25 Dezember 2020

25. Dez, 2020


Die National Basketball Association bittet zu Tisch und hat auch dieses Jahr wieder ein spektakuläres Weihnachtsmenü zusammengestellt. Fünf Spiele am Stück, von 18 Uhr deutscher Zeit bis tief in die Morgenstunden. Willkommen zum – nach Playoffs und Finals – „Next Biggest Day for Basketball“ (Paul George). Es ist angerichtet!

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 25. Dez, 2020


18 Uhr: New Orleans Pelicans (1-0) @ Miami Heat (0-1)



Zum Auftakt treffen zwei junge Mannschaft mit gegensätzlicher Timeline aufeinander. Gastgeber Miami hat als Vorjahresfinalist trotz erstarkter Konkurrenz im Osten seine Ansprüche nicht gesenkt und will auch 2021 wieder nach den Sternen greifen.

Die Pelicans hingegen befinden sich im Aufbau (vom Aufbau), in den letzten zehn Jahren erreichten sie nur drei Mal die Playoffs und gewannen in diesem Zeitraum lediglich eine einzige Serie. Mit neuem Coach, qualitativen Youngstern aus dem Anthony Davis-Trade sowie Hauptgewinn Zion Williamson soll alles besser werden.

Nicht nur die Pels selbst, auch die Liga hat große Pläne mit Zion. Dass sich New Orleans trotz kleinem Markt und sportlichem Mittelmaß an Weihnachten präsentieren darf liegt vornehmlich am ersten Pick des Jahres 2019, der als neues Gesicht der NBA Post-LeBron aufgebaut werden soll.

Beide Klubs haben keine längere Historie, deshalb und weil sie in unterschiedlichen Conferences spielen, gab es keine bedeutsamen Aufeinandertreffen in der Vergangenheit. 

X-Faktor: Die Pelicans gehen als krasser Außenseiter in diese Partie. Um der gut geölten Maschine aus South Beach Paroli zu bieten kommt neben den Leistungsträgern Williamson und Brandon Ingram vor allem Neuzugang Eric Bledsoe in der Pflicht, Miamis Guard-Rotation Tyler Herro, Duncan Robinson, Kendrick Nunn und Goran Dragić am Eskalieren zu hindern. Gleichzeitig ist der Veteran als Spielmacher neben Lonzo Ball sowie als Distanzschütze gefragt. Bei der Saisoneröffnung gegen die Toronto Raptors schoss sich Bledsoe schon mal für Weihnachten warm (4-8 Dreier). 


Marquee Matchup: Bam Adebayo gegen Zion Williamson. Miamis Coach Erik Spoelstra lässt sich selten in die Karten schauen und überrascht gerne mit unvorhergesehenen Zuteilungen. Gegen den wuchtigen wie athletischen Zion ist sein 195 Mio. $ schwerer Big Man eine offensichtlichere Wahl als die körperlich unterlegenen Moe Harkless und Jimmy Butler. Ob er wirklich Adebayo gegen Williamson stellt und dafür Kelly Olynyk in die Startaufstellung nimmt, um Steven Adams zu neutralisieren, steht noch in den Sternen. In jedem Fall wird Spoelstras Antwort auf Williamson für den Ausgang des frühen Christmas Games von entscheidender Bedeutung.

Orakelei: Verkehrte Welt zum Auftakt. Die Pelicans – eigentlich noch in der Findungsphase – überraschten die Toronto Raptors mit einem deutlichen Auswärtssieg. Die Heat hingegen stolperten noch etwas überraschender bei den eigentlich zahnlosen Orlando Magic und dürfen sich keine weiteren Aussetzer leisten. In den nächsten fünf Partien warten zwei Mal die Milwaukee Bucks, dazu die Boston Celtics und Dallas Mavericks. 

Daher lässt Miami, einmal mehr angetrieben von Jimmy Butler, dieses Mal nichts anbrennen. Die Pelicans halten das Spiel bis ins letzte Viertel offen, dann überragt jedoch die individuelle Klasse der Heimmannschaft.


20.30 Uhr: Golden State Warriors (0-1) @ Milwaukee Bucks (0-1)



Zur deutschen Primetime kursiert die Frage: „Was wäre wenn… ?“

Was wäre, wenn der zweimalige MVP Giannis Antetokounmpo in den NBA Finals den fünfmaligen Finalisten um die „Splash Brothers“ Steph Curry und Klay Thompson herausgefordert hätte? Hätten die Warriors eine Antwort auf Giannis‘ geballte Wucht gefunden? Wie hätten sich die Doppel-MVPs 2015 und 2016 sowie 2019 und 2020 in einer ganzen Serie gegeneinander geschlagen?

