18 August 2020

18. Aug, 2020


Nach Monaten der Ungewissheit und Wochen der Bubble-Gum starten endlich die NBA Playoffs und damit richtiger Basketball! Auch hier bei NBACHEF, wo wir euch mit Postseason-Content füttern. Zum Auftakt wie immer die acht Erstrundenserien im Schnellcheck - auf den Punkt wie Ausrufezeichen.

von ANNO HAAK @kemperboyd | 18. Aug, 2020

Entrée

Für den nun folgenden, annähernd großväterlichen Einstieg bitte ich vorsorglich um die Entschuldigung aller Les-Enden (Gruß an Herrn Lindemann). Es trug sich zu im Jahre des Herrn 2002, der Verfasser befand sich im fünften Semester aufreibender Studien an der heiligen Universität seiner Heimatstadt.

Zu jener Zeit waren LeBron Raymone James und Carmelo Kyam Anthony, beide gefühlt wenig, realiter denn aber doch spürbar jünger als der Verfasser, Eleven an Oberschulen mit den klingenden Namen Oak Hill Academy und St. Vincent St. Mary High School. Das sportliche Aufeinandertreffen ihrer beiden Mannschaften gilt als das erste landesweit übertragene Schülerbasketballspiel.

Eine Coronapause später führten sie als Toppicks den Jahrhundertdraft 2003 an (über den zwischen James, No. 1 und Anthony, No. 3 von Joe „Sactownsaviour“ Dumars gewählten Akteur decken wir einen westbrookweit geschnittenen Mantel des Schweigens). In der Liga der bedeutsamen schwarzen Leben aber traf man sich zwar gelegentlich (naja, inzwischen 40 Male), doch in der Postseason kam es nur zu einer einzigen (einseitigen) Begegnung.

2012 war das, James hatte noch keinen Ring und die Knicks noch Hoffnung. So selten sahen die einstigen pupils Phänomene sich, obwohl man mehr oder minder neun der 17 gemeinsamen Karrierejahre auf derselben Seite der Apalachen seinem Broterwerb nachging.


Jetzt, da Anthony bereits ein nicht mehr gewollter Journeyman zu werden drohte, trifft er, zum (endlich in diesem Rahmen angekommenen) Rollenspieler geschrumpft, ein zweites Mal auf den alten Wegbegleiter. So schließt sich ein Kreis und ein zweites Mal trifft in einer Serie einer der besten Scorer der Nuller und Zehner Jahre auf den besten Basketballer der Welt der vergangenen Dekade.

Ein ganz klein wenig kindliche Nostalgie der Akademie bei den Eichen und des heiligen Vinzent und der heiligen Maria wird also durch den Campus im Kinderparadies in Florida wehen, wenn Lakers und Blazers zum u. a. insgesamt 50. Mal (Spiel 2) die Postseasonklingen kreuzen. Die letzte Auflage einer der traditionsreichsten Serien im Westen gab es BTW, Sie werden es ahnen, im Jahre des Herrn 2002, wenige Monate, bevor Oak... naja, Sie wissen schon.


Warum Los Angeles gewinnt

Die gelb-blau-pinke Spaßpartei der Stadt, in der ich studierte, als James und Anthony Highschüler waren, plakatiert derzeit: „Weil Bonn“. Insofern wage ich zu beten: Weil LeBron.

Man kann es, auch mit ausgeprägter Allergie gegen Superlative, nicht anders als so sagen: der vierfache MVP mit der Nummer 23 ist DER Postseasondominator der Jahre, seit Anthony in New York ankam. Die letzte Serienniederlage vor Runde vier (ja, das sind die Finals, richtig gerechnet) erlitt ein von LeBron James angeführtes Team im Jahre 2010.

Die viral gestörte Saison 2019/2020 ist wohl seine beste seit der letzten MVP-Kampagne 2013. In Jahr 17 einer der größten Karrieren der Weltgeschichte (nein, ich habe keinerlei Absicht, es darunter zu machen) führte er erstmals die Liga in Sachen Assists pro Partie an, obwohl er so wenig spielte wie nie zuvor (34,6 Min.). Netto ist Lalaland auf 100 Besitze gerechnet mit James auf der Platte 11 Punkte besser als ohne ihn. Was nur einer der Gründe ist, dass er auch in der Konversation um den wertvollsten Spieler erstmals seit Jahren wieder für mehr als die „unter ferner liefen“-Kategorie in Betracht kommt.


Selbst defensiv spielte der Selbstschoner, unterstützt vom DPOY-Kandidaten mit der durchwächsigen Braue, eine präsentable Saison. Während bei Rückzug hinter die Timeline in den letzten Jahren unter seine Füße ein 'DNP Rest' hätte projiziert werden können, machte er die Defensive seines Teams erstmals seit längerem wieder spürbar und lesbar besser.

Gegen den zweiten Lakers-Star aus dem obersten Regal haben die Blazers niemanden aufzubieten. Niemanden außer Jusuf Nurkić, der aber mit Playmakingentlastung für Damian Lillard hinreichend beschäftigt sein dürfte. Überhaupt sind die Blazers in und außerhalb der Blase eine kaum darstellbar schlechte Defensivmannschaft. Über die Gesamtsaison legten sie ein unterirdisches Defensiv-Rating von 114,3 aufs Parkett. Auch in der Blase wurde die dort ohne Ball hingelegte Sohle kaum astairiger. In den acht Orlando-Games bis zum Play-In wurde es trotz 6-2-Bilanz mit 120,4 sogar noch schlimmer.


