31 August 2020

31. Aug, 2020


Aus 16 mach' 8. Die erste Playoff-Runde ist (fast) in den Büchern, die Spreu trennt sich weiter vom Weizen, nur noch die vier besten Teams der beiden Conferences bleiben im Rennen um die Larry O'Brien Trophy. Nach dem ersten Gang geht's jetzt ans Eingemachte: Für je zwei Mannschaften ist Platz in den jeweiligen Conference Finals – #NBACHEF hat wie immer auch die Semifinals auf der Karte.

von JONAS RÖHRIG @jonasRo19 | 31. Aug, 2020


Entrée

Der große Titelfavorit aus Milwaukee gab sich in seiner Serie gegen die verletzungsgebeutelten Orlando Magic (fast) keine Blöße und zog am Ende per souveränem Gentleman’s Sweep in Runde zwei ein. Die Bucks sind der klare Favorit in dieser Serie, sie sind das Team mit den meisten Siegen der NBA, der größten Punktedifferenz und einer historisch guten Defensive. All das wird verankert vom (wahrscheinlich) zweifachen MVP der Liga, Giannis Antetokounmpo.


Allerdings müssen die Bucks nach dem eher enttäuschenden Aus in den Conference Finals der letzten Playoffs dieses Jahr beweisen, dass sie zu mehr berufen sind, als Rekorde in der regulären Saison aufzustellen. Doch die Bucks sind tiefer, eingespielter und nach den Erfahrungen der vergangenen Saison auch hungriger als im letzten Jahr.

Die Heat auf der anderen Seite schrieben auch in der ersten Playoffrunde ihre Erfolgsgeschichte weiter und fegten die Indiana Pacers überraschend deutlich mit 4-0 in die Sommerpause. Wobei allerdings gerade die Spiele zwei und drei auch anders hätten ausgehen können. Miami hat mit dem souveränen Einzug in die Conference Semis bereits alle Erwartungen übertroffen und geht als „Dark Horse“ in diese Serie.

Die Mannschaft von Coach Erik Spoelstra ist jung, offensiv ideal für die Playoffs aufgestellt und hat keine Angst in engen Spielen, was die acht Siege in neun Overtime-Games belegen. Dazu haben sie Jimmy Butler einen emotionalen Leader, den es braucht, um in solchen Playoffschlachten zu bestehen. Weil beide Mannschaften ansehnlichen Teambasketball spielen, offensiv den Ball teilen und Giannis alleine schon zum Einschalten reicht, könnte dies die unterhaltsamste Zweitrundenserie werden.


Warum Milwaukee gewinnt

Milwaukee ist das bessere Team, Punkt. Natürlich ist es nicht ganz so einfach, aber die Bucks sind das statistisch beste Team der NBA und unter gewissen (defensiven) Gesichtspunkten sogar das beste der Ligageschichte.

Das Team von Mike Budenholzer definiert sich über ihre Defense und rangiert mit großem Abstand auf Platz eins beim Defensivrating und Rebounding. Sie lassen am eigenen Korb weniger zu als jedes andere Team (45,7%) und weisen auf der anderen Seite mit 56,7% selbst die höchste Trefferquote der Liga auf. Letzteres ist natürlich auf die athletischen und körperlichen Ausnahmefähigkeiten von Giannis zurückzuführen, dessen konstante Drive Räume für meistens vier Shooter reißen.


Defensiv lässt kein Team mehr gegnerische Würfe zu (Rang 30 bei den zugelassenen Dreiern und Zweiern), doch das ist Teil der defensiven Identität in Wisconsin. Mike Budenholzer verlässt sich auf den elitären Ringschutz seiner Mannschaft und da die Bucks meist sehr groß spielen, können sie den Closeout hart attackieren und die langen Rebounds sichern. Das wird gegen das wurfstarke Team aus Miami besonders wichtig sein. Denn wenn Milwaukee dafür sorgt, dass die Heat und insbesondere Duncan Robinson ihre Dreier nicht konstant treffen, bricht deren wichtigste Scoringquelle weg.

