06 Dezember 2020

6. Dez, 2020


Ho, ho, ho! Oktober bis Ostern war gestern. Nach der kürzesten (und trotzdem noch zu langen) Offseason der NBA-Geschichte steht das 72-Spiele Extravaganza namens Saison 2020/21 zur Weihnachtszeit vor der Tür. Als ersten Gang serviert die Chefküche wie gehabt 30 unwiderlegbare, wettspielbare Prognosen im Reverse Power Ranking Style. No. 29: Die Cleveland Cavaliers...

von JAN WIESINGER @WiesiG | 6. Dez, 2020


Flashback
19-46, keine Playoffs

Plus
Isaac Okoro
JaVale McGee
Thon Maker
Damyean Dotson

Minus
Tristan Thompson
Ante Žižić
Jordan Bell
Alfonzo McKinnie

Was ist Neu?
Die Cleveland Cavaliers waren in der pandemiebedingt verkürzten Saison erneut das schwächste Team des Ostens. Mit 19 Siegen aus 65 Spielen ließ sich aber immerhin ein Aufwärtstrend zum Vorjahr erkennen, als die Erben LeBron James' für die gleiche Siegeszahl noch eine 82er-Saison benötigte. Die Schalter stehen wie auch im Vorjahr auf Übergang: Große Sprünge erwartet auch in diesem Jahr niemand von den Cavaliers.

Das laufende Kalenderjahr wurde bereits für Anpassungen genutzt. Mit Andre Drummond bekamen die Cavs einen zweifachen All-Star aus Detroit. Dadurch sank der sportliche Wert von Urgestein Tristan Thompson, der daraufhin bei den Boston Celtics unterschrieb.

Head Coach J.B. Bickerstaff geht in seine erste volle Saison mit den Cavaliers und findet einen weiterhin wenig balancierten NBA-Kader vor. Der beruht noch auf John Beileins letztjährigem Traum vom positionslosen NBA-Basketball, der furios scheiterte.

Mit einem weiterhin sehr guard-lastigen Roster (Collin Sexton, Darius Garland, Matthew Dellavedova, Damyean Dotson, Dante Exum, Kevin Porter Jr., Rayjon Tucker, Dylan Windler) obliegt es Bickerstaff, griffige Rotationen zu entwickeln und die jungen Spieler weiterzuentwickeln. GM Koby Altman wird derweil weiterhin auf lukrative Tauschmöglichkeiten lauern.

Beste Addition
Isaac Okoro ... Moin. Der erst 19-jährige Freshman von der Auburn University ist ein Rohling. Die Cavs nutzten ihren fünften Pick um den körperlich bereits sehr weiten Small Forward für die nächsten Jahre an sich zu binden.

Okoro ist ein physisch starker Spieler, der mit seiner Athletik und schnellen ersten Schritten den Weg zum Korb findet. Sein NBA-Potenzial ist angesichts der guten Fundamentalfähigkeiten und seiner positiven Arbeitseinstellung hoffnungsvoll. Insbesondere defensiv trauen die Scouts Okoro langfristig eine gute Rolle in der Liga zu. Zudem ist die Wahl eines Small Forwards ein sinnvoller Schritt für die Franchise aus Cleveland.


(Frei-)Wurf und inbesondere der schwache College-Dreier (28%) sind noch wunde Punkte im Offensivspiel, was aber für einen Spieler seines Alters kein gravierendes Problem darstellt. Okoro bekommt bei den Cavs die Chance auf den Starterspot auf der Drei und wird hier mit Cedi Osman konkurrieren. Denkbar sind aber auch ähnliche Spielanteile für beide Spieler. Mit der Wahl eines so jungen und unfertigen Spielers signalisiert das Front Office zudem, dass es für die Cavs auch 2020/21 erneut um eine passende Übergangssaison geht.

The Planet
Andre Drummond ... Nachdem die letzten beiden Jahre an dieser Stelle stets der Name Kevin Love fiel, hat nun der 28-jährige Center dessen Rolle als wichtigster Spieler des Teams eingenommen. Drummond bestritt nach seiner etwas überraschenden Ankunft aus Detroit erst acht Spiele für die Cavs, von denen immerhin die Hälfte gewonnen wurden.

Der athletische Ex-Piston ist ein Center älterer Prägung, der in der heutigen NBA nur noch eingeschränkt spielbar ist. Dennoch kann seine enorme Qualität unter den Brettern eine wichtige Funktion einnehmen. Für eine aussagekräftige Prognose der Wirkung Drummonds auf die schwache Cavs Defense war die Fallzahl in der letzten Saison noch zu gering. Klar ist, dass Drummond als Verteidiger aufgrund seiner schieren Präsenz liefert – ein Kandidat für den Defensive Player of the Year, als den er sich selbst versteht, ist er aber (weiter) nicht.

Offensiv schien zuletzt mit 1,8 Versuchen pro Spiel zumindest ein geringes Interesse an Würfen von jenseits der Dreipunktelinie aufzukommen, welches aber ebenfalls nicht überbewertet werden sollte. Wenn er einen soliden Dreier in sein Spiel integrieren kann, steigt Drummonds Wert rapide.

Sehr interessant ist zudem die Vertragsstruktur: Drummonds Arbeitspapier ist für 20/21 mit 28 Mio. $ prämiert und endet mit Ablauf der Saison. Für einen solch dicken Vertrag könnten hier mit Blick auf die verlockende Free Agency 2021 durchaus wertvolle Gegenwerte auf den Trade-Tisch gelegt werden. Ob auch eine Verlägerung von Drummond aus Sicht der Cavs sinnvoll erscheinen könnte, wird von dessen Leistungen in der ersten Saisonhälfte abhängig sein.

