08 Februar 2020

8. Feb, 2020


Ultimatum, die erste in der 20er Dekade. Zur Tradedeadline wird es in der Dealküche traditionell nochmal weihnachtsbäckereiwarm. Die Chefküche beurteilt wie der Guide Michelin Restaurants, ob die Roster knusprig durchgebacken oder die Zukunftsaussichten unter dem Druck der gnadenlos Richtung 9pm Ostzeit tickenden Uhr latschig gekocht wurden. Heute: Gefrierbeutel für die Grizzlies

von ANNO HAAK @kemperboyd | 8. Feb, 2020

Start

Die Miami Heat sind von sich selbst überrascht worden. War das erste der vier Butler-Jahre eigentlich als Übergangssaison auf dem Weg zurück zur alten Herrlichkeit verplant, ist man plötzlich dank überragendem Coaching, an Glück gemahnender Bilanz in engen Spielen und erstaunlichen Outbursts junger Spieler wie Kendrick Nunn ein Kandidat für Basketballspiele im Juni. Ergo sollte das Roster vertieft werden, um noch mehr Gravität in den Postseason-Run zu bekommen.

Die Minnesota Timberwolves sind von sich selbst überrascht worden. War das Erste der fünf Towns-Maximal-Jahre eigentlich als Playoffsaison verplant, mit der der Übergang zu neuer Contender-Herrlichkeit werden sollte, ist man dank der weiter stagnierenden Entwicklung von Ex-Toppick Wiggins, defensiver Lustlosigkeit von Niederlagengarant KAT und verpeiltem Supporting Cast auf dem Weg, eine weitere Saison komplett in den eisigen Sand am Ufer der tausend Seen zu setzen. Ergo plante Teampräsident Gersson Rosas schon zur Deadline ein Komplettmakeover des Rosters.

Die Memphis Grizzlies sind von sich selbst überrascht worden. War das erste komplette Jahr post Gasol und Conley eigentlich als Rebuildjahr Nummer eins mit maximal 25 Siegen verplant, ist man dank abstrus grandioser Rookie-Kampagne von Ja Morant, klickender Teamchemie und der Basdödeligkeit eigentlich besser (oder teurer oder beides) besetzter Konkurrenz wie Phoenix, Portland, Sacramento oder eben Minnesota urplötzlich zur Deadline auf Playoffkurs. Ergo wollte man den Playoffpush steigern und dabei noch den im Sommer ertradeten, wegen akuter Unlust nie beim Team angekommenen Andre Igoudala gewinnbringend los werden.

Schuss

Miami macht Miami-Sachen. Riley holt den zur Deadline begehrtesten Veteranen plus Change ins eigene Team, ohne einen Pick zu opfern, und wird auch noch Sinnfreideals los. Memphis ist behilflich und verjüngt das Team mit einem weiteren hoffnungsvollen Swingman. Minnesota vollendet den Abriss. Listengold:

MEM: Dion Waiters, Justise Winslow, Gorgui Dieng
MIA: Jae Crowder, Andre Igoudala, Solomon Hill
MIN: James Johnson

Es bedarf der Ergänzung, dass Igoudala seinen „Andre Tyler“ unter eine zweijährige Vertragsverlängerung in Miami setzen wird. Wert: 30 Mio. $ gesamt, das zweite Jahr, also Saison 2021/2022, ist eine Teamoption eingebaut.

Heat

Der Pate hat wieder zugeschlagen. Was Riley hier im Schatten der tapsigen Versuche der LA-Teams, die Grizzlies von einer Abgabe Igoudalas ohne Draftpick im Paket zu überzeugen, von der Tischkante zieht, ist schlicht unglaublich. Es galt als Stehsatz in der Liga, dass Memphis Igoudala nur zu traden bereit wäre, wenn ein Erstrunden-Pick, wenigstens aber überhaupt Draftwahlrechte involviert würden.

Da wegen der überraschend guten Saison für die Grizzlies ohnedies keinerlei Handlungsdruck bestand, war wegen dessen Zickigkeit sogar ein Staredown von Igoudala, also ein Laufenlassen des im Sommer aus Golden State akquirierten Deals bis zum MHD-Ablauf am 30.06.2020 eine Möglichkeit.


Statt Picks anzubieten, die im Tresor von Riley sowieso absolute Mangelware sind (die Zweitrunden-Picks der Heat von 2020 bis 2026 (!) sind alle weg, dazu die Erstrunden-Picks von 2021 und 2023), überzeugte Riley die Grizzlies, Igoudala für ein äußerst wackeliges Swingmanversprechen zu verscherbeln und dabei (unter Hilfe eines dritten Teams) noch üble Altlasten in den Giftschrank der Elvisstadt zu packen.

Waiters war nach kurzem Zwischenhoch und Zahltag zuletzt dank unzuverlässigem Körper und noch unzuverlässigerer Arbeitsethik schnell wieder die Katastrophe geworden, die er in Cleveland war und wegen der „Waiters Island“ zur Zwei-Wort-Punchline geworden war.

