20 November 2020

19. Nov, 2020


Eine Menge war los beim NBA Draft 2020. Chaos wurde erwartet, Chaos macht sich breit auf der virtuellen Draft-Bühne. Mehr als ein Drittel der 60 Picks wechselten irgendwann den Besitzer. Als sich die Wogen geglättet hatten, blieben wie immer klare Gewinner zurück - und das ein oder andere Fragezeichen. 

von AXEL BABST @BabstMadness | 19. Nov, 2020

Die Lottery
Ohne allzu große Überraschungen begann der Draft in geordneten und erwartbaren Bahnen. Erst beim vierten Pick war etwas Überraschung angebracht. Patrick Williams, Freshman der Florida State Seminoles, war die Wahl der Chicago Bulls. Auch wenn dem Defensivallrounder durchaus Potential bescheinigt werden kann und eine Wahl in der Lottery nicht unwahrscheinlich erschien, war dieser frühe Zeitpunkt nicht unbedingt zu erwarten. Aufgrund der fehlenden, herausstechenden Alternativen, die eine deutlich bessere Wahl gewesen wären, ist diese Entscheidung nicht wirklich zu kritisieren. 

Während die Hawks an sechster Stelle mit Onyeka Okongwu einen Konsens beim Beobachtergremium erzielen und in diesem Zusammenhang einhellig positiv Benotungen erhielten, spaltet sich die Gemeinde bei der Wahl von Obi Toppin an achter Stelle. Der Highflyer hat sicherlich seine Schwächen und einige Spieler, die nach ihm gezogen wurden, offerieren mehr Potential. Doch Toppin ist bei weitem nicht der offensichtliche Flop, als der er zum Teil abgestempelt wird.

Für die größte Überraschung und in Teilen auch Entsetzen sorgte die Entscheidung der Suns, mit ihrem zehnten Pick Jalen Smith auszuwählen. Der Maryland Big kann sicher mal ein solider Rollenspieler in der NBA werden. Doch an dieser Stelle wären Jungs verfügbar gewesen, die diesen Status nicht als Best, sondern als Worst Case für sich beanspruchen können - mit entsprechender Upside. Dieser Pick wird in fünf Jahren nicht besser aussehen als jetzt. Und selbst der erste Eindruck lässt sich nicht schönreden.

Zwei Guards, die am Ende der Lottery gepickt wurden, hätten hingegen deutlich früher gezogen werden müssen - zumindest gemessen an ihrem Potential. Tyrese Haliburton ist sicher ein Top10-Kandidat dieses Jahrgangs. Bei Kira Lewis Jr. weiche ich gerne vom Konsens ab und unterstreiche ein Mal mehr, dass ich keineswegs überrascht wäre, wenn der schnellste Spieler des Drafts auch in Retrospektive zum besten Ballhandler des Drafts aufsteigt. Die Mischung aus vorhandenen, aber weiterhin ausbaufähigen, Skills und exzellenten Anlagen lässt Großes erhoffen. Der Fit bei den Pelicans dürfte ihm sehr gelegen kommen.

Der Pick von Aaron Nesmith war hingegen ein unerwartet früher Pick. Als relativ eindimensionaler - aber absolut verlässlicher - Shooter ist Nesmith ein absoluter Spezialist. Immerhin: Er kann nicht nur den Catch & Shoot Dreier treffen, sondern ist auch aus der Bewegung, beispielsweise nach offball-Screens, sehr zielsicher. Trotzdem werden die Celtics eher früher als später feststellen müssen, dass sie mit diesem Pick Spieler mit einer erwartbar besseren Karriere hätten ziehen können.

1. Runde
In der zweiten Hälfte der ersten Runde wechselten sich nachvollziehbare mit fragwürdigen Entscheidungen stetig ab. Der größte Steal in dieser Auflistung könnte Tyrese Maxey werden. Bis zum 21. Pick musste sich der Kentucky Guard gedulden, ehe die 76ers zuschlugen. Auch wenn ich bei Maxey skeptisch bin, ob er je einen verlässlichen NBA Dreier entwickeln wird und ich für ihn noch keine eindeutige Rolle in einer NBA Offense definieren könnte, hat Maxey sicher Lottery Potential und ist alleine durch seinen Wettkampfeifer ein Zugewinn.

Nicht ganz so viel Upside, aber zumindest sehr verlässlichen Output dürften Josh Green (18. Pick, Mavericks), Saddiq Bey (19. Pick, Pistons), Malachi Flynn (29. Pick, Raptors) und Desmond Bane (30. Pick, Grizzlies) liefern. In dem einen oder anderen Fall könnte man darüber diskutieren, ob die Ziehung nicht ein paar Plätze zu früh erfolgte - aber das sind eher Detailfragen. Besonders Green in Dallas und Bane in Memphis werden ihren Fußabdruck hinterlassen und sich als edle Zuarbeiter erweisen. Flynn wird gerne - und nicht zu unrecht - mit Fred VanVleet verglichen, nun können die Doppelgänger in den gleichen Trikotfarben für Verwirrung sorgen.

