06 Dezember 2020

6. Dez, 2020


Drei Monate Offseason, hineingepresst in wenige Wochen: 2020 hat Humor. Nach der wildesten, weil komprimiertesten Pause aller Zeiten, geht es bereits nächste Woche mit Preseason-Basketball weiter - nur 60 Tage nach dem offiziellen Ende der Saison 2019/20. Cool. Vorher gibt's meinen Rundum-Blick auf die besten und miesesten Offseasons, bevor wir in unsere jährlichen Previews und schnurstracks in Richtung NBA-Spielzeit 2020/21 starten.

von SEB DUMITRU @nbachefkoch | 6. Dez, 2020



Los Angeles Lakers
Es wurde bereits zu Genüge auseinandergefriemelt: Die 'Lake Show' hat nicht nur den NBA-Titel gewonnen, sondern seither ebenso alles richtig gemacht. Langfristige Verlängerungen mit LeBron James und Anthony Davis, Extensions mit den eigenen Rollenspielern Kentavious Caldwell-Pope und Markieff Morris, dazu via Trades und Free Agency die wenigen Schwachstellen wie Bench Scoring, Playmaking und Big Man Defense aufgewertet. Dennis Schröder, Montrezl Harrell, Marc Gasol und Wesley Matthews ersetzen Rajon Rondo, Javale McGee, Dwight Howard und Danny Green. Wir können später über fehlenden Veteranen-IQ, Shotblocking und Championship-Erfahrung sprechen: dieses Team ist noch besser gerüstet für die reguläre Saison. Und in den Playoffs übernehmen ihr-wisst-schon-wer. 1A. 


Philadelphia 76ers
Big Moves in Philly, wo sie mit Daryl Morey und Doc Rivers gleich zwei Stars ihrer jeweiligen Aufgabenfelder für großes Geld verpflichten konnten. Morey machte in Windeseile Fehler der alten Chefetage wett, schickte Al Horford und Josh Richardson aus der Stadt und legte den Fokus vor allem auf ein Areal, das den Sixers mächtig abging: Shooting. Seth Curry (45% von Downtown), Danny Green (Karriere 40%) und Ryan Broekhoff (39%) können Shooting. Dwight Howard und Tony Bradley werten die katastrophale Backup-Big Situation hinter Joel Embiid auf. 'JoJo' und Ben Simmons haben künftig die bisher beste Truppe um sich, um die hohen Ziele in der City of Brotherly Love zu erreichen. 


Portland Trail Blazers
Portlands GM Neil Olshey hatte kaum Möglichkeiten - und hat es dennoch geschafft, seine Trail Blazers besser aufzustellen, als sie es in der Vorsaison waren. Die Verlängerungen mit Carmelo Anthony zum Minimum und Rodney Hood (2 Jahre/21 Mio. $) waren wichtig. Die spätestens in der Bubble völlig irrelevanten Trevor Ariza, Hassan Whiteside und Mario Hezonja ersetzte Olshey durch Rückkehrer Enes Kanter (der vor zwei Saisons mit einem fitten Jusuf Nurkic ein bombastisches Tandem auf Groß bildete), die jungen Derrick Jones Jr. und Harry Giles III., sowie Robert Covington und dessen Three-and-all-over-the-floor-D Taschenmesser-Skills. Die Blazers wollen im hart umkämpften Westen wieder eine ähnliche Rolle spielen wie 2018/19, als sie die Conference Finals erreichten. Diese starke Offseason soll der Startschuss sein.

Atlanta Hawks 
Ja, wir verstehen ja: Warum den Rebuild und die Entwicklung der jungen Talente im Kader bremsen, indem ihnen gestandene Veteranen (Danilo Gallinari, Rajon Rondo, Bogdan Bogdanovic, Kris Dunn und Tony Snell) vor die Nase gesetzt werden? Warum Cap Space für Nicht-Superstars verballern? Wie immer ist die Antwort: Nuance. Extensions stehen an. Max Free Agents sind in ATL kaum realistisch. Nicht jedes Team will ewig im Kreislauf des Neu- und Wiederaufbaus gefangen bleiben. Nicht vergessen: dieser Klub wurde erst 2015 in neue Hände verkauft. Die Hawks haben jetzt mehrere Jahre unter neuer Leitung von Null aufgebaut, und wollen nach drei Saisons in der Lottery eben wieder in die Playoffs. Mit Trae Young steht die Franchise bereits in der Franchise. Mit dem eingekauften Shooting und Playmaking, mehr Defense und besserer Rollenverteilung stehen die Aktien gut, wieder Winning Basketball in Georgia zu erleben.


Phoenix Suns 
James Jones und Monty Williams haben aus einer langjährigen Lachnummer ein respektables Team geformt. Der 8-0 Bubble folgte eine nahezu perfekte Offseason in Phoenix. Wann wurden ähnliche Worte zuletzt geschrieben? Der Trade für einen der besten Point Guards aller Zeiten legte den Grundstein für einen goldenen Herbst. Mit Jae Crowder sicherten sich die Suns einen der besten Impact-Wings auf dem Markt, Langston Galloway und E'Twaun Moore sind solide Additionen am Ende der Rotation. Das Wüstenteam will nach zehn Jahren Abstinenz endlich wieder in die Postseason. Der Kern scheint endlich alt/gut genug dafür.


