17 August 2020

17. Aug, 2020


Nach Monaten der Ungewissheit und Wochen der Bubble-Gum starten endlich die NBA Playoffs und damit richtiger Basketball! Auch hier bei NBACHEF, wo wir euch mit Postseason-Content füttern. Zum Auftakt wie immer die acht Erstrundenserien im Schnellcheck - auf den Punkt wie Ausrufezeichen.

von JAN WIESINGER @WiesiG | 17. Aug, 2020

Entrée

Der Meister startet gelassen in die Bubble-Playoffs in der Playoff-Bubble. Eben diese Toronto Raptors gewannen in der verkürzten Saison 53 ihrer 72 Spiele (73,6%). Das entspräche auf 82 Spiele hochgerechnet einer elitären 60-Siege-Saison und bedeutet einen Rekordwert für die Kanadier, denen der Buchmacher-Konsens vor Saisonbeginn nur den Gewinn von 46 Partien zugetraut hatte. Auch viele Experten waren davon ausgegangen, dass der Abgang von Superstar Kawhi Leonard nach nur einem Jahr deutlichere Spuren hinterlassen würde.

Die Gründe für die starke Saison der Raptors können aber durchaus in der Vorsaison gefunden werden. Bis auf Leonard und Danny Green blieb der Kern des Meisterteams intakt. Headcoach Nick Nurse baute die defensive Identität weiter aus und hat mit dem weiter verbesserten Pascal Siakam einen zweiten All-Star neben Alt-All-Star Kyle Lowry hervorgebracht. Auch wenn Siakam in den kleinen Hallen von Orlando seinen Rhythmus des Vormärzes noch nicht wiederfand, gewannen die Raptors trotz anspruchsvollen Spielplans beeindruckende sieben ihrer acht Bubble-Games.



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Das Jahr der Brooklyn Nets verlief deutlich dynamischer. Im Sommer wurden mit Kyrie Irving und dem verletzten Kevin Durant zwei Maximalverdiener akquiriert und der Kader deutlich umstrukturiert. Auch Irving bestritt jedoch aufgrund von Schulterproblemen nur 20 Spiele und fehlt den Nets. Insgesamt endete die Saison der Nets bei einer durchwachsenen Bilanz von 35-37, was aber beim Blick auf den aktiven Kader aktuell durchaus bemerkenswert erscheint.

Kaum ein NBA-Team ist durch den omnipräsenten Corona-Virus so arg gebeutelt wie die Franchise aus Brooklyn: Mit Michael Beasley, Taurean Prince, DeAndre Jordan und Spencer Dinwiddie fallen hier gleich vier Spieler wegen COVIC-19 aus. Wilson Chandler verzichtet freiwillig. Auch die Addition des mittlerweile 40-jährigen Jamal Crawford steht synonym für die Probleme der Nets.

Überaschenderweise gewann die Truppe von Interims-Coach Jacque Vaughn dennoch Fünf von Acht und geht dennoch als klarer Außenseiter auf No. 7 in die Serie gegen den Divisions-Rivalen aus dem hohen Norden. Von den vier Aufeinandertreffen in der Saison gewannen die Nets lediglich das letzte, welches Mitte Februar stattfand, als die (NBA-)Welt noch weitestgehend in Ordnung schien.


Warum Toronto gewinnt

Coach oft the Year-Favorit und frischer NBACHEF-Coach des Jahres Nick Nurse ist ein wesentlicher Grund für den beständigen Erfolg der Raptors. Auf der einen Seite steht da die beindruckende Defensive des Teams. Nurse stellt trotz offensichtlicher Schwächen der Individualspieler mit seinen kreativen Systemen und Rotationen gegnerische Angreifer vor enorme Probleme. Zur ligaweit zweitbesten Defensiv-Effizienz kommen die wenigsten zugelassenen Punkte (106,5).

Exemplarisch sei hier die viel gespielte Aufstellung mit den eigentlich zu kleinen, aber enorm cleveren Guards Kyle Lowry und Fred VanFleet sowie O.G. Anunoby, Pascal Siakam und Marc Gasol erwähnt, die ein beeindruckendes Net Rating von +12,9 auf den Platz bringt. Die Minuten von Gasol wurden ebenso wie sein offensiver Einfluss in dieser Saison weiter reduziert. Defensiv bringt der mittlerweile 35-jährige Spanier den Raptors jedoch weiterhin wichtige Dienste und hält die Mischung aus jungen und erfahrenen Spieler zusammen.



Angesichts der defensiven Übergelenheit schmerzt es bislang kaum, dass die Offensive nur guter Durchschnitt ist. Im Gegensatz zur defensiven Disziplin lässt Nurses System hier viele Freiräume für die Spieler. In der Bubble fiel insbesondere das Zusammenspiel von FVV und Lowry als Starter positiv auf: Der langjährige Raptor Lowry wird durch den weiter verbesserten VanFleet insbesondere von seinen Aufgaben als primärer Ballhandler entlastet und bekommt somit dauerhaft mehr hochwertige Abschlüsse. In der Bubble hat sich bei den Raptors aber beinahe jeden Nachmittag ein anderer Spieler ins Rampenlicht gespielt und das Team getragen: Ein absolutes Albtraum-Szenario für jeden gegnerischen Coach.


X-Faktor Raptors

Die Balance ist gleichzeitig die Schwäche der Raptors. Wohin geht der Ball, wenn es wie 2014 wieder in Spiel 7 auf den letzten Ballbesitz ankommt? Siakam ist da eigentlich die logische Konsequenz. Mit seiner Athletik, seinem Drive und seiner weiter verbesserten Reichweite tritt der erst 26-jährige Kameruner die legitime Nachfolge von Leonard an. Dass er mal acht schwächere Spiele gemacht hat, kann kein Grund für Zweifel an dieser Thronfolge sein.

