19 November 2020

19. Nov, 2020


Die Pre-Draft-Tage waren wild. Es wurde allernorts geschachert. Wir friemeln die wichtigsten Trades dieser Periode für euch auseinander.

von LEON GÖHL @OlajuwonsE | 19. Nov, 2020

Start
Houston ging im Februar All-In, als sie Robert Covington aus dem hohen Norden in einem komplizierten Trade (vier Teams waren involviert) nach Texas holten. Damals war es das letzte Ass, dass Daryl Morey aus seinem Ärmel zauberte, in der Hoffnung so die Saison noch zu retten. 

Ein enttäuschender Playoff-Auftritt später, steht Houston vor einem Umbruch, den jüngere Fans nur vom Hören-Sagen kennen. Sowohl James Harden, als auch Russell Westbrook wollen Berichten zufolge lieber heute als morgen die Franchise verlassen. 

Aus sportlicher wie politischer Sicht verständlich, denn der chronisch geizige und Dolan-eske Besitzer Tilman Fertitta tat seit seiner Übernahme wenig, außer zu betonen, dass er die Luxussteuer bezahlen könne. Wer so etwas glaubt, hofft auch auf eine Playoffteilnahme der Sacramento Kings im nächsten Jahr.

Auf der anderen Seite wollen nun die Portland Trail Blazers ein ähnlich missmutiges Verhalten der/des Star(s) verhindern und nach der verkorksten letzten Saison wieder an das weitaus erfolgreichere Jahr 2019 anknüpfen, als sie es überraschenderweise bis in die Conference Finals schafften (Rockets Fans können sich quasi bei Damian Lillard für Russell Westbrook bedanken). 

In Oregon ist man überzeugt, in Robert Covington ein entscheidendes Puzzleteil, für eine weitere Playoffteilnahme gefunden zu haben. Dieser ist ihnen gar zwei First Round Picks (in Houston weiß keiner mit diesem Begriff so Recht etwas anzufangen) und den ewigen Trevor Ariza wert. Ariza kehrte zwar zum mittlerweile dritten Mal nach Houston zurück, geht aber nächstes Jahr bereits in seine 17. Saison und wurde demzufolge am Draft Abend direkt weiter zu den Detroit Pistons getraded - zusammen mit dem 16. Pick im Draft. 

Schuss
Picks verlieren im Jahr 2020 schneller an Wert, als Aktien im Jahr 1929 (haha Black Friday Witz). Die Aktie 'RoCo' ist mittlerweile zwei mögliche First-Rounder (der 16. Pick in diesem Draft und ein geschützter Erstrundenpick 2021) und den Ladenhüter Ariza wert. Zwei Drittel der Blazers-Pakets ging direkt in den Besitz der Pistons über, die im Tausch für den Vertrag des Veteranen und Pick Nummer 16 einen künftigen First Rounder nach Houston schickten. Ergebnis des Geschachers:

POR: Robert Covington
HOU: protected 1st Rd Pick (via POR), future 1st Rd Pick (via DET)
DET16. Pick 2020, Trevor Ariza

Trail Blazers
Portland rüstet mit dem Trade weiter auf und sieht in Covington einen Spieler, der eher für positiven Impact sorgen könnte, als dies Hassan Whiteside letztes Jahr tat. Das Experiment ging nicht ansatzweise so auf, wie man es sich damals in durchaus kühnen Träumen erhoffte (schockierend). 

Der Deal dürfte damit jetzt schon besser sein, als das Geschenk, welches Neil Olshey letztes Jahr Pat Riley machte. Damals ermöglichte Portland so das Signing von Jimmy Butler und legte somit den Grundstein für den Finals-Run der Miami Heat. Ähnliches erhoffen sie sich im Nordwesten nun von Covington. 

Tatsächlich könnte dieser dem Team weiterhelfen. Größte Schwachstelle der Blazers letzte Saison war das Verhindern von Punkten, was oftmals in sehenswerten Spielen mündete, aber auch die Erfolgschancen erheblich minimierte. Mit dem wieder genesen Jusuf Nurkic und eben Covington wird diese Schwachstelle adressiert und sollte defensiv ein deutliches Plus an Qualität darstellen. 

'RoCo' gilt als einer der besten Help-Defender der Liga und kann nahezu alle Positionen mehr oder minder gut verteidigen. Zudem liefert er offensiv verlässliches Shooting (Playoffs 2020: 50%). Gemeinsam mit Nurkic wird er so CJ McCollum und Lillard den Rücken freihalten können. 

Portland wähnt sich im sagenumwobenen Win-Now Modus und kann den Verlust der Picks verkraften, da der eigene Anspruch für den nächstjährigen Draft ein Pick zwischen Platz 25 und 30 (realistisch: 16-23) zu sein scheint. Die Entwicklung von Talenten hält hier nur unnötig auf, außerdem gibt man keinen Pick ab, der perspektivisch weh tun könnte. 

In Trevor Ariza verliert man einen extrem alten Spieler, den man für die Playoffs verpflichtet hatte, in denen er aber lieber seinen Sohn sehen wollte, als von LeBron James vermöbelt zu werden (verständlich, doch Spaß beiseite: die Familie sollte da immer noch Vorrang haben). 

Sportlich gesehen ist der Trade für Portland also ein massives Upgrade und könnte sie tatsächlich näher an die Spitzengruppe führen. Sofern Lillard keine 90% seiner Logo-Dreier trifft, dürfte hier aber auch nicht wesentlich mehr als die erste oder zweite Playoff-Runde möglich sein. 

