18 August 2020

18. Aug, 2020


Nach Monaten der Ungewissheit und Wochen der Bubble-Gum starten endlich die NBA Playoffs und damit richtiger Basketball! Auch hier bei NBACHEF, wo wir euch mit Postseason-Content füttern. Zum Auftakt wie immer die acht Erstrundenserien im Schnellcheck - auf den Punkt wie Ausrufezeichen.

von JONAS RÖHRIG @jonasRo19 | 18. Aug, 2020

Entrée

Das 4/5-Matchup im Osten zwischen den Indiana Pacers und den Miami Heat ist aus verschiedenen Gründen eine der spannenderen Erstrundenserien. Es wird viel geschrieben werden über T.J. Warren und Jimmy Butler, die nun die Chance haben ihre gegenseitige Abneigung über eine komplette Serie zur Schau zu stellen. Doch auch aus rein sportlicher Sicht wird einiges geboten.

Die Heat gehen in Bestbesetzung in die Playoffs, nur Goran Dragić ist leicht angeschlagen. Doch allein durch das souveräne Erreichen der Endrunde hat das junge Miami-Team schon überrascht und die Erwartungen übertroffen. Das Team von Eric Spoelstra hat sich nach der letzten Saison komplett neu erfunden und dank der großen Entwicklungssprünge von Bam Adebayo und Duncan Robinson einen Sprung unter die besten Offensiven der Liga vollzogen.

Miami spielt einen relativ schnellen Stil, mit viel Ballbewegung und guten Werfern auf fast allen Positionen, aufgebaut um die immer noch erstklassigen Qualitäten von Jimmy Butler beim Drive zum Korb und Adebayos Übersicht vom High Post.


Indiana dagegen muss in der Bubble auf ihren vielleicht konstantesten Spieler dieser Saison, Domantas Sabonis verzichten, der insbesondere im Pick-and-Roll mit Offseason-Zugang Malcolm Brogdon entscheidend für die starke Saison der Pacers war. Die durch das Fehlen von Sabonis freigewordenen Würfe nahm T.J. Warren dankend an und zahlte das Vertrauen mit fantastischen Leistungen zurück.

Indiana beeindruckte erneut dadurch, dass man sich in der erweiterten Spitzengruppe der Conference hielt, obwohl der All-Star des Teams, Victor Oladipo, nach seiner üblen Verletzung erst im Januar zurück aufs Parkett kam und bisher nur 19 Spiele absolvierte.

Indiana gegen Miami ist eine sehr interessante Serie zwischen zwei Teams, die beide in dieser Saison überraschten, vom Talentlevel nicht weit voneinander entfernt sind und sich auch nicht wirklich leiden können. Dass die beiden Franchises sich während Miamis LeBron-Ära viele harte Playoffschlachten geliefert haben, gibt dieser Serie nur zusätzliche Würze.


Warum Miami gewinnt

Zunächst einmal sprechen die direkten Duelle klar für die Heat. Von den drei Spielen, in denen die Starter auf dem Feld waren, blieb Miami ohne Niederlage und gewann mit durchschnittlich 12 Punkten Vorsprung. Außerdem fällt Miamis größte Schwäche, das Rebounding, gegen ein ebenso schwaches Team an den Brettern, weniger ins Gewicht.

Die Heat rangieren, was die Arbeit am offensiven Brett angeht, auf den hintersten Plätzen, nur ein Team in der Liga reboundet dort schlechter: die Pacers. Zudem kann Miami mit Kelly Olynyk auf der Vier groß spielen, ohne Shooting opfern zu müssen, was für die auf den großen Positionen dezimierten Pacers schwer zu kontern ist.

Die Defense der Heat ist zwar bisher nur Liga-Mittelmaß, was angesichts der guten individuellen Verteidiger verwundert, doch das Team hat einen klaren Plan. Es werden mit durchschnittlich 38 pro Spiel zwar viele Dreier zugelassen, aber nur wenige Teams erzwingen eine schlechtere Quote (34,7%). Die Spieler von Erik Spoelstra wissen genau, wen sie werfen lassen können und wen nicht. Gegen die Pacers, das Team das ligaweit die wenigsten Dreier pro Spiel nimmt, sollte man diesen Vorteil ausnutzen.


