20 November 2020

20. Nov, 2020


Tradeanalysen in Dostojewksi-Länge sind das Sechs-Gänge-Menü in der Chefküche des Basketballs. Heute: Journey Man Point God und der Luxus der Steuer.

von ANNO HAAK @kemperboyd | 20. Nov, 2020

Start
Oklahoma City will zurück auf "Los" und Geld einziehen. Nach der von dem kleinen Kawhi, dem kleinen Russ und dem kleinen Paule erzwungenen Tabula rasa 2019 war der Neuanfang bereits getimet.

Doch erst fand man für Paul und seinen albatrossigen Vertrag keinen neuen See. Dann fiel Paul anscheinend in einen Jungbrunnen, wurde aus SGA der Hengst, von dem die Clippers weiland träumten, und Schröder wurde der beste sechste Mann der Liga.

So nahmen die Thunder, seit 2009 mit einer Ausnahme immer in der Postseason vertreten, einen (vorerst wohl) letzten Playoffrun mit, um jetzt in die große (Vertrags-) Freiheit durchzustarten.


Schröder verschiffte man bereits, Galinari und Roberson wird man weder mit noch ohne Gewalt halten. Wenn jemand sich in Steven Adams verliebt, wäre Sam Prestis Leitung wohl auch offen.

Doch das schwierigste "Addition durch Subtraktion"-Projekt war der geplante Trade von Chris Paul und seinen rund 85 Mio. bis 2022 garantierten bzw. via Spieleroption ohne Einfluss des Teams einsammelbarer Dollars.

Die Suns wollen in die Playoffs. Und. Zwar. Gestern. Spätestens. Das Projekt Postseason schien lange ein Irrgarten ohne Exit zu werden. Doch durch die Kernschmelzen in OKC und Houston scheint die Schneise mitten durch das undurchdringliche Dickicht der Bestern Conference in die erste Postseason seit 2010 geschlagen.

Befeuert von der Hoffnung aus der 8-und-0-Blase und unter dem Druck, dem inzwischen mit Geld eingehüllten Franchise Booker endlich eine winning Kultur und deren tatsächliche Grundlagen (41+ x Siege) präsentieren zu müssen, wollte Phoenix mit den großen Fischen schwimmen.


Und dann sind da die Golden State Warriors. Die komischste Dynastie, die Ihr nie zu hassen geliebt habt. Durants Abgang sowie Currys und Thompsons Großverletzungen waren für die Güldenen aus Oakland, was Kawhis Idee von einem eigenen Team sowie Georges und Westbrooks Tradeforderungen für OKC waren.

Der Unterschied zwischen den beiden Western Conference Finalisten von 2016 indes liegt auf der Hand. Während CP3 die Thunder mit den beiden Epigonen DS17 und SGA noch ins gelobte Playoffland führte, konnten die GSW die geplante Übergangstankstelle nicht links liegen lassen und in die Playoffs fahren.

Im Gegenteil: unter der Golden Gate Bridge tummelten sich G-League-Allstars und weitere Menschen, die in mittlerer Zukunft weder ein Warriors- noch irgendein anderes NBA-Leibchen überziehen werden. Der einzige bemerkenswerte Rostermove war der Trade für Wiggins und seinen russellwestbrookigen Vertrag anstelle von D'Angelo Russell und seinem chrispauligen Vertrag.


Minnesota braucht (ggf. insel-) befähigtes Rollenspielermaterial, und wenn es keine allzu großen Umstände macht, bitte gestern. Draftpicks (top und Nr. 17 besaßen sie in Runde 1 am Mittwoch) helfen dabei nur in Grenzen. Veteranen, die neben Russell und Towns helfen, von Platz 14 (!) auf mindestens 8 zu springen, sind gefragt.

Schuss
OKC bekommt seinen zweiten reinen Tisch. Die Suns bekommen den Point God. Listengold:

PHX: Chris Paul, Abdel Nader
OKC: Ricky Rubio, Kelly Oubre Jr., Jalen Lecque, Ty Jerome, 2022 1st Rd. Pick

Wie kaum anders zu erwarten, war Prestis Interesse an Primeabonennten wie Rubio und Kelly Oubre jr. eher medioker ausgeprägt. Also mussten Oubre und Rubio gar keine Immobilienmakler beauftragen, die ihnen passende Präriefarmen hätten suchen können.

GSW: Kelly Oubre jr.
OKC: 2021 1st Rd. Pick (top 20 protected, if not conveied zwei 2nd Rd. Picks), Trade exception

MIN: Ricky Rubio, Immanuel Quickley (25. im Draft), Jaden McDaniels (28. im Draft)
OKC: Aleksej Pokusevski (17. Pick im Draft)

Suns
Phoenix bekommt einen der besten Point Guards aller Zeiten. Phoenix bekommt einen sicheren Hall of Famer. Phoenix bekommt einen der besten 15 Spieler der letzten Saison. Phoenix bekommt Gravitas für seinen Playoffpush. Phoenix, das vermeintlich hoffnungslose Mauerblümchen, das immer in der Wüste zu verblühen drohte, bekommt CP3.

