem gegnerischen Big Man den Schweiß auf die Stirn treiben.

Was dagegen spricht: Dass Drummond in Spoelstras Pace-and-Space System passt, ist nur schwer vorstellbar. Auch wenn die jetzigen Center defensiv nur sporadisch abliefern, strahlen Leonard und Olynyk immerhin Gefahr von der Dreierlinie aus und können das Spiel auseinanderziehen. Solange Adebayo noch keinen soliden Wurf anbietet, scheint eine Froncourt-Paarung mit einem klassischen Brettcenter wie Drummond eher unrealistisch.

Auch in diesem Szenario spricht Drummonds Spieleroption gegen einen Trade, denn wenn wir eines gelernt haben, dann, dass Pat Riley immer einen sehr genauen Blick auf die (über-) nächste Free Agency hat. Sich durch einen Trade für Drummond und eine eventuelle Vertragsverlängerung hier Flexibilität zu nehmen, ist nicht der Stil des Paten. Berichten zufolge will das Miami Front Office bis zur Trade Deadline eher nach Verstärkungen für den diesjährigen Playoff-Run suchen und keins ihrer Assets wie Winslow oder Herro abgeben.

Dazu kommt noch, dass sich nur wenige auslaufende Verträge im Kader befinden, die als Gegenwert für Drummond ausreichen würden. Der Deal von Goran Dragić (19 Mio. $) läuft zwar aus, doch er scheint unantastbar, weil er in seiner Rolle als sechster Mann nicht ersetzt werden kann. Ansonsten haben nur Leonard (11 Mio. $) und James Johnson (15 Mio. $) auslaufende Verträge, wobei Johnson über eine Spieleroption von knapp 16 Mio. $ verfügt, die er wohl kaum verstreichen lassen wird.

Fazit

Die Gerüchteküche um Drummond ist deutlich abgekühlt in den letzten Wochen und das aus verständlichen Gründen. Seine Spieleroption macht jeden Deal zu einem unkalkulierbaren Risiko, das kaum ein GM eingehen will, vor allem, wenn er dafür auch noch mit einem Draft Pick bezahlen muss.

Auch wenn der Big Man seit Jahren Fabelzahlen am Brett auflegt, bringt er einige Probleme mit, die nicht jedes Team einfach verstecken kann. Die Pistons haben anscheinend eingesehen, dass sie es nicht schaffen werden, in Drummonds Prime ein schlagfertiges Team um ihn herum aufzubauen. Doch so wie es aktuell aussieht, haben sie zu lange mit einem Trade gewartet. Zum jetzigen Zeitpunkt scheint ein Deal für ihn eher unrealistisch – doch diese Liga hat uns nicht erst einmal überrascht...