13 Februar 2020

13. Feb, 2020


Ultimatum, die erste in der 20er Dekade. Zur Tradedeadline wird es in der Dealküche traditionell nochmal weihnachtsbäckereiwarm. Die Chefküche beurteilt wie der Guide Michelin Restaurants, ob die Roster knusprig durchgebacken oder die Zukunftsaussichten unter dem Druck der gnadenlos Richtung 9pm Ostzeit tickenden Uhr latschig gekocht wurden. Heute: 4 x 12 Wahnwitz

von ANNO HAAK @kemperboyd & DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 13. Feb, 2020


Start

Atlanta suchte nach einem „echten“ Center. Warum, weiß der Linksunterzeichner nicht genau. Es ist aber so. Das ist eigentlich das Alpha und das Omega des größten Trades der NBA Geschichte ohne die Beteiligung von Pat Riley. Sie schnüffelten nach Andre Drummond, Steven Adams und auch sonst allem, was 2,10 Meter und eigentlich unabsorbierbare Verträge hatte.

Minnesota wollte – wie man aber erst aus den auf vergangegenen Dienstag folgende Transaktionen lernte – das Roster einmal komplett auf links ziehen und im Sommer möglichst flexibel werden. Denver will irgendwie immer noch mehr Tiefe in den Kader importieren, ohne im Sommer jedem der gefühlt 27 NBA-tauglichen Spieler Maximalgehälter zu zahlen.


Die Rockets halten Bigs – jedenfalls solche mit begrenzter Wurfrange – für verzichtbar und wollten (noch) kleiner werden. Zugleich war ihr Starting Center Clint Capela das Asset mit dem ligaweit höchsten Tauschwert.


Schuss

Die Hawks bekommen ihren „echten“ Big Man. Die Rockets drehen die Skillball-5 out-Eskalationsschraube eine Umdrehung weiter. Die Nuggets sparen Geld. Die Timberwolves fegen einmal durch. Listengold:

ATL: Clint Capela, Nenê
DEN: Keita Bates-Diop, Noah Vonleh, Shabazz Napier, Gerald Green, 2020 1st Rd. Pick (HOU)
HOU: Robert Covington, Jordan Bell, 2024 2nd Rd. Pick (GSW via ATL)
MIN: Malik Beasley, Juancho Hernangómez, Jarred Vanderbilt, Evan Turner, 2020 1st Rd. Pick (BKN via ATL)


Natürlich gilt, dass man hinterher immer schlauer ist. Eine Woche nach dem Konjunkturprogramm für die amerikanische Umzugsindustrie weiß man mehr. Was auch den Vorteil hat, weniger besprechen zu müssen.

Die Hawks haben Salary-Füller Nenê bereits entlassen. Dessen NBA-Karriere, die zugegeben mehr Leben hatte als eine privat krankenversicherte Katze, dürfte damit endgültig beendet sein. Die Timberwolves wollen Evan Turner (wohl) lieber Geld fürs Nixtun als fürs Spielen geben (lies: Buyout), das ist aber noch in der Schwebe.

Die Nuggets hatten für Shabazz Napier keine Verwendung und gaben ihn inzwischen an die Wizards weiter. Green und sein gebrochener Fuß sind bereits in die Arbeitslosigkeit geschickt und last not least ist Jordan Bell zwischenzeitlich nach Memphis weitergezogen. Für ihn holte Daryl Morey den etwas größeren (!) Bruno Caboclo.

So bleiben von den 12 Spielern, die den größten Tradewert seit dem infamen Patrick-Ewing-Wechsel zu den Seattle Sonics überhaupt darstellten, letztlich sieben zur Besprechung übrig.


Hawks

Bin kein Schlenk-Fan, aber was er hier gemacht hat, gefällt mir gut. Wenn es denn schon ein klassischer Big sein soll (ich wiederhole das im großen wie zuvor bereits im kleinen Kreis zum x-ten Mal: ich halte das nicht für notwendig, aber was weiß ich schon), dann ist der Schweizer die beste realistisch verfügbare Lösung. Klassen besser jedenfalls als Andre Drummond (Du liebe Güte) oder Steven Adams (Du böse Güte).

Er ist einer der effizientesten Roll Men im Pick-and-Roll ligaweit. Das macht ihn zu einem natürlichen 1-2-Punch-Partner von Trae „Die Logos in der Mitte der Courts sind nur eingefärbter Teil meiner Range“ Young. Die Ringbeschützerzahlen sehen nicht überragend aus, aber mehr Ringschutz als Collins sollte er bieten. Mit noch nicht ganz 26 Jahren passt er (gerade so) in die Timeline, hat noch Entwicklungsraum nach oben und gilt als Lockerroom Gold.









