16 November 2020

16. Nov, 2020


Die alljährliche Talentewahl steht wieder an. Mal wieder wird von einem der schwächsten Jahrgänge des Millenniums gesprochen. Nicht zuletzt deshalb lohnt sich ein detaillierter Blick auf ausgewählte Prospects des Drafts. Denn auch 2020 tümmeln sich Sleeper unter den zahlreichen Namen.

von AXEL BABST @BabstMadness | 16. Nov, 2020

Kontext
Die Debatte darüber, was genau der Begriff "Sleeper" überhaupt heißen soll, könnte hitzig und tiefergehend monologisiert werden. Die nachfolgende Liste enthält dadurch eine gewisse Range. Manche Kandidaten, die auch in ausführlicheren Portraits an anderer Stelle präsentiert werden, werden mit 99 Prozent Wahrscheinlichkeit gedraftet und entsprechend auch wirklich eine Chance erhalten, sich zu beweisen. Andere Jungs tauchen nicht mal unter den Top60 so mancher Big Boards oder Mock Drafts auf.

Doch genau das macht den Reiz auf der Suche nach diesen Juwelen ab der zweiten Runde aus: Garantien in die eine oder andere Richtung gibt es nicht und die vermeintlich klaren Unterschiede sind im Zweifelsfall weniger tatsächlichem Können oder Potential geschuldet, sondern eher ein Gradmesser für Bekanntheit und Fantasiefähigkeit. Alle der nachfolgenden zehn Jungs könnten eine Rolle in der NBA spielen - am Ende hängt viel von Zufall und glücklichen Fügungen ab.

Skylar Mays
Hier ausführlich.
 
Ty-Shon Alexander
Hier ausführlich

Trevelin Queen
Hier ausführlich.

Dwayne Sutton
Hier ausführlich.

Caleb Homesley
Guard, Allrounder, Größe: 6'6'', Wingspan: ??, Standing Reach: ??, Geburtsjahr *96
Von allen Namen in dieser Liste ist der von Caleb Homesley vielleicht der interessanteste. Homesley riss sich während der Highschool das Kreuzband, verprellte dadurch höher anzusiedelnde Universitäten und landete so an der - inhaltlich kontrovers aufgestellten - Liberty University. Dort verletzte er sich in seinem zweiten Jahr erneut schwer an den Kreuzbändern und drohte seine Karriere beenden zu müssen.

Doch das war nicht der Fall. Homesley entwickelte sich zu einem der vielseitigsten Spieler abseits der großen Conferences. Die Flames waren in den vergangenen Jahren ein überaus gefährlicher Low-Major. Das bekam 2019 Mississippi State zu spüren, die mit etlichen NBA Kandidaten gespickt, in der ersten Runde des NCAA Tournaments mit 80:76 das Nachsehen gegen den Underdog hatten. 

Homesley ist Linkshänder, kann mehrere Positionen verteidigen, hat Erfahrung als Point Forward und trifft an guten Tagen auch den Dreier. In der Verteidigung nutzt er seine endlos langen Arme und wird auch in der NBA damit eine Chance haben. Offensiv wird viel auf den Wurf ankommen: Wie verlässlich fällt der Dreier? Abseits davon muss Homesley es schaffen, seine Spielintelligenz einzusetzen.

Jalen Harris
Guard, vielseitiger Scorer, Größe: 6'4'', Wingspan: 6'7'', Standing Reach: 8'1,5'', Geburtsjahr *98 

Jalen Harris ist ein sehr interessanter Fall. Nevada machte sich als Transfer U einen Namen, da unter Eric Musselman diverse Transfers zusammengemengt wurden und am Ende ein potentieller Final Four Contender aus dem Nichts plötzlich auf der Matte stand. Dann folgte im Sommer 2019 der Exodus. Sowohl Musselman als auch diverse Seniors verließen das Programm. Und übrig blieb wenig. Das war die Chance für Jalen Harris, einen weiteren Transfer der Louisiana Tech University.

Harris ist ein groß gewachsener Scoring Guard, der im Endeffekt Nevadas Offense im Alleingang schulterte. Mehr als 21 Punkte erzielte Harris pro Spiel. Im Gegensatz zu vielen anderen groß gewachsenenen Guard kann sich Harris jedoch auf einen sehr soliden Wurf verlassen, der für seine NBA Zukunft essentiell sein wird. Doch Harris ist mehr als ein reiner Scorer. Er gibt seinem Team in vielerlei anderer Hinsicht Entlastung und kann durchaus auch für seine Mitspieler kreieren. Als Ballhandler von der Bank ist Harris sicher auch in der NBA eine Option.

Saben Lee
Guard, Energizer, Größe: 6'1'', Wingspan: ??, Standing Reach: ??, Geburtsjahr *99

Sehr beliebt sind in der zweiten Runde meist Spieler aus gestandenen Programmen, die eine "winning culture" gewohnt sind und dazu selbst beigetragen haben. Das kann Saben Lee nun weniger vorweisen. Gerade mal drei von 36 SEC Spielen gewann Vanderbilt in den letzten beiden Saisons. Allerdings wäre es mehr als unangemessen Lee dafür in die Verantwortung zu ziehen. Im Gegenteil war der aus Phoenix stammende Guard sogar einer der wenigen Lichtblicke für Neu-Coach Jerry Stackhouse. Und stand dennoch im Schatten von Scharfschütze Aaron Nesmith.

