04 September 2020

4. Sep, 2020


Aus 16 mach' 8. Die erste Playoff-Runde ist (fast) in den Büchern, die Spreu trennt sich weiter vom Weizen, nur noch die vier besten Teams der beiden Conferences bleiben im Rennen um die Larry O'Brien Trophy. Nach dem ersten Gang geht's jetzt ans Eingemachte: Für je zwei Mannschaften ist Platz in den jeweiligen Conference Finals – #NBACHEF hat wie immer auch die Semifinals auf der Karte.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 4. Sep, 2020

Entrée

Das beste Team des Westens trifft auf das mit den meisten Playoff-Teilnahmen in Folge (seit die San Antonio Spurs dieses Jahr im Rennen scheiterten). Los Angeles und LeBron James, bemüht, dem 16-fachen Meister die einstige Glorie wieder einzuhauchen, trifft auf Houston und James Harden, die in den letzten Jahren nur vom Überteam der Golden State Warriors gestoppt werden konnten.

An Superstars mangelt dieses Zweitrundenduell also ebenso wenig wie an historischen Komponenten: Zum neunten Mal stehen sich beide Mannschaften in der Postseason gegenüber, zuletzt 2009, als die Rockets ohne den verletzten Yao Ming dem späteren Champion um Kobe Bryant sieben Spiele abverlangte. Einer der größten Momente der Rockets-Geschichte geht auf die Conference Finals 1986 gegen Los Angeles und Ralph Sampsons historischen Tip-In mit Rücken zum Korb aus der Mitteldistanz zurück, der Houston in die Finals schickte.

Die Neuauflage in der Orlando-Bubble bringt zwei sehr unterschiedliche Philosophien und Spielstile zusammen. Houston ballert Dreier, spielt seit Februar ohne echten Center und setzt auf eine kleine Rotation. Die Lakers setzen dagegen auf klassischeren Basketball, sie sind stark an den Brettern und involvieren selbst in den Playoffs zehn oder mehr Spieler und verlassen sich an beiden Enden des Feldes auf ihre Superstars.

Dass nebenbei auch persönliche Geschichten aufgewärmt werden, verleiht dem Matchup zusätzliche Würze: Mike D'Antoni gegen sein ehemaliges Team, das ihm 2014 den Rücktritt nahelegte. Dwight Howard gegen sein ehemaliges Team, das ihn 2016 indirekt vom Hof jagte. Dazu ein Wiedersehen der Finals 2012, als LeBron James mit den Miami Thrice die sich erhebenden blutjungen Oklahoma City Thunder um James Harden und Russell Westbrook bezwang.


Los Angeles gegen Houston bedeutet LeBron James gegen James Harden auf Augenhöhe in einer Best of 7 Serie. Die NBA hatte in den Conference Semis schon Schlechteres im Programm.


Warum Los Angeles gewinnt

Die Lakers gehen weiter als Primus voran und erledigten in der ersten Runde ihre Pflichtaufgabe gegen die die Portland Trail Blazers abgesehen vom kleinen Wackler im ersten Spiel souverän.

Ganz im Gegenteil zu den Rockets, die sich trotz qualitativer Überlegenheit von den Oklahoma City in ein aufreibendes siebtes Spiel zwingen ließen. Die Serie gegen OKC offenbarte einmal mehr Houstons Abhängigkeit vom Dreier – trafen die Texaner vom Perimeter nicht, agierten sie plan- und hilflos mit Ball, rannten immer wieder kopfvoran gegen Wände. Noch haarsträubender waren ihre Fehler bei Inbound-Plays in der Crunchtime vor allem im dritten und sechsten Spiel.

Für ein Team von und um LeBron James sind solche Inkonsistenzen und Kapriolen undenkbar (zumindest wenn J.R. Smith nicht auf dem Feld steht). Die Lakers können sich auf ihren Superstar verlassen, der in den Playoffs zuverlässig abliefert, oft noch einen Gang hoch schaltet und jahrelang in der Eastern Conference jede kleine Schwäche erbarmungslos bestrafte.


Interessant wird Coach Frank Vogels Antwort auf Houstons kleines Lineup. Die Haudegen JaVale McGee und Dwight Howard werden nur schwer spielbar sein – Houston würde sie mit Pick-and-Roll konsequent aus der Zone locken und dann gezielt attackieren. Schon beim letzten Aufeinandertreffen am 7. August stellte Vogel daher seinen zweiten Superstar Anthony Davis auf dessen ungeliebte Center-Position.

AD als ebenso wuchtiger wie athletischer und wurfstarker Big Man ist Houstons gelebter Alptraum, da er den Ring ebenso wie die Dreierlinie zu beschützen vermag und anders als etwa Steven Adams oder Utahs Rudy Gobert in den Playoffs 2018 und 2019 vom Small Ball-Lineup nicht bloßgestellt wird.

Ansonsten gilt das, was seit Jahren in den Playoffs bis in die Finals hinein oft bis immer gilt: LeBron gewinnt.


X-Faktor Lakers

Zu oft bringen bringen James und Davis mehr als die halbe lila-goldene Miete aufs Scoreboard. Gegen die offensiv potenten Rockets wird das auf Dauer nicht gut gehen, eine verlässliche dritte Option muss her. Kentavious Caldwell-Pope und Danny Green sind dafür zu unbeständig, daher ist Kyle Kuzma Coach Frank Vogels beste Option.