Die zweite Fünf weist unter anderem mit George Hill, Ersan Ilyasova, und Kyle Korver viel mehr Erfahrung auf als die junge Bank der Heat, was sich in einer potenziell knappen Serie bemerkbar machen wird.

Wegen der Formschwäche von Kendrick Nunn in der Bubble (checkt die Heat-Pacers Preview) wurde Goran Dragić in die Starterrolle gedrängt. Das hat gegen Indiana zwar gut funktioniert, aber dadurch lastet viel Playmaking-Verantwortung auf den Schultern von Tyler Herro. Der Rookie bekommt in den Playoffs überraschenderweise deutlich mehr Spielzeit und Würfe als in der regulären Saison. Herro zeigt zwar keine Anzeichen davon eingeschüchtert zu sein, aber dennoch hängt in der zweiten Fünf offensiv viel vom 20-Jährigen ab, während Milwaukee hier erfahrene Veteranen ins Rennen schickt.


X-Faktor Bucks

Während bei Giannis und den meisten Rollenspielern der Bucks bekannt ist, was man Spiel zu Spiel von ihnen bekommt, ist das bei Milwaukees zweitbestem Spieler nicht immer der Fall. Khris Middleton spielt bisher sehr durchwachsene Playoffs und verschwand gegen die Orlando Magic offensiv zu oft. Er reboundet gut (7,8) und ist auch als Passgeber unterbewertet (5,2 Assists), aber 15 Punkte im Schnitt bei 36% aus dem Feld sind schlichtweg zu wenig. Middleton lief im vierten Viertel von Spiel vier heiß und zeigte anschließend in Spiel fünf eine deutlich bessere Leistung, initiierte viel und traf schwere Würfe.


Dieses Team braucht ihn in den Playoffs aber als verlässliche Punktequelle, gerade wenn Giannis Pausen bekommt. Doch Middleton ist von seiner Veranlagung her kein geborener Scorer, sondern trägt offensiv eher aus dem Flow des Spiels bei, als dass er sich seinen Wurf selbst erarbeitet. Kann er seine Leistungen aus den letzten fünf Vierteln gegen Orlando halten, sieht es sehr gut aus für Milwaukee.


Marquee Matchup

Da niemand Giannis eins gegen eins verteidigen kann, ist das entscheidende Matchup für die Bucks Giannis gegen den Heat Froncourt. Der Greek Freak kann nur „gestoppt“ werden, wenn er keine Lücken auf dem Weg zum Korb sieht, mindestens zwei, drei Verteidiger vor ihm stehen und er im Post konstant gedoppelt wird. In der Theorie hat Miami mit Butler, Andre Igoudala, Jae Crowder und Bam Adebayo einige physisch starke Spieler im Froncourt, die Giannis das Leben schwer machen können.

Giannis‘ größter Trumpf in dieser Serie sind seine Größenvorteile, da in Miamis Rotation nur Kelly Olynyk die 2,10 Meter knackt und dessen Stärken auch eher auf der anderen Seite des Courts liegen. In den bisherigen Spielen tat sich Giannis mit der „Defense bei Committee“ der Heat schwer, aber in dieser Serie wird er besser vorbereitet sein.

Wenn er in den Spielen gegen Orlando das Doppel zog, schaffte er es auf beeindruckende Weise über die kleineren Gegenspieler zu finishen oder die Schützen an der Dreierlinie zu finden. Gelingt ihm dies auch gegen Miami und findet er Lösungen auf die körperliche Defense der Heat, wird es keine lange Serie werden.


Warum Miami gewinnt

Die Heat kommen nach ihrem Sweep gegen die Pacers ausgeruht, selbstbewusst und mit etwas mehr Vorbereitungszeit in diese Serie, in der sie nichts zu verlieren haben. Miami fühlt sich wohl als Underdog und hat auch in den direkten Duellen eine gute Figur gemacht, als es in drei Spielen zwei Siege gab. Die einzige Niederlage setzte es in der Bubble, allerdings waren weder Butler noch Dragić damals mit von der Partie.


