29 August 2020

29. Aug, 2020


Aus 16 mach' 8. Die erste Playoff-Runde ist (fast) in den Büchern, die Spreu trennt sich weiter vom Weizen, nur noch die vier besten Teams der beiden Conferences bleiben im Rennen um die Larry O'Brien Trophy. Nach dem ersten Gang geht's jetzt ans Eingemachte: Für je zwei Mannschaften ist Platz in den jeweiligen Conference Finals – #NBACHEF hat wie immer auch die Semifinals auf der Karte.

von BJÖRN PAHLKE @newera0813 | 29. Aug, 2020


Entrée

Erstmals in der Geschichte der NBA kommt es in einer Playoff-Serie zu der Begegnung zwischen den Boston Celtics und den Toronto Raptors. Doch auch wenn es nichts über die Postseason-Historie der beiden Top-Teams im Osten zu berichten gibt, so dürfen wir mit Sicherheit von einem hochbrisanten Duell ausgehen.

Die Raptors beendeten die Saison mit dem besseren Record (53-19) und standen am Ende auf Platz zwei direkt vor den Boston Celtics (48-24). Im direkten Duell mussten sie sich allerdings in drei von vier Begegnungen den Celtics geschlagen geben. Mit ihrem letzten Sieg am 7. August sorgte Boston sogar für die einzige Toronto-Niederlage in der Bubble. Beide Coaches waren sich aber nach dem Spiel einig, dass dieses Spiel nicht viel bedeute.

Beim Statistiken-Vergleich könnten beide Teams kaum näher beieinander liegen. In kaum einer relevanten Statistik lassen sich gravierende Unterschiede erkennen. Die Celtics machen im Schnitt 0,9 Punkte mehr, die Raptors kassieren dafür 0,8 Punkte weniger. In Wurfquote, Freiwurfquote und Dreierquote trennen beide Mannschaften nicht einmal ein Prozent. Allein in den Assist setzt sich Toronto mit 2,2 mehr verteilten Bällen ein wenig ab.

Auch die erste Playoff-Runde verlief sehr ähnlich. Gegen dezimierte Brooklyn Nets reichten den Raptors vier Spiele, um die Nets nach Hause zu schicken. Lediglich in Spiel zwei hatte Brooklyn mit dem letzten Spielzug die Chance auszugleichen. Eine gute defensive Posession von Norman Powell machte den Sack aber zu. In den restlichen Begegnungen unterschieden sich die Kontrahenten immer mindestens mit 24 Punkten. In Spiel vier brachte Toronto sogar 150 Punkte aufs Scoreboard. Jedoch knickte Kyle Lowry in diesem Spiel um. Ein Einsatz ist vorerst fraglich.

Bostons Gegner, die Philadelphia 76ers, wurden sicher nicht gleichwertig abgeschlachtet. Dennoch schafften es auch sie nicht, ein einziges Spiel zu gewinnen. Die Rolle des Außenseiters wies sich durch den Ausfall von Ben Simmons schnell an die Sixers. Joel Embiid und Josh Richardson agierten noch in Normalform. Ersterer hätte aber deutlich mehr liefern müssen. Im Endeffekt enttäuschten sie komplett.

Boston hingegen überzeugte auf ganzer Linie und traf in den richtigen Momenten die passenden Entscheidungen. Besonders Jayson Tatum und Kemba Walker schafften es in der Crunchtime den Ball in den Korb zu heben. Einziger Wermutstropfen ist die Verletzung von Gordon Hayward spät in Spiel eins. Er hat die Bubble mittlerweile wieder verlassen.


Alles spricht für eine wirklich fesselnde und enge Serie. Beide Mannschaften gehen mit sehr ähnlichen Vorgeschichten in diese Serie. Vollbepackt mit Stars und wirklich ansehnlichem Team-Basketball werden sie mit breiter Brust die Herausforderung annehmen und ein Feuerwerk abfackeln.