Der 25-Jährige punktete gegen Portland nur bescheiden (10,8 pro Spiel), in der zweiten Runde brauchen die Lakers seinen Input wie in Spiel 4, als er mit 18 Punkten und 5-9 von der Dreierlinie entscheidenden Anteil am Sieg hatte.


Sollte sich Vogel wie vermutet gezwungen sehen, sein Lineup zu verkleinern und Anthony Davis als Center aufzustellen, dreht sich der Scheinwerfer automatisch zu Kuzma, in Form von mehr Minuten, aber auch einer höheren Scoring-Erwartung.


Marquee Matchup

Frank Vogel gegen James Harden und Russell Westbrook. Die Lakers stellen zwar gemäß Vogels Naturell eine herausragende Defensive, den einen Verteidigungsspezialisten auf den kleineren Positionen – ein Kettenhund à la OKCs Luguentz Dort – lässt der Kader aber vermissen. Avery Bradley wäre prädestiniert gewesen, sich Houstons All-Star Duo in den Weg zu stellen, der ehemalige Celtic verweigerte jedoch die Reise nach Orlando.

Die ersten Alternativen, KCP und Danny Green, sind durchaus brauchbare Verteidiger, müssten allerdings wie Lu Dort von den Thunder über sich hinauswachsen, um Harden und Westbrook im Zaum zu halten. Der Weg in die Conference Finals führt folglich nur über Vogels Kniffe gegen die MVPs 2017 und 2018. Mutmaßlich wird LeBron höchstpersönlich am Perimeter aushelfen.


Warum Houston gewinnt

Weil Drei größer als Zwei ist. In der Regular Season gehörte Los Angeles aus gutem Grund zum unteren Drittel bei den versuchten Dreiern, auch in der Bubble und in der Erstrundenserie gegen die Portland Trail Blazers fielen sie kaum als sonderlich verwegen aus der Distanz auf.

Im Schnitt nahm Los Angeles in der ersten Runde 16 Dreier pro Partie weniger als ihr Herausforderer. Dass Houston in dieser Disziplin keine Kompromisse eingeht ist hinlänglich bekannt, das Personal dafür haben sie optimiert, sämtliche Starter (Westbrook mit sehr viel gutem Willen) sind von Draußen gefährlich. Selbst die Bankspieler Jeff Green, Austin Rivers oder Ben McLemore können jederzeit heiß laufen. Ohne valide Antwort auf den Dreierregen aus Texas reicht schon eine durchschnittliche Quote, um die oftmalige Two Man Show in Lila-Gold vor Schwierigkeiten zu stellen.

Das und die beiden MVPs im Backcourt macht die Rockets zu keinem willkommenen Matchup für die LeBrons. Houston wird die Größenvorteile der Lakers in gewohnter Manier in Kauf nehmen und ihnen die Bretter überlassen, stattdessen wie schon gegen die Thunder (im Schnitt 17,0 Turnover) Ballverluste erzwingen. Ohne einen gelernten Spielmacher von Format werden auch die Lakers hier anfällig sein (15,0 Turnover gegen die qualitativ benachteiligten Trail Blazers).


Anders als nach einer langen Regular Season mit 82 Spielen in fünf Monaten muss die lange Pause der Lakers infolge des deutlichen 4-1 Sieges über Portland nicht zwingend von Vorteil sein: Wegen des Spielerboykotts der letzten Woche hat Los Angeles seit dem 25. August nur eine einzige Partie auf Wettkampfniveau bestritten. Die Rockets stehen derweil voll im Wettkampfmodus, im Rhythmus, bieten derweil einen ausgeruhten Westbrook auf, der dem Zweitrundengegner in den beiden direkten Begegnungen im Frühjahr 35 und 41 Punkte einschenkte.


X-Faktor Rockets

Wieder Eric Gordon. Gegen OKC in der ersten Runde traf der einstige Three Point Contest Winner (2017) geradezu läppische 23,3% von Downtown, erwies sich aber mit Ball dank seiner energetischen Drivers und gegen den Ball mit exzellenter Defense gegen die Guards der Thunder als eine der Stützen des Einzugs in die nächste Runde.

Gegen die Lakers darf sich Gordon eine Wurfschwäche dieses Ausmaßes nicht leisten – wobei ihm Russell Westbrooks Rückkehr sehr zugute kommen wird und zusätzlichen Raum schaffen, außerdem die Last des Playmakings in Hardens Absenz von den Schultern nimmt. Die Rockets benötigen ihre Rückennummer 10 als Schützen und Verteidiger in Hochform.


Marquee Matchup

P.J. Tucker und Robert Covington gegen Anthony Davis. Im Small Ball-Lineup der Raketen ergeben sich auf den ersten Blick wenige Antworten auf den ultradominanten Big der Lakers. Bei genauerem Hinsehen erwartet die Monobraue jedoch ein Abnutzungskampf gegen zwei kleinere, dafür unnachgiebige wie unangenehme Gegenspieler. Nicht zufällig weisen die Rockets nach der ersten Runde das beste Defensiv-Rating der Association auf (101,7).


Selbstverständlich ist Davis vor allem im Angriff ein ganz anderes Kaliber als Oklahoma Citys Steven Adams oder Nerlens Noel, gleichzeitig sind die Lakers und auch ihr Coach Vogel nicht für eine variable bis unberechenbare Offensive bekannt. Den in den Playoffs noch unerfahrenen AD zu entnerven wird also von elementarer Bedeutung sein.


Die Rechnung, bitte!