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Der Vertrag bietet, positiv formuliert, hohe Planungssicherheit. Er läuft im Klartext voll garantiert bis 2023. Das wäre noch nicht schlimm. Der Backload würde allerdings einen Kipplader über die Hinterachse fallen lassen, 16, 17,1 und 18,2 Mio. $ wirft spotrac für die nächsten drei Jahre aus. Eine Poison Pill in einem langsamer als gedacht wachsenden Salary Cap-Zeitalter. Andererseits: wozu will man etwaigen Spielraum in einer der flachsten Free Agent Klassen der letzten Jahre nutzen?

Der Nets-Pick wird wohl ca. in der Mitte des angeblich ebenso flachen 2020 Drafts landen. Da man den eigenen (mutmaßlich Top 5 zu liegen kommenden) Pick noch hat, war das Wahlrecht, das man als Preis für Tauren Prince und die Aufnahme von Allen Crabbe bekam, verzichtbar. Dass man aus Turner noch einen Gegenwert gezogen hat, macht Schlenk noch nicht zum Genie, aber feierbarer als die Entlassung von Chandler Parsons ist das allemal.


Nuggets

Denver hat keine Lust, Hernangómez und Beasley zu bezahlen und erfeilscht sich für die beiden RFA-to-be den Erstrunden-Pick zurück, den sie letzten Sommer im Trade um Jerami Grant nach Oklahoma City geschickt haben. An der Stelle ließe sich die Analyse der Klumpen auch schon wieder beenden, aber wir wollen mal nicht so sein.

Vonleh ist groß und kann werfen. Sagt man so. Vonleh war ein Top 10-Pick im „Jahrhundert“-Draft 2014 und hat nach jetzt sechs Jahren einen Vertrag über zwei Mio. $ p. a. in der Tasche. Viel mehr muss man nicht wissen. Seine Dreierquote war seit drei Jahren nicht bei 35%, geht vielmehr kontinuierlich runter. Das ORtg der laufenden Saison beläuft sich auf hirnbetäubende 97,1. „Kann werfen“" mein Karo Ass. Vertrag läuft aus. Nxt.


Keita Bates-Diop hat in Zach Lowe einen berühmten Fan und einen ungarantierten Vertrag. Er ist, Bullshit Bingo-Alarm aus den Scouting Reports, ein Three-and-D-Typ von Spieler, brrrr. Sein Vertrag ist kommendes Jahr ungarantiert, danach gibt es noch die Möglichkeit der QO. Das macht den 48. Pick des 2018er Draft (finanziell) attraktiv. Attraktiver jedenfalls als Hernangómez und Beasley.


Timberwolves

Bei den T-Wolves lief das Gedankenspiel genau umgekehrt. Sie haben (inzwischen) den vielleicht schlechtesten Vertrag der NBA weggeladen und dafür Towns' Wunschsidekick nach Minneapolis geholt. Der Rest des Rosters steht zur Disposition. Crabbe und Turner haben (Buyout oder nicht) keine Zukunft in Minnesota. Der zwischenzeitlich importierte James Johnson hat auch nur noch Deal bis maximal 2021, außerdem wurde beim Igoudala-Trade der Sinnlosvertrag von Gorgui Dieng geschlabbert. Macht unter dem Strich nur 75 Mio. $ garantierte Gehälter für kommende Saison.

So kann man sich Hernangómez noch ca. 30 Spiele angucken, was in etwa die Dauer der Zeit ist, die ich brauche, um den Silbensalat seines Namens in Vor- und Nachname zu unterteilen. Samesame für Beasley, der dem von Pothead Nummer-2-Pick 2008 im Land der 1000 Seen beschmutzten Nachnamen neue Ehre machen könnte. Beide könnten durchaus brauchbare Komplementärspieler für das neue Starduo aus Russell und KAT werden. Gleiche Struktur auch bei Vanderbilt. Allzu viele überdimensionierte Angebote für die werdenden RFAs dürfte es wegen des kleiner gewordenen Gehaltsspielraums in der Liga nicht geben. Man darf in beiden Fällen auf einen Schnapper hoffen.


Rockets

Bleiben noch die Rockets, die sich wieder mal zum Gesprächsthema Nummer eins der Association katapultiert haben. „Moreyball“ wurde zur Spitze getrieben, weiter geht's mit „Small Ball“ (Morey hat 2018 ein Musical unter diesem Titel produziert... I kid you not). Der Gedanke dahinter ist relativ einfach: Big Man Clint Capela wird ein spätes Opfer der Verjüngungskur des Sommers: Russell Westbrook statt Chris Paul. Weil Westbrook nicht werfen kann und die Morey'sche/D'Antoni'sche Ideenfabrik nicht mehr als einen wurflosen Spieler pro Lineup toleriert, waren Capelas Tage in Texas gezählt. Natürlich nicht aus einer Laune heraus, die Zahlen haben es ihnen verraten.

