17 August 2020

17. Aug, 2020


Nach Monaten der Ungewissheit und Wochen der Bubble-Gum starten endlich die NBA Playoffs und damit richtiger Basketball! Auch hier bei NBACHEF, wo wir euch mit Postseason-Content füttern. Zum Auftakt wie immer die acht Erstrundenserien im Schnellcheck - auf den Punkt wie Ausrufezeichen.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 17. Aug, 2020

Entrée

Boston Celtics gegen Philadelphia 76ers. Zwei der ganz große Namen im Basketball, voller Geschichte und einer historischen Rivalität. Die erste Begegnung in den NBA Playoffs geht auf das Jahr 1953 zurück, damals hießen die Sixers noch Syracuse Nationals.

Ganze 21 Mal trafen sich beide Mannschaften in der Postseason seither, häufiger als jedes andere Matchup in der Association. Boston gewann 13 dieser Serien, darunter die jüngsten vier, zuletzt 2018 in den Conference Semis mit 4-1. Philadelphia wartet seit 1982 auf einen Triumph über den Widersacher in Grün.

Vom Glamourfaktor eines Wilt Chamberlain und Bill Russell oder Julius Erving und Larry Bird bleiben wir 2020 aber weit entfernt. Beide Klubs spüren schon die gesamte Spielzeit über die Konsequenzen aus ihren personellen Fehlgriffen der letzten Jahre.


Die Celtics haben sich vom Kyrie-Debakel einigermaßen erholt, der Abstand zur Elite des Ostens ist aber nur tabellarisch kleiner geworden. In der Orlando-Bubble erledigten die Kobolde ihre Pflichtaufgaben der Seeding Games mit 5-3 souverän, ohne jedoch dabei zu glänzen.

Schlimmer steht es um die 76ers, die nach einer durchwachsenen Saison auf ihren Spielmacher Ben Simmons verzichten müssen und keinen Ersatz gehobeneren Niveaus aufbieten können. Einen Schub benötigen sie ausgerechnet von von Ex-Celtic Al Horford, dessen Leistungen sinnbildlich für die prominenten Rochaden der letzten Monate enttäuschten.

Zu Saisonbeginn vergangen Oktober hätte eine Serie zwischen Boston und Philadelphia sicherlich einiges an Vorfreude bereitet. Nun droht eine unspektakuläre Auftaktserie zweier Teams, die sich beide kaum Chancen auf den großen Wurf ausrechnen dürfen.


Warum Boston gewinnt

Die Celtics sind die gefestigtere Mannschaft und noch wichtiger: die stabilere. Gordon Hayward hat seine schlimme Verletzung beim Celtics-Debüt 2017 endgültig überstanden, in der abgelaufenen Regular Season 52 Partien bei durchschnittlich 33,5 Minuten absolviert und auch Kemba Walker ist auf einem guten Weg (dazu unten mehr). Boston hat gewiss keine überragende Runde gespielt, anders als die 76ers jedoch das Locker-Room Chaos voller Neid und Missgunst hinter sich gelassen.

Sie präsentieren sich wieder als Einheit mit klaren Hierarchien. Konsequenz: 4. im Offensiv- wie im Defensiv-Rating (letzte Saison: 10. Offensiv, 6. Defensiv). Die Celtics können ihre Partien an beiden Enden des Feldes gewinnen, erst recht da Coach Brad Stevens anders als sein Pendant über jeden Zweifel erhaben ist.



An Talent an allen Ecken und Enden fehlte es den Kelten in den letzten Jahren nie, dafür aber an einem Superstar, der in den entscheidenden Momenten der Playoffs das Kommando übernimmt, dessen Qualitäten die ganze Mannschaft kurzfristig und langfristig besser machen. Bis jetzt.

Denn Jayson Tatum schickt sich an, in diese Position zu wachsen. Die 2019/20 aufgelegten 23,4 Punkte, 7,0 Rebounds, 3,0 Assists sind allesamt alles Karrierebestwerte. Für den erst 22 Jahre alten Flügelspieler werden die Playoffs 2020 zur ersten großen Bühne als Hauptdarsteller. Dass hierbei Ben Simmons ausfällt, Philadelphias primäre Antwort auf Tatum, die ihn oft nicht ohne Erfolg verteidigte, kommt dem diese Saison erstmaligen All-Star entgegen.

Auch an dieser Stelle macht die Geschichte nicht halt. Beim Draft 2017 tradeten die 76ers nach oben, um Markelle Fultz mit dem ersten Pick auszuwählen anstatt mit dem dritten Pick Tatum in die Stadt der brüderlichen Liebe zu holen. Die Celtics bedanken sich heute noch lauthals lachend.


X-Faktor Celtics

Kemba Walkers erste Saison in Boston blieb wegen seiner anhaltenden Knieproblemen unter den Erwartungen. Jene sind noch nicht ausgestanden, Walker stand nur bei sechs der acht Seeding Games und auch lediglich 25 Minuten pro Partie auf dem Feld.