Der Point God, der im letzten Jahr zum ersten Mal seit 4 Jahren Allstar und All NBA Teamer wurde. CP3, der 2016 zuletzt mehr Minuten spielte und mehr als 70 Spiele machte. CP3. Frühling.

Phoenix bekommt aber auch einen fast 36-jährigen, der in sein 16. NBA-Jahr geht. Dessen Krankenakte Telefonbuchdicke hat. Der als komplex im menschlichen Umgang gilt. Dem fast 90 Millionen Scheine zustehen, bevor Booker 26 wird. Und: er ist ein Trade out of Timeline. Neben die Jungspunde Booker, Ayton und Bridges scheint er nicht zu passen. Der arg gedrängte Spielplan der nächsten Monate kommt Paul und seinem Bedürfnis nach "DNP Rest"-Pausen auch nicht gerade entgegen.


Ein Win-now-move scheint es zu sein, den man dennoch mal so machen kann. Nur: win was denn? Lakers, Clippers, Nuggets und Warriors sind nach menschlichem Ermessen oben gesetzt. Portland, Utah, Dallas und die Pelicans sind unter normalen Umständen eigentlich besser als diese Suns.

Von oben, unten oder der Seite drängen noch Memphis, Minnesota und ggf. die Spurs nach oder zurück. Selbst wenn man die Thunder und die Rockets sicher ans Ende der linken NBA-Hälfte denkt, wäre schon ein Playoffeinzug ein arger Erfolg.

Indes: er ist Christopher Emanuel Paul. Es ist fast verwunderlich, dass er überhaupt "Ja" zu Phoenix sagte. Eine Meisterschaft wird er hier nach menschlichem Ermessen nur gewinnen, wenn seine Karriere eine Dauer zwischen Abdul-Jabbar und Duracel-Häschen hat, in Phoenix selbst in der sich schallgeschwind bewegenden NBA wohl schon gar nicht.

Kann man einen solchen Alltimer kriegen, macht man das, zumal der Preis sich sehen lassen kann. Rubio hatte man zwar gerade erst verpflichtet, aber eben auch als Tradechip für Gelegenheiten wie diese. NEBEN Paul wäre er ohnehin überflüssig geworden.

Oubre war im "Valley" zwar ein heimlicher Fanliebling, hatte sich durch sein Fehlen beim Fantastillionen-zu-null-Lauf der Sonnen in der Blase aber ohne eigenes Zutun als verzichtbar erwiesen. Hinzu kommt, dass er nächstes Jahr vertragsfrei und dann vermutlich (über-) teuer wird und deshalb wahrscheinlich ohnedies keine lange Zukunft in Phoenix gehabt hätte. Abdel Nader macht nichts falsch und die "math" richtig, wie US-Bürger so sagt.

Thunder
Bei Sam "da man" Presti muss man wenig über einzelne Spieler und um so mehr über das Große Ganze sagen. Deshalb muss man zurück in eine Zeit, die dank Corona wie eine andere Welt wirkt, aber eben doch dank der unbarmherzigen Draftpick-Buchhaltung der NBA kontinuierlich bis in die Gegenwart des November 2020 wirkt.

Im Juli 2019 verlangte Paul George, sich bei den Clippers mit Kawhi Leoanrd zusammentun zu dürfen. Als Russell Westbrook davon hörte,waren seine 11 Jahre in OKC Geschichte. Houston sollte es sein.

Aus dieser ausweglosen Situation hat Presti unter dem Strich einen Firstrounder 2021, je zwei Firstrounder 2022, 2024, 2026, einen Firstrounder 2023 und weitere Swaprights in der ersten Runde 2023 und 2025 sowie SGA und die Dreingaben aus Phoenix im Paul-Trade. Hinzu könnte noch Gegenwert für Gallinari kommen, sollte sich ein Sign-and-trade materialisieren.


Die Trades für Green und Horford werden in diesem kleinen Basketbälleparadies noch gesondert verarztet. Selbst den durch den Unterzeichner kritisch betrachteten Wechsel Schröders zu den Lakers muss man nach der Verpflichtung des Dominikaners respektive der Draftassets aus der Stadt der brüderlichen Liebe in weicherem Licht sehen.