Die Rockets spielen effizienteren und damit erfolgreicheren Basketball mit P.J. Tucker (1,96 Meter) als Center – sofern eine zeitgemäße Auseinandersetzung diesen Begriff überhaupt noch zulässt (und falls ja, haben die Rockets seinem Aussterben einen weiteren Meteoriten um die Ohren gejagt).

Selbstverständlich kam Capelas Abgang nicht aus einer intrinsischen Motivation, Houston hätte den Schweizer gerne behalten und Morey macht keinen Trade, um einen Trade gemacht zu haben. Doch er benötigte dringend einen veritablen Flügelverteidiger mit zuverlässigem Dreier, einen Trevor Ariza in jünger und kostengünstiger, einen Teamspieler, der die Drecksarbeit macht für die All-Stars James Harden und Russell Westbrook und zur Belohnung immer wieder frei von der Dreierlinie drauf los ballern darf.

Die Wahl fiel auf die vielversprechendste Lösung. Covington, einst von den Rockets selbst entdeckt, aber wegen akutem texanischen Titel-Ehrgeiz nicht zu Entwicklungsminuten gekommen, hat sich in Philadelphia zu einem der besseren Three-and-D Spieler der Liga entwickelt, bei den sich seit 2004 selbstfindenden Wolves verkamen seinen Talente. In Houston soll er das fehlende Puzzleteil werden, das Element, das die Gleichung auflöst und Houstons Titelchancen maximiert.


Tatsächlich geht der Plan bisher auf: Die Rockets werden zwar teilweise an den Brettern vernichtet, erzwingen dafür jedoch mehr Turnover als der Rest der Liga und dank Westbrooks Athletik lässt sich die Unterlegenheit in Zentimeter mit Tempo kompensieren. So zumindest der Plan. Mit Rudy Gobert, Kristaps Porzingis und Anthony Davis fielen zuletzt gleich drei der prominenteren Bigs der Liga Houstons Musical-Komposition zum Opfer. Und das obwohl die Texaner im Prinzip seit Saisonbeginn noch nicht mit voller Truppenstärke aufwarteten und zuletzt immer wieder auf Eric Gordon verzichten mussten.

Moreys Extreme spalten nicht zum ersten Mal die Liga, Small Ball in dieser Ausführung ist allerdings nur die Konsequenz einer längst nicht mehr aufzuhaltenden Entwicklung. Big Men ohne Wurf und Überathletik haben bald schon keinen Platz mehr in der NBA. Wer das bestreitet, mag sich einfach nur den Marktwert eines Andre Drummonds zu Gemüte führen. Oder die Tatsache, dass Roy Hibbert (wer kennt ihn noch?) 2014 ins All-Star Team und All-Defensive Second Team gewählt wurde, vier Spielzeiten später trotz bester Gesundheit und nicht ganz freiwillig im Alter von zarten 31 Jahren seine Karriere beenden musste.

Beim Trade für Covington haben die Rockets einen hohen Preis bezahlt, die erhöhten Chancen auf einen Titel-Run ist dieses Risiko aber allemal wert. In und um Houston hat ohnehin niemand damit gerechnet, beim Draft im Juni einen Erstrunden-Pick zur Verfügung zu haben. Capelas Abgang zerbricht ein paar Herzen, immerhin war er in der letzten Dekade einer der wenigen Spieler (der einzige, eigentlich), den die Rockets drafteten und dann zu einem gestandenen Borderline All-Star entwickelten. Aus genannten Gründen war die Trennung aber unvermeidlich. Covingtons Anlagen, sein mehr als freundlicher Vertrag (2020/21: 12,1 Mio. $; 2021/22: 12,9 Mio. $) sowie seine Flexibilität am defensiven Ende machen ihn für Morey und D'Antoni wertvoll. Sehr wertvoll. Die Rockets sind mit Covington statt Capela besser. Zahlen lügen nicht.

Houston wird das Spiel ohne Center nicht komplett einstellen, vor allem ohne Westbrook und mit Harden wäre ein klassischer Pick-and-Roll Big nicht verkehrt: Ein jüngerer Tyson Chandler oder ein erfahrener und kräftigerer Isaiah Hartenstein. Sollte ein solcher Spieler auf dem Buyout-Markt landen, wären die Rockets keine unwahrscheinliche Destination. Bis dahin bleiben sie aber im Fokus der Basketballwelt – einfach weil jeder sehen will, ob das Spiel auch mit Akteuren kleiner/gleich zwei Meter Körpergröße gewonnen werden kann.



Fazit

Die Hawks bekommen den Center, den sie wollten, für praktisch nichts. Die Nuggets holen ihren Pick zurück, sparen Geld und sportliche Qualität ein, die T-Wolves sind jünger und flexibler wie gewünscht, die Rockets zahlen viel für Wunschwing Covington, aber bück Dich Fee!, Wunsch ist Wunsch.

Vorteil: alle