18 Dezember 2020

18. Dez, 2020


Ho, ho, ho! Oktober bis Ostern war gestern. Nach der kürzesten (und trotzdem noch zu langen) Offseason der NBA-Geschichte steht das 72-Spiele Extravaganza namens Saison 2020/21 zur Weihnachtszeit vor der Tür. Als ersten Gang serviert die Chefküche wie gehabt 30 unwiderlegbare, wettspielbare Prognosen im Reverse Power Ranking Style. No. 5: Die Boston Celtics...

von JONAS RÖHRIG @jonasRo19 | 18. Dez, 2020


Flashback
48-24, Eastern Conference Finals (2-4 vs. Miami Heat)

Plus
Tristan Thompson
Jeff Teague
Aaron Nesmith
Payton Prichard

Minus
Gordon Hayward
Enes Kanter
Brad Wanamaker
Vincent Poirier

Was ist Neu?
Nach dem Trip in die Conference Finals hat sich nicht viel in Boston verändert, die Celtics setzen weiter auf interne Verbesserung, insbesondere von Jayson Tatum und Jaylen Brown. Ersterer vollzog in der letzten Saison den Sprung zum absoluten Superstar, trug die Celtics phasenweise allein zu Siegen und wurde dafür in der Offseason mit seinem ersten Maximalvertrag belohnt. Diese Entwicklung soll in der kommenden Spielzeit fortgesetzt werden und Tatum in den erweiterten Kreis der MVP-Anwärter einziehen.

Gordon Hayward hat dagegen Boston den Rücken gekehrt. Auch wenn er hauptsächlich wegen seiner Verletzungen nie an die hohen Erwartungen herankam, werden die Celtics seine Vielseitigkeit und sein Playmaking vermissen. Enes Kanter wurde durch Tristan Thompson ersetzt, der offensiv zwar keine große Rolle spielen wird, aber dafür gleichwertiges Rebounding liefert und dazu in den Playoffs spielbar ist.

Der unterschätze Backup Brad Wanamaker schloss sich den Golden State Warriors an, als Ersatz verpflichteten die Celtics Jeff Teague. Dieser soll offensiv solideres Playmaking liefern als sein Vorgänger, ist allerdings defensiv deutlich angreifbarer als Wanamaker. Dessen Abgang wird noch verschärft aufgrund der Hiobsbotschaft, dass Starting Point Guard Kemba Walker erneut am Knie operiert werden muss und dadurch mindestens den Saisonstart verpassen wird, in pessimistischen Szenarien sogar bis März ausfällt.


Beste Addition
Tristan Thompson ... Der Ex-Cavalier wertet die Big Man Rotation der Celtics im Gegensatz zu seinem Vorgänger Enes Kanter deutlich auf. Die Playoffs haben (mal wieder) gezeigt, dass der (Ex-)Türke in knappen Partien nur sehr sporadisch einsetzbar ist. Thompson legte in den letzten zwei Spielzeiten im Schnitt ein Double-Double auf und ist seit Jahren einer besten Offensiv-Rebounder der Liga (Platz drei 2019/20). Auch er ist kein geborener Ringbeschützer, spielt aber mit viel Einsatz und Agilität, um kleinere Forwards zu verteidigen.

Die Addition Thompsons entlastet den nominellen Starter Daniel Theis, sodass sich Coach Brad Stevens nicht zu sehr auf den bisher nur ansatzweise überzeugenden Robert Williams verlassen muss.

The Planet
Jayson Tatum ... Tatum ist der unumstrittene Franchise Player, einer der besten Two-Way Flügelspieler der Liga und gerade mal 22 Jahre alt. Nach dem All-Star Break und der Verletzung von Kemba Walker legte Tatum im Schnitt 27 Punkte, sieben Rebounds sowie drei Assists auf und traf 46 Prozent seiner Dreier.


Bei diesen offensiven Ausnahmeleistungen geht seine genauso elitäre Defense leider oft unter, umso wichtiger an dieser Stelle zu erwähnen, dass Tatum bei den Wings mit hoher Usage-Rate beim Net-Rating auf Rang drei steht, nur hinter Giannis Antetokounmpo und Kawhi Leonard.

Der dritte Pick des starken Draftjahrgangs 2017 belohnte sich in der Offseason mit seiner Unterschrift unter einem Fünfjahres-Maximalvertrag und geht nun in seine erste Saison als unumstrittener Führungsspieler auf beiden Seiten des Courts. Bei entsprechendem Teamerfolg wird Tatum zwangsläufig in der MVP-Diskussion mitmischen. Ausbaufähig bleiben zum Teil noch seine Quoten aus der Mitteldistanz, von wo er zwar weniger Würfe nahm als noch in der vorletzten Saison, jedoch weiterhin unterschiedlich gut traf. Insbesondere die langen Zweier fielen nur mit 36-prozentiger Wahrscheinlichkeit.

Rising Star
Jaylen Brown ... Bostons anderem hochbegabten Flügelspieler gelang in der vergangenen Saison ebenfalls ein gewaltiger Leistungssprung, er steigerte seinen Punkteschnitt von 13 auf über 20 steigern und legte dazu 6,4 Rebounds und 2,1 Assists auf. Bemerkenswert ist vor allem die Steigerung seiner Quoten in allen Bereichen, trotz höherer Usage-Rate und Wurfanzahl.

