07 Februar 2020

7. Feb, 2020


Ultimatum, die erste in der 20er Dekade. Zur Tradedeadline wird es in der Dealküche traditionell nochmal weihnachtsbäckereiwarm. Die Chefküche beurteilt wie der Guide Michelin Restaurants, ob die Roster knusprig durchgebacken oder die Zukunftsaussichten unter dem Druck der gnadenlos Richtung 9pm Ostzeit tickenden Uhr latschig gekocht wurden. Heute II: Tanking for Wiggins

von ANNO HAAK @kemperboyd | 7. Feb, 2020

Start

Einen offensichtlicheren Tradekandiaten als D'Angelo Russell hat es in der NBA in seiner absoluten Prime wohl noch nie gegeben. Die Tinte auf dem S&T-Deal, der den vergangene Saison erstmaligen All-Star nach Oakland brachte, war kaum ins Fässchen gefüllt, da wurde bereits über mögliche Pakete für den einstigen Nummer-2-Pick spekuliert. Zu offensichtlich hatten die Warriors nur irgendeinen tradebaren und ligaweit halbwegs begehrten Platzhalter für die Zeit nach 2020 gesucht, zu unpassend war Russells Profil für den Meister von 2018.

Die Timberwolves wiederum waren mit fast ebenso langem Vorlauf bereits als mögliche Destination für den Ehebruchverpetzer auserkoren. Schon als die Lakers ihn aus Teamchemiegründen („Shaggy P“ wollte das so, s/o to Magic Johnson) und zur Einsparung von LeBron-Cap Space 2017 auf den Markt warfen, nuckelten die Wolves am Russell-Fläschchen, gingen aber leer aus.

Dafür gab es im Sommer 2017 dann Jeff Teague, der nunmehr den Platz in den kalten Zwillingsstädten freigemacht hatte. Als Russell im Sommer wegen der Zusammenkunft von Kyrie Irving und Kevin Durant erneut den Markt enterte, waren wieder die Wölfe die Franchise, die am lautesten nach Russell heulte.

Schuss

Im dritten Anlauf klappte es nun. Der beste (Basketball-) Freund von Karl-Anthony Towns darf endlich zu seinem Buddy, der ihn wie einen verlorenen Bruder mitten in der kalten Nacht Minneapolis-Saint Paul International Airport aufgabelte.


Im Gegenzug nehmen die Warriors für einen nicht allzu dollen einen ligaweit als katastrophal verschrienen Deal auf und bauen auf die Evolution des Nummer-1-Picks in seinem bald siebten (!) Jahr. Listengold:

GSW: Andrew Wiggins, 2021 1st Rd. Pick (top 3 protected, if not conveyed 2022 unprotected), 2021 2nd Rd. Pick
MIN: D'Angelo Russell, Jacob Evans, Omari Spellman

Timberwolves

Let's do some Nerd stuff, shall we? Die Timberwolves machen mit diesem Deal Geschichte. Aus den 35 Draftjahrgängen seit 1984 spielten nur drei Nummer eins/Nummer zwei-Pärchen zugleich beim selben Team und nur eines vergleichbar früh in den jeweiligen Karrieren. Alonzo Mourning und Shaquille O'Neal ringhurten durch Miami, aber erst 13 Jahre nach ihrer Auswahl.

Kyrie Irving und „Journey Man“ Derrick Williams taten sich 2017 kurz in Cleveland zusammen, Kenny Anderson und Larry Johnson nervten sich 1996 ein halbes Jahrzehnt nach dem NBA-Entry in Charlotte. An keines dieser Duos aber wurde die Erwartung eines franchiseschicksalsverändernden One-Two-Punches gestellt.



Von Russell erhoffen sich Präsident Gersson Rosas und Kollegen, dass er sie nunmehr endlich auf Dauer ins gelobte Postseason-Land führen möge, gemeinsam mit dem 2015er Nummer eins Pick. Dafür beteiligte sich Rosas am 12er-Wahnsinn mit den Hawks, Nuggets und Rockets und schlabberte Robert Covington, dafür nahm er die albernen Verträge von Evan Turner und Allen Crabbe auf und dafür schickte er den kreuzbraven Jeff Teague weg. Dieses Duo oder nix. Dass er im Zuge der Verpflichtung nun auch noch den sich mehr und mehr zum großen Missverständnis auswachsenden größten Nonmax-Max-Spieler der Liga loswurde, darf als Gesellenstück des neuen Managements gelten.

Bevor man nun allerdings in eine Sprewell/Cassell-Euphorie verfällt in den Twin Cities, darf man doch ein wenig Wasser in den Wiedersehensfreude-Wein gießen. Russell, der in LA nicht nur die sportlichen Erwartungen massiv enttäuschte, sondern sich nicht nur bei „Shaggy P“ (ich liebe Magic, es tut mir leid) den Ruf eines eher komplex zu handelnden Zeitgenossen erspielte, ist keineswegs ein unstrittig zu nennender Superstar.

Zwar ballerte er sich bei einer Usage von über 31% erst durch die jungen wilden Schwarz-Weißen im Borough und direkt ins All-Star Team. Zwar wiederholte er Ersteres in der laufenden Saison auch in San Francisco und nutzte so die Absenz von Steph Curry, Klay Thompson und dem abgegangenen Kevin Durant für Werbung in eigener Sache. Doch ein effizienter Plusspieler wurde er dabei mitnichten. Die Dreierquote von 37% bei fast 10 (!) Versuchen pro Spiel liest sich zwar ebenso anständig wie die 24 Punkte und sechs Assists in den Zählerspalten. Nur ist das auf einem 103,8er ORtg eher ineffizient und über die Defensive wollen wir die Gnade des Schweigemäntelchens decken.