Dazu kommen bis zu ca. 50 Mio. $ Cap Space und die Trade exception aus San Francisco in 2021. Nicht zu vergessen ist, dass mit Shai Gilgeous-Alexander der Franchise Player der nächsten zehn Jahre im besten Fall bereits gefunden ist. Ob er das wirklich ist, muss sich ab nächster Saison erst weisen, aber viel besser kann man für den nunmehr endgültig, aber wirklich und ganz in echt anstehenden Rebuild kaum aufgestellt sein.

Der Serbe hat auf Vereinsebene bisher regelhaft nur in der zweiten griechischen Liga sein Unwesen getrieben. Das hält man auf den ersten Blick für eine rote Flagge, wüsste man nicht, dass diese Profierfahrung am Draft Abend auch einem gewissen Herrn Antetokounmpo zueigen war.

Ähnlich wie der amtierende MVZ wird Pokusevski sich aber in einen NBA-Körper hineinfressen müssen. Die bisher vorhandenen ca. 195 amerikanischen Pfund würden wohl durch alle bemalten Bereiche der Liga geprügelt werden.

Will er, was geplant zu sein scheint, sofort kommen, müsste er wohl einen Teil der rund 1 Mio. $ Ablöse an Olympiakos selbst berappen. Aber selbst wenn essen oder zahlen nicht funktioniert: wer, wenn nicht die "totaler Neubau"-Thunder sollte eine Entwicklungsidee wie ihm eine Chance geben.

Timberwolves
Apropos totaler Neubau: Minnies neuer King of Kotelett Gersson Rosas hat wie von seinem Lehrmeister beigebracht in 18 Monaten im kalten Norden keinen Stein auf dem anderen gelassen.

Kurz vor der Deadline hatte er noch schnell das halbe Roster in mehreren Trades in alle vier Himmelsrichtungen verteilt und nebenbei noch das Missverständnis Wiggins flux beendet (wenn auch um den Preis eines Erstrundenpicks).

Zum Einspielen der best Buddies Towns und Russell kam es pandemiebedingt dann nicht mehr. Dennoch war schon wegen des papierdünnen Kaders klar, dass es neben den gedrafteten Immanuel Quickley (25. Pick), Jaden McDaniels (der eben erst aus LA nach OKC gewanderte 28. Pick im Draft) und dem Top Pick Edwards noch veteraniger Erfahrung bedurfte.


Um den elenden Playoffdrout (in den 16 Jahren seit 2004 war kein Team der Liga seltener in den Playoffs zu Gast) nicht noch weiter auszudehnen, wird Rubio als Ergänzung indes kaum reichen. Ein mehr als gelungener Schritt in die richtige Richtung ist er aber.

In Phoenix spielte er erst zum zweiten Mal seit 2015 wieder 31 und mehr Minuten pro Abend. Dabei war er auf der Platte stehend im keinesfalls problemfreien Suns-Team ein klarer Plusspieler, traf auch den einst hochnotproblematischen Dreier besser denn je in seiner Karriere. Bekommt er das Orangene auf die nicht mehr orange gekleidete Brust und drückt direkt ab, sind es sogar über 41%.

Dazu ist er stante pedes der beweglichste und talentierteste Verteidiger, auch wenn Edwards die Anlagen hat, ihm in dieser Beziehung den Rang abzulaufen.

Dazu gibt es zwei wahrscheinlich zeitnah NBA-fertige Spieler gegenüber dem Projekt von Position 17, alles in allem haben die Timberwolves den Draft und das Drumherum jedenfalls - und das darf man historisch "Fortschritt" nennen - jedenfalls nicht haushoch verloren.

Man kann das alles schon ziemlich genau so machen. Die Timberwolves hätten wir damit absolviert, ohne die Worte "alte" und "Wirkungsstätte" in immerjunger Kombination zu benötigen. Darauf eine Rumba und ab zu den...

Warriors
(Wir haben es gleich geschafft) Zur Belohnung für alle Ausdauerleser gibt es eine MN zum Einstieg in den letzten Abschnitt. Eine Monsternummer. Kelly Paul Oubre jr. kostet die Golden State Warriors Stand 20.11.2020 in der kommenden Saison 82,4 Mio. $ brutto, etwa doppelt so viel wie LeBron James verdient.

Nun ist es kein ausnehmender Hottake zu sagen, dass Kelly Oubre jr. nicht in jeder Beziehung doppelt so gut ist wie der amtierende wertvollste Spieler der NBA Finals. Es ist auch brutto und inklusive Luxussteuer gerechnet, kann auch durch Nachlässe wegen der coronabedingten Mindereinnahmen und vor allem Trades im Lauf der Saison noch weniger werden.


Dennoch: die Warriors geben kommende Saison für Andrew Wiggins und Kelly Oubre jr. 42 Mio. $ Gehalt aus. Deshalb muss man Lacob nicht zum Dolan erklären, und Meyers ist deshalb noch nicht Elton Brand. Aber optimales Management führt nicht zu einer solchen Mittel-Akkumulation für relativ durchschnittliche Pros.

