03 September 2020

3. Sep, 2020


Aus 16 mach' 8. Die erste Playoff-Runde ist (fast) in den Büchern, die Spreu trennt sich weiter vom Weizen, nur noch die vier besten Teams der beiden Conferences bleiben im Rennen um die Larry O'Brien Trophy. Nach dem ersten Gang geht's jetzt ans Eingemachte: Für je zwei Mannschaften ist Platz in den jeweiligen Conference Finals – #NBACHEF hat wie immer auch die Semifinals auf der Karte.

von CHRISTOPH LENZ @NBAKenner | 3. Sep, 2020


Entrée

Es wird ernst im Westen! Der Sieger des Duells zwischen dem zweitbesten und dem drittbesten Team der Regular Season wird in jedem Fall ein relativ frisches Gesicht in den Conference Finals aufschlagen. Während den Denver Nuggets in den letzten 35 Jahren nur ein einziges Mal (2008-09) den Sprung unter die besten Zwei im Westen gelang, sind die LA Clippers gar komplette Conference Final-Jungfrauen und könnten sich mit einem Sieg in dieser Serie folglich bereits den größten Erfolg der Franchise-Geschichte sichern.

Die erste Playoff-Runde dürfte in beiden Lagern Spuren hinterlassen haben. Bei den Nuggets ganz offensichtlich wegen der Schlacht über sieben Spiele im Jamal Murray-Donovan Mitchell-Epos (der letztlich durch den zur scheinbaren Nebenfigur degradierten Nikola Jokić entschieden wurde), bei den Clippers eher etwas subtiler im Selbstbewusstsein der einzelnen Spieler.


Denn die Erstrunden-Serie gegen die Dallas Mavericks war alles andere als ein Spaziergang und die Unkenrufe, dass ohne den Ausfall von Kristaps Porziņģis und den angeschlagenen Knöchel von Luka Dončić durchaus auch die Dallas Mavericks hier besprochen werden müssten, kann das Team von Doc Rivers nicht mehr im direkten Duell entkräften. Umso wichtiger wird das Auftreten des Favoriten in der frühen Phase der Serie werden, wo aller Voraussicht nach zwar müde, aber auch „flowende“ Nuggets warten, die nach drei Siegen in Serie Hunger auf mehr haben und nach einigen Schwierigkeiten zu Beginn ihre Playoff-Identität gefunden haben.

Die Rollen sind also klar verteilt und dennoch (oder vielleicht auch gerade deswegen) birgt diese Paarung jede Menge Potenzial und Spannung für die Entwicklungen, Irrungen und Wirrungen für die wir die Playoffs so lieben!


Warum LA gewinnt

Die Clippers gehen ohne jeden Zweifel als klarer Favorit in die Serie. Die Gründe dafür sind vielfältig. Auf den ersten Blick und ganz grundlegend waren sie im gesamten Saisonverlauf das bessere Team und haben mehr Siege geholt (hätten somit in einer normalen Saison jetzt Heimvorteil). Dazu kommt die kürzere Erstrundenserie, die durch den eng getakteten Spielplan in der Bubble noch wichtiger ist als ohnehin schon, jeder zusätzliche freie Tag fühlt sich für die Akteure vermutlich wie drei davon außerhalb der Bubble an.

Ein weiterer Faktor ist das schiere Talent und die Qualität im Roster. Auch wenn Paul George in der Serie gegen Dallas schwächelte, wäre er selbst in Abwesenheit von Kawhi Leonard wohl der beste Spieler der Serie. Dass der zweifache Finals MVP noch dazukommt, macht die Clippers in der Spitze zum klar überlegenen Team.






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Ähnliches gilt auch für die Bank, wo mit Montrezl Harrell und Lou Williams gleich zwei der Top 3 im „Sixth Man of the Year“-Voting sitzen. Diese Tiefe dürfte gerade gegen die angeschlagenen und nach der perfekten Rotation suchenden Nuggets ein enormer Vorteil sein. Harrell wird insbesondere als offensive Waffe gegen den defensiv schwächelnden Nikola Jokić gefragt sein, Lou Williams derweil versuchen, den gegnerischen Backcourt so zu attackieren, wie es in Runde eins Donovan Mitchell tat.

Allein diese Faktoren bringen die Clippers in eine Position, die sie zum Favoriten macht. Hinzu kommt, dass sie defensiv genug Waffen und Flexibilität haben, um den heißesten Shooter der Bubble, Jamal Murray, extrem abzukühlen, was die Nuggets vor Herausforderungen stellen wird, die nur schwer lösbar sein dürften.


X-Faktor Clippers

Die Clippers haben auch ohne Paul George das Potenzial, dieses Matchup zu dominieren. Allerdings wird es erheblich einfacher, wenn er seine Leistung abrufen kann, das hat schon das Duell gegen die Mavericks gezeigt, in dem PG13 bei drei Duellen weniger als 15 Punkte beisteuerte und zwei dieser Matches mit einer Niederlage für die Clips endete.

Diese Tendenz bestätigt die Erkenntnisse der Regular Season, nach der LA von elf Partien, in denen George jene imaginäre Schwelle nicht erreichte, nur sechs gewann. Wenn er 15 Punkte oder mehr erzielte, war sein Team in den Playoffs immer siegreich und auch in der Regular Season deutlich erfolgreicher.

An beiden Enden des Courts sollte die Besetzung der Nuggets Spielraum lassen, den „Playoff P“ (wie er sich selbst nennt) ausnutzen kann, um dem Spiel seinen Stempel aufzudrücken und damit eine höhere Flexibilität und einen größeren Wirkungsbereich für seinen Co-Star Kawhi Leonard zu schaffen.