Hinzu kommt, dass Miami die deutlich tiefere Rotation besitzt und bis zu zehn Mann tief ist. Auch wenn die Bänke in den Playoffs bekanntlich kürzer werden, kann Spoelstra fast jedem im Kader vertrauen und je nach Matchup und Performance des Gegners variabel reagieren. Außerdem wird sich „Jimmy Buckets“ seine Privatfehde mit T.J. Warren zu Herzen nehmen und zusätzlich motiviert sein, wenn das überhaupt möglich ist. Wenn Butler in Topform ist und auch Spiele spät entscheiden kann, wird es sehr schwer für Indiana.


X-Faktor HEAT

Kendrick Nunn, Miamis Starter auf der Eins, spielt in Orlando bisher deutlich schwächer als noch vor dem Restart. Der 24-jährige Rookie überraschte während der Saison mit solidem Scoring und Playmaking bei wenigen Ballverlusten. Doch irgendwo zwischen der Corona-Unterbrechung und dem Restart hat Nunn seine gute Form verloren. 10,8 Punkte bei miesen Quoten (31,3% FG und 20,7% 3P), dazu mehr Turnover als Assists und ein katastrophales Net-Rating von -9,2 sprechen eine deutliche Sprache.


Nachdem Nunn zwischenzeitlich die Bubble verließ, bekam Rookie-Kollege Tyler Herro vermehrt die Zügel der Offense in die Hand und überzeugte als Teilzeit-Point Guard. Natürlich ist die Stichprobe sehr klein, aber in den letzten fünf Seeding-Games spielte Herro 32 Minuten im Schnitt, scorte sehr gut (21,6), übernahm selbstbewusst größere Anteile des Playmaking als Ballhandler (4,4 Assists) und traf weiterhin gute 38% seiner knapp sechs Dreier.

Der Gedanke, dass Rookies die fünfmonatige Pause nutzen konnten, um Schlüsse aus ihrer ersten (Teil-)Saison zu ziehen und daran zu arbeiten, um als Quasi-Sophomores nach Orlando zu kommen, ist nicht allzu weit hergeholt. Sollte Herro schon jetzt den Schritt machen, der nächste Saison von ihm erhofft worden wäre, könnte dies insbesondere ohne einen formstarken Nunn die Serie zugunsten der Heat entscheiden.


Marquee Matchup

T.J. Warren muss durch Jimmy Butler unter Kontrolle gebracht werden und darf nicht weiterhin über 50% seiner Dreier treffen, doch zu Warrens Leistungen gleich mehr. Sollte Butler ihn wieder zurück in die Realität holen, gehen den Pacers ohne einen fitten Oladipo und das ultra-effiziente Brogdon/ Sabonis Pick-and-Roll langsam die verlässlichen Scoringoptionen aus. In dem Fall hätte Miami die Nase vorn, da sie offensiv das klar variablere Team sind und die Pacers outscoren können.


Warum Indiana gewinnt

Während die Pacers offensiv nicht bei voller Kraft sind, läuft es defensiv nach wie vor sehr gut. Nur drei Teams (Boston Celtics, Toronto Raptors, Oklahoma City Thunder) verteidigen den Dreier besser als Indiana. Gegen das wurfstarke Miami kann dies ein entscheidender Faktor sein, zumal der Dreier bei den Heat in der Bubble mit 34,8% deutlich schlechter fällt als noch vor dem Restart.


T.J. Warren wurde zwar nicht zum Bubble MVP gewählt, aber seine Leistungen sind wahrscheinlich eine der verrücktesten Geschichten, die die Bubble schreiben wird. Seine Stats erinnern eher an NBA 2K als an realen NBA-Basketball: 31 Punkte, sechs Rebounds und 2,5 Stocks bei einer True-Shooting Quote von 68,4% und einem Plus-Minus von +11,7 sind zwar nicht konservierbar, aber trotzdem beeindruckend.

