14 Dezember 2020

14. Dez, 2020


Ho, ho, ho! Oktober bis Ostern war gestern. Nach der kürzesten (und trotzdem noch zu langen) Offseason der NBA-Geschichte steht das 72-Spiele Extravaganza namens Saison 2020/21 zur Weihnachtszeit vor der Tür. Als ersten Gang serviert die Chefküche wie gehabt 30 unwiderlegbare, wettspielbare Prognosen im Reverse Power Ranking Style. No. 13: Die Houston Rockets...

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 14. Dez, 2020


Flashback
44-28, Western Conference Semi-Finals (1-4 vs. Los Angeles Lakers)

Plus
John Wall
DeMarcus Cousins
Christian Wood
Gerald Green
Sterling Brown
Jerian Grant
Jae'Sean Tate
Kenyon Martin Jr.

Minus
Russell Westbrook
Robert Covington
Austin Rivers
Jeff Green
DeMarre Carroll
Luc Mbah a Moute
Tyson Chandler

Was ist Neu?
Die in Houston eigentlich immer turbulente Offseason glich dieses Mal mehr einem Hurricane. Coach Mike D'Antoni weg. Strippenzieher Daryl Morey weg. Der teuer eingekaufte Verteidigungsminister Robert Covington wieder weg. Und das ist erst die Einleitung.


James Harden und Russell Westbrook stellten ein Jahr nachdem sie beide mit Nachdruck Westbrooks Wechsel gen Texas forciert hatten doch fest, dass sie nicht ganz so sehr wie in jungen Jahren auf dem Feld harmonieren und besser wieder getrennte Wege gehen.

Der geneigte Houston-Sympathisant hätte sich diese Erkenntnis einen gesunden Chris Paul, zwei Draft Picks und zwei Pick-Swaps (davon wenigstens einer irrelevant) früher gewünscht. Kam sie aber nicht. Konsequenz: Paul weg. Picks weg. Westbrook weg. Harden derweil noch da. Will aber auch weg.

Die Raketen müssen sich also wieder mal neu auf- und auf noch größere Veränderungen einstellen. An der Seitenlinie folgt auf den erfahrenen D'Antoni der Rookie Stephen Silas, zuletzt Assistent bei einer anderen texanischen Mannschaft. Im Front Office hat fortan Moreys zuvor nicht in Erscheinung getretener früherer Vertreter Rafael Stone das Sagen.

Dieser muss den Basketballgöttern ein Opfer darbringen, um die nicht schmerzfreien Abgänge von Covington, Austin Rivers und Jeff Green mit den weniger etablierten aber zumindest nicht talentbefreiten David Nwaba, Jerian Grant, Sterling Brown, Jae'Sean Tate sowie Lokalmatador Gerald Green halbwegs aufzufangen.

Beste Addition
Christian Wood ... Auch Houstons wichtigster Neuzugang auf dem Feld ist ein echtes Glücksspiel. Wood legte in den Farben der Detroit Pistons zuletzt 19,3 Punkte und 9,0 Rebounds im Februar sowie gar 26,6 und 9,4 in den wenigen Spielen im März auf, katapultierte sich damit zu einem der begehrteren Free Agents der überschaubaren Klasse 2020.

Fragezeichen bleiben jedoch, weil der 25-Jährige seit 2015 von fünf NBA-Klubs gewogen und als zu leicht befunden worden war und erst bei den sportlich irrelevanten und daher experimentierfreudigen Pistons zum Zuge kam.


Zu den Fragezeichen gesellt sich noch ein uncharmanter Vergleich mit dem in Houston krachend gescheiterten Jeremy Lin: Beide ungedraftet, beide zunächst von den Rockets verschmäht (Wood war 2015 im Summer League Roster), beide dann nach mehreren Stationen anderswo mit einer eindrucksvollen Leistungsexplosion und der Belohnung in Form eines dicken texanischen Comebackvertrags.

Freilich müssen Woods Pfade nicht zwangsläufig ebenso in die Bedeutungslosigkeit führen. Immerhin erweitert er als wurfbegabter Big Man das Spektrum der zuletzt stark auf Small-Ball fixierten Texaner und wird als Anspielstation unter dem Korb enorm von den Pässen und Lobs des elitären Ballverteilers profitieren, den Houston (Stand: 14.12.2020, 23.00 Uhr) noch immer aufbietet.