Warum Toronto gewinnt

Die Toronto Raptors sind über die ganze Saison hinaus das Überraschungs-Team gewesen. Den Abgang von Kawhi Leonard Richtung Los Angeles haben sie mit einer tollen Teamleistung kompensiert. Der gesamte Kader hat einen Schritt nach vorne gemacht. Dadurch erreicht die Mannschaft eine unglaubliche Tiefe, die auch von den durchaus breit besetzten Celtics nicht getoppt werden kann.

Für die Raptors sind die Optionen in der Offense groß, doch noch beeindruckender ist ihre Team-Defense. Es ist unmöglich auch nur eine Person auszumachen, die attackiert werden kann, um die beste Chance auf Punkte zu erhalten. Die Celtics haben zwar ihre Starspieler, die an guten Tagen nach Belieben scoren können, doch die Raptors im Gegenzug auf jeden Spieler eine Antwort.

Besonders gefährlich wird es für die Celtics in der Transition. Mit 27,8 Punkten (21,6 % der Gesamtpunkte) weisen sie hier die beste Marke der gesamten NBA auf. Auf der anderen Seite halten die Celtics ihre Gegner bei gerade einmal 17,7 Punkten pro Spiel in Transition, was den fünftbesten Wert der Liga darstellt. Wenn es die Raptors aber schaffen sollten, aus defensiven Rebounds und Turnovern zu scoren, haben sie gute Chancen die Celtics zu schlagen.


Im Rebounding werden es die Kanadier auch schaffen, die deutlich kleineren Männer von Brad Stevens zu überragen. Hier ist vor allem der Größenvorteil auf der Center-Position hervorzuheben. Auch wenn Daniel Theis gezeigt hat, dass er mit Joel Embiid mithalten kann, wird es gegen Marc Gasol umso schwieriger. Gerade weil Gasol fitter ist als Embiid, über den praktisch jede Aktion der 76ers lief.


X-Faktor Raptors

Serge Ibaka. Der Kongolese kommt vornehmend von der Bank und bringt von dort enormen Impact. In nahezu jeder Statistik zeigt er Verbesserungen im Vergleich zum Vorjahr. Vor allem seinen Wurf von außen hat er wieder gefunden. Mit 38,5 % steigert er sich um fast zehn Prozentpunkte.

In den Playoffs scheint er noch kräftiger aufs Gaspedal drücken zu wollen. In vier Spielen gegen Brooklyn legt er im Schnitt ein Double-Double auf, mit 19,3 Punkten und 10,3 Rebounds – und das von der Bank. Dabei sticht heraus, dass er in den Spielen, in denen die Nets klar geschlagen wurden, jeweils über 20 Punkte beisteuerte. Das mag daran liegen, dass er in diesen Spielen mehr Spielzeit bekommen hat, aber wenn er an diese Leistungen anknüpft, kann er zu einem wichtigen Faktor werden. Wenn er ins Rollen kommt, steigen die Siegchancen enorm.


Marquee Matchup

Eine der Gewinner dieser Saison ist Fred VanVleet. Zwar hat er bereits in der vergangenen Saison gezeigt was in ihm steckt, doch in dieser Saison und vor allem in der Bubble hat er noch eine Schippe draufgelegt. In der ersten Runde brachte er sogar zweimal 30 Punkte auf den Boxscore. Sollte Kyle Lowry ausfallen, wird sogar noch mehr Last auf den Schultern des ungedrafteten 26-Jährigen fallen.


Wegen des Ausfalls von Hayward rückt für die Celtics aber voraussichtlich Marcus Smart in die Starting Lineup. Somit wird es zum Duell der kleinen Guards kommen und eine deutlich größere Herausforderung für VanVleet, denn Smart ist in der gesamten NBA wohl der beste Guard-Verteidiger. 30 Punkte gegen ihn werden eine Mammutaufgabe. Durch VanVleets Scoring-Fähigkeiten wird sich die Aufmerksamkeit von Smart aber auf ihn richten, wodurch die restlichen Raptors einem Matchup mit ihm aus dem Weg gehen können. Somit kann der kleine Raptor-Guard sein starkes Passspiel nutzen, um seinem Team zu Punkten zu verhelfen.