Lee ist einer der besten Athleten unter allen verfügbaren Guards. Kompakt gebaut, wuchtet sich Lee immer wieder in die Zone und kann auch durchaus mal mit einem krachenden Posterdunk abschließen. Lee hat einen unnachahmlichen Drang in die Zone, zieht mehr als sechs Freiwürfe pro Spiel. Sein Entscheidungsverhalten und seinen Wurf muss der Junior sicher ausbessern, doch der Motor stimmt - ein gutes Zeichen angesichts der niederschmetternden Siegbilanz seiner Commodores. Als Backup Guard sollte Lee auf jeden Fall Energie geben können.

Yam Madar
Guard, Energizer, Größe: 6'2'', Wingspan: ??, Standing Reach: ??, Geburtsjahr *00

Israel wurde zwei Mal in Folge U20-Europameister 2018 in Chemnitz und 2019 im eigenen Land. Beim zweiten Mal war Yam Madar nicht nur mit von der Partie, sondern wirbelte so sehr seine Gegenspieler auf, dass plötzlich auch Scouts auf den pfeilschnellen Guard aufmerksam wurden. Seitdem kursiert der Name des Israelis als möglicher Kandidat für die zweite Runde durch die Gegend - mit Recht.

Denn Madar hat eine Energiegeladenheit an sich, die ihres Gleichen sucht. Egal ob in der Verteidigung oder im Angriff: Madar scheint nie still zu stehen. Offensiv bricht er immer wieder in die Zone durch und ist schon beim ersten Schritt seinem Gegenspieler enteilt. Hinter dem Dreier steht noch ein Fragezeichen, doch das ist Madar egal und sollte über Zeit auch verschwinden. In der Verteidigung ist Madar mit seinen schnellen Händen und seiner ständigen Aktivität eine Pest. Alles in allem ist er damit der perfekte Backup Guard - mit Upside zum Teilzeitstarter.

Cassius Winston
Guard, Floor General, Größe: 6'1,5'', Wingspan: 6'6'', Standing Reach: 8'1'', Geburtsjahr *98

Einen heißes Fernduell um den Status als bester Point Guard der NCAA lieferte sich Cassius Winston in der abgelaufenen Saison mit Kansas' Devon Dotson. Am Ende hat der Senior der Michigan State Spartans wohl die Nase vorn. Winston ist ein exzellenter Aufbauspieler, der sich seinen Spot als Backup Point Guard in Fred VanVleet Manier sichern wird. 

Über vier Jahre hinweg traf Winston sensationelle 43 Prozent seiner Dreipunktewürfe. Das wird ihm auch in der NBA viele Räume öffnen, die er gerade im Pick & Roll exzellent zu nutzen weiß. Zusammen mit Aufsteiger Xavier Tillman harmonierte Winston hervorragend und die beiden bildeten eines der gefährlichsten Pick & Roll Gespanne der NCAA. Seine P&R Offense wird er auch in der NBA zu nutzen wissen. Pocket Pässe unter der Hand des Verteidigers entlang sind seine Spezialität.

Udoka Azubuike
Big, Brettcenter, Größe: 6'11.5'', Wingspan: 7'7'', Standing Reach: 9'1'', Geburtsjahr *99

Vor drei oder vier Jahren wäre es vollkommen unvorstellbar gewesen, sich Udoka Azubuike in der NBA vorzustellen. Eigentlich ist er eine antiquierte Rarität: Ein klassischer Brettcenter, der mit seiner physischen Dominanz am College in Shaq-Manier seine Gegenspieler einfach in Grund und Boden planierte. Doch Azubuike hat sich transformiert und die drei großen Hindernisse, die einer NBA Karriere mal massiv im Weg standen, massiv zerkleinert.

Erstens ist seine Kondition erheblich besser geworden. War er als Sophomore schon drei Mittellinienüberquerungen ohne Unterbrechung erschöpft, stand er in der letzten Saison regelmäßig über 30 Minuten auf dem Court und in der Zeit lief alles über ihn. Zweitens hat er seine Pick & Roll Defense extrem verbessert. Zwar wird er nie gegen Guards in der NBA switchen können und ist daher nur begrenzt spielbar, doch seine Positionierung und sein Gespür für Abstände hat sich derartig verbessert, dass er mittlerweile zumindest Drop Coverage auch in der NBA liefern könnte. Drittens ist er auch offensiv in seinen Pick & Roll Künsten deutlich versierter. Er ist nicht mehr der reine Brettcenter, sondern stellt gute Screens, rollt sich noch besser ab und finisht wie gewohnt effizient (fast 75 Prozent Feldwurfquote). 

Auch in der NBA wird er mit seiner Physis durchaus eine Waffe sein, er muss richtig eingesetzt werden und seine Chancen erhalten. Gelingt das nicht, freuen sich etliche Euroleague Teams schon auf eine durchsetzungsstarke Zonenpräsenz.