20 November 2020

20. Nov, 2020


Die Draft-Woche war wild. Es wurde allernorts geschachert. Wir friemeln die wichtigsten Trades dieser Periode für euch auseinander.

von LEON GÖHL @OlajuwonsE | 20. Nov, 2020

Start
Das Jahr 2020 ist durchaus kurios und womöglich richtungsweisend für die Zukunft. Dennoch gibt es nach wie vor Konstanten: LeBron James stand in den NBA Finals, James Dolan blieb ein mieser Owner und Daryl Morey macht weiterhin Daryl Morey Sachen. 

Was ist passiert? Sowohl die Houston Rockets, als auch die Philadelphia 76ers spielten eine Saison weit unter den eigenen Erwartungen. Beide unterhielten extrem teure Teams, die im Sommer 2019 schlichtweg falsch zusammengestellt wurden.

In Houston führte Daryl Morey 13 lange Jahre die Geschicke der Franchise und zauberte unter teils schwierigen Bedingungen kontinuierlich Asse aus dem sagenumwobenen Ärmel. So erkannte er auch als Erster, dass das Projekt Rockets einem sinkenden Schiff gleicht und kündigte an, einen Sabbat einzulegen.

Letzteres ist per Definition eine Auszeit, die meist ein Semester oder Jahr umfasst, in der man sich selbst findet, weiterentwickelt oder Sachen erforscht. Morey, das hat man in den letzten 13 Jahren gemerkt, ist aber kein normaler General Manager. Er legte ein Sabbat auf Steroiden ein und kehrte nur wenige Wochen nach seinem Aus in Texas wieder in die NBA zurück.

Anscheinend erfolgreich, denn nach seinem Start bei den 76ers brauchte er nur eine einzige Draft Night, um das Team signifikant zu verstärken und Altlasten loszuwerden. Das Missverständnis Al Horford beendete er nach einer Saison und schickte ihn in die sportliche Irrelevanz zu den Oklahoma City Thunder. 

Bei letzteren treibt Sam Presti sein Unwesen und hat es anscheinend zu seiner persönlichen Mission erklärt, eines Tages einen Draft alleine durchzuziehen. Dieses Wissen machte sich Morey zunutze und köderte mit einem 2025er First Round-Pick, dem 34. Pick in diesem Jahr (Theo Maledon) und den Rechten an Vasilije Micic. 

Im Gegenzug erhielt Philadelphia Danny "egal wo ich spiele gewinne ich einen Titel" Green und Terrance Ferguson, die beide den Kader sinnvoll ergänzen. Speziell von Green erhofft man sich, dass er wieder an Shooting-Leistungen alter Tage anknüpfen und für mehr Defense am Perimeter sorgen kann. 

Morey wäre aber nicht Morey, wenn er es dabei belassen hätte. Durch die Akquise von Danny Green wurde Josh Richardson obsolet und kurzerhand nach Dallas für Seth Curry getradet. Zusätzlich legte Morey noch den 36. Pick (Tyler Bey) obendrauf - schließlich weiß Morey mit jungen Spielern nichts anzufangen, wie er bereits die letzten Jahre in Houston bewies. 

Schuss
Daryl Morey liebt Analytics. Daran hat sich auch in der Stadt der brüderlichen Liebe nichts geändert. Wer den Zahlen zufolge keine Leistung bringt, wird nicht gebraucht. Dies mussten nun auch Josh Richardson und Al Horford erfahren. 

Letzterem drohen nun düstere letzte Karrierejahre, während Morey sich mit Richardson gnädig zeigte und ihn nach Dallas schickte, wo er neben Luka Doncic durchaus überzeugen dürfte. Im Gegenzug bekam Morey Shooting, das die Sixers in Windeseile zu einem der schießwütigsten Team der Association machen wird. 

PHI: Seth Curry, Danny Green, Terrance Ferguson
DAL: Josh Richardson, Tyler Bey (No. 36 Pick)
OKC: Al Horford, Vasilije Micic, Theo Maledon (No. 34 Pick), 2025 First Round Pick



Sixers
Im Sommer 2019 machte Philly einige Fehler. Al Horford war auf dem Papier zwar ein vernünftiges Signing, entpuppte sich aber als großes Missverständnis. Josh Richardson war nicht ansatzweise ein Ersatz für Jimmy Butler. Das fehlende Shooting machte sich bemerkbar, da sich die Stars gegenseitig auf den Füßen standen. 

