17 November 2020

17. Nov, 2020

Die alljährliche Talentewahl steht wieder an. Mal wieder wird von einem der schwächsten Jahrgänge des Millenniums gesprochen. Nicht zuletzt deshalb lohnt sich ein detaillierter Blick auf ausgewählte Prospects des Drafts. Denn auch 2020 tümmelt sich der ein oder andere Sleeper unter den zahlreichen Namen.

von AXEL BABST @BabstMadness | 17. Nov, 2020

Kontext
Basics: Ballhandler, Shotcreator, 6'3'' in Schuhen, ??? Wingspan, ??? Standing Reach, Jahrgang '01

Stats 19-20 (via Basketball-Reference): 


Team und Karriere: Ursprünglich war Kira Lewis Jr. für den Highschool Jahrgang 2019 vorgesehen. Allerdings schloss er die Highschool ein Jahr früher ab und war somit in der Saison 2018-2019 der jüngste Spieler der gesamten NCAA, der auf dem Parkett stand. Doch damit nicht genug: Für die damals noch von Avery Johnson gecoachten Alabama Crimson Tide musste Lewis direkt als Spielgestalter die Fäden in der Hand halten.

Lewis erledigte seine Aufgabe überraschend souverän, konnte aber nicht verhindern, dass Alabama das Tournament verpasst und Johnson nach vier insgesamt enttäuschenden Jahren den Hut nehmen musste. Als neuer Headcoach wurde mit Nate Oats ein aufstrebender junger Coach verpflichtet, der aus den Buffalo Bulls einen stets gefährlichen Contender formte. Oats wiederum etablierte schon in seinem ersten Jahr eine modernere und auf Spacing ausgelegte Offense. Lewis war darin die zentrale Schaltzentrale.

Auch wenn Anfang März zum Zeitpunkt des Saisonabbruchs eine für ein Übergangsjahr typische Bilanz von 16:15 Siegen zu Buche stand, konnte Lewis demonstrieren, dass ihm dieser zeitgemäße Spielstil liegt und er darin bei richtigem Setting aufblühen kann. Das Problem war zuletzt jedoch vor allem: Eine Raumaufteilung in der Offense wird von der gegnerischen Verteidigung nur ernstgenommen, wenn die verstreuten Angreifer auch Dreier treffen. Das war bei den Crimson Tide jedoch kaum der Fall. Nahezu immer stand zwei Non-Shooter auf dem Feld und verkleinerten Lewis' Spielraum bedenklich.

Bedeutet: Lewis ist trotz seiner Jugend bereits mit viel Erfahrung ausgestattet, passt aufgrund seiner Spielweise hervorragend in die NBA und wird in einem guten Umfeld seine spielerische Entwicklung in rasanter Geschwindigkeit ankurbeln.

Die Basis
Die Hauptmotivation dieses Textes liegt darin, zu betonen, dass Kira Lewis mehr zu bieten hat als eine gebardenartige Schnelligkeit. Diese ist allerdings sein Alleinstellungsmerkmal, daher kommen die Pflichtsätze dazu direkt zu Beginn. Lewis ist der schnellste Spurter des Jahrgangs. Aus dem Stand zündet der Guard einen Turbo, der selbst in der NBA nur von wenigen Spielern getoppt werden dürfte. Besonders die Leichtigkeit, mit der Lewis seine zwar gewappneten, aber dennoch chancenlosen Gegenspieler überrumpelt, sollte bei NBA Coaches Habgier auslösen.  


Kaum eine Eigenschaft ist derzeit im Basketball so begehrt, wie unstopfbare Lücken in die gegnerische Verteidigung reißen zu können. Lewis kann genau das. Und das sollte er in der NBA mit NBA Spacing und NBA Schützen noch besser auf die Reihe bekommen. Lewis reichen ein Block und Switch, um fünf Verteidiger in höchste Alarmbereitschaft zu versetzen. Nur zwei Dinge können ihn am Drive in die Zone stoppen: schussschwache Mitspieler, deren Verteidiger ungestraft absinken können, und seine eigene Unentschlossenheit.

Letztere ist jedoch bedingt durch andere Faktoren. So hat Lewis derzeit noch Probleme dabei, sich für einen Move zu entscheiden und auf plötzliche/unerwartete Aktionen der Verteidigung zu reagieren. Oft wirkt es so, als verstolpere er einen Drive oder Abschluss auf den letzten Metern. Hier wird ihm seine eigene Schnelligkeit zum Nachteil, der mit seiner Geschwindigkeit kaum Zeit zur angemessenen Reaktion hat und ihm stützende Automatismen fehlen. Hier ist die Frage, ob sich dieses Problem mit zunehmender Erfahrung beheben lässt oder er tatsächlich koordinative Schwierigkeiten hat.

Lewis ist zusätzlich zu seinem Drive ein sehr ordentlicher Schütze. Knapp 36,5 Prozent seiner Würfe aus der Distanz fanden in der letzten Saison ihr Ziel. Besonders der Pull-up aus dem Pick & Roll muss noch verlässlicher fallen. Doch Lewis ist bei weitem kein Non-Shooter. In erster Linie wird er seine Wurfkurve erhöhen müssen, um seine Quote zu erhöhen.