Durch das Fehlen verlässlicher Scorer wurden Würfe frei, die zum Großteil Warren übernahm, der feuert in Orlando 21-mal pro Spiel auf den Korb, dabei jeden dritten Versuch von Downtown. Derjenige, der eigentlich für diese Würfe eingeplant war kommt nach langwieriger Verletzungspause nur schleppend in Form. Wenn Victor Oladipo in den Playoffs heißäuft, verändert sich die gesamte Trajektorie des Teams, doch zu „Dipo“ gleich mehr.

Was abgesehen von ihren Scorern noch für die Pacers spricht, ist ihr sehr sicheres Aufbauspiel ohne viele Ballverluste von Malcom Brodgon und Backup T.J. McConnell. Gerade in den Playoffs kann sich die Platzierung unter den Top-5 Teams mit den wenigsten Ballverluste auszahlen. Außerdem läuft Indiana das Pick-and-Roll häufiger als jede andere Mannschaft und scort daraus auch ohne Sabonis verlässlich. Miami dagegen verteidigt das Blocken und Abrollen unterdurchschnittlich, weil Adebayo oft auf den Ballführer switcht und Nunn, Dragić oder Herro gegen den Abroller chancenlos sind. Indiana muss versuchen diese Schwäche auszunutzen.


X-Faktor Pacers

Victor Oladipo, wer sonst. Der zweifache All-Star gab Ende Januar nach dem schweren Beinbruch aus der letzten Saison sein Comeback, absolvierte jedoch nur 13 Spiele bevor die Saison unterbrochen wurde. Ein schlechter Zeitpunkt für ihn und die Pacers, denn nur durch kompetitiven Fünf-gegen-Fünf Basketball lässt sich der Rost einer so langen Verletzungspause abschütteln.


In Orlando waren seine Leistungen dann schwankend. Wenn sein Wurf fiel, so wie gegen die Los Angeles Lakers und Boston Celtics, als er jeweils über 22 Punkte, vier Assists und sieben Rebounds auflegte erinnerte sein Spiel annähernd an den „alten“ Oladipo. Doch seine Quoten in der Bubble (40% FG und 34% 3P) und die überdurchschnittliche Anzahl Ballverluste zeigen, dass er noch nicht bei alter Stärke ist.

Doch wenn er in dieser Serie seine All-Star Form (annähernd) findet, ändert das alles für Indiana. Es würden Räume für Warren entstehen, der genauso wie Brogdon wieder mehr abseits des Balls agieren könnte, wenn Oladipo als primärer Ballhandler Gefahr ausstrahlt.

Außerdem ist der 28-Jährige der designierte Franchise-Player der Pacers und wird von Coach Nate McMillan in den entscheidenden Phasen den Ball in die Hände bekommen. Seine Fitness und Form werden dann darüber entscheiden, wie erfolgreich diese Situationen aus Indianas Sicht ablaufen.


Marquee Matchup

Ohne Sabonis gehen Indiana die verlässlichen Big Men aus und gerade deshalb kommt es aus Sicht der Pacers besonders auf das Matchup von Myles Turner gegen Bam Adebayo an. Turner, dem der Ruf vorauseilt, den körperlichen Kampf unter den Brettern und in der Zone zu scheuen, muss in dieser Serie gegen den physischen Adebayo gegen halten, sonst wird es schwer für die Pacers.


In drei Spielen gegen die Heat kam der so hoch veranlagte Center nur auf durchschnittlich zehn Punkte und sechs Rebounds bei unter 45% aus dem Feld und einem kumulierten Plus-Minus von -15. Bam auf der anderen Seite griff gegen kaum ein Team mehr Rebounds, traf 67% seiner Versuche und legte gegen keinen anderen Gegner ein höheres Plus-Minus auf (+28,4).

Natürlich sind solche Statistiken nie die volle Wahrheit, doch Turner verlor dreimal klar sein Matchup und die Pacers auch dreimal das Spiel. Gelingt es ihm, die Defense der Heat durch seinen guten Dreier (43% in der Bubble) auseinander zu ziehen und den Zweikampf gegen Adebayo ausgeglichen zu gestalten, steigen die Siegchancen der Pacers deutlich.


Die Rechnung, bitte!