Ob ein Spieler mit so vielen Fragezeichen der legitime Sidekick des unstrittig besten Spielers, den Minnesota seit Kevin Garnett aufzubieten hatte, werden kann, darf und muss man in Frage stellen. Die Western Conference wird im kommenden Jahr, wenn die Warriors zurück sind, die Clippers noch besser werden und die Trail Blazers womöglich zurück in die Spur finden, nicht schwächer. Die aktuelle Saison ist nach der absonderlichen Niederlagenserie seit dem Jahreswechsel ohnehin so gut wie weg. Und nur am Rande: ob KAT, bei aller Qualität, der Spieler ist, an den eine Franchise ihr Schicksal knüpfen sollte, ist nicht zu Ende erzählt. Dass er zwischen November und Anfang Februar kein Basketballspiel gewann, sieht jedenfalls nicht gut aus.

Immerhin dürfte man den Superstar Towns mit der Verpflichtung seines Buddies zufriedengestellt und alle Abwanderungsgedanken ob der Erfolglosigkeit der Franchise fürs Erste ins Dilirium der Zukunft verwiesen haben. Ob Omari Spellman und Jacob Evans irgendeine Rolle in den Zukunftsplänen spielen, steht dahin. Jung genug dafür sind sie, in ihren Rookie-Deals sind sie auch. Fürs erste aber erscheinen sie in erster Linie Tradefüller zum Matching der Gehaltsmathematik zu sein.

Warriors

Die Warriors haben es wieder getan. Sie haben es wieder getan. Sie haben den vierten Star geholt. Zum dritten Mal. Nach Harrison Barnes (selbst herangezogen), Kevin Durant (von der Gewerkschaft und Disney geschenkt) nun also Andrew Wiggins. Aber: ist er eigentlich ein Star? Der vermeintlich nächste LeBron kommt beim dritten Team in sechs Jahren an, es dürfte bereits seine letzte Chance sein, dem längst verwelkten Vorschusslorbeer aus der Collegezeit halbwegs gerecht zu werden.

Dass das passiert, ist aber unverändert eher unwahrscheinlich. Es hat Gründe, dass die Wolves zur Verschiffung des einstigen Nummer-1-Picks jetzt sogar Draftwahlrechte obenauf stapeln mussten. Nach einem kurzen Hoch zu Saisonbeginn, das sogar MIP-Buzz mit sich brachte, ist Wiggins in nahezu allen Kategorien zurück zu den enttäuschenden Werten der ersten fünf Jahre gekehrt.

Insbesondere der im Frühwinter kurz ansehnliche Wurf hat sich wieder in die Wälder Minnesotas verabschiedet (zuletzt unter 39% FG). Ein (Co-) Franchisespieler wird aus Wiggins, der, wenn in San Francisco Basketballspiele wieder etwas zu bedeuten anfangen, in sein siebtes Jahr gehen wird, nicht mehr.


Das muss womöglich auch gar nicht sein. Neben Steph Curry, Klay Thompson und mit Abstrichen Draymond Green muss er nicht viel tragen außer seiner Tasche. Das Problem ist, dass er bezahlt wird, als würde er die Warriors eigenhändig zur nächsten Dynastie scheppern. Runde 100 Mio. $ schulden ihm die Meister 2018 nun bis 2023, bis auf den letzten Cent garantiert.

Es droht das nächste Luxussteuer- und Hardcapjahr, obwohl man gerade gefühlt das halbe Roster verjubelt hat, um Picks einzusammeln (u. a. Cauley-Stein und nunmehr die Jungspunde und Russell plus Alec Burks und Glenn Robinson III). Seinen Vertrag wird Wiggins nicht mehr rechtfertigen, aber er wird auf Dauer für mindestens 25 Minuten pro Partie klicken müssen, wenn die Warriors nächste Saison die geplante Rolle im Kampf um die Herrschaft im Westen aufnehmen wollen.

Selbst wenn das gelingt, bleibt die Frage ein Elefant im Raum, ob man den Vertrag von Russell nicht besser in zukunftsträchtige Breite reinvestiert hätte, wobei einzuräumen ist, dass das in der Theorie besser klingt als in der schnöden Wirklichkeit, in der kaum ein Paket mit mehreren Rollenflügeln erkennbar ist. So oder so: die Warriors sind nach kurzer Pause wieder absolut all-in. Die letzten Primejahre des Doppel-MVPs und seiner Brüder sollen genutzt werden, koste es buchstäblich, was es wolle. Die Zeitschiene jedenfalls passt, Green und Thompson sind bis 2024 gebunden, Curry bis 2022 und Wiggins bis 2023. Die Zukunft kann kommen, sie muss aber jetzt sein.

Rechnung

Beide Teams setzen auf Hunde mit Flöhen. Die Upside scheint beim zweiten Pick 2015 inzwischen höher als beim ersten Pick des Jahres davor. Die Picks und das Mehr an Gehalt gleichen sich aus. Es ist ein (riskanter) Tausch, der im Optimalfall für beide Sinn ergibt. Gefühlt ganz knapp

Vorteil: Timberwolves