05 September 2020

5. Sep, 2020


Die zweite Playoff-Runde hat begonnen. Mit den Conference Finals in Greifweite nimmt das Drama in der besten Liga der Welt weiter seinen Lauf – und die NBACHEF-Redaktion zückt seine Küchenmesser, um die zweite Runde mundgerecht aufzubereiten. Wo wird’s knapp, wo wird’s eindeutig? Welches Matchup steht rot markiert auf dem Speiseplan? Das und viel mehr hier im Menü...

von NBACHEFSQUAD  | 5. Sep, 2020


Round 1 MVP

Christoph Lenz @NBAKenner: Großartige Leistungen in engen Duellen gab es insbesondere im Duell Utah gegen Denver zu sehen, insbesondere Donovan Mitchell konnte mit seinen 36,3 Punkten herausstechen. Doch den Spieler eines unterlegenen Teams zum MVP zu ernennen ist in der Regular Season kein Thema und sollte auch hier kein Thema sein. Auf Platz Drei landet für mich als „Honorable Mention“ Anthony Davis. Am Ende ist es aber ein Duell zwischen Jamal Murray, der mit unfassbaren 53,3% Dreierquote der heißeste Spieler der Runde war und dem Regular Season MVP Giannis Antetokounmpo, der nach einem kurzen Wackler in Game 1 seinen Bucks zum ungefährdeten Weiterkommen verhalf. Für mich sind Giannis' 30,6 Punkte, 16 Rebounds und sechs Assists pro Spiel bei einem +/- Rating von +11,8 zu gut, um ihn im besten Team der Runde nicht zum MVP zu küren.

Marc Lange @godzfave44: Knappe Geschichte zwischen Luka Dončić und Jamal Murray. Beide Guards haben in Runde eins der Playoffs mit unfassbar viel Herz gespielt. Der Guard der Nuggets konnte das Ruder nach dem 1-3 Rückstand gegen die Jazz allerdings noch herumreißen – von daher kriegt er meine Stimme. Von seinen Performances in den Spielen vier (50 Punkte), fünf (42) und sechs (50) wird Murray sicherlich seinen Enkeln noch erzählen.

Gerrit Lagenstein @GAL_Sports: Ich breche mit der Regel, dass es ein Spieler sein muss, der sein Team in die nächste Runde geführt hat. Dass die Jazz fast den Upset geschafft hätten, lag einzig allein an Donovan Mitchells Leistungsexplosion. Kein Baller legt mal einfach so zwölf Zähler pro Partie mehr auf als in der regulären Saison, meiste Dreier in einer Playoff-Serie inklusive. In Spiel sieben fehlte endgültig die Unterstützung.

Jonas Röhrig @jonasRo19: Hier Jamal Murray zu wählen ist zwar die einfache, aber für mich richtige Wahl. Der 23-Jährige machte gegen die Jazz einen Sprung, den wirklich niemand hat kommen sehen. Seine Statistiken sprechen für sich; 31,6 PPG bei 53% Dreierquote, die meisten Punkte in drei aufeinanderfolgenden Playoffspielen seit MJ, an knapp 44% des gesamten Teamscorings direkt beteiligt und dazu noch einen 3-1 Rückstand aufgeholt. Auch wenn er wenig bis gar nicht verteidigt, war er allein durch seine Offense der mit Abstand wichtigste Spieler der ersten Runde.


Daniel Schlechtriem @W14Pick: Donovan Mitchell gegen Jamal Murray war das packendste Duell der ersten Runde und auch wenn beide die Auszeichnung verdient hätten, geht sie naturgemäß immer an den Sieger. Murray hat seine Klumpen phasenweise alleine am Leben gehalten und damit das inzwischen en vogue geratene 4-3 aus 1-3 Comeback möglich gemacht. Für einen 23-Jährigen, der bislang in den Playoffs kaum eine Rolle gespielt hat, ist das bemerkenswert.


4 the Sweep

Lenz: Ein Sweep in Runde zwei ist gar nicht so ungewöhnlich wie man vielleicht annehmen würde. In den letzten zehn Jahren gab es in Runde zwei insgesamt neun davon. Angesichts der engen Lage in der Spitze beider Conferences scheint ein Sweep eher unwahrscheinlich, aber falls es in einer Serie denkbar ist, dann am ehesten im Duell zwischen Clippers und Nuggets. Die Clippers konnten die starken Mavericks bezwingen und dürften gegen Denver rein auf dem Papier größere Vorteile haben, dazu kommt die harte und lange Serie aus Runde eins in den Beinen der Nuggets.

Lange: Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass irgendein Team in Runde zwei gesweept wird. Dafür gab es während der gesamten Bubble-Phase schon zu viele Überraschungen und wilde Offensivfeuerwerke. Wenn Orlando ein Spiel gegen Milwaukee gewinnen kann, scheint grundsätzlich sowieso alles möglich. Aber genau deswegen sind diese Playoffs bisher auch so mitreißend: es kann alles passieren! Eine schöne Abwechslung zu der jüngeren Vergangenheit, in der die Playoffs bis zu den Finals lediglich eine Formalität für die Warriors und Cavaliers waren, um dann schließlich die Meisterschaft unter sich auszuspielen.