Toronto Raptors 
Masai Ujiri macht keine Fehler. Auf den ersten Blick sieht der 0-8-15 Fan die Abgänge von Serge Ibaka und Marc Gasol und denkt sich: "Oh Shit, die Meistermannschaft von 2019 bricht ja immer mehr auseinander." Auf den zweiten Blick erkennt er hoffentlich, dass die Ex-Champs seit mehr als einem Jahr ihre Weichen auf Zukunft gestellt haben. Pascal Siakam und Fred VanVleet sind die neuen Franchise-Player - wie lukrative Verlängerungen mit 'Spicy P' und jetzt auch 'FVV' illustrieren. Schlau: VanVleets Deal geht nächsten Sommer stark nach unten, ehe er für 2022/23 wieder massiv ansteigt. Brechstangen-Big Aron Baynes und DeAndre' Bembry (alternierte 50/50 zwischen Drei und Vier) sind günstige, gute Additionen für ein Team mit Qualität, Kultur und Hirn. Ujiri jonglierte all das, ohne sein größtes Ziel aus den Augen zu verlieren: maximalen Cap Space für den Sommer 2021 freihalten. Ihr wisst, was das heißt...

Dallas Mavericks 
Während man stellenweise kritisch auf die Offseason der Mavericks blickt, sieht dieser Autor die Sache viel positiver: einen exzellenten Shooter in Seth Curry zu verlieren, tut immer ein bisschen weh. Mit Blick auf die Akquisitionen einer Truppe, die im Angriff dank eines gewissen MVP-Kandidaten und Rick Carlisles taktischem Genie niemals Probleme haben wird, dafür in der Defense aber gehörig bluten musste, lässt sich das aber mehr als verschmerzen. Josh Richardson, Wes Iwundu und ein Typ, der  'Bloodsport' heisst (James Johnson) sind genau die Dosis D-and-Three Wing Power, die Doktor Donnie Nelson ordern wollte. Die Mavs sind personell besser aufgestellt - und schielen zurecht in Richtung 'home court advantage'.



Milwaukee Bucks 
Eine halbe Sekunde lang sahen die Bucks aus wie der große Gewinner! Einen Trade für Jrue Holiday in der Tasche, einen Sign-and-Trade für Bogdan Bogdanovic in der Hand, wähnte sich das Team aus Wisconsin Zentimeter von einer raschen Giannis-Unterschrift unter seinen neuen Supermax-Vertrag entfernt. Dann brach das Chaos aus: entweder Bogdanovic wollte nicht, oder irgend jemand baute riesige Haufen. Unterm Strich musste der Deal annulliert werden, Bogdanovic landete in Atlanta... die Bucks verkackten den Dunk. Ja, das Front Office sicherte danach Abpraller, stellte sich sportlich besser auf als 2019/20, dank Holiday, D.J. Augustin, Bobby Portis, Bryn Forbes und Torrey Craig. Und wenn Giannis bleibt, ist alles andere ohnehin erstmal zweitrangig. Die tollpatschige Trade-Episode und Antetokounmpos nach wie vor fehlende Extension-Zusage waren jedoch nicht die Hauptgänge, die sie in Deutsch-Athen bestellen wollten.


Denver Nuggets 
Es wird vermutlich keine allzu entscheidende Rolle spielen, sportlich betrachtet, was die Denver Nuggets  in dieser Offseason fabrizierten. Fakt ist, dass dieses Team in Nikola Jokic, Jamal Murray und Michael Porter Jr. (vielleicht) bereits über sein formidables Trio verfügt, um Mile High Basketball im Rennen um die Top-Plätze im Westen zu halten. Aber dieses Team im Win-Now Modus hat in Jerami Grant, Mason Plumlee und Torrey Craig gerade drei seiner besten/vielseitigsten Verteidiger verloren. Man ist sich relativ sicher, dass JaMychal Green und Isaiah Hartenstein diese Lücke nicht werden schliessen können. Neu-GM Calvin Booth muss also darauf hoffen, dass interne Verbesserung und eine kometenhafte Saison von MPJ in Denvers Sternen stehen.

Detroit Pistons
"Put your hands up for Detroit." Also, wenn ihr genauso ratlos und verwirrt zurück blickt auf humoristische, abstruse und konfuse Tage im November, als Neu-GM Troy Weaver eine Fülle von Spezial-Moves auspackte, die bisher nur er kannte. Es ist in Ordnung, ja lobenswert, wenn ein neuer General Manager mit der Abrissbirne gegen einen derart maroden Kader vorgeht, wie er ihn überreicht bekam. Die Kunst ist aber nicht das Einreissen, sondern das Wieder-Zusammenbauen. Und spätestens hier verlor uns Weaver fast alle. Größere Rolle als in Denver und 20 Mio. $ pro Jahr für Jerami Grant? Okay. 25 Mio. $ und drei Jahre für Mason Plumlee? Fragwürdig. Jahlil Okafor und 98 weitere Bigs? Wood und Dewayne Dedmon für umme ziehen lassen? Einhundert Second Round Picks links und rechts durch die Gegend schmeissen? "Wir kommen nicht mehr mit, TROOOY!!!" Dieses Team ist Jahre davon entfernt, Jahre entfernt zu sein. Warum Detroit dann nicht komplett auf Reset und Rebuild um Killian Hayes und Konsorten gegangen ist? Nur Troy kennt die Antwort. 