Marquee Matchup

Die defensive Überlegenheit der Clippers spiegelt sich in allen Positionen wieder und könnte am Ende einer von mehreren Schlüsseln zum Sieg sein. Am deutlichsten manifestiert sich diese Überlegenheit aber im Matchup „Kawhi Leonard gegen Jeden“. Ganz egal wie Denver versuchen wird die Verteidigung rund um die Flügel-Stars Leonard und George zu knacken, ganz egal wer bei den Nuggets heißläuft: Coach Doc Rivers kann jederzeit Kawhi Leonard so einsetzen, dass er dem Gegner am meisten Schmerzen zufügt.


Unterm Strich fehlt Denver dann in der Situation schlicht und ergreifend die eine Waffe, die in einem Matchup mit dem schweigsamen Superstar auch nur ansatzweise Land sehen kann. Erschwerend kommt hinzu, dass „The Claw“ nach der langen Pause so erholt und fit ist wie lange nicht und daher seine Kräfte weniger einteilen muss als es beispielsweise letzte Saison in den Playoffs der Fall war und selbst da führte er sein Team am Ende zum Titel.


Warum Denver gewinnt

Ohne jeden Zweifel wäre ein Weiterkommen der Nuggets gegen dieses Clippers-Team, das seit der Verpflichtung von Kawhi Leonard und Paul George als einer der ganz großen Favoriten auf den NBA-Titel gilt, eine große Überraschung. Nichtsdestotrotz hat diese Truppe aus Colorado nicht zuletzt in der ersten Playoff-Runde bewiesen, dass sie auch schwierige Hürden überspringen können und immer für eine Überraschung gut sind.

Diese positive Energie und der Schwung mit drei Siegen in Serie, was sie übrigens zum erst zwölften Team in der NBA-Geschichte macht, das einen 3-1 Rückstand in einer Serie gedreht hat, dürfte die größte Hoffnung für die Nuggets sein, um die Clippers zu überrumpeln.

Spielerisch muss Denver auf individuell herausragende Auftritte hoffen, um realistisch im Rennen zu bleiben. Dass Jamal Murray ein heißer Kandidat dafür ist aufzudrehen und Punkte zu sammeln hat er in Runde eins bewiesen, auch Nikola Jokić könnte in Frage kommen, wenn es darum geht, wer die Rolle des Leaders übernimmt. Nachdem er sich bis auf Spiel sieben im Duell mit Rudy Gobert eher zurückhaltend präsentierte, könnte er diesmal eine größere Rolle einnehmen.


Das i-Tüpfelchen könnte beispielweise durch Michael Porter Jr. beigesteuert werden, der vor allem offensiv in Orlando gezeigt hat, wozu er fähig ist. Kann er diesmal auch defensiv standhalten, wäre er ein heißer Kandidat zur Geheimwaffe zu werden. Defensiv stabiler als MPJ, dafür offensiv weniger spektakulär und mit niedrigerer Ceiling ist Jerami Grant, der in seiner Rolle als 3&D-Spezialist immer solide auftritt, aber selten brilliert. Wenn er an beiden Enden eine überraschende Ausnahme-Leistung aufs Parkett bringt, kann das die erwartete Balance der Serie ins Wanken bringen.


X-Faktor Nuggets

Der größte Schlüssel zu einer kompetitiven Serie liegt womöglich bei Gary Harris. Seine Rückkehr im vorletzten Spiel gegen Utah war unterm Strich einer der wichtigsten Faktoren für das Weiterkommen seines Teams. Schon in Spiel sechs verhalf er Denver in seinen 20 Minuten zu einem Defensive Rating von 88,0 was verglichen mit dem Wert von 115,1 aus der Gesamtpartie absolut gigantisch ist.

Auch im entscheidenden Spiel 7 hielt er die Defensive der Nuggets beisammen und hinterließ seinen Eindruck nicht nur als On-Ball-Verteidiger, sondern auch als Hilfe für seine Kollegen. In einigen Szenen reichte die pure Anwesenheit und Möglichkeit, dass er unterstützen könnte schon, die Offensive der Jazz zu beeinflussen und zu verändern.


Eine solche Leistung wird es mit Sicherheit auch gegen LA wieder und wieder brauchen, um überhaupt in der Serie zu bleiben. Um eine Chance auf den Sieg zu haben sollte Harris diesmal auch offensiv wieder in die Spur finden. In den ersten beiden Spielen war das noch äußerst wacklig und auch problematisch. Kann er zumindest wieder an das Niveau der Regular Season anknüpfen, scheint er prädestiniert für die Rolle des X-Faktor.


Marquee Matchup

Gegen die Utah Jazz wurde er durch Top-Defender Rudy Gobert beinahe komplett abgemeldet. Als es in Spiel 7 aber wirklich drauf ankam war Nikola Jokić doch wieder der wichtigste Mann für das Team von Coach Michael Malone.

In der Conference Semifinal-Serie wird er diese Rolle so früh wie möglich ausüben müssen und eventuell auch können, denn die Clippers haben in Ivica Zubac und dessen Backup Montrezl Harrell keine adäquate Lösung zu Gobert im petto. Wenn die Clippers hier kreativ werden müssen, könnten sich an anderen Stellen auf dem Court Räume ergeben, die Jokić als einer der besten Passer seiner Größe aufspüren und ausnutzen wird.

Egal auf welchem Weg Jokić seine Vorteile einbringen kann ist er der Spieler, auf dem zu Beginn der Serie mehr Druck lasten wird. Mehr als auf dem zuletzt überragenden Murray, bei dem davon auszugehen ist, dass ihn die hervorragenden Flügelverteidiger der Clippers leichter ausschalten können als Jokić.


Die Rechnung, bitte!