Überraschend früh wurden einige Bigs gewählt. Isaiah Stewart (16. Pick, Trail Blazers), Zeke Nnaji (22. Pick, Nuggets) und Udoka Azubuike (27. Pick, Jazz) sind allesamt interessante Bigs, die durch ihre Reboundstärke und Physis vereint sind. Doch es stellt sich ein wenig die Frage, wie gut der Archetyp in der NBA funktioniert und ob man zu so einem frühen Zeitpunkt im Draft nicht talentiertere Spieler mit passenderem Profil gefunden hätte.

Kontrovers lassen sich die Picks von Aleksej Pokusevski (17. Pick, Thunder), Precious Achiuwa (20. Pick, Heat), Leandro Bolmaro (23. Pick, Timberwolves) und R.J. Hampton (24. Pick, Nuggets) diskutieren. Alle Spieler haben ihre Reize, doch auch gewaltige Fragezeichen. Achiuwa könnte als Small Ball Fünfer ein perfekter Backup für Bam Adebayo werden - wenn er diese Rolle als Fünfer akzeptiert und nicht länger als Tweener identitätslos vor sich hin irrt. Pokusevski und Hampton haben eine Menge Upside, sind aber auch keine risikoarmen Picks. Bei Bolmaro stellt sich für mich die Frage, wie er in die NBA passt. Kann er als Joe Ingles Abzug eine Rolle finden oder ist er nicht doch besser in der Euroleague aufgehoben?

Bei Immanuel Quickley (25. Pick, Knicks) und Payton Pritchard (26. Pick, Celtics) ist der frühe Zeipunkt überraschend. Beide könnten mal solide NBA Backups werden. Doch an Guards mit mehr Perspektive hätte es zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht gemangelt.

2. Runde
Durch einige fragwürdige Entscheidungen im Vorlauf und zu Beginn der zweiten Runde konnten viele Teams selbst in der Mitte und am Ende der zweiten Runde noch Jackpots landen - gemessen am späten Zeitpunkt. 

Tyrell Terry (31. Pick) und Tyler Bey (36. Pick) sind gleich zwei PAC-12 Spieler, die auch durchaus früher hätten gezogen werden können, Neuerrungenschaften der Mavericks. Terry bringt sehr viel Shooting und dank seiner Jugend auch eine ordentliche Portion Upside mit, wohingegen Bey ein ungemein kompletter und kompetitiver Verteidiger mit hohem Spielverständnis ist.

Ähnlich verhält es sich mit Théo Maledon (34. Pick, Thunder) und Xavier Tillman Sr. (35. Pick, Grizzlies). Beide werden ihren neuen Teams entweder auf Anhieb helfen können (Tillman) oder aber in Zukunft dank ihrer Upside enorm viel Freude bereiten (Maledon). An dieser Stelle noch solche Jungs zu picken, können die betreffenden Teams als Glücksfall werten.

Vor allem die Qualität der Guards sticht in der späten zweiten Runde hervor. Yam Madar (47. Pick, Celtics), Nico Mannion (48. Pick, Warriors), Isaiah Joe (49. Pick, 76ers), Skylar Mays (50. Pick, Hawks) und Grant Riller (56. Pick, Hornets) werden über kurz oder lang allesamt einen Impact in der Liga haben. Gerade Mannion und Riller sind deutlich tiefer gefallen, als es zu erwarten gewesen wäre.

Ungedrafted

Neben Ty-Shon Alexander, Trevelin Queen und Dwayne Sutton, die an anderer Stelle bereits ausführlicher vorgestellt wurden, mussten eine ganze Reihe weiterer interessanter Spieler akzeptieren, nicht gedraftet worden zu sein. 

Killian Tillie und Devon Dotson sind sicher die bekanntesten Namen. Tillie wäre sicherlich jemand, der unter normalen Umständen in der ersten Runde gezogen worden wäre. Doch der Franzose plagt sich immer wieder mit hartnäckigen Verletzungen herum und dürfte entsprechend abschreckend auf viele Teams gewirkt haben. Memphis sicherte sich in der Zwischenzeit bereits die Dienste des Gonzaga Alumnus. Als Stretch Big kann einer gesunder Tillie einen gehörigen Einfluss auf NBA Spiele nehmen.

Bei Dotson ist etwas schwieriger zu beurteilen, weshalb er nicht gedraftet wurde. Er gehörte zu den besten Guards der NCAA und wird auch in der NBA seinen Weg gehen. Sicherlich hat er körperliche Limitationen zu kaschieren, doch diese sollten zu bewältigen sein. Sein Spielverständnis, seine Speedvariation und sein ordentlicher Wurf sind jedenfalls Türöffner.

