19 Dezember 2020

19. Dez, 2020


Ho, ho, ho! Oktober bis Ostern war gestern. Nach der kürzesten (und trotzdem noch zu langen) Offseason der NBA-Geschichte steht das 72-Spiele Extravaganza namens Saison 2020/21 zur Weihnachtszeit vor der Tür. Als ersten Gang serviert die Chefküche wie gehabt 30 unwiderlegbare, wettspielbare Prognosen im Reverse Power Ranking Style. No. 4: Die Brooklyn Nets...

von SEB DUMITRU @nbachefkoch | 19. Dez, 2020


Flashback
35-37, Playoffs Runde eins (0-4 vs. Toronto Raptors)

Plus
Landry Shamet
Jeff Green
Bruce Brown
Reggie Perry

Minus
Jamal Crawford
Michael Beasley
Wilson Chandler
Justin Anderson
Garrett Temple
Lance Thomas
Donta Hall

Was ist Neu?
Nicht viel, und doch eine ganze Menge. Der Patchwork-Kader der Bubble-Saison wurde erwartungsgemäß mächtig ausgedünnt. Landry Shamet, Jeff Green und Bruce Brown kamen während der hier entspannten Free Agency, Rookie-Big Reggie Perry wurde an Position 57 gedraftet und kämpft um Einsatzminuten auf Groß.

Nahezu der gesamte Trainerstab wurde verändert, nachdem Kenny Atkinson bekanntlich bereits im März geschasst wurde: Ex-Interimscoach Jacque Vaughn und Ex-Houston Rockets-Cheftrainer Mike D'Antoni werden künftig assistieren, während Steve Nash zum ersten Mal überhaupt die Geschicke eines Teams lenken darf – eine auf den ersten Blick verblüffende Entscheidung, wenngleich eine, die durch das Prisma der neuen Dynamik in Brooklyn Sinn ergibt.

Die größte Veränderung ist freilich eine, die sich bereits 2019 anbahnte, als die Nets den Doppel-Coup mit der Verpflichtung von Kyrie Irving und Kevin Durant landeten. Irving absolvierte nur 20 Partien, während Durant die gesamte Saison 2019/20 nach seinem Achillessehnenriss in den NBA Finals ausfiel. Jetzt sind beide zurück, ihre Verletzungen verheilt... und Brooklyn plötzlich mittendrin im Kreis der Meisterschaftsanwärter.


Beste Addition
Steve Nash ... Der zweifache MVP und Hall of Fame Point Guard bekam – für Viele schockierend – den Zuschlag als neuer Head Coach beim ad hoc Contender. Ist Nash, der noch niemals in dieser Funktion an der Seitenlinie stand, zuletzt jedoch bei den Golden State Warriors als Berater/Spielerentwickler Erfahrung sammelte und zwei Championships holte, dieser hohen Aufgabe gewachsen? 

Um seinen Übergang zu erleichtern, hat sich der Rookie-Coach mit alten Bekannten umgeben: D'Antoni, Amar'e Stoudemire, Tiago Splitter, Ime Udoka und Vaughn sind ehemalige Teamkollegen oder Kontrahenten von Nash und werden ihre jeweiligen Spezialgebiete haben (Offense, Defense, Player Dev, usw.), während Nash – analog zu Steve Kerr in Golden State – die Rolle des Ego-Managers und Motivators einnimmt. 

Der Kanadier genießt höchsten Respekt, wo immer man in der Liga nachfragt. Seine Arbeit in Golden State koinzidierte mit drei der erfolgreichsten NBA-Saisons aller Zeiten. Seine Mentoren-Beziehung zu Durant und emphatische Fähigkeit, die Gemüter im Zaum zu halten, waren wohldokumentiert. Garantien gibt es nie, aber Nash wird sich nach seiner historischen Spielerkarriere vermutlich auch als Cheftrainer durchsetzen.

The Planet
Kevin Durant ... Mehr als ein Jahr mussten NBA-Fans auf die Rückkehr eines der größten Stars der Liga warten. Das hat gereicht, um den ein oder anderen vergessen zu lassen, wozu dieser verheerend-komplette Spieler in der Lage ist, wie sehr er die Kräfteverhältnisse im Alleingang verschiebt. Ein MVP-Award, zwei NBA-Titel, zwei Finals MVP Awards, neun All-NBA Teams, vier Scoring-Titel...


Über Durant, den Basketballer, sollte zu diesem Zeitpunkt mittlerweile alles gesagt sein. Er ist der vielseitigste high-volume-Scorer aller Zeiten, ein 2,13 Meter großer Kombo-Guard mit den Defensiv-Skills eines Bigs. Brooklyns Meisterschaftsfenster ging just in jenem Moment auf, als GM Sean Marks im Sommer 2019 den Unrestricted Free Agent in den Borough lotste – und wird jetzt so lange offen bleiben, so lange der „Easy Money Sniper“ hier auf Korbjagd gehen möchte/kann. 

Das große Fragezeichen ist natürlich: Wie kommt Durant mit der Belastung einer (fast) vollständigen NBA-Saison zurecht, nach der wohl folgenschwersten Verletzung in diesem Sport und 18 Monaten Pause? Die Liste jener, die nach gerissener Achillessehne nie wieder die alte Explosivität und Effektivität erreicht haben, ist lang. Die Geschichte von Dominique Wilkins und Durants Alien-eskes Game, das nie auf Power und Athletik beruhte, machen hingegen Hoffnung, dass die Comeback-Kampagne von Erfolg gekrönt sein wird.