Rising Star
Collin Sexton ... Als achter Pick des 2018 Drafts überzeugte Sexton auch in seiner zweiten Saison. Der junge Point Guard von der University of Alabama legte erstmals über 20 Punkte pro Spiel auf und lieferte, was von ihm erwartet wurde. Offensiv zeigte der erst 21-Jährige insbesondere gegenüber dem etwas redundant wirkenden Darius Garland seinen Führungsanspruch, den er eher durch Scoring als durch überzeugende Spielgestaltung etablierte.


Drive und Sprungwurf sind gut und lassen angesichts der frühen Karrierephase berechtigte Hoffnungen zu. Sextons Schwächen in der defensiven Kategorie fielen statistisch weniger auf als im Rookie Jahr – dennoch sind sie weiterhin gravierend. Als etwas zu klein und schmächtig geratener Spieler fällt es ihm insbesondere gegen athletische und größere Guards schwer, diese vor sich zu halten oder deren Jumper ersthaft zu attackieren.

Mit den addierten Ring-Verteidigern Drummond, McGee oder Maker könnten hier in der neuen Saison dennoch positive Entwicklungen geschehen, wenn Sexton weiter an seiner Defensive arbeitet und angesichts seiner Schwächen auch vom Coaching berücksichtigt wird.

Don’t Sleep! 
Larry Nance Jr ... Nance spielte eine wichtige Rolle als sechster Mann von der dünnen Cavaliers-Bank. Der 27-Jährige entwickelt sein Spiel konstant weiter und spielte statistisch gesehen die beste Saison seiner Karriere.

Nance hat sich erstmalig einen erwähnenswerten Dreier (2,8 Versuche pro Spiel bei 35,2%) zugelegt, reboundet gut und verteidigt solide. Ein wirklich kreativer Scorer ist der zu zu klein geratene Power Forward nicht. Angesichts der Alternativen im Kader der Cavs muss aber zumindest seine positive Entwicklung erwähnt werden. Im Gegensatz zu Garland oder Exum, die in der Liga noch nicht funktioniert haben, hat Nance allerdings kaum noch realistisches Breakthrough-Upside.

Beste Fünf
Garland – Sexton – Okoro – Love – Drummond


Good News
+ Die Erwartungshaltung ist überschaubar, der Kader etwas stärker als in der letzten Saison und ein langfristiger Plan durchaus erkennbar
+ Wenn Russell Westbrook und John Wall vermittelbar sind, finden die Cavs auch Abnehmer für Drummond und(!) Love
+ Die Central Division ist dank den Chicago Bulls und Detroit Pistons nicht sonderlich stark besetzt, sodass sich die Youngster durchaus auch Erfolgserlebnisse abholen dürfen
+ Nur noch drei Jahre bis sich LeBron James Jr. zum Draft anmelden darf

Bad News
- Auch mit Drummond ist die Defensive der Cavaliers unterdurchschnittlich
- Ein wirklicher Franchise-Player, der den höchsten Ansprüchen genügt und das Team schultert, ist nicht in Sicht
- J.B. Bickerstaff ist immer noch den Nachweis schuldig, das Zeug zum Head Coach mitzubringen
- Mindestens bis 2023 die langweiligste Franchise der Association

Was fehlt?
Zeit und Erfahrung. Die Mannschaft ist jung: Garland (20), Porter Jr. (20) und Sexton (21) sind talentiert und günstig, müssen aber weiter an sich arbeiten. Dazu gesellen sich weitere junge Spieler wie Exum (25) oder Maker (23), die anderorts unter den Erwartungen spielten. Osman (25) oder der zu Maccabi Tel Aviv abgewanderte Ante Žižić zeigten bei den Cavs aus verschiedenen Gründen ebenfalls wenig.


Was am Ende immer fehlt, sind weitere Picks, die den andauernden Umbruch gestalten können. Die frühe Wahl dürften die Cavs auch in der nächsten Lotterie haben – es braucht aber hier endlich mal einen Volltreffer.

Cleveland ist kein attraktiver Standort für Free Agents, weswegen der Draft für die Cavs noch wichtiger ist als ohnehin schon. Trotz jungen Kerns ist der Weg für die Cavs bis ins erweiterte Playoff-Picture noch sehr, sehr weit.

Check 1,2
Die neue Saison stellt die Spätphase eines konsequenten Umbau-Prozesses, dessen Bausteine insbesondere durch die Trades in der letzten Saison gelegt wurden. Die Cavs haben weiterhin Assets und interessante Prospects in ihren Reihen. Zentraler Baustein dürfte Kevin Love sein, bei dem ein Abgang vor Ende seiner Vertragslaufzeit weiterhin als wahrscheinlich erscheint.

Love ist 32 und kann, wenn er er verletzungsfrei bleibt, durchaus noch als dritte oder vierte Option für ein Meisterschaftsteam wirken. Ob die 30 Mio. $ pro Jahr über die nächsten drei Jahre für diese Rolle eine gute Investition darstellen, müssen andere GMs entscheiden.

Ansonsten findet sich nach der Saison durchaus Cap Space in den Büchern der Cavaliers. Der könnte für eine Verlängerung Drummonds oder andere Additionen jedoch schnell wieder verschwinden. Das Team ist weiterhin im radikalen Umbruch, sollte aber das schlechteste Jahr nach dem LeBron-Abgang überstanden haben.

Die Rechnung, bitte