In der laufenden Saison war er mehr St. Helena als die eigene Insel und hatte nach Verbannung ganze drei Spiele absolviert. Johnson glänzte zwar durch halberlei brauchbare Effizienz und positive Wirkung auf das Team (NetRtg plus 4,4), bekam für das geringe Einsatzvolumen von abendlich rund 15 Minuten und 6 Pts/3 Reb/1 Ass aber viel zu viel Geld aus einem teamunfreundlichen Vertrag (per Spieleroption kann er sich für kommende Saison rund 17 Mio. $ einverleiben).







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Winslow gilt zwar ebenso lange als Talent wie als Trade Asset, hat aber das hohe Versprechen, das er vor seinem Draft 2015 abgegeben hatte, nie erfüllen können, hauptsächlich, weil die Knochen nicht wollten wie Winslow selbst. Seit der Rookiesaison hatte er nie mehr als 68 Spiele gemacht, im laufenden Jahr ganze elf.

Im Gegenzug für diese dreiköpfige, überbezahlte Hoffnungslosigkeit hat sich Riley den Finals MVP 2015 und den billigsten Three-and-D-Spieler der Liga ins Roster importiert.

Der Pate hat wieder zugeschlagen. So ist die allgemeine Lesart. Die ist auch nicht falsch, aber:

Igoudala ist Ungewissheit auf zwei Beinen. Iggy, inzwischen 36 Jahre alt, hat seit acht Monaten keinen kompetitiven Basketball gespielt. Zwar gilt er als Spieler mit einem der vielleicht höchsten Basketball IQs ligaweit. Nur ersetzt das keine Beweglichkeit und hilft offensiv auch nur bedingt, wenn weniger als 3,5 von zehn Dreiern fallen. In Oakland war er in seiner letzten Saison zwar ein klarer Plusspieler, das waren im Jahrhundertteam der Warriors aber nahezu alle.


Bei Meister Crowder, dessen teamfreundlicher Vertrag zum inzwischen vierten Trade in vier Jahren geführt hat, ist das mit „Three“ weniger erkennbar, als man meinen sollte. Der Schuss von Downtown fällt mit 29%. „D“ ist schwer messbar, besser hat er die Grizzlies indessen am eigenen Ende des Feldes nicht gemacht.

Das mag daran liegen, dass er mit der Starting Unit zumeist gegen die besseren gegnerischen Lineups spielt, vielleicht ist es auch nur eine statistische Anomalie, nennen wir sie „Spurs Kawhi“. Crowder jedenfalls ist nicht mehr so glasklar der beste Vertrag der Liga wie noch vor drei Jahren.


Dennoch: für die Teamchemie sind die beiden Neuen nach allem, was man weiß, ein Segen. Sie kosten wenig und haben kurze Verträge (Crowders Papier läuft im Sommer aus, Igoudalas Verlängerung ist nur bis 2021 garantiert). Aber vor allem: sie werfen – bei allen Fragezeichen – für zwei der potentiell 20 besten Rollenflügel der Liga Waiters und Johnson ins Feuer. Solomon Hill makes the math right, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Pate, zugeschlagen, Grizzlies.

Grizzlies

Memphis zockt. Weil sie es können. Die auslaufenden bzw. wertlosen Verträge von Crowder und Igoudala schmeißt man ins Feuer, um einen Gamble mit Winslow zu machen. Bei dessen Krankengeschichte springen zwar Signale auf rot. Bei dessen Talent gehen allerdings die Gäule mit Träumern durch, und der Vertrag ist kein Hinderungsgrund.


Wirklich winzig ist Winslows Deal nicht, aber er kann via Teamoption schon im Sommer 2021 auslaufen (s. oben). Dieng kann man mal versuchen. In guten Jahren trifft er knapp 39% Dreier und fliegt durch die Zone zum Rebounden.

Für ihn und Winslow nächste Saison 30 Mio. $ zu verblasen ist im Ergebnis für einen Trade, bei dem nicht einmal ein Pick hängen bleibt, zwar suboptimal. Im Übrigen wird man in Tennessee einräumen müssen, das Igoudala-Blatt überreizt zu haben.

Aber wer soll einen Zock machen, wenn nicht ein Team, das um 20 Siege spielen wollte und jetzt womöglich Postseasonpräsens feiert?

Wolves

Rosas hat den Hausputz abgeschlossen. Jeff Teague, Robert Covington, Noah Vonleh, Shabazz Napier, Jordan Bell, Keita Bates-Diop, Gorgui Dieng und Andrew Wiggins oder ein Dreiviertel Roster hat der neue Präsident seit Ende Januar versenkt. Im Gegenzug hat er bis auf D'Angelo Russell und Malik Beasley wenig von nachhaltigem sportlichen Wert zurückgenommen. Johnson wird im Norden allenfalls eine Rolle spielen, weil kaum noch Spieler da sind und der Vertrag zu lang läuft, um ihn sofort vor die Tür des vormals Target Center genannten Komplexes in den Twin Cities zu setzen.

Rechnung

Memphis zockt, die jungen Wilden bekommen ihren Willen, Igoudala aus der Nähe ihre Natur zu zeigen, aber nicht. Was Minnesota hier genau will, ist schwer erkennbar, Riley gewinnt. Alles wie immer.

Vorteil: Heat