Rising Star
Caris LeVert ... Der 26-Jährige hat eine Career Season hinter sich – und nach nur vier Spielzeiten in der NBA sogar noch Luft nach oben. Karrierebestwerte in fast allen relevanten Kategorien waren die Torte in 2019/20, mehrere dominante Performances in der Bubble die cremige Sahne darauf. LeVert brillierte während des Restarts in Orlando und schaffte es ins All-Bubble Second Team mit 25,0 Punkten, 5,0 Rebounds und 6,7 Assists im Schnitt.

Der ehemalige Michigan Wolverine ist Instant Scoring, attackiert furchtlos off-the-dribble und geht nicht zuletzt deshalb als einer der heißesten Kandidaten für die Sixth Man of the Year Trophäe in die Saison. Natürlich sind neben Irving, Durant und Dinwiddie nur so viele Ballberührungen zu haben – LeVerts Scoring-Punch (und Probleme beim Catch-and-Shoot Dreier) macht ihn aber gerade deshalb zum idealen Ersatzmann in Nashs System.

Don’t Sleep! 
Kyrie Irving ... Störenfried, skurriler Freak, Einfaltspinsel – es ist en vogue, aus der Ferne alles mögliche und oft das Schlimmste in Irvings sicherlich eigenwillige Art und Persönlichkeit hineinzuinterpretieren. Auch auf dem Parkett bietet der NBA-Champion und sechsfache All-Star viel Angriffsfläche: oft balldominant, häufig verletzt (128 verpasste Partien in den vergangenen fünf Jahren, plus Playoffs in 2018 und 2020), fragwürdige Führungsqualitäten.


Ein Irving in Topform gehört gleichzeitig zu den besten Point Guards der Liga. Er schreddert Defensiven mit den vermeintlich besten Handling-Skills aller Zeiten und big-cojones-Shotmaking - auch und gerade in den Playoffs. Coach Nash wird ihm sicherlich auch in Punkto Leadership das ein oder andere Geheimnis anvertrauen können. Der 28-Jährige ist in seiner sportlichen Prime und hat die von ihm gewünschte Traumkonstellation in Brooklyn. Es könnte die bisher beste Saison seiner Karriere bevorstehen.

Beste Fünf
Irving – Dinwiddie – Harris – Durant – Jordan

Good News
+ Kevin Durant war bereits bester Spieler eines NBA-Champions – und ist nach langer Pause wieder fit
+ Verheerender Angriff: zwei go-to Optionen, Playmaker und long-distance-Shooting satt
+ Tiefstes Team im Osten, vielleicht in der ganzen NBA
+ Stark unterschätzte Defensive – zuletzt Top-Ten zehn ligaweit – mit Verbesserungsspielraum

Bad News

- Mächtige Fragezeichen in Punkto Gesundheit, Verletzungsanfälligkeit und Eingespieltheit
- „Neu“ zusammengestellte Teams gewinnen in der Regel nicht auf Anhieb den NBA-Titel
- Nash hat noch keine einzige Sekunde Coaching-Erfahrung gesammelt
- Die Breite an der Spitze der Eastern Conference  


Was fehlt?
Ein bisschen Zeit, um sich einzugrooven: die Saison ist diesmal nur 72 Spiele lang, die beiden wichtigsten Akteure müssen mit dem eingespielten Kern aus der Vorsaison amalgamiert werden. Außerdem fehlt Gewissheit, dass dieses Team seine Sonderstellung auf dem Parkett in Bestbesetzung demonstrieren darf, ohne erneut von Verletzungen und Ausfällen heimgesucht zu werden. 

Und als hätten Nash plus Stab bei dieser mit Stars gespickten Truppe nicht ohnehin schon alle Hände voll zu tun, lauert ja auch noch das Big Three Trade-Gespenst – vor allem, wenn die Nets langsam aus den Startblöcken kommen und die Stars unzufrieden sein sollten. „In Ruhe arbeiten“ ist also relativ – aber so ist das Leben eben im größten Medienmarkt der USA und mit veritablen Championship-Ambitionen.

Check 1,2
Die Nets sind eines der spannendsten Projekte der kommenden Saison. Der Hype und die Stories lagen zuletzt woanders, schließlich wurde die Vorarbeit hier bereits vor mehr als zwölf Monaten geleistet. Wann immer einer der (vormals) zwei besten Spieler der Welt seine Sneaker schnürt, ist der Erfolg aber nicht weit entfernt. Die Nets hoffen, dass Durant spätestens zu den Playoffs wieder 90+ Prozent seines Könnens abrufen kann – und sind dank dieses ultratiefen Kaders für die Monate Januar bis Mai gewappnet. 

Im Angriff wird Nashs Team umgehend zur Elite zählen. Diese Truppe hat Scoring, Playmaking, Shooting und Basketball-IQ satt. Um das Leistungspotenzial zu maximieren, wird Brooklyn aber defensiv und in Punkto Teamchemie im Eiltempo zu den absoluten Top-Teams aufschliessen müssen. Gelingt das (und ist Durant wieder ganz der Alte), darf sich dieser Klub legitime Hoffnungen aufs NBA-Finale machen. 

Die Rechnung, bitte