Lagenstein: Die Nuggets sind platt, während die Clippers endlich in Bestbesetzung auftreten. Patrick Beverley ist wieder fit. LA hatte schon in den letzten drei Duellen recht wenig Probleme mit Denver. Das wird sich auch in den nächsten drei nicht ändern.

Röhrig: Auch wenn Murray mein Round 1 MVP ist, muss ich hier wieder Denver wählen, denn die Nuggets haben gegen die Clippers leider gar keine Chance. Mit Pat Beverley können sie den vielleicht bestmöglichen Verteidiger für Murray aufs Parkett stellen und auch Jokić hatten sie in Spiel eins voll im Griff. Dazu ist Michael Malones Flügelrotation mit Abstrichen von Jerami Grant gegen Kawhi und Co. aufgeschmissen. Paul Millsap ist mittlerweile zu langsam, Torrey Craig zu klein und MPJ noch viel zu grün um hier defensiv mithalten zu können. Dazu hat LA mit Doc Rivers den viel erfahreneren und besseren Coach auf seiner Seite... Sweep!

Schlechtriem: Ich bin ehrlich: Vor Beginn der zweiten Runde hätte ich nicht gedacht, dass die Heat den Bucks etwas entgegen zu setzen haben. Darüber den Mantel des Schweigens. Gefährdet sehe ich außer den Hirschen vorm Laster namens Jimmy sonst nur die Nuggets. Denver hat weder die Mittel noch die Erfahrung, LA gefährlich zu werden und keine Chance auf die Conference Finals. Diese Serie ist nur eine Frage der Höhe und der Sweep durchaus im Bereich des Möglichen.


5 Star Blockbuster

Lenz: Der große Favorit im Osten gegen das spannendste und aufstrebendste Team das die Conference zu bieten hat. Miami gegen Milwaukee, Heat gegen Bucks, Giannis gegen den Rest der Welt, entweder wird die Serie eine der großen Überraschungen mit potentiell monströsen Folgen für das Gleichgewicht der Liga oder es wird ein weiterer Meilenstein auf der Reise des Greek Freak zum „Next Big Thing“.


Lange: Die Serie der Lakers und Rockets macht zwar auf dem Papier richtig Laune, auf dem Platz verspreche ich mir jedoch noch etwas mehr Spannung bei den Celtics und Raptors. Beide Teams sind komplett auf Augenhöhe und hier erwarten uns sicherlich noch mindestens drei weitere Achterbahnfahrten. Die Ergebnisse aus Spiel zwei (drei Punkte Unterschied) und Spiel drei (ein Punkt Unterschied) sind dafür auf jeden Fall ein gutes Omen.

Lagenstein: Was die Star-Power angeht, führt kein Weg vorbei an Lakers vs. Rockets. LeBron und AD gegen Harden und Westbrook. Wer brauch da noch sechs weitere Spieler auf dem Feld? Dazu das Duell der völlig unterschiedlichen Spielsysteme. Im letzten Aufeinandertreffen holte Los Angeles 14 Rebounds mehr als Houston. War den Raketen relativ egal: Sie trafen 19!!! Dreier mehr. Dieser Blockbuster wird vielleicht nicht mit seiner Ästhetik glänzen, Spannung ist aber garantiert.

Röhrig: Selbst ohne meine Miami-Brille ist die Heat/Bucks Serie das vorgezogene Conference Final im Osten und die klar beste Serie in der zweiten Runde. Die ersten beiden Spiele waren enorm unterhaltsam und spannend bis zur wortwörtlichen letzten Sekunde. Für Taktiknerds ist außerdem die Defense der Heat gegen Giannis und das variable Adjustment beider Coaches (in Spiel zwei standen insgesamt 20 unterschiedliche Spieler auf dem Parkett) wirklich faszinierend. Wenn Coach Bud endlich damit aufhört die Belastung seiner Stars so zu steuern als sei Januar, werden die Bucks auch noch mindestens zwei Spiele gewinnen und die Serie dadurch noch besser machen.

Schlechtriem: Lakers gegen Rockets. Drei MVPs plus Anthony Davis sind mehr als genug Blockbuster für eine zweite Runde.


Light of the 7

Lenz: Seit Jahren umschwirren sich die Celtics und Raptors als Top-Teams im Osten und endlich treffen sie auch in einer Playoff-Serie aufeinander. Die Teams liegen so eng beisammen, dass das Duell ausgekostet wird und erst in Spiel sieben seinen Sieger findet.

Lange: Es würde mich nicht wundern, wenn mehrere Serien in der zweiten Runde ein siebtes Spiel brauchen, um einen Sieger zu finden. Die eben erwähnten Celtics und Raptors sind heiße Kandidaten dafür. Wünschen würde ich es mir jedoch mehr bei den Lakers und Rockets. Houston hatte zwar in der ersten Runde teilweise ordentlich Sand im Getriebe. Aber wenn der Dreier-Dauerregen aus Texas einmal anfängt zu fallen, werden LeBron James und Anthony Davis mehr Zeit in der zweiten Runde verbringen als ihnen lieb ist.