Eines ist aber, von den konkreten Zahlen unabhängig, damit klar: eine weitere Tanking-Saison wird es an der Bucht nicht geben, trotz der niederschmetternden Verletzung von Klay Thompson.

Der Basketball-Gott oder sein buckliger Helfer, das Karma, scheint sich irgendwie noch nicht genug an den Warriors abgearbeitet zu haben, die einst mit 73 Siegen auf der Uhr wegen des albern ausgewachsenen Curry-Vertrags und des Cap-Spikes Kevin Durant verpflichten konnten.

Thompson erlitt nach dem Kreuzbandriss aus den Finals 2019 nunmehr die inzwischen bei Medizinern wahrscheinlich "Kobedelle" genannte Verletzung an der Sehne des griechischen Gottes und wird bis Oktober 2021 keinen NBA-Basketball spielen.


Für den Splash Bruder ist Oubre kein Ersatz. Das kann und muss er auch nicht sein. Er war dennoch bis zur Verletzung im Februar einer der auffälligeren Flügel in der Liga, die niemals schläft. Das Counting weist 19 und 7 aus, der Dreier fiel karrieretoppend mit über 35 % (wenn er die komische Schwäche aus der Ecke rechts, Karrierewert dort: rund 20 %, noch in den Griff bekommt, sieht das noch besser aus).

Er verdient, was starterkalibrige Spieler seiner Größe in der NBA des Jahres 2020 eben so verdienen, nämlich knapp 15 Mio. $. Er kostet die Warriors nur einen mild geschützten Pick, die Aufnahme erfolgt in die bzw. gegen die noch herumfliegende Trade Exception. Das ist - schaut man sich an, was für Pickpakete für Spieler wie Covington und Holiday (Du LIEBER Himmel!) durch die Gegend geschickt werden - nun wirklich ein akzeptabler Preis.

Ein Locker Room Dancer scheint er auch zu sein, die City Edition des Suns Trikots Ausgabe 2021 soll seiner "Valley Boys"-Idee geschuldet sein. Das Verteidigen wird Green ihm wohl noch beibiegen müssen, aber einen viel besseren Mentoren als Dray und Coach Kerr würde er wohl nirgendwo finden.

Rechnung
Ich zahl (nicht ganz) getrennt.

Phoenix geht mit der Verpflichtung all in, aber nur kurz. Pauls Vertrag kann schon nächstes Jahr enden, spätesten 2022 ist endgültig Schluss mit 40 plus Millionen p. a.. Dann stehen Booker, Ayton und Bridges immer noch unter Vertrag bzw. sind teamkontrollierbar.

Dafür geben sie nichts ab, was wehtut. Der Pick ist in den nächsten drei Jahren top-12 bis top-8 geschützt. Geht es mit Paul wider Erwarten völlig in die Grütze, bliebe er also in der Wüste. Oubre hätte der geizige Owner nächstes Jahr vermutlich ohnehin nicht bezahlt, Rubio tut weh, aber Paul ist ein Upgrade, wenn er - das ist der Floh im Pelz - gesund bleibt.

OKC holt aus diesem und dem Folgetrade mit den Warriors netto wieder einen Pick raus, bekam das Wunschprojekt an 17 und spart monströs Geld ein. Sie müssen wenige Kröten schlucken, wie sich das für ein Team im Aufbau gehört, bekommen dafür aber auch - dito - wenig von aktuellem Wert.

Die Warriors haben dank des S&T für Russell und des Tanking unter dem Strich mit Wiggins, Oubre und Wiseman mehr als nur manierlich nachgeladen, um das letzte Drittel der Prime von Curry und Green vielleicht doch noch dynastisch zu Ende zu schreiben.

Bezahlen werden das allenfalls die Erben von Joe Lacob, der wohl die höchste Luxussteuerrechnung aller NBA-Zeiten bekommen dürfte, die nicht aus Russland beglichen wird.

Minnesota wird man zu den Gewinnern der Frühphase dieser Offseason zählen dürfen und müssen, und für Ricky Rubio empfindet man unwillkürlich Freude, dass er zumindest in eine hoffnungsvolle und bekannte Umgebung zurückkommt, in der er wirklich gebraucht werden dürfte, statt in der Prärie Neuaufbau oder in der Wüste Tradechip zu spielen.

Macht für alle Beteiligten Sinn.

Vorteil: alle, gerankt (wobei das nicht in eins gehört, das ist der Verzögerung durch den Unterzeichner geschuldet)

#1 Suns (weil größter Sprung)
#2 Minnesota (weil Roster steht)
geteilte #3 Warriors / Thunder (nur #3, weil Geld und weil gegenwärtig gar nix hängen bleibt)