18 August 2020

18. Aug, 2020


Nach Monaten der Ungewissheit und Wochen der Bubble-Gum starten endlich die NBA Playoffs und damit richtiger Basketball! Auch hier bei NBACHEF, wo wir euch mit Postseason-Content füttern. Zum Auftakt wie immer die acht Erstrundenserien im Schnellcheck - auf den Punkt wie Ausrufezeichen.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 18. Aug, 2020

Entrée

Wann immer die Rockets und Thunder zu Protagonisten eines Stücks auf oder abseits des NBA-Parketts werden, zündet ein Feuerwerk.

So geschehen erstmals im Oktober 2012, als Oklahoma City kurz vor Saisonbeginn die Basketballwelt schockierte mit dem Trade James Hardens nach Texas, wo er zum besten Offensivspieler seiner Zeit reifte. In den folgenden Playoffs rangen Hardens junge Rockets dem damaligen Primus um Kevin Durant, Serge Ibaka und Russell Westbrook in einer umkämpften Serie zwei Spiele ab. Westbrook verletzte sich hierbei infolge eines Zusammenpralls mit Patrick Beverley schwer. Ohne den Aufbauspieler waren die erstplatzierten und favorisierten Thunder in der zweiten Runde gegen die Grit'n'Grind Grizzlies chancenlos.

Vier Jahre später lieferte eben jener Westbrook ebenso wie sein ehemaliger Mitspieler Harden eine MVP-würdige Spielzeit ab. Russ gelang dabei das erste Season Triple Double der modernen NBA. Weil es nicht anders kommen konnte, trafen die beiden MVPs nicht nur im Rennen um die individuelle Krone aufeinander, sondern auch in der ersten Playoff-Runde. Die Trophäe ging an Westbrook, Houston und Harden gewannen dafür die nicht an Höhepunkten geizende Serie mit 4-1.

2020 stehen die Rockets, Thunder und Westbrook wieder im Mittelpunkt. Wieder in der ersten Runde. Wieder mit großer Story. Infolge des spektakulären Trades um Westbrook und Chris Paul vergangenen Sommer war ein erneutes Aufeinandertreffen wohl unvermeidlich.


Und als wäre dem nicht schon genug, beißt sich für Houston und Westbrook bittere Ironie in dieses Duell. Denn mitunter wegen gesundheitlicher Bedenken um den 35-jährigen CP3 schickten ihn die Raketen nach Oklahoma City, bezahlten dafür mit zwei Draft Picks und zwei Pick Swaps einen hohen Preis. Ein Jahr später ist Paul vital und munter, hat 70 Spiele der Regular Season absolviert (in seinen beiden Jahren in Houston: je 58), während ausgerechnet Westbrook verletzungsbedingt mindestens den Auftakt der Serie verpassen wird.

Der Tisch ist also gedeckt für ein erneut schlagzeilenträchtiges Duell zweier Teams mit völlig unterschiedlichem Spielstil, rund um Paul und seiner Chance auf Revanche für die Demission sowie Westbrook als einstweiliger Zuschauer im Kampf gegen die elf Jahre dauernde Liebe.


Warum Houston gewinnt

Auch ohne Westbrook verfügen die Rockets über den besseren Kader, vor allem in der Tiefe, mehr Erfahrung, den besseren Coach und sie sind besser aufeinander abgestimmt.

Schon 2017 machte Houstons Vielzahl an gefährlichen Dreierschützen einen essentiellen Unterschied. Daran hat sich nichts geändert und OKC auch bei der Neuauflage keine gleichwertige Antwort auf Houstons feuerkräftige Armada. Die Thunder nahmen in der Regular Season nur 30,2 Dreier pro Spieler (Houston: 45,3) – aus gutem Grund. Abgesehen von Danilo Gallinari strahlt kein Akteur in Blau-Orange konstant Gefahr von Downtown aus.

Auf dem Papier hat Houston den besseren Angriff und Oklahoma City die bessere Verteidigung. Allerdings vermögen die Rockets wenn es darauf ankommt defensiv einen Gang hoch zu schalten, was umgekehrt von OKC mit Ball nicht behauptet werden kann. Kein Spieler kann innerhalb einer Serie die Scoring-Last tragen, keiner weist einen Punkteschnitt von über 20 auf – wohingegen Hardens 34,3 pro Spiel inzwischen als Selbstverständlichkeit gelten.


Selbst wenn Houstons Defensive in der ersten Runde noch nicht am Klimax angekommen sein sollte: Salopp ausgedrückt müssen sie lediglich ihre Dreier solide treffen. Alles andere erledigt James Harden.


X-Faktor Rockets

Eric Gordon hat eine denkbar schlechte Saison 2019/20 hinter sich. Von Verletzungen gepeinigt, nur 36 Spiele absolviert, den Shooting Touch verloren (31,7% Dreier), Tiefwerte in allen relevanten Statistiken, seit er 2016 nach Houston wechselte.

Dennoch fällt ihm eine Schlüsselrolle im Showdown mit den Thunder zu: Wegen Westbrooks Verletzungen braucht Coach Mike D'Antoni seinen 31-jährigen Wing – als sekundären Spielmacher, potenten Scorer neben Harden und dazu noch als Verteidiger. Im vergangenen Jahr war Gordons exzellente Defense in der Erstrundenserie gegen Utahs Donovan Mitchell einer der Wegbereiter zum ungefährdeten Erfolg. Und sie wird es auch jetzt wieder gegen OKCs Three-Guard Lineup um Paul, Dennis Schröder und Shai Gilgeous-Alexander.