Diese Ansetzung zu Weihnachten soll zumindest eine kleine Antwort anbieten. Weil jedoch Thompson 2020/21 überhaupt nicht auf dem Parkett stehen wird und Curry als einzig Übriggebliebener der goldenen Tage den Laden nur schwer am Laufen hält bleibt der sportliche Reiz dieser Partie gering.

X-Faktor: Von Andrew Wiggins ist nichts mehr zu erwarten, deshalb ruhen sämtliche Hoffnungen der Warriors auf Rookie James Wiseman. Bei seinem Debüt zur Opening Night gegen die Brooklyn Nets hinterließ Wiseman mit 19 Punkten und sechs Rebounds in 24 Minuten zwar einen anständigen ersten Eindruck, brachte die meisten Zähler jedoch erst in der Garbage Time aufs Scoreboard. Der zweite Pick des Drafts müsste seine hohe Position sehr früh rechtfertigen, um dieser Begegnung so etwas wie Spannung zu verleihen.

Marquee Matchup: Stephen Curry gegen Jrue Holiday. Die Bucks griffen tief in die Tasche, um Holiday in die Bierstadt zu lotsen. Gegen Curry – auch auf der falschen Seite der 30 und nach einem Jahr Zwangspause immer noch einer der gefährlichsten seiner Zunft – darf Jrue direkt seinen Wert unter Beweis stellen. Erstickt er die Offensivbemühungen von Golden States Sisyphos früh im Keim, gibt’s in Milwaukee eine frühe Bescherung.


Orakelei: Zum Auftakt in Brooklyn kassierten die Dubs eine herbe Klatsche und treten mit unverändertem Personal (Draymond Green fehlt weiter) gegen den noch besser besetzten Primus des Ostens an. Zwar gelang Golden State vor einem Jahr am Weihnachtsabend ebenfalls schwer dezimiert ein Coup gegen indisponierte Houston Rockets. Giannis und seine Gefährten haben jedoch infolge der Auftaktniederlage bei den Boston Celtics keine Geschenke zu verteilen und werden deshalb schnell für klare Verhältnisse sorgen. 


23 Uhr: Brooklyn Nets (1-0) @ Boston Celtics (1-0)



Das einzig reine Duell der Eastern Conference hat es in sich, denn Nets gegen Celtics kann in einem halben Jahr gut und gerne zu einem Conference Semi oder gar den Conference Finals werden. 

Brooklyn reist mit dem Rückenwind des ungefährdeten Auftaktsieges gegen die Warriors an. Die Celtics hatten mit den Milwaukee Bucks einen ungleich schwereren Gegner, brachten diesen aber dank eines Sonntagswurfs von Jayson Tatum sowie Giannis Antetokounmpos Freiwurfschwäche zur Strecke. Beide Mannschaften bringen also das nötige Selbstvertrauen aus der Kabine mit, um dieses Duell zum mutmaßlich spannendsten und aufregendsten des Abends zu machen.

Eine sportliche Rivalität verbindet diese beiden Klubs nicht, unvergessen bleibt aber der Trade in der Draft-Nacht 2013, der die Celtics-Legenden Paul Pierce und Kevin Garnett sowie Jason Terry nach Brooklyn schickte, welche dafür ihre komplette mittelfristige Zukunft in Form von Draft Picks und Pick-Swaps opferten, die Boston unter anderem Jayson Tatum und Jaylen Brown bescherten.

X-Faktor: Unter besonderen Beobachtung steht an diesem Abend Kyrie Irving. Nicht nur wegen seiner Celtics-Vergangenheit und der ersten Rückkehr in den Bostoner Garden, sondern auch weil der exzentrische Point Guard neuerdings Salbei in der Halle verbrennt.


Den Nets werden diese Sperenzchen herzlich egal sein, solange Irving ähnlich wie gegen Golden State performt (26 Punkte, 10-16 aus dem Feld in 25 Minuten). In Bostons Marcus Smart wartet jedoch eines der härtesten Matchups der ganzen Association auf Kyrie, denn Smart ist nicht nur für seine harte Verteidigung bekannt, sondern auch für Provokationen und Affronts, für die wiederum Kyrie anfällig ist. In ihrer gemeinsamen Zeit in Boston sollen Irving und Smart mehrfach aneinander geraten sein. Das macht sie zum gegenseitigen X-Faktor.