Der beigefügte First Rounder 2025 könnte schmerzen, war jedoch nötig, da sonst niemand freiwillig den Vertrag von Al Horford aufgenommen hätte. Dass man im Gegenzug noch Green und Ferguson erhielt, kann nur als Erfolg gewertet werden. Zwar schien Green seinen Wurf zeitweise verloren zu haben, doch er bringt immer noch deutlich mehr Qualität mit, als man ihm nachsagt. Ferguson ist ein weiterer guter Rollenspieler, der die dünne Bank der 76ers verstärkt. 

Wenngleich dieser Trade einen kleines "Gschmäckle" mit sich bringt, so ist der Deal für Seth Curry als voller Erfolg zu verbuchen. Curry hat noch drei Jahre Vertrag, zählt zu den sichersten Schützen der Liga und bringt dringend benötigtes Playmaking mit - beides Attribute, die man in Philadelphia zuletzt schmerzlich vermisste. Im Gegenzug ging mit Richardson ein Spieler von der Sorte "weniger-3-and-more-D", den man durch Green überflüssig machte. 

Morey hat es geschafft, innerhalb eines Abends die Hoffnung auf einen Titel zu maximieren. Er schuf Kaderbreite und holte dringend benötigtes Spacing und Playmaking. Offensiv dürfte es in der nächsten Saison somit durchaus flüssiger laufen, defensiv dürften die Sixers nach wie vor zu den besten Teams der Liga zählen. Am wichtigsten aber dürfte sein, dass Ben Simmons endlich mehr Platz zur Verfügung bekommt, um sein Spiel aufzuziehen.


Mavs
Es ist schon ein wenig schade, dass es heutzutage kaum noch GMs gibt, die sich offensichtlich über den Tisch ziehen lassen. Auch in Dallas hat man bekommen, was man aktuell dringend benötigt. Richardson bringt Perimeter Defense mit und verfügt offensiv über Fundamentals, was aber nicht so wichtig ist, da die Offensive in Dallas immer nur durch Luka Doncic geht. 

Mit Tyler Bey konnte Dallas zudem einen jungen, vielversprechenden Spieler draften, den nicht wenige Experten höher angesiedelt hatten. Zusätzlich wird Richardson nach diesem Jahr Free Agent (sofern er seine Player Option in Höhe von 11,6 Mio. nicht zieht), und man hätte somit Flexibilität, um 2021 einen weiteren Star an Land ziehen zu können. 


Thunder
Sam Presti erfährt aktuell einen Hype, wie ihn nur wenige GMs erfahren. Zwar ist auch Presti nicht fehlerfrei, doch er hat aus dem Trade für Dennis Schröder zwei First Round Picks, Theo Maledon und Al Horford gemacht. Kein schlechtes Arbeitszeugnis. 

Maledon ist ein vielversprechender Spieler, der in OKC nun die Zeit bekommt, sich zu entwickeln. Al Horford hat immer noch Qualitäten und dürfte gerade wegen seiner Erfahrung ein wichtiger Mentor für die Entwicklung von Aleksej Pokusevski sein. 

Die Zeichen stehen in Oklahoma schon seit längerem auf Rebuild. Dieser dürfte mit einer Verzögerung von 16 Monaten nun auch wirklich beginnen. Cap Space und Spieler wie Danny Green sind dort weniger wichtig, als Draft-Kapital und Talent. Beides hat Presti erhalten und darf diesen Deal als Erfolg für sich werten. 


Rechnung
Philadelphia hat die größten Schwachstellen adressiert und das Ganze zu einem moderaten Preis. Der Pick 2025 könnte sich noch rächen, eine Garantie gibt es darauf aber nicht. Es ist zwar etwas unfair, so etwas über einen ehemaligen All-Star zu behaupten, doch Al Horford war in Philadelphia überflüssig und schluckte nur unnötig Cap Space. 

Green ist ein 1:1 Ersatz für Richardson, der ebenfalls das Potential mitbringt, mehr zu treffen als zuletzt. Mit Curry bekommen die Sixers genau den Spieler, der ihnen im Vorjahr gefehlt hat, und Ferguson verstärkt die Bank. Alles in allem kann man Morey zu seinen ersten Trades nur gratulieren.
 
Dallas könnte der Verlust von Curry noch schmerzen, Richardson aber bringt die bitter nötige Defense mit, die letztes Jahr fehlte und weswegen man sich in zahlreichen Shootouts wiederfand. Bey ist ein Investment in die Zukunft. Trotzdem hätte Dallas den 76ers hier vielleicht doch ein wenig mehr abluchsen können. 

Selbiges gilt für OKC. Es war ligaweit bekannt, dass Philly Al Horford loswerden möchte. Warum also nicht mal nachfragen, ob ein weiterer Pick drin gewesen wäre. Nichtsdestotrotz hat Presti hier weiteres wertvolles Material angeschafft, um ein Team für die Zukunft aufzubauen. 

Vorteil: 76ers