Abschließend lohnt es sich, die Namen dreier Guards in den Mund zu nehmen: Jordan Ford, Markus Howard und Nate Darling. Ford ist ein wahrer Wirbeldwind, der jeder Zeit seinen Gegenspieler schlagen, in die Zone eindringen und dort notfalls per Floater abschließen kann. Wenn auch nur ein Spieler in der NCAA ansatzweise vergleichbar mit Steph Currys Wurfauswahl entlang der Dreierlinie war, dann lautete dessen Name Markus Howard. Howard konnte problemlos 40 Punkte mit teils schwierigsten Pull-up Dreier erzielen und wird diesen Skill auch in der NBA anbringen - defensiv und körperlich gehört er nur an sehr guten Tagen in die Liga. Darling ist ein weiterer Shooting Spezialist. In Delaware verbrachte er fern der großen Scheinwerfer seine College Zeit. Tendenziell wird der Weg für ihn nach Europa gehen. Doch der Wurf gibt ihm zumindest die Chance auf einen NBA Rosterspot. 

Teams
Atlanta Hawks: Onyeka Okongwu (6), Skylar Mays (50)

Zwei Picks, zwei Treffer. Okongwu ist der beste potentielle Big des Drafts und Skylar Mays einer der smartesten Spieler. Beide werden auf Anhieb Hilfen sein.

Boston Celtics: Aaron Nesmith (14), Payton Pritchard (26), Yam Maddar (47)

Wenn der letztgenannte Spieler aus der zweiten Runde der interessante Pick ist, kann das entweder dafür sprechen, dass eben jener Spieler ein absoluter Steal ist, oder aber dafür, dass die ersten Picks ein wenig Ratlosigkeit hinterlassen. Weder Nesmith noch Pritchard waren zu dem Zeitpunkt die besten verfügbaren Spieler.

Charlotte Hornets: LaMelo Ball (3), Vernon Carey Jr. (32), Nick Richards (42), Grant Riller (56)

Auf der einen Seite ist es nicht unwahrscheinlich, dass LaMelo Ball der beste Spieler des Drafts wird und auch Grant Riller zeigt, dass er eigentlich in der ersten Runde hätte gezogen werden müssen. Auf der anderen Seite sind die Picks von Carey Jr. und Richards etwas achselzuckend zur Kenntnis zu nehmen. Beide gehören aufgrund ihrer Schwierigkeiten in der Pick & Roll Defense nur noch bedingt in die NBA, auch wenn sich speziell Richards zuletzt in dieser Disziplin steigern konnte.

Dallas Mavericks: Josh Green (18), Tyrell Terry (31), Tyler Bey (36)

Besser hätte die Nacht für die Mavericks kaum laufen können. Josh Green ist eine perfekte Ergänzung zu Luka Doncic. Tyrell Terry bietet eine Menge Upside und ist eine jüngere Version von Seth Curry mit etwas mehr Allroundgame. Tyler Bey ist ein weiterer harter Arbeiter mit Ähnlichkeiten zu Dorian Finney-Smith.

Detroit Pistons: Killian Hayes (7), Isaiah Stewart (16), Saddiq Bey (19), Saben Lee (38)

Die Wahl von Isaiah Stewart fällt ein wenig aus der Reihe, aber die restlichen Picks sind überaus solide. Gerade Saben Lee könnte für eine Überraschung gut sein.

Memphis Grizzlies: Desmond Bane (30), Xavier Tillman (35)

Optimaler hätte es nicht laufen können. Zwei Veteranen, die Erstrundentalent besitzen und dem Team sofort helfen, sind ein attraktiver Preis zu solch späten Zeitpunkten. Wie schon in den Vorjahren passiert in der Draft Nacht viel Gutes in Memphis.

Philadelphia 76ers: Tyrese Maxey (21), Théo Maledon (34), Isaiah Joe (49), Paul Reed (58) 

Jeder dieser Spieler hat entweder direkten Impact oder zumindest viel Potential. Maxey und Maledon wurden zuvor schon angeschnitten. Bei Joe sorgte erst eine späte Kehrtwende dafür, dass er sich doch noch zum Draft anmeldete bzw. angemeldet blieb. Neben dem Scharfschützen ist bei Paul Reed nicht so ganz klar, wie verlässlich der Wurf ist. Die Technik ist extrem gewöhnungsbedürftig, aber ein Gamble an dieser Stelle kann sich nur bezahlt machen.

San Antonio Spurs: Devin Vassell (11), Tre Jones (41)

Zwei defensivstarke Spieler, die offensiv noch lange nicht am Ende der Fahnenstange angelangt sind. Gerade Vassell ist ein typischer Pick für die Spurs und wird sich noch sehr bezahlt machen.

Toronto Raptors: Malachi Flynn (29), Jalen Harris (59)

Viel besser hätte es nicht laufen können. Zwei erfahrene Guards, die sofort helfen und auch in die Spielkultur passen. Gerade in Harris schlummert noch ungeahntes Potential.