Marquee Matchup: Kevin Durant gegen Jayson Tatum. Der „Slim Reaper“ ist zurück. Und wie. Gegen sein kalifornisches Ex-Team ließ KD von Rost oder Korrosion nach eineinhalb Jahren in der unfreiwilligen Zuschauerrolle nichts erkennen. Sein Wurf fällt weiterhin butterweich, seine Explosivität im Zug zum Korb hat nicht gelitten und mit seinen Krakenarmen und seiner Beweglichkeit ist er auch weiterhin am defensiven Ende ein signifikanter Faktor.

Während Durants Abwesenheit sind die Uhren indes nicht stehen geblieben. Neue Superstars haben sich aufgeschwungen – so zum Beispiel in Boston Tatum, ein ebenso hoch veranlagter Wing mit ähnlicher Statur. Das erste „richtige“ Aufeinandertreffen Durants und Tatums am Weihnachtsabend verleiht diesem Matchup die nötige Würze. Im Idealfall verteidigen sie sich gegenseitig und liefern sich somit eine Art Privatduell über 48 Minuten (oder bestenfalls mehr). 

Orakelei: Boston muss ohne Kemba Walker antreten. Gegen die ins Rollen gekommenen Nets reicht es für die Celtics derzeit nur in Bestbesetzung. Daher geht die erste von möglicherweise einigen Runden in dieser Spielzeit knapp nach Brooklyn. Gut möglich, dass sich wie schon das erste Gipfeltreffen des Ostens auch dieses Spiel erst in der letzten Sekunde entscheidet.


2 Uhr: Dallas Mavericks (0-1) @ Los Angeles Lakers (0-1)



Zur amerikanischen PrimeTime wird selbstverständlich der beste Spieler seiner Generation geladen. LeBron James und die Lakers empfangen einen seiner möglichen Nachfolger auf dem Thron, sobald (falls) LeBron die Sneaker an den viel zitierten Nagel hängt.

Luka Dončić und seine Mavericks gelten als heißer Kandidat für den Durchstarter 2021. Das slowenische Wunderkind machte zuletzt in den Playoffs der anderen Mannschaft aus der Stadt der Engel das Leben schwer. Mit erst 21 Jahren wird Dallas‘ Point Guard nun vor seiner erst dritten NBA-Saison als MVP-Kandidat gehandelt. Das alleine unterstreicht den Stellenwert, den er in kurzer Zeit bei den Mavericks und in der gesamten Association erlangt hat.

Um neben den Clippers auch die Lakers zu ärgern muss Dončić jedoch weiter auf prominente Hilfe verzichten: Kristaps Porziņģis fehlt mindestens bis Januar, was die Herausforderung ungleich schwerer macht. Der Champion tritt derweil in Bestbesetzung an. 

Auch dieses Matchup hat keine tiefere historische Bedeutung. Fans des großen Blonden der Mavericks, der seit 1998 bis in alle Ewigkeit Dallas‘ Rückennummer 41 trägt, werden sich genüsslich an die Playoffs 2011 erinnern, als die Mavericks in den Western Conference Semi-Finals den damaligen zweifachen Titelträger aus Los Angeles mit einem Sweep demontierten, um sich zwei Runden später selbst zum Champion zu krönen. Seither sahen sich beide Mannschaften auf einer größeren Bühne nicht wieder.

X-Faktor: Der von den Philadelphia 76ers akquirierte Josh Richardson wurde als Heilsbringer für die träge Mavericks-Defense verpflichtet. Gegen den Titelverteidiger wird Richardson genau an dieser Baustelle alle Hände voll zu tun haben und sowohl am Perimeter als auch am Korb immer wieder aushelfen müssen. Um die Lakers in Bedrängnis zu bringen benötigt Dallas nicht nur Dončić in Topform, sondern auch Richardson, der dem Franchise Player der Mavericks als Taktgeber in der Verteidigung und als zweiter Playmaker den Rücken frei hält.


Marquee Matchup: LeBron James gegen Luka Dončić. Im direkten Duell werden sich die beiden All-Stars seltener begegnen, zumindest wenn Purpur-Gold in Ballbesitz ist. Dennoch zielt die gesamte Ansetzung auf dem Showdown der Generationen, die sich im Idealfall einen abwechslungsreichen Schlagabtausch auf dem Scoring Board liefern.