Neben seinem offensiven Fundament, gehört Lewis auf den Guard Positionen ebenfalls zu einem der interessantesten Spieler des Jahrgangs. Lewis hustlet jedem Ball hinterher, verändert durch seine langen Arme und großen Hände viele Passwege oder gar Sprungwürfe. Gerade in der NBA werden ihm diese Eigenschaften gut zu Gesicht stehen, da er viel Wirkung ohne allzu viel Energieverlust erzielen kann.  


Die Upside
Unter den Tisch fällt bisweilen, dass Lewis einer der besten - wenn nicht gar der beste - Pick & Roll Playmaker ist. Lewis ist ein hochintelligenter Spielmacher, dem seine 3,5 Ballverluste pro Spiel zu sehr angekreidet werden. Denn wie schon zuvor beschrieben hatte Lewis oft nicht die richtigen Mitspieler um sich herum. Dadurch endeten richtige Entscheidungen viel zu oft in einem Ballverlust oder in einem schwierigen Wurf anstatt als Assist gutgeschrieben werden zu können.

Lewis hat das Spiel verstanden und kann gerade als Passgeber brillieren wie kaum ein Zweiter des Jahrgangs. Egal wie sich die Situation darstellt. Verteidigen Teams klassisch, sorgt das meistens dafür, dass Lewis in die Zone durchbricht, alle fünf Verteidiger um sich herum versammelt und dann den Kickout trotz 10 ausgestreckten Armen an der Dreierlinie anbringt. Bisweilen mutet es an, als hätte Lewis Augen im Hinterkopf, da er Pässe an den Mann bringt, die er eigentlich nur erahnen kann.

Genau diese Mischung aus eigener Gefahr für den gegnerischen Korb und den Servierfähigkeiten für die Mitspieler ist es, der viele Teams dazu verleitet hat, einfach konsequent alle Screens gegen Lewis zu switchen, in der Hoffnung, dadurch weniger helfen zu müssen und die Verteidigung vor dem Kollaps zu bewahren. Diese Strategie ging tatsächlich besser auf, weil die Verteidiger abseits des Balls nun genau wussten, was kommt und diejenigen, die schwache Schützen verteidigten, von vorneherein absinken konnten. Lewis selbst kann Bigs sicher konstant schlagen, aber dann müssen sich dahinter eben auch Lücken auftun, die er nutzen kann.

Das sollte sich in der NBA deutlich häufiger gestalten lassen. Besseres Spacing durch ein breiteres Feld und kompetentere Schützen werden ihm wie ein Schlaraffenland vorkommen. Somit sollte Lewis im Pick & Roll kaum Verteidigungsvarianten präsentiert bekommen, für die er auf kurz oder lang eine passende Lösung parat hat.

Wesentlich für seine weitere Entwicklung ist, dass er sich körperlich entwickelt. Ein kräftigerer Oberkörper täte ihm an beiden Enden des Feldes gut. Offensiv ist er niemand, der über Ringniveau finisht. Daher muss er lernen, besser mit Kontakt umzugehen und sich nicht abdrängen zu lassen. Oft wird ihm unterstellt, ihm würde der notwendige Touch beim Finish fehlen, was damit begründet wird, dass er seine Floater nicht trifft. Die Floater verfehlen jedoch eher ihr Ziel, weil sie oft aus der Not geboren und mit schlechtem Winkel genommen sind. Es ist nicht auszuschließen, dass Lewis mittelfristig sogar einen sehr soliden Floater entwickelt.

In der Verteidigung hat Lewis noch zu oft Probleme gegen bullige Guards - davon gibt es in der NBA deutlich mehr als am College. So gut er sich mit seiner Größe und Schnelligkeit zu helfen weiß, muss er einfach selbst Masse entwickeln, um sich nicht bei jedem Drive wegschubsen zu lassen.


Die Szenarien?
In einem Jahrgang, der nicht gerade mit funkelnden Kronjuwelen protzt, ist Kira Lewis jemand, der allzu oft unter den Tisch fällt. Unter den ersten zehn Namen sollte er stets gelistet sein. Immerhin wird er im schlechtesten Fall ein solider Rollenspieler, der mit aktiver Defense, viel offensivem Drive und hohem Spielverständnis aufwarten kann.

Im Optimalfall kann Lewis sogar über den Top10 Status hinausklettern. Er hat alles, was ein moderner Guard theoretisch vorweisen muss: Speed, Wurf, P&R Game und valide Defense. Ob er alle Komponenten praktisch zu einem harmonierenden Gefüge zusammensetzen kann, hängt sicher von vielen Faktoren (Physis, Konstanz im Pull-up-Game, Effizienz bei Finishes in Ringnähe) ab - doch es wäre keine unvorhersehbare Überraschung, wenn Lewis unter dem Strich als bester Ballhandler des Drafts in Erinnerung bleibt.