Vor allem Browns Dreierquote von 38 Prozent bei sechs Versuchen pro Abend hob seine Offense auf ein neues Level. Hinzu kommt, dass er neben Tatum der beste Flügelverteidiger des Celtics ist und sowohl auf als auch neben dem Court als Leader seiner Mannschaft gilt. Auch in den Playoffs bestätigte Brown diese Leistungen und hob seinen Scoring-Schnitt weiter.


Browns Schwächen liegen offensiv noch darin, dass er kein geborener Playmaker und auf die Zuarbeit anderer angewiesen ist. So ging in den Playoffs 70 Prozent seiner Würfe ein Pass seiner Mitspieler voraus, zum Vergleich liegt hier Tatums Wert bei 46 Prozent. Bostons Rückkennummer 7 ist ein sehr guter Catch-and-Shoot Spieler geworden, doch sein Spiel mit dem Ball in der Hand bleibt ausbaufähig.

Don’t Sleep! 
Aaron Nesmith ... Der 14. Pick des Drafts 2020 traf am College 52 Prozent seiner acht Dreier pro Spiel und gilt als der mit Abstand beste Werfer seines Jahrgangs. Nur eine saisonbeendende Fuß-Operation sorgte dafür, dass er den Celtics zum Ende der Lottery noch zur Verfügung stand.

Während sich Nesmiths Playmaking und Ballhandling noch entwickeln, bewegt er sich sehr gut abseits des Balls und wird von den besseren Mitspielern in Boston merklich profitieren. Dazu ist er ein engagierter Verteidiger, der trotz durchschnittlicher Athletik nicht vor Körperkontakt in der Zone zurückschreckt und am College mit einigen spektakulären Blocks auffiel. Nesmith könnte die Ergänzung auf dem Flügel werden, die Haywards Abgang nötig gemacht hat.

Beste Fünf
Walker – Smart – Brown – Tatum – Theis


Good News
+ Die tragenden Säulen sind immer noch sehr jung, ergänzen sich perfekt und haben gerade in Person von Tatum nahezu kein „Ceiling“
+ Der Frontcourt kommt dank der Addition Thompsons deutlich robuster daher, was in den Playoffs von Vorteil sein wird
+ Im Kader stehen viele junge Rotationsspieler, es besteht die Chance, dass einer überraschen wird
+ „Trader-Danny“ Ainge kreierte aus Haywards Wechsel zu den Charlotte Hornets die größte Trade Exception der Ligageschichte (28,5 Mio. $)

Bad News

- Gordon Hayward wird den Celtics offensiv fehlen, auch weil kein direkter Ersatz verpflichtet wurde
- Ohne Kemba fehlt es neben Tatum an einem verlässlichen Playmaker, der Ersatz heißt Jeff Teague
- Die drei Erstrunden-Picks der Jahre 2018 und 2019 (Robert Williams, Grant Williams, Romeo Langford) haben bisher nicht eingeschlagen
- Innerhalb der Division haben die Philadelphia 76ers und Brooklyn Nets mächtig aufgerüstet

Was fehlt?
Es fehlt ohne Hayward an Tiefe auf dem Flügel. Auch wenn Marcus Smart viele der frei gewordenen Minuten übernehmen kann, waren gerade die Lineups mit Tatum, Brown und Hayward zusammen die größte Waffe der Kelten. Aaron Nesmith wird hier eventuell überraschen, doch er ist bei Weitem nicht der Playmaker von Haywards Kaliber.

Abgesehen davon fehlt es im Hinblick auf Kemba hauptsächlich an Gesundheit. Sollte er längerfristig ausfallen oder Probleme haben, an sein früheres Leistungsniveau heranzukommen, wird es in der umkämpfteren Spitze der Eastern Conference schwerer für die Celtics.

Kemba ist neben Tatum der einzige Spieler im Kader, der sich als Playmaker seinen Wurf selbst erarbeiten kann. Da Jaylen Brown eher abseits des Balls Gefahr ausstrahlt und Jeff Teague nicht mehr der All-Star vergangener Zeiten ist, wird sich Marcus Smart dazu berufen fühlen, die Offense ohne Tatum am Laufen zu halten. Ob das langfristig eine gute Lösung ist, bleibt abzuwarten.

Check 1,2
In Bestbesetzung sind die Celtics auch in der nächsten Saison eine Spitzenmannschaft in der Eastern Conference und ein ernstzunehmender Contender. Sie haben alles: einen jungen Franchise Player mit fast ebenso jungem Co-Star, ein Pick-and-Roll Monster als Aufbauspieler und mehr als solide Rollenspieler.

Auch ohne Kemba in Topform sind Tatum, Brown und Co. natürlich gut genug, um in die Playoffs einzuziehen. Doch in der Endrunde wird entscheidend sein, ob und – wenn ja – wie fit Walker ist, denn ihn kann Boston nicht ersetzen. In diesem Fall müssten Tatum und Brown noch weiter über sich hinauswachsen, um erneut in die Conference Finals einzuziehen.

Die Rechnung, bitte