Houston Rockets
Die Offseason der Rockets war aus rein transaktioneller Sicht keine Katastrophe. Mit Christian Wood, DeMarcus Cousins, Jerian Grant und Sterling Brown kann Neu-Coach Stephen Silas sicherlich arbeiten. Wenn man die Augen ganz fest zusammendrückt, erscheinen sogar vage Formen eines homogeneren, besser ausbalancierten Teams als zuletzt. Besser als zuletzt werden die Rockets hingegen eine ganze Weile nicht mehr sein. Nicht nur die Abgänge von Daryl Morey und Mike D'Antoni, sondern ihr Zustandekommen, wiegen schwer. In ihrem Nachklapp verlangten sowohl James Harden als auch Russell Westbrook einen Trade aus Houston. Der eine ist bereits woanders, der andere ließ sich auch nach mehreren Tagen Training Camp nicht in H-Town blicken. Wer schon länger mitliest, weiss ganz genau, wie 100 Prozent dieser Situationen in der Starliga NBA ausgehen. Wer sich - wie die Rockets-Bubble - etwas anderes einredet, verzögert nur das Unvermeidliche.


Boston Celtics
Gute Draft-Picks in der Hand, volle Kontrolle über die Gordon Hayward Situation und selbsterklärte Destination für interessierte MLE- und Veteranen-Free-Agents: Celtics-Fans fühlten sich gut vor dem Start der Offseason, mit Blick auf die lukrativen Möglichkeiten, den EC-Finalisten nachhaltig zu verstärken. Wochen später ist Ernüchterung eingekehrt: die Draft-Picks wurden für noch mehr Guards und Wings verballert, kein talentierter Free Agent kam nach 'Beantown' (die volle MLE für Tristan Thompson? Sheeesh!), und Hayward suchte das Weite. Nein, Danny Ainge hätte den Playmaker-Wing natürlich auf keinen Fall zu ähnlich absurden Bezügen, wie er sie in Charlotte kassiert, verlängern sollen. Einen Schlüsselspieler aber für lau zu verlieren (und Nein, 30 Mio. $ TPEs sind den Platz in der Trade Machine nicht wert), ist mindestens suboptimal, vielleicht sogar fahrlässig. Zumal es Möglichkeiten gegeben hätte, sich früh mit passenden Tauschpartnern (Indiana) einig zu werden. Boston hat mal wieder eine gute Gelegenheit verpasst.


Orlando Magic
Wenn jemand versteht, was die Orlando Magic machen, so lasse man mich das wissen. Vielleicht waren sie einfach nur überrascht in Florida, wo monatelang Bubble-Basketball vor der Haustür gespielt wurde und plötzlich alles vorbei und dann Herbst und Draft und Free Agency war, bevor man zwei Mal blinzeln konnte. Aber dieses Team ist schwächer als zuvor, und zwar entschieden so. Der beste Verteidiger des Teams, Jonathan Isaac, fehlt die gesamte kommende Saison. Aaron Gordon und Nikola Vucevic sitzen weiterhin schwer auf den Büchern. Der Glaube an Markelle Fultz als Playmaker der Zukunft scheint so groß nicht zu sein, ergo die Selektion von Cole Anthony mit Pick #15. Nicht eine nennenswerte Addition, während die Konkurrenz im Play-In Universum der Eastern Conference aufstockte, ergibt ein L.

Sacramento Kings
Der Tyrese Haliburton Pick war bombastisch - die Art Draft-Geschenk, das eine Franchise unverhofft in eine andere Richtung bugsieren könnte. Stand heute war die Offseason der Kings aber mindestens unglücklich. Sicher: man kann und sollte eine gewisse Langzeit-Strategie von Neu-GM Monte McNair akzeptieren. Er war nicht verantwortlich für die vielen Fehlgriffe der Vergangenheit, kam erst im September und entschied, einen anderen Weg einzuschlagen. Wie viel Verantwortung trug er aber am geplatzten Bucks-Kings-Trade? Warum "matchte" er Bogdanovic nicht, um ihn zu einem späteren Zeitpunkt für Gegenwert zu traden? Vielleicht wollte er das Gemüt von Buddy Hield beruhigen, der zuletzt lautstark um mehr Spielanteile und eine Starterrolle buhlte - nur um erneut von Coach Luke Walton abgeblockt zu werden. Vielleicht ist auch Waltons Zeit abgelaufen, dem McNair in Alvin Gentry einen durchaus fähigen 'Associate Head Coach' in den Nacken stellte. Vielleicht sind die Kings in Phase eins eines mehrstufigen Rebuilds (mal wieder). Die Chance, klar Linie zu ziehen, ließen sie in 'Sactown' allerdings liegen.