Rockets
Unter Daryl Morey waren Picks in Houston jahrelang ein Fremdwort und Rockets Fans wussten bei Verkündung des Trades erstmal nicht, wie dies nun zu deuten ist. Mittlerweile ist die Gemengelage klarer und Fans befürchten einen Rebuild. 

Andere, wesentlich optimistischere Personen, sehen darin aber einen Masterplan, um einen weiteren Deal einzufädeln, der James Harden vom Bleiben überzeugen könnte. Pessimisten behaupten wiederum, dass diese Picks nötig sind, um Russell Westbrook einem anderen Team schmackhaft zu machen. 

Es ist traurig, dass man so über einen ehemaligen MVP redet, doch nachdem Russ anscheinend seinen Bausparvertrag aufgelöst hat und über die letzte Saison, mit seinen unzähligen (West) Bricks, etliche Häuser bauen hätte können, ist dieser Pessimismus irgendwo auch verständlich. 

Realistisch gesehen, verbleiben die Picks in Houston und sowohl Westbrook als auch Harden werden neue Teams finden. Letzteres machte der Trade in der Draft Night deutlich. Denn General Manager Raffael Stone verfrachtete den 16. Pick mitsamt Ariza nach Detroit und erhielt im Gegenzug einen zukünftigen, extrem stark geschützten First-Rounder zurück. Dieser Move diente vor allem, um weitere Einsparungen hinsichtlich des Salary Cap vorzunehmen (Fertitta wird es freuen).

Damit wurde die letzte Hoffnung einiger zerschlagen, dass Stone unter Daryl Morey ähnliche Taschenspielertricks erlernt und diese nun in petto hat, um für etwas Unvorhersehbares zu sorgen. Die Zeichen verdichten sich Tag für Tag immer stärker, dass in Houston ein Rebuild angesagt ist, und dabei haben Picks bekanntlich noch nie geschadet. 

Immerhin gibt es bei den Rockets weiterhin eine Konstante: keine First Round Rookies im Roster zu wissen, denn anscheinend sahen Houstons Verantwortliche im Draft keinen Spieler an Position 16, der es wert gewesen wäre, ihn langfristig aufzubauen (RJ Hampton, Aleksej Pokusevski?)

Es hätte zumindest einigen die Hoffnung auf einen schnellen Rebuild geben können (Glas ist halb voll). Die aktuelle Tendenz deutet aber vielmehr auf einen langwierigen, kostengünstigen Prozess à la 76ers hin und hinterlässt Rockets-Fans, die sich schon 2017 lieber Beyoncé als Ownerin gewünscht hätten (und während des Schreiben dieses Artikels ihren Song "Broken Hearted Girl" hören).

Pistons
Neu-GM Troy Weaver zahlt hier für den Erwerb des 16. Picks im Draft mit dem Absorbieren von Arizas 12 Millionen Dollar Vertrag. Der müsste garantiert sein, um diesen Trade durchzuwinken. Ariza und seine defensive Vielseitigkeit reihen sich irgendwo in der Mitte von Detroits Rotation ein. Wie viel Impact der bald 36-Jährige noch haben kann, wird sich zeigen.

Weaver kann Ariza, der ins letzte Jahr seines Vertrages geht, auch im Laufe der Saison weiterreichen. Die Pistons werden realisiert haben, dass große Sprünge in der Free Agency zu diesem Zeitpunkt in ihrem Entwicklungsplan nicht realistisch waren, und konzentrieren sich lieber auf die Ansammlung junger Talente.

Via Draft kamen Killian Hayes, Isaiah Stewart (dieser Pick), Saddiq Bey Sabben Lee, und bereits im Vorfeld Dzanan Musa aus Brooklyn. Damit ist Detroit nicht unbedingt aus dem Rennen um Russell Westbrook, der hartnäckig mit den Pistons in Verbindung gebracht wurde - aber die Zeichen verdichten sich, dass unter Weavers neuer Leitung ein ehrlicher Rebuild angesagt ist.

Rechnung
Vor ein bis zwei Jahren hätte sich jeder darüber echauffiert, dass man für einen Spieler der Kategorie Covington keine zwei First-Rounder abgeben kann. Mittlerweile hat sich dieser Hype weitestgehend normalisiert. Houston hat für einen etwaigen Rebuild vorgesorgt und könnte, bei einem Sinneswandel von Harden, die alte Schiene weiter fahren und sämtliche Picks in der Liga weiterverteilen. 

Portland verstärkt sich auf dem Flügel, bekommt Shooting und dringend benötigte Defense. Wie viel näher man dadurch einem Titel kommt, bleibt abzuwarten. Da sich Picks durchaus als Fehlgriff erweisen können, hat Houston keine Absicherung, trotzdem war der Trade mehr oder weniger alternativlos. 

Detroit hat sich künftige Flexibilität genommen und bezahlt am Ende für den 16. Pick im Draft, Isaiah Stewart, mit Ariza und dem Zustellen eines Großteils des eigenen Cap-Raumes in diesem Sommer. Mehr als kleine Sprünge im 10-Millionen-Dollar Bereich sind damit nicht mehr drin.

Vorteil: Trail Blazers



Seb Dumitru hat zu diesem Artikel beigetragen.