16 November 2020

16. Nov, 2020


Die alljährliche Talentewahl steht wieder an. Mal wieder wird von einem der schwächsten Jahrgänge des Millenniums gesprochen. Nicht zuletzt deshalb lohnt sich ein detaillierter Blick auf ausgewählte Prospects des Drafts. Denn auch 2020 tümmelt sich der ein oder andere Sleeper unter den zahlreichen Namen.

von AXEL BABST @BabstMadness | 16. Nov, 2020

Kontext
Basics: Athletischer Wing, 3-and-D, 6'6'' in Schuhen, ??? Wingspan, ??? Standing Reach, Jahrgang '97

Stats 19-20 (via Basketball-Reference): 



Team und Karriere: Der Name der Trevelin Queen ist wirklich nur den Hardcore Nerds mal untergekommen. Queen musste den Umweg über das Junior College nehmen, ehe er vor zwei Jahren das Interesse von Chris Jans und den New Mexico State Aggies weckte. Die Aggies sind seit jeher der Contender der sehr kleinen WAC, sorgen allerdings schon immer wieder für Augenbrauen hebende Resultate im NCAA Tournament. 

So auch 2019, als sie die Auburn Tigers mit 77:78 am Rande einer Niederlage hatten und somit um ein Haar den nachfolgenden Final Four Run der Tigers direkt nach wenigen Stunden verhindert hätten. 14 Punkte, fünf Rebounds und sechs Assists legte Queen damals von der Bank auf und sorgte damit erstmals auf großer Bühne für Aufsehen. 

In seinem zweiten, zugleich finalen, Jahr bei den Aggies, wurde Queen zum Starter befördert und dankte mit konstant guten Leistungen. Seine 13,2 Punkte pro Spiel stechen zwar nicht ins Auge - doch seine Spielweise umso mehr. Erneut stürmten die Aggies ungeschlagen durch die Conference Saison und wären eine mögliche Cinderella Story gewesen.

Bedeutet: Queen wird wahrscheinlich nicht gedraftet. Doch als Underdog fühlt sich der Highflyer wohl und wird seinen Weg auf das Parkett der NBA finden. Seine fehlende Reputation kann Queen mit anderen Eigenschaften und Anlagen ausgleichen.

Die Nische
Es gibt den Spruch, dass die NBA eine "Liga der Freaks" ist. Um den diskriminierenden Unterton herauszufiltern, wäre es vermutlich angemessener zu sagen, dass Spieler mit speziellen und außergewöhnlichen Talenten in der NBA ihren Platz finden. Für Trevelin Queen bedeutet das, dass er seine herausstechende Athletik einsetzen muss, um in der Liga eine Chance erhalten zu können.  


Gerald Green - Zach LaVine - Derrick Jones Jr.: in diese Reihe ließe sich auch Queen einordnen. Wenn das Sprungwunder seinen leichten Körper in die Lüfte schwingt, macht er das mit rasanter Schnelligkeit und ungeahnter Härte. 

Besonders als hartnäckiger Offensivrebounder ist Queen in der Lage, sich selbst Punkte zu erarbeiten. Dabei geht er jedem Ball hinterher, fischt sich auch Fehlwürfe, die nicht in seinem unmittelbaren Aktionsradius landen und bestraft unkonzentriertes Ausboxen seiner Gegner. Die Athletik hilft ihm auch in der Defense: leichtfüßig wie er ist, kann Queen sehr schnell an die Dreierlinie hechten, Schützen irritieren und trotzdem den Drive verhindern.

Doch auch an Basketballskills mangelt es Queen nicht: Er ist ein passabler Dreierschütze mit 38,7 Prozent Erfolgsquote und überrascht mit seinen Durchsteckern immer wieder die gegnerische Defense - und zu seinem Leidwesen auch die Bigs, die ihm so manchen Assist vermasselten. Dennoch sind 2,4 Assists pro Spiel trotz beschränkter Verantwortung als Ballhandler ein Indikator für die Übersicht Queens.  

Die Knackpunkte
Queen hat einen langen, steinigen Weg vor sich, um sich einen Kaderplatz zu ergaunern. Zunächst bleibt abzuwarten, ob seine Sprungkraft auch im NBA-Vergleich noch heraussticht. Zum zweiten wird er seine durchaus vorhandenen Skills auf diesem Level unter Beweis stellen müssen. Gerade der Wurf ist hier ein wichtiger Fingerzeig, ob und wie lange Queens Reise in der NBA währen kann.

Daneben wird sich Queen in der Verteidigung beweisen müssen. Zwar bringt er auch hier interessante Anlagen mit, da er schon relativ fortgeschritten Rotationen antizipiert und mit seiner Länge und Schnelligkeit immer für einen Steal gut ist. Gleichzeitig muss er jedoch aufpassen, dass er es nicht zu sehr auf die Spitze treibt und das Gambling auf ein verschmerzbares Höchstmaß reduziert.

Zuletzt bleiben noch andere Bedenken bestehen, die von außen jedoch nicht zu beurteilen sind. Queen ist ein Leichtgewicht, das von bulligen Wings in der NBA geschluckt wird. Zudem tritt er gerne mal als Heißsporn in Erscheinung. Queen pusht sich nach jeder gelungenen Aktion und rennt früher oder später mit Schaum vor dem Mund durch die Gegend - das kann zwar immer wieder eine Initialzündung für sich oder seine Mitspieler sein. Doch der Schuss kann auch nach hinten losgehen (technische Fouls oder kleine Undiszipliniertheiten sind die Folge).

Die Szenarien?
Es gibt in diesem Jahrgang besonders in der zweiten Runde viele spannende Spieler, die in fünf Jahren eine gute Rolle in der NBA spielen könnten, während das Gros der ersten Runde bis dahin vielleicht schon in der Versenkung verschwunden ist. Stand jetzt dürfte Queen noch nicht mal zu diesen Zweitrundenkandidaten zählen.

Und dennoch: den weiteren Werdegang des Sprungwunders weiterzuverfolgen, wird sicher lohnenswert sein. Das könnte allerdings mittelfristig auch heißen, mehr europäischen Ball zu gucken. Für Eurocup-/Euroleague-Teams könnte Queen in jedem Fall einen Blick wert sein.