The Planet
James Harden ... Über die Ausnahmeklasse des Bärtigen muss kein Wort mehr verloren werden – daher direkt in die Untiefen.

Mit seinen inzwischen 31 Jahren stellt sich Harden zurecht Grundsatzfragen über den weiteren Karriereverlauf, schließlich mag kein Athlet dieser Virtuosität ungekrönt und ohne Championship-Ring wie etwa Charles Barkley oder Karl Malone in den Sonnenuntergang reiten. Nach dem erneut desolaten Ausscheiden der Rockets in den Playoffs, an dem er diesmal selbst keine Schuld trägt, stellt Harden diese Fragen und daraus resultierend seine Forderungen nach einem Trade nicht von ungefähr.

Die weiteren Gründe sind vielfältig: Mal möchte er wieder mit Kevin Durant zusammen spielen (hat ja mit Westbrook schon außerordentlich gut geklappt). Mal ist er mit der Auswahl von Stephen Silas als neuem Coach nicht einverstanden und hätte (warum auch immer) Tyronn Lue präferiert. Mal liegt es an der offenen Unterstützung des Teambesitzers Tilman Fertitta für den baldigen Ex-US-Präsidenten (als wären andere Owner in dieser Hinsicht unbeschriebenere Blätter).

So legitim seine Trade-Forderung dennoch ist: Sein Verhalten, ihn zu erzwingen, ist es nicht. In einer ohnehin schon verkürzten Vorbereitung nicht zum Training zu erscheinen, stattdessen während einer globalen Pandemie auf Kontaktbeschränkungen zu pfeifen und damit die Gesundheit (und übrigens auch das eigene Kapital) zu riskieren mag einem Jüngling Anfang 20 zu verzeihen sein, nicht aber einem MVP und achtmaligen All-Star.

Die Rockets haben ihrem Franchise Player seit seiner Ankunft 2012 alle Wünsche von den Lippen abgelesen, zuletzt im Trade-Paket für Westbrook die eigene Zukunft verpfändet, während Harden umgekehrt bei weitem nicht immer die in ihn gesteckten Erwartungen erfüllte.


Jener Ergebenheit den ausgestreckten Mittelfinger zu zeigen wurde ligaweit, ebenso wie Hardens Ausmaß an Unprofessionalität, argwöhnisch zur Kenntnis genommen und hilft seiner Agenda daher ebenso wenig wie seine wahllose Liste sinnbefreiter (weil nicht realisierbarer) Wunschdestination.

Houstons neue sportliche Führung reagiert derweil souverän auf die Krise. Weil die Raketen im Draft 2021 ohnehin erst spät auswählen dürfen (Tauschrecht für die Oklahoma City Thunder und Miami Heat) haben sie keinen Grund, alle Dämme einzureißen, einen Trade zu überstürzen und das erstbeste Angebot anzunehmen.

Folglich gilt: Sollte nicht doch noch vor Weihnachten ein überwältigendes Angebot auf dem Tisch von Rafael Stone landen, bleibt Harden ein Rocket. Ob auf dem Court oder dem heimischen Sofa (alternativ: im Strip-Club seiner Wahl) liegt an ihm.

Rising Star
Ben McLemore ... Bei all dem Drama geht schnell unter, dass Houston weiterhin ein gutes Pflaster für begabte Spieler ist, die bislang den Durchbruch nicht geschafft oder einen Karriereknick erlitten haben.

Für McLemore gilt beides: Nach Jahren in der metaphorischen sportlichen Wüste der Sacramento Kings erarbeitete sich der fallen gelassene siebte Pick des Drafts 2013 letztes Jahr zunächst einen Platz im Trainings Camp, dann einen Vertrag bei den Rockets, dann einen festen Platz in der Rotation.

40 Prozent Dreierquote bei über sieben Versuchen sowie anständige 10,1 Punkte pro Spiel in der letzten Spielzeit sind eine Ansage und unterstreichen, dass der Scharfschütze mit 27 Jahren endlich seine sportliche Heimat gefunden hat. Der Wechsel zu Coach Silas wird ihm eher zugute kommen als schaden.