Warum Boston gewinnt

Boston hat in den vergangenen Jahren immer wieder mit Verletzungspech in der Postseason zu kämpfen gehabt. Dieses Jahr fällt mit Hayward zwar wieder ein Star aus, doch die Spieler von Brad Stevens sind nun reifer. Brown und Tatum haben mittlerweile genug Erfahrung gesammelt und wissen, wie sie eine Playoff-Serie angehen müssen.

Den Weggang von Kyrie Irving haben sie in Kemba Walker perfekt ergänzt. Und das wichtigste: Kemba ist hungrig. Gegen die Sixers hat er seine erste Playoff-Serie gewonnen und scheint mit der Rolle, nicht mehr der einzige Star seines Teams zu sein, sehr gut umzugehen. Gerade weil die Raptors in der letzten Saison den großen Wurf geschafft haben, ist der heißeste Spieler der Serie Walker.


Zudem traf Boston in der Vergangenheit oft falsche Entscheidungen in den wichtigen Momenten. Gegen die Sixers haben sie genau das zu ihrem Vorteil gemacht. In den entscheidenden Situationen waren es die Würfe von Walker und Tatum in der Crunchtime, die den Unterschied machten. Ihr größter Vorteil gegenüber den Raptors ist, dass sie vielleicht nicht den breiteren Kader haben, aber sicher die besseren Einzelspieler. Tatum ist auf dem besten Weg ein Superstar in der Liga zu werden und wird den Celtics in einer Serie gegen einen Contender weiterhelfen.


X-Faktor Celtics

Oft kam Marcus Smart in dieser Saison von der Bank, um dem Team nicht nur in der Defense zu helfen, sondern auch um die nötige Aggressivität aufs Parkett zu legen. Jetzt muss er das von Beginn an tun.

Smart ist dazu aber absolut in der Lage. Seine Leistungen werden auf dem Scoreboard nicht immer gewürdigt, doch auch er vermag in einem Spiel richtig heiß zu laufen. Das wird er auch müssen, denn die Punkte, die sonst Hayward auflegt, werden den Celtics sonst fehlen.


Smart lebt von seiner Energie, diese zieht er häufig von den Anfeuerungen der Fans, die aktuell jedoch bekannterweise nicht vorhanden sind. Es wird darauf ankommen, dass er dennoch als aggressiver Leader vorangeht. Schafft er es, auch nur einen Spieler der Raptors aus dem Spiel zu nehmen, besitzt Boston die bessere Offense. Gegen die starke Transition-Offense der Raptors muss er in der Rückwärtsbewegung seinen Teil erfüllen. Wenn er dann auch noch selber punktet, stellt er die Raptors vor echte Probleme.


Marquee Matchup

Jaylen Brown wird nicht nur in der Offense essenziell. In der Defense wird er einen noch viel wichtigeren Part einnehmen. Nur fünf Spieler haben in dieser Saison mehr Zeit damit verbracht Pascal Siakam zu verteidigen. Und das obwohl sie nur zweimal aufeinander trafen.

Brown hatte damit sogar echten Erfolg. Nur 23 Punkte schenkte der Kameruner den Celtics in diesen beiden Partien ein und traf dabei lediglich zehn von 24 Würfen. Zwar hat Brown Größennachteile gegen Siakam, doch körperlich steht er ihm in nichts nach und hat zudem auch noch die schnelleren Beine.

Sicher wird er den Forward nicht alleine verteidigen, denn Boston wechselt in der Defense sehr häufig. Auch Smart und Tatum werden versuchen den amtieren Most Improved Player aus dem Spiel zu nehmen. Mit Brown scheinen sie aber über die beste Option zu verfügen.


Die Rechnung, bitte!