Marquee Matchup

Houstons Switch-Defense gegen Chris Paul. Der Ex-Clipper und -Rocket ist Anführer, Rückgrat, Herz und Seele der Überraschungsmannschaft aus dem Mittleren Westen. So weit, so klar. Entscheidend wird daher Houstons Antwort auf den ehemaligen Mitspieler sein.

In Abwesenheit Westbrooks wird neben Eric Gordon wohl auch Austin Rivers vermehrt Minuten erhalten, vor allem um Pauls Kreis einzudämmen. Rivers kennt den zehnfachen All-Star nicht erst seit der Zeit in Houston, von 2015 bis 2017 stand er gemeinsam mit CP3 im Aufgebot der Clippers und wird beim Wiedersehen seine Energie verwenden, um den ehemaligen Teamkameraden zu entnerven.


Warum Oklahoma City gewinnt

Beide Mannschaften weisen nach 72 absolvierten Partien eine identische Bilanz auf (44-28). Und das obwohl Houston als einer der Anwärter auf den Thron des Westens galt und gilt, während den Thunder vor der Saison euphemistisch ein Übergangsjahr prognostiziert wurde.

Stattdessen hat sich diese Truppe aus anderswo Verschmähten zu einem verschworenen Haufen zusammengefunden, der aus der Außenseiterrolle heraus den vermeintlichen Favoriten das Leben schwer macht.


Statt klarer Verhältnisse wartet also ein Duell auf Augenhöhe – und die Thunder haben bereits bewiesen, dass sie Houstons voluminösen Angriff durchaus verteidigt bekommen. In zwei der drei Partien in der Regular Season ging OKC als Sieger vom Feld, inklusive eines für die ganze Saison symptomatischen 15-Punkte-Comebacks im vierten Viertel des letzten direkten Aufeinandertreffens.

Hier muss zwar ergänzt werden, dass beide Siege der Thunder über Houston auf Januar datieren, noch vor der Corona-Pause und auch bevor die Rockets auf das centerlose Small Ball umstellten. Dennoch scheint Oklahoma City ein Rezept bereits parat zu haben, denn unabhängig vom gegnerischen System hielten sie die Texaner bei vergleichsweise niedrigen 102,9 Punkten pro 100 Angriffe, außerdem in allen drei Begegnungen bei unter 30% von der Dreierlinie.

Besonders wichtig für die Thunder ist die Rückkehr von Sixth Man of the Year-Finalist Dennis Schröder nach seiner kurzen familiären Auszeit fernab der Bubble. Im finalen Seeding Game gegen die LA Clippers schoss sich Schröder mit 17 Punkten und 3-3 Dreiern für die Playoffs warm.

OKC ist die Überraschungsmannschaft der Saison – warum also sollten sie nicht auch in den Playoffs für Furore sorgen. Ganz nach Russell Westbrook: #WhyNot?


X-Faktor Thunder

Als klassischer wuchtiger und unbeweglicher Center ohne Wurf verkörpert Steven Adams genau den Spielertypen, der in Houston mit dem Clint Capela-Trade im Februar abgeschafft wurde.

Das macht seine körperliche Präsenz in dieser Serie einerseits für die eigene Mannschaft zum Sicherheitsrisiko. James Harden als Taktgeber wird ihm die Funktion des Ankers in der Zone nicht zugestehen, sondern ihn – analog zu Utahs Rudy Gobert in den beiden Vorjahren – immer wieder mit gezielten Picks an den Perimeter zwingen und somit bei OKCs eigentlich starkem Bollwerk die Tore öffnen.

Andererseits nimmt Houston mit seinem Small Ball-Lineup die klare Unterlegenheit an den Brettern in Kauf und hieraus zieht der 2,11 Meter große Kiwi seine Signifikanz in diesem Matchup. Offensiv wie Defensiv ist es an Adams, seinem Team Ballbesitz um Ballbesitz zu verschaffen, um notwendigerweise die Kluft an der Dreierlinie durch mehr Abschlüsse sowie Kontrolle des Spieltempos zu überbrücken.


Marquee Matchup

Zweieinhalb Jahre stand Andre Roberson wegen diverser schwerwiegender Verletzungen nicht auf dem Parkett. Sein umjubeltes Comeback in der Orlando-Bubble wird angesichts des Erstrundengegners plötzlich zu mehr als einer Wohlfühlgeschichte.

Denn vor seiner Zwangspause war der inzwischen 28-Jährige einer der ligaweit effizientesten Verteidiger im direkten Duell gegen Houstons James Harden, entnervte „The Beard“ ein ums andere Mal. An seinem Manko, dem inexistenten Dreier (Karrierewert: 25,5%), hat er während der langen Auszeit gearbeitet. Dass er von Downtown durchaus gefährlich sein kann, bewies Roberson bereits beim Aufeinandertreffen 2017, als er mit 36,7% Dreier und 11,6 Punkten einer der Lichtblicke im Spiel der Thunder war.



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OKCs etatmäßiger Starter auf dem Flügel, den ungedraftete und außerdem derzeit angeschlagenen Rookie Luguentz Dort, gegen James Harden zu stellen ist eine mehr als undankbare Aufgabe, zudem wird Dort angeschlagen das erste Spiel verpassen. Daher kommt Robersons Comeback für Coach Billy Donovan genau richtig. Wohl nicht zufällig stand der Flügel im letzten Spiel der Regular Season gegen die LA Clippers ganze 28 Minuten auf dem Feld. Donovan wird seinen Rückkehrer wenigstens testweise gegen Harden stellen. Viele Alternativen hat er nicht.


Die Rechnung, bitte!