Achtung, der nächste Satz funktioniert nur mit den größtmöglichen Anführungszeichen: Die Heat haben Giannis „im Griff“. Unter allen Teams, die mehr als zwei Mal gegen die Bucks spielten hatte der MVP nur gegen die Pacers größere Probleme. 25 Punkte und 15 Rebounds sind selbstverständlich immer noch elitär, aber nur gegen die Heat kam er auf ein negatives Net-Rating sowie ein Offensivrating von lediglich 99. Mit einem physisch starken Frontcourt kann Miami Giannis das Leben etwas schwerer machen und in Bam Adebayo haben sie einen Spieler, der von der Beweglichkeit und Physis zumindest annähernd mit dem Griechen mithalten kann.

Defensiv können die Heat eine echte Pest sein und eine Reihe guter bis sehr guter individueller Ballverteidiger aufs Parkett bringen. Fünf Spieler im Kader Miamis stehlen mehr als einmal pro Spiel den Ball, was sich insgesamt zu den zweitmeisten Steals aller Playoffteams (8,8) kumuliert. Da die Bucks in ihrer Erstrundenserie häufiger den Ball verloren als jedes andere Team, sollten die Heat versuchen, diesen Vorteil auszunutzen.

Miamis Offense ist sehr ausgeglichen, nicht zu abhängig von einem Spieler und hat in Butler den vielleicht perfekten Leader für die Playoffs. Dazu eignet sich Spoelstras Spielstil, mit viel Ball- und Spielerbewegung, gepaart mit starken Schützen sehr gut für die Playoffs. Wenn die Würfe von außen fallen so wie gegen die Pacers (42,3%) kann Miami jedes Spiel gewinnen. Zudem ist South Beach ähnlich tief besetzt wie die Bucks und Spoelstra kann je nach Matchup und Leistung variabel reagieren.


X-Faktor HEAT

Goran Dragić spielte gegen die Pacers mit mittlerweile 34 Jahren seine bisher beste Playoffserie. Der Slowene legte starke 23 Punkte, vier Rebounds und fünf Assists auf, traf über 41% seiner sieben Dreier. Er war in vielen Phasen hauptverantwortlich dafür die Offense am Laufen zu halten und wichtige Würfe zu treffen.


Gegen Milwaukee hat Dragić in Eric Bledsoe zwar ein deutlich schwereres Matchup, aber wenn er der Play- und Shotmaker aus der ersten Runde sein kann, hebt dies das Ceiling der Heat deutlich an. Denn mit einem Dragić in seiner All-Star Form aus der vorletzten Saison stehen für Miami drei All-Stars auf dem Parkett, zusammen mit Duncan Robinson und den restlichen Rollenspielern ist das eine durchaus ernstzunehmende Mannschaft.


Marquee Matchup

Jimmy Butler hat im Gegensatz zu Khris Middleton in Runde eins deutlich gemacht, dass er in den Playoffs noch eine Schippe drauf legen kann. Wenn Butler dieses Matchup zu seinen Gunsten entscheidet, wäre das ein großer Schritt für die Heat, auf dem Weg zu einer halbwegs ausgeglichenen Serie. Butlers Wurf (24% Dreierquote während der regulären Saison) war in den entscheidenden Phasen in den Spielen eins und zwei gegen Indiana plötzlich da, als er in der Crunchtime wichtige Dreier traf.

Seine Quote aus dem Feld war zwar mit 41% nicht berauschend, aber er führte die junge Mannschaft an, verteidigte hart, forcierte defensive Zusammenbrüche der Pacers und ging regelmäßig an die Freiwurflinie. Seine 10,5 Freiwürfe pro Spiel reichen für Platz vier in den Playoffs, nur hinter Joel Embiid, Luka Dončić und Anthony Davis, wobei Butler aus diesem Quartett mit 83% die höchste Trefferquote aufweisen kann.

Kann er diese Leistungen halten und auch weiterhin in wichtigen Phasen schwere Würfe von außen treffen, haben die Heat ihren Closer, den sie in den Playoffs dringend brauchen. Nur wenn Butler dieses Duell gegen Middleton klar für sich entscheidet, sowohl offensiv als auch defensiv, hat Miami eine Chance auf mehr als fünf Spiele in dieser Serie.


Die Rechnung, bitte!