Die Serie gegen die Nets ist ideal, um diese unbegründete Skepsis bei Experten und Siakam selbst zu verflüchtigen. Brooklyn wird defensiv keine Mittel gegen die Angriffe des Flügelspielers haben und vermehrt zum Doppeln greifen. Dadurch werden sich enorme Räume und freie Würfe für Siakams Teamkollegen eröffnen. Gegen die Nets mögen die Raptors Siakam in dieser Phase noch nicht als X-Faktor benötigen – für den weiteren Playoff-Verlauf ist sein Heißlaufen aber unerlässlich.


Marquee Matchup

Der heimatvorteillose Meister wird in Orlando weiter seinen Stiefel runterspielen: Defensiv die Light-Truppe der Nets zu vielen Fehlern zwingen und offensiv jede Lücke im wenig eingespielten und der Situation geschuldet ramponierten Nets-Defensivkonstrukt bestrafen. Auf der Seite der Nets stehen einige Fragezeichen. Deswegen ist es an Nurse, seine Mannschaft optimal auf den Spielstil des Gegners einzustellen und offensive Abläufe besser zu etablieren.


Nur so kann ein nachhaltiger Run in die Bubble gelingen. Gehen die ersten drei Spiele für Toronto positiv aus, hat Nurse hat sogar die Freiheit für weitere Coaching-Experimente und -Adaptionen, wie er sie in allen Bubble-Spielen bereits angebracht hat.


Warum Brooklyn gewinnt

Hier fallen stichhaltige Argumente schon deutlich spärlicher ins Auge. Die Nets gehen aufgrund der widrigen Vorgeschichte als klarer Außenseiter in die Serie. Die Qualität des verfügbaren Kaders fällt gegenüber dem Gegner deutlich ab und lässt im Gegensatz zu dem von Toronto kaum Aussagen zu. Zu gering erscheint die Stichprobe von acht Spielen angesichts des deutlich veränderten Kaders.

Als kleiner Lichtblick hat sich mit Caris LeVert immerhin eine klare erste Option für die Nets in der Blase etabliert. Die Nets können dennoch verlässliche Spieler aufbieten, auch wenn die sich in der Tiefe selbst aufstellen. Mit Jarrett Allen steht den Nets ein junger, aber defensiv unangenehmer Big Man zur Verfügung. Mit Joe Harris (sehr gut), Timothé Luwawu-Cabarrot (gut), Garrett Temple (befriedigend) und Tyler Johnson (ausreichend) stehen noch einige erfahrene Schützen zur Verfügung, wenn auch die Minuten in keiner guten Relation zur Qualität stehen dürften. In jedem Bubble-Game erzielten die Nets mehr als 115 Punkte. Im perfekten Sturm kann das perspektivisch Probleme für die Raptors darstellen.



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Coach Vaughn ist ebenfalls an einer erfolgreichen Serie interessiert, macht er sich doch ersthafte Hoffnungen auf die Nachfolge des im März entlassenen Kenny Atkinson. Der Mute der Verzweiflung, die Arbeitsmotivation professioneller Basketballspieler sowie der Faktor Glück, bei dem die Nets nach dem Prinzip der Regression zur Mitte deutlich Aufholbedarf haben dürften, sind weitere Hoffnungsschimmer angesichts des klaren Kräfteverhältnisses.


X-Faktor Nets

Dass Caris LeVert ein guter NBA-Spieler ist, hat niemand jemals angezweifelt. Dem 20. Pick des 2016er-Draft wurde jedoch in der Vergangenheit häufig die Möglichkeit verwehrt, dies unter Beweis zu stellen. Überproportionale viele und unglückliche Verletzungen hinderten den Shooting Guard aber mehrmals daran, in einen guten Rhythmus zu kommen.

Auch in diesem Jahr schienen die Sterne schlecht zu stehen. Mit dem Aus von Spencer Dinwiddie und Kyrie Irving ist LeVert jedoch in die Rolle als zentraler Offensivspieler der Nets gerutscht. 25 Punkte und sechs Assist pro Spiel reichten für die Ehrerbietung der Wahlberechtigten, LeVert ins „All-Bubble-Second-Team“ zu wählen. Insbesondere die Spielgestaltung dürfte enorm wichtig für die Offensive der Nets werden. Für LeVert kommt diese Verantwortung als erste Option in einer Playoffserie potenziell noch deutlich zu früh. Die praktisch nicht vorhandene Erwartungshaltung dürfte jedoch dazu beitragen den Druck weitestgehend vom 25-Jährigen fernzuhalten.



Marquee Matchup

Die Rumpf-Nets treffen auf ein deutlich besser bestücktes Raptors-Team. Offensiv könnten sie immerhin schnelles Run-and-Gun etablieren; defensiv fehlt es dem Team aus Brooklyn an allen Ecken und Enden. Der Kader stellt sich praktisch von selbst auf. Sich aufdringende Spieler, die gegnerische Scorer individuell stoppen können, findet man ebenfalls nicht. Gegen einen Siakam in Topform ist kein in New York gewachsenes Kraut zu finden.

Defensiv muss insbesondere Jarrett Allen unter dem Korb eine enorme Präsenz aufbauen und zum Herz der Nets-Defensive werden. Mehr als zwölf Rebounds pro Spiel in den letzten fünf Spielen lassen hoffen. Coach Vaughn wurde ebenso wie LeVert mit Votes bedacht und darf sich stolz „All-Bubble-Third-Coach“ auf die Visitenkarte schreiben. Sollte es ihm wider Erwarten gelingen, die vielseitigen Raptors mit seinem Kader vor Probleme zu stellen, hätte er in der Retrospektive eindeutig die #1 verdient gehabt.


Die Rechnung, bitte!