Don’t Sleep! 
John Wall und DeMarcus Cousins ... Apropos Drama. Wir sind noch nicht durch. Als hätte Houstons Offseason nicht schon genug Schlagzeilen produziert, öffnet sich mit der Zusammenkunft der 2009/10 Kentucky Wildcats eine ganz neue, chaotische Wendung.

Der erste und fünfte Pick des 2010 Drafts erfüllen sich den jahrelang gehegten, sehnlichen Wunsch, Seite an Seite in der NBA zu spielen. Möglich macht dies ihre jeweils schwer ins Straucheln geratenen Karrieren. Cousins kommt aus der Free Agency fürs Minimum, Wall aus Washington im Worst-Contract-Deal für Westbrook zusammen mit einem Erstrunden-Pick als Blutgeld.

Dieses doppelte Enfant Terrible verbindet nicht nur eine lange Leidenszeit infolge mehrerer schwerwiegender Verletzungen, als Brüder im Geiste fallen sie auf dem Feld (Technicals!) und noch übler abseits immer wieder auf: Der eine geht gerne mal einem Reporter an die Gurgel oder hinterlässt Morddrohungen an seine Ex-Freundin, der andere hantiert unbekümmert mit scharfen Schusswaffen oder Gang-Abzeichen.

Wall stand seit Dezember 2018, Cousins seit Juni 2019 nicht auf dem Parkett. Ihre Historie und exzentrische Persönlichkeit macht sie für die Rockets nicht nur wie Christian Wood zum Lotteriespiel, sondern direkt zum Russisch-Roulette.

Vom reinen Talent her gehören Wall und Cousins aber weiterhin zur Elite ihrer jeweiligen Positionen. Das macht das nächste Kapitel dieser Saga unabhängig von einem Harden-Trade zum Must-See TV.

Beste Fünf
Wall – Harden – Gordon – Tucker – Cousins


Good News
+ Morey ist weg, hinterlässt aber einen über die Jahre aufgebauten, hochkompetenten Stab
+ Sein Nachfolger hat mit den ersten Amtshandlungen drei Erstrunden-Picks eingesammelt, ohne die Qualität der Mannschaft einschneidend zu verschlechtern
+ Stephen Silas gilt als offensives Mastermind und findet in Houston ein vielfältiges Arsenal vor
+ Die Rockets sind jünger und energetischer geworden

Bad News

- Das Harden-Trauerspiel belastet die gesamte Franchise
- Die Wurzel allen Übels ist nicht weg: Teambesitzer Tilman Fertitta (nicht wenige spotten über ihn bereits als „James Dolan des Westens“)
- In Silas' Coaching Staff fehlt ein ausgewiesener Defensivexperte
- Über John Wall baumelt ein scharfes Damoklesschwert: Sein bis 2023 datierter, voll garantierter 130 Mio. $ Vertrag

Was fehlt?
Stabilität. Seit Jahren werfen die Rockets Offseason um Offseason auf und abseits des Courts ihr Personal durcheinander, sodass sich keine Kultur nach dem Vorbild etwa der Miami Heat, San Antonio Spurs oder Golden State Warriors (ihr habt's gemerkt: sind alle in der letzten Dekade Champions geworden) entwickelt. Genau die wäre aber nötig, um nicht in ebenjene Situation zu geraten, in die Harden Houston manövriert hat.

An dieser Front wartet auf die Rookies Stephen Silas und Rafael Stone eine Menge Arbeit, insbesondere wenn sich der „James Dolan des Westens“ wie bei den prominenten Vorgängern kontinuierlich in ihre Kompetenzen einmischt.

Check 1,2
Eine seriöse Prognose ist angesichts der Irrungen und Wirrungen um Harden derzeit kaum möglich.

Stand jetzt (14.12.2020, ein paar Minuten später) ist „The Beard“ immer noch ein Spieler der Houston Rockets und hat schon schlechtere Mannschaftskameraden ins gelobte Land des Homecourt Advantage geführt. Sollte an der Seite von Harden nur einer aus dem Duo Infernale Wall und Cousins sein früheres Ich wiederfinden, bleibt – allem Chaos zum Trotz – eine Rückkehr in die Conference Semi-Finals kein Wunschdenken.

Die Rechnung, bitte