Orakelei: Die Lakers haben sich zum Auftakt von den Clippers düpieren lassen und setzen daher auf der zweiten großen Bühne der Woche alles daran, nicht mit zwei Niederlagen in die Saison zu starten. Dallas steht nach der Pleite im ersten Spiel gegen die Phoenix Suns ebenfalls mit dem Rücken zur Wand und macht dem Champion daher bis in die Crunchtime das Leben schwer, scheitert dort wieder mal an sich selbst, viel mehr aber noch an LeBron und Anthony Davis.


4.30 Uhr: LA Clippers (1-0) @ Denver Nuggets (0-1)



Zum Nachtisch wird Rache kalt serviert. Zumindest wenn es nach den Clippers geht, denn die wurden vor drei Monaten in den Western Conference Semi-Finals zutiefst gedemütigt, als sie die Serie trotz 3-1 Führung nicht ins Ziel brachten und der seit Monaten herbeigesehnte „Battle of Los Angeles“ ausfiel.

Infolge dessen sind in LA zwar einige Köpfe gerollt, darunter der des langjährigen Cheftrainers Doc Rivers. Ihr Kern um Kawhi Leonard und Paul George blieb jedoch. Und bekam mit der Ansetzung der Christmas Games die schmerzhafte Pleite in der Orlando-Bubble nochmals neu vor Augen geführt.

Die Nuggets haben seit ihrer denkwürdigen Aufholjagd wegen der Abgänge Jerian Grants, Mason Plumlees und Torrey Craigs im Frontcourt an Klasse eingebüßt. Dennoch verfügt Coach Mike Malone immer noch über einen der tieferen Kader der Liga und mit Shooting-Star Michael Porter Jr. möglicherweise über einen weiteren All-Star in der näheren Zukunft, für den die Christmas Games eine weitere Chance sind, sich vor großem Publikum zu präsentieren.

Für das Wiedersehen am Weihnachtsabend müssen die Clippers auf den für teures Geld verlängerten Marcus Morris verzichten, der bereits in der Preseason nicht zur Verfügung stand. Bei den Nuggets ist ausgerechnet JaMychal Green fraglich, der erst in der Offseason von LA nach Denver wechselte.

X-Faktor: Paul George enttäuschte in der Playoff-Serie gegen die Nuggets maßlos, vor allem das entscheidende siebte Spiel wird ihn einige Zeit verfolgt haben: 10 Punkte, 4-16 aus dem Feld, 2-11 aus der Distanz, dazu fünf Turnover. 

Von „Playoff P“ kann daher vorerst keine Rede mehr sein, aber vielleicht wird er ja zu „Christmas P“, um das Trauma der Orlando-Bubble im ersten Schritt zu bewältigen. Seine jüngste Verfassung verheißt gutes: In der Opening Night gegen die Lakers war der sechsfache All-Star mit 33 Punkten bester Mann auf dem Feld.


Marquee Matchup: Nikola Jokić gegen Serge Ibaka. Beim Kollaps in den Playoffs wurden die Clippers vom offensiv so variablen Jokić nach allen Regeln der Kunst vorgeführt. Ein defensivstarker Big Man stand folglich auf LAs To Do-Liste der Offseason ganz oben und wurde mit der Addition Serge Ibakas abgehakt.

Ibaka bringt Erfahrung und Toughness aus 12 NBA-Saisons in dieses Matchup mit Denvers primärer offensiver Option und kann zumindest auf dem Papier körperlich mit dem serbischen Koloss mithalten. Eine dominante Vorstellung des kongolesischen Spaniers gäbe seiner Mannschaft die Gewissheit, dass die Schwächen des Vorjahres ausgemerzt sind. 

Eine Selbstverständlichkeit wird dies aber nicht, denn Jokić ist schon wieder in Geberlaune und ließ die Clippers (und alle anderen) mit einem Triple Double (29 Punkte, 15 Rebounds, 14 Assists) im ersten Saisonspiel wissen, dass er seine Allround-Extraklasse nicht in Orlando vergessen hat.

Orakelei: Die Nuggets haben ihren Auftakt gegen die Sacramento Kings verpatzt, dabei präsentierte sich vor allem der in den Playoffs so überragende Jamal Murray weit weg von seiner Bestform (1-9 aus dem Feld, Ende des vierten Viertels ausgefoult). Den Clippers hingegen gelang die hochkarätige Generalprobe gegen den Stadtrivalen. Mit den Rachegelüsten im Bauch folgt in Denver das zweite Ausrufezeichen. Die Clippers siegen am Ende klar.