07 Dezember 2020

7. Dez, 2020


Ho, ho, ho! Oktober bis Ostern war gestern. Nach der kürzesten (und trotzdem noch zu langen) Offseason der NBA-Geschichte steht das 72-Spiele Extravaganza namens Saison 2020/21 zur Weihnachtszeit vor der Tür. Als ersten Gang serviert die Chefküche wie gehabt 30 unwiderlegbare, wettspielbare Prognosen im Reverse Power Ranking Style. No. 28: Die Detroit Pistons...

von ANNO HAAK @kemperboyd | 7. Dez, 2020

Flashback
20-46, keine Playoffs

Plus
Jerami Grant
Kilian Hayes
Isaiah Stewart
Saddiq Bey
Mason Plumlee
Josh Jackson
Delon Wright
Rodney McGruder
Džanan Musa
Wayne Ellington
Jahlil Okafor

Minus
Christian Wood
Luke Kennard
Tony Snell
Thon Maker
Khyri Thomas

Was ist Neu?
Neu-GM Troy Weaver hat ein schweres Erbe in Michigans Industrieruine angetreten. Rund um die Deadline hatten die Pistons mit Tim Frazier, Markieff Morris, Reggie Jackson und Andre Drummond vier der sieben besten Spieler des letztjährigen Roster praktisch für nichts verblasen. So musste das Front Office das Team in einem Sommer, der im November zu liegen kam, strategisch neu ausrichten und fast ein komplettes Roster neu kontraktieren.

Aus der fraglos schweren Ausgangslage hat Weaver allerdings eine schauerliche Rocky Horror Centershow gestrickt. Dass die Pistons neben dem akuten Mangel an qualitativen Assets auch planerisch mit den Unfugsverträgen von Rose (weniger schlimm) und Griffin (knapp unter Westbrook/Wall-Liga) zwischen Baum und Borke standen, ist wohl wahr.

Das rechtfertigt aber nicht die Geldverbrennung, die dann vonstatten ging.Die einzigen bei wohlwollender Betrachtung Hoffnung auf eine bessere Zukunft tragenden mehr oder minder jungen Spunde Kennard, Maker und Wood ließ Detroit mehr oder weniger willenlos ziehen. Dafür luden sie sich durchschnittliche und leicht überdurchschnittliche Pros ins Roster, nicht ohne dafür vorher Dead Cap zu sammeln.

Also rein ins Geisterbahnvergnügen: Wenige Minuten, nachdem das Moratorium moribund geworden war, hatte man auch schon Mason Plumlee 25 Mio. $ für drei Jahre zugesagt, Mid-Level Exception Geld für einen Backup Center ohne messbare Defensivskills... ein Schelm, wer Böses, ein Cleverle, wer „Unsinn“ dabei denkt.

Weil EIN Center der Jahrgangsbauart ca. 1984 noch nicht genügt, lud Weaver mit der Verpflichtung von Jahlil Okafor nach, der mit eineinhalb Beinen schon aus der Liga war. Gerade diesen Deal kann man natürlich machen, wenn gerade nichts im Fernsehen läuft. Komplett unsinnig wird die Big-Man-Extravaganza aber vor dem Hintergrund, dass Weaver in einem weiteren Trade Forward-Center Isaiah Stewart (16. Pick Draft 2020) nach Detroit holte.


Sodann verhühnerten sie für einen weiteren Big namens Dewayne Dedmon in Tony Snell einen Rotationsflügel, der immerhin 40% Dreier holzte. Dedmon wurde gleich auf den von Josh Smith gerade erst frei gemachten, imaginären Spot des Stretchwaivekassierers gesetzt. Er bekommt die nächsten fünf Jahre knapp drei Mio. $ p. a. gezahlt, um nichts zu tun. Jedenfalls nichts für die Pistons.

Das so „frei“ gewordene Geld steckte Weaver dann zu großen Teilen in Jerami Grant, der 60 Mio. $ für drei Jahre erhielt. Grant, Two-Way-Player vor dem Herrn, ist als dritte oder vierte Option eines Contenders, wie zuletzt in Denver gesehen, sicher gut aufgehoben. Das Schicksal einer Franchise wie der Pistons dürfte er kaum verändern. Den Rest vom Scheineschützenfest bekam All G-League Teamer Josh Jackson, irgendwann in einer Präcoronawelt mal gewesener vierter Pick.

Beste Addition
Kilian Hayes ... Der Frankoamerikaner gilt als einer der komplettesten Draftees des Jahrgangs 2020. Seine ausgeprägten Playmakingskills durften Menschen in Ulm und um Ulm und um Ulm herum aus der Nähe bewundern. Für den dort örtlichen Arzneimittelbundesligisten, der nicht Bayer Leverkusen heißt, zockte der Point Guard in der abgelaufenen Saison.

An siebter Stelle des Drafts gefunden gilt er Optimisten im Bestfall als der bessere LaMelo. Ob ein Frischlingspointguard die Pistons gleich in Richtung Playoffs spielertrainern kann, steht auf einem anderen Blatt, zumal er sich Spielzeit mit dem immer noch nicht getradeten Derrick Rose wird teilen müssen.


The Planet
Blake Griffin ... Er ist es wohl inzwischen wider Willen. Die letzten zwei Jahre zeigten, dass die Chaosfranchise aus dem Rostbelt und der einstige Highflyer, dessen Gesundheit wie ein Flügelstutzer wirkte, wohl keine Hochzeit im Himmel eingingen. Indes: es wirkt wegen der elendigen Viruspause und der Tatsache, dass er gefühlt inzwischen einen Barhocker braucht, um auf Ringniveau zu gucken, als wäre es ewig her, doch in der vorletzten Saison, die bis ca. Mai 2019 dauerte, lieferte Griffin 25/8/6 bei ordentlicher Effizienz.