Lagenstein: Die Bucks müssen nach dem 0-3-Rückstand in den nächsten Gang schalten und das werden sie auch. Da es in der Bubble glücklicherweise keine Auswärtsspiele gibt, wird die Aufholjagd keine Mission Impossible. Gelingt der Sieg in Spiel vier ist eine lange Serie nicht ausgeschlossen. Das wäre schon in Spiel zwei passiert, wenn die Bucks den Start nicht so verschlafen hätte und Giannis den Close-Out etwas weniger aggressiv läuft.

Röhrig: Die Serie zwischen den Ultra-Small-Ball Rockets und Lakers wird für neutrale Zuschauer wahrscheinlich eine der seltsamsten Serien seit Langem werden. Davis wird gegen P.J. Tucker wohl 35+ im Schnitt auflegen und LeBron eine Layup-Line zum Korb vorfinden, nachdem er seinen ersten Verteidiger schlägt. Auf der anderen Seite können die Rockets in jedem Spiel theoretisch 40 Dreier treffen und Los Angeles offensiv davonlaufen. Weil die Serie so unvorhersehbar ist und beide Mannschaften Vorzüge haben, die sie an einem guten Tag zum besseren Team machen kann ich mir vorstellen, dass es über die volle Distanz geht.

Schlechtriem: Seit O.G. Anunobys Game Winner ist die Serie zwischen den Raptors und Celtics wieder der erste Kandidat. Aber nicht der einzige: Die Bucks werden noch mal zurück schlagen, sehen aber derzeit nicht wie eine Mannschaft aus, die vier in Folge gewinnt. Dafür kann Los Angeles gegen Houston gut und gerne in ein siebtes Spiel gehen.



99 Problems

Lenz: Die Orlando Magic sind mit Sicherheit das „schwächste“ Team, das in Runde eins die Segel streichen musste, allerdings sind dort auch die Erwartungen relativ gering, sodass das problembehaftetste Team aus Philadelphia kommt, wo für das Front Office auch nach der Entlassung von Brett Brown enorm wichtige Entscheidungen anstehen und die Zukunft des aktuellen Teams akut in Frage steht.

Lange: Die Orlando Magic sind momentan in der Mittelmäßigkeit gefangen. Mit dem jetzigen Kader kann das Team von Steve Clifford weiterhin um den achten Platz im Osten mitspielen. Das war es dann aber auch schon. Es fehlt ein ausgewiesener Superstar oder jemand, der das Potenzial hat, solch einer zu werden. Daher sollte Orlando sich bemühen zumindest im kommenden Draft einige Plätze nach oben zu rutschen. Mit dem fünfzehnten Pick im Jahr 2020 wird nämlich wahrscheinlich kein neues Gesicht für die Franchise nach Florida gelotst. Über andere Wege ist die Situation ebenfalls kompliziert: Die Magic agieren bereits über dem Salary Cap, was potenzielle Offseason-Verpflichtungen sicherlich nicht einfacher macht.

Lagenstein: Ich sehe nur 76 Probleme und die kommen aus Philadelphia. Mit diesem Kader in der ersten Runde gesweept zu werden, hat zurecht einige Arbeitsplätze gekostet. Vielleicht gelingt es dem neuen Trainer, zwischen Embiid und Simmons endlich eine Synergie aufzubauen. Das löst aber nicht das Problem der überzahlten wie unpassenden Rollenspieler.


Röhrig: Gibt es hierauf eine andere Antwortmöglichkeit als die Sixers? Eine Franchise, deren beste Spieler auch nach drei Jahren nicht miteinander harmonieren und die durch die Deals von Harris und Horford in der Salary-Cap-Hölle gefangen ist. Brett Brown fand nie eine Lösung um das Projekt „Big Ball ohne Shooting“ offensiv ans Laufen zu bekommen und musste nun seinen Hut nehmen. Der neue Coach wird viel Einfluss darauf haben, in welche Richtung es in der nahen Zukunft geht, aber momentan ist das Ergebnis vom „Process“ aufgrund miesen Managements ziemlich ernüchternd.

Schlechtriem: Orlando und Philadelphia sind valide Antworten, die ich sofort unterschreibe. Ergänzend nenne ich noch die Indiana Pacers. Fünf First Round Exits in Folge sprechen für sich, ebenso wie die Entlassung des Head Coaches, der eben erst eine Vertragsverlängerung unterzeichnet hat. Der Kader birgt Potential, agiert aber nicht stimmig, Brogdon und Lamb sind überbezahlt, Oladipo wird 2021 Unrestricted Free Agent und bereits aus South Beach angefunkt. Die bevorstehenden Entscheidungen, vor allem die betreffend des nächsten Trainers, müssen sitzen. Ein Trade um dem stagnierenden wie redundanten Myles Turner würde auch nicht schaden, wenngleich die Pacers den optimalen Zeitpunkt verpasst haben.