X-Faktor Lakers

Es ist nahezu langweilig, weil es wie ein Sprung in der Lakers-Preview-Platte klingt. Es ist aber dennoch wahr. Wer verteidigt die beiden besten Spieler des Gegners, wenn diese Guards/Flügel sind? Denn genau das ist bei den Trail Blazers der Fall. Lillard und McCollum, Nurkić, lange nichts, dann irgendwann Blasenliebling Gary Trent Jr. und Melo, so sieht die Talentheatmap der Blazers aus.

Die insofern vermissten Rajon Rondo und Avery Bradley sahen zwar in der regulären Saison gegen die Blazers (bei schmaler Sample Size) auch nicht derbe aus, doch lässt das die Frage nicht verschwinden. Vor allem Lillard, der in der laufenden Saison in drei Partien gegen die Lakers 50/88/39 für 36 Punkte pro Spiel durchdrehte, war schon mit den vermeintlichen Backcourtstoppern kaum einzufangen.


James, Davis und Danny Green müssten eigentlich entlastet werden, um die Gold-Purpurnen offensiv zu tragen. Vogel und Kidd werden zaubern oder die Jordan-Celtics-Leichtbauweise wählen müssen (lass Lillard 60, der Rest muss uns schlagen), um das Missmatch auf den kleinen Positionen zu verdecken.


Marquee Matchup

Davis vs. Nurkić. Niemand, wirklich niemand, vor oder nach einem Switch, kann bei den Schwarz-Rot-Weißen Anthony Davis einfangen. Kalibriert auf 100 Besitze erzielte die Braue diese Saison 40 Punkte gegen die Blazers. Hat Nurkić keine Idee, haben die Blazers ein Problem. So schwer es James & Co. haben werden, Lillard einzufangen, so unmöglich scheint die Aufgabe, Davis auch nur zu kontrollieren.


Warum Portland gewinnt

Speak after me: Weil. Damian. Lillard. Er ist Serienschließer, Westbrook-George-Verabschieder, Mentalitätsmonster, Winkebär, Social-Media-Heavyweight-World-Champion und, achso ja: der viertbeste Spieler der NBA in der abgelaufenen Saison. Über eine Serie mag Kawhi Leonard zu bevorzugen sein, die Größe wird früher oder später ein Problem, aber wenn die Dollas auf dem Tisch liegen, dann Dame.

Er ist Portlands beste und einzige Hoffnung auf den größten Upset seit 1994. Blasenzeit war Lillardzeit. 38 Punkte bei 50/44/89 pro Spiel. Dreier vom Logo als Krönung, Blasenzeit DAME Time, huh!


Überhaupt haben die Blazers, zunächst gar unwillig, für vermeintlich bedeutungslose Spiele an die andere Küste zu reisen, die Blase für den schönsten Märchenlauf nördlich von Phoenix genutzt. Sieben Siege bei nur zwei Niederlagen (Play-In mitgerechnet) ergaben die erfolgreiche Aufholjagd auf die Grizzlies und hielten den inzwischen zweitlängsten Playoffteilnahmestreak der Liga in Länge von sieben Jahren (nur Houston mit acht noch davor) am eigentlich längst ausgehauchten Leben.


X-Faktor Trail Blazers

Man möchte, schon aus nostalgischen Gründen, Carmelo Anthony sagen, aber das wäre nicht richtig. In der Tat agierte Anthony in der Blase ungewöhnlich effizient (ORtg von über 118), nur bringt er im besten Fall das, was eine dritte oder vierte Option (je nach dem, wie spielbar und anwesend Nurkić ist, der gerade seine Großmutter an Corona verlor) eben bringen muss.

Also ist es Gary Trent Jr. Dessen märchenhafter Aufstieg wurde zwar in der zweiten Hälfte der Platzierungsspiele ein wenig gebremst. Doch wenn er die rund 50% Dreierquote bei über acht Versuchen pro Partie auch nur annähernd in die Postseason transportieren könnte, würde das den Lakers auf dem Flügel eine weitere Nuss zu knacken geben, der sie bestenfalls mit Chief Kieff begegnen könnten.


Marquee Matchup

Neben der angedeuteten Problematik, Anthony Davis im Zaum zu halten: CJ McCollum vs. wen auch immer. Das Guardverteidigungsproblem von Tinseltowns Finest bestand in den drei Vergleichen der abgelaufenen Saison nur auf dem Papier, sofern es Lillards Sidekick betrifft. McCollum traf gegen die Lakers schlechter aus dem Feld (41% vs. 45%), von der Dreierlinie (29% vs. 37%) und kam nur halb so oft an die Linie (1,3 vs. 2,6) wie im Saisonschnitt.


Wen auch immer die Lakers abstellen, um Portlands zweitbesten Scorer einzuhegen, McCollum wird ihn mehr und effizienter überwinden müssen als seine Gegenspieler in der regulären Saison. Lillard, so überragend er sich präsentiert, wird das zweiköpfige Lakers-Monster nicht allein in den Kurzurlaub verabschieden können, wie er den Clippers-Co-Artisten und den Robertson-Imitator verabschiedete. Es wird einen McCollum in Bestform brauchen, der indes wegen unverändert nicht bereinigter Rückenprobleme kaum zu erwarten steht.


Die Rechnung, bitte!