Zockt er sich wieder auf dieses Niveau, bleibt er ein Borderline Franchisespieler und All-Star und kann für die Pistons Spiele gewinnen. Auch wenn das in der jetzigen Lage wohl eigentlich nicht der Plan sein sollte.

Rising Star
Jerami Grant ... Da sie Kennard, Wood und Maker (ja, okay, ist ja gut) wegschickten, bleibt hier nur der Neuzugang aus Mile High, der bereits in sein sechstes Jahr geht. Dem Vernehmen nach entschied er sich bei gleichlautenden Angeboten gegen die Nuggets und für den Wechsel zu den einstigen Bad Boys, weil er hier eine größere Rolle einnimmt.


Das heißt, er könnte nach rund 27 Minuten pro Partie in der letzten Saison beweisen, dass das kontinuierliche Wachstum nahezu aller relevanten Statistiken, kalibriert auf 36 Minuten, in den letzten Jahren nicht nur ein Rechentrick war, sondern er sich auch mit einer Staranzahl von Minuten weiter verbessern kann. Will er seinen stolzen Dreijahresvertrag rechtfertigen, wird er das auch müssen.

Don’t Sleep! 
Saddiq Bey ... Der Flügel, der im Kern den Gegenwert für den abgeschenkten Kennard darstellte, gilt als einer der aussichtreicheren Picks der zweiten Hälfte der ersten Runde des diesjährigen Draft.

Die Chancen stehen anständig, dass er sogar eine bessere Karriere haben könnte als Stewart, der drei Positionen vor ihm über den Tresen wanderte. Die Frage (wie bei allen jungen Pistons) ist, ob er in dem Team, das sich selbst offenbar für einen aussichtsreichen Postseasonbewerber hält, ausreichend Gelegenheit zur Entwicklung bekommt.

Beste Fünf
Rose – Hayes – Grant – Griffin – Plumlee


Good News
+ Ein gesunder Griffin kann nach wie vor ein All-NBA Teamer sein
+ Roses auslaufender Deal (auch hier: Gesundheit vorausgesetzt) könnte ein Trade-Chip werden
+ Die Truppe wirkt erfahrener als in der letzten Saison
+ Die Rotation auf dem Flügel ist im Optimalfall minimal besser als vergangene Saison

Bad News
- Wie alle Teams mit großen Veränderungen (nur vier Rotationsspieler aus dem letzten Jahr kehren zurück) werden auch die Pistons wegen der extrem kurzen Vorbereitung Zeit IN der Saison zum Einspielen brauchen
- Die Anfälligkeit von Rose und Griffin ist bekannt, ein Ausfall eines der beiden und die Pistons würden völlig richtungs- und hoffnungslos durch die Lotterie treiben
- Selbst im best case wird die wohl erträumte Playoff Contention in einem Schneckenrennen um den Besen der Milwaukee Bucks bestehen
- Egal ob es dieses Jahr nochmals etwas wird mit Playoff Basketball: transformatives Talent für die Zeit nach Griffin fehlt

Was fehlt?
Ein klarer Plan. Der hätte eigentlich Rebuild lauten müssen. Nach dem Vorbild der letztjährigen Thunder einen letzten Versuch zu machen zu zeigen, dass Griffin und sein Albatros-Arbeitspapier ähnlich beweglich werden könnte wie Chris Paul und sein vermeintlich irrsinniger Deal, wäre noch verständlich gewesen.

Dafür dann aber knapp über- (Grant) bzw. deutlich unterdurchschnittlichen (Plumlee und Okafor) NBA-Pros Geld über mehrere Jahre nachzuwerfen, passt selbst in dieses Konzept überhaupt nicht hinein. Das gilt erst recht vor dem Hintergrund, dass man den gegenüber Plumlee und wahrscheinlich auch Stewart in der Skills-NBA deutlich spielbareren Dedmon feuert, statt dessen übernächste Saison nur minimal garantierten Vertrag zu Ende zu führen.

Im Kontext mit dem praktisch gegenwertlosen Verticken Drummonds, das man mit dessen möglicher Verlängerung per Spieleroption begründete, wird das Ganze komplett heillos. Auch die Flügelrotation hat Troy Weaver unterm Strich allerbestenfalls minimal aufpoliert, aber deutlich verteuert.

Ansonsten, auch wenn es simpel klingt: Talent! Wenn Derrick Rose in Jahr 13 und Blake Griffin in Jahr zwölf Deine beiden besten Pros sind, Du ihnen rund 45 Mio. $ bezahltst und sie Deine beste Hoffnung auf Playoff Basketball sind, ist Dein Roster-Management, auch wenn Weaver für manche der oben angesprochenen Teile nicht verantwortlich zeichnet, wie Derrick Roses Sprungwurf: ziemlich schief und wenig effizient.

Check 1,2
Im Westen könnte Detroit relativ gemütlich Richtung 1st Pick 2021 segeln. Im Osten gehen die Uhren etwas anders, allerdings wohl auch nicht langsam genug für diese Pistons. An den großen vier der letzten Jahre (Toronto Raptors, Milwaukee Bucks, Boston Celtics, Philadelphia 76ers) plus Miami Heat, Brooklyn Nets, Atlanta Hawks, Orlando Magic und Indiana Pacers ist bei normalem Verlauf kein Vorbeikommen. Über 100 Mio. $ zu bezahlen, um die eigenen Lotteriechancen zu verschlechtern, ist weder ein sinnvoller Plan noch eine gute Aussicht.

Die Rechnung, bitte