In den Playoffs ist die Schonzeit bekanntlich vorbei, deshalb wird Coach Stevens die Spielanteile des vierfachen All-Stars erhöhen, der Gegner wiederum – insbesondere hinsichtlich des eigenen Fehlens eines passablen Playmakers – Kemba und sein Knie beackern.

Erreicht Walker die Form des Franchise Players der Charlotte Hornets, veredelt er den ohnehin schon großen Favoritenstatus seiner Celtics.



Marquee Matchup

Daniel Theis gegen Joel Embiid. Eigentlich müssten hier sämtliche fünf Celtics aufgeführt werden, die gegen den kamerunischen Center auf dem Feld stehen werden, denn auf dessen Größe und Dominanz hat ganz Boston keine Antwort. Höchstens im Kollektiv.

Der deutsche Nationalspieler Theis wird als positionsgerechter Gegenspieler primär auf Embiid prallen, wäre alleine heillos überfordert, weswegen Brad Stevens den 2,13 Meter großen und 127 Kilogramm schweren Koloss mutmaßlich permanent doppeln lassen wird.

Große Alternativen zu Theis hat Stevens nicht. Robert Williams III und Semi Ojeleye sind zu unerfahren, für Enes Kanter gilt derweil wieder mal: „Can't play“. Nicht gegen Embiid.


Warum Philadelphia gewinnt

Joel Embiid. Eine andere valide Antwort gibt es an dieser Stelle nicht. Die Sixers stehen und fallen nicht erst seit Simmons Ausfall mit dem leibhaftigen „Process“ und in diesem Matchup kommt ihnen der Franchise Player auf Center zugute. Boston hat gefühlt seit Bill Russell keinen Big Man von gehobener Qualität. Hier liegt Philadelphias große – vielleicht sogar einzige – Chance.

Womöglich kommt ihnen Ben Simmons' Verletzung sogar entgegen, heißt: Besser gar kein Simmons als ein angeschlagener. Mit dem No. 1 Pick 2016 auf dem Feld waren die Sixers in seinen drei Spielen in der Bubble auf 100 Ballbesitze gerechnet um 7,6 Punkte schlechter als der Gegner, ohne ihn erzielten sie mehr Punkte und auf 100 Ballbesitze 3,7 Punkte mehr als der Gegner.


Hoffnung im Traditionsduell macht die direkte Bilanz der regulären Saison. Auch wenn die direkten Duelle schon Monate her sind, ist ein Muster zu erkennen: Philly hat drei der vier Matches gegen Boston gewonnen, in allen dreien waren die Celtics an den Brettern hoffnungslos unterlegen.

Überhaupt haben sich die 76ers auf der großen Bühne besser behauptet als im Alltag. Zur Saisoneröffnung gelang ihnen eine der Siege eben über Boston, An Weihnachten ließen sie Giannis Antetokounmpo und die Bucks alt aussehen, am MLK Day die ersatzgeschwächten Brooklyn Nets. Die Mannschaft ist besser als 43-30 Siege, besser als der sechste Platz in der Eastern Conference und vielleicht brauchen sie diese Extramotivation Playoffs, um ihr Potential zu entfalten.


X-Faktor 76ers

Da Boston seine Lücken auf den großen Positionen haben, rückt Ex-Celtic Al Horford noch weiter in den Fokus. Auf dem Papier ist der 34-jährige Haudegen dank seiner Agilität und Wurfstärke ein optimales Komplement zu Embiid. Darum bezahlen ihm die Sixers knapp 110 Mio. $ über vier Jahre.

In der Realität zahlte Horford dieses Vertrauen angesichts der nur selten zurück, Coach Brett Brown experimentiere gar mit dem Dominikaner als Bankspieler. Im Matchup gegen Boston hat Brown kaum eine andere Wahl, als antizyklisch groß zu spielen. Horford in der Form alter Tage wäre für Embiid die dringende Entlastung, die ihm in Abwesenheit Simmons' fehlen wird.



Marquee Matchup

Tobias Harris und Josh Richardson gegen den Flügel der Celtics. Die primären Scorer der Celtics, allen voran Tatum, Hayward und Jaylen Brown, werden in den Playoffs mehr Minuten absolvieren, mehr Bälle fordern, wegen Embiids Präsenz in der Zone häufiger den Pull-Up Jumper suchen.

Dies zu erschweren oder gar zu unterbinden fällt in den Aufgabenbereich von Harris und Richardson. Beide sind überdurchschnittliche Verteidiger, allerdings wird Harris mehr noch am offensiven Ende gebraucht, Richardson hingegen hat in der nicht ganz dankbaren Aufgabe als Nachfolger Jimmy Butlers den nächsten Schritt nicht geschafft. Ein Fragezeichen bleibt also hinter beiden.


Die Rechnung, bitte!