19 Dezember 2020

19. Dez, 2020


Ho, ho, ho! Oktober bis Ostern war gestern. Nach der kürzesten (und trotzdem noch zu langen) Offseason der NBA-Geschichte steht das 72-Spiele Extravaganza namens Saison 2020/21 zur Weihnachtszeit vor der Tür. Als ersten Gang serviert die Chefküche wie gehabt 30 unwiderlegbare, wettspielbare Prognosen im Reverse Power Ranking Style. No. 3: Die LA Clippers...

von MARC LANGE @godzfave44 | 19. Dez, 2020


Flashback
49-23, Western Conference Semi-Finals (3-4 vs. Denver Nuggets)

Plus
Serge Ibaka
Nicolas Batum
Luke Kennard
Daniel Oturu

Minus
Montrezl Harrell
Landry Shamet
JaMychal Green
Rodney McGruder

Was ist Neu?
In Los Angeles hat sich nicht viel verändert. Die Lakers sind Champions, die Clippers bleiben im Schatten. Mit Kawhi Leonard und Paul George an der Spitze will der „kleine Bruder“ endlich aus jenem treten und nicht nur innerstädtisch aufbegehren. Dieses Ziel verfolgen sie 2020/21 allerdings mit einer leicht abgespeckten Bank: Landry Shamet zog es zu den Brooklyn Nets, JaMychal Green zu den Denver Nuggets und der amtierende Sixth Man Of The Year, Montrezl Harrell, „biestet“ nun ausgerechnet in Purple-Gold. Als Ersatz sollen Serge Ibaka, Nic Batum und Luke Kennard die Lücken in der Rotation schließen.

Der wichtigste Wechsel vollzog sich auf der Trainerbank. Nach sieben Jahren in LA ist Schluss für Doc Rivers. Es war zu erwarten, dass nach dem blamablen Ausscheiden gegen die Denver Nuggets ein Kopf rollen musste, dennoch kam Rivers' Aus etwas überraschend. Für ihn übernimmt Tyronn Lue. Letztes Jahr noch als Assistent von Rivers angestellt, hält der Coach des Cleveland Cavaliers Championship-Teams 2016 nun komplett die Zügel in der Hand.


Ansonsten blieben den Clippers nicht viele Möglichkeiten für Neuerungen: In der Offseason war kaum finanzieller Spielraum vorhanden, um den Kader maßgeblich zu verstärken. Vielmehr mussten offene Löcher durch Abgänge kostengünstig gestopft werden. Die Mannschaft besitzt aber weiterhin – trotz der herben Enttäuschung in den Playoffs – Championship-Format.

Beste Addition
Serge Ibaka ... Der Abgang von Harrell war für die Clippers sicherlich der schmerzhafteste in dieser Offseason. Sein direkter Nachfolger Ibaka bringt offensiv vielleicht nicht die gleiche Power und Durchschlagskraft wie der 26-Jährige mit, hat dafür aber klare Vorteile in zwei anderen Bereichen: Defensive und Shooting.

Der Ex-Raptor ist immer noch eine defensive Präsenz unter dem eigenen Korb, besitzt aber zudem die Flexibilität, um auch auf den Perimeter zu switchen. Die Denver Nuggets respektive Nikola Jokić hat die Defensive der Clippers (inklusive Harrell) in den Playoffs mit einfachen Pick-and-Rolls vorgeführt. Wobei das wohl noch die diplomatische Bezeichnung ist. Mit dem NBA-Champ von 2019 auf dem Feld sollte das in Zukunft nicht mehr so leicht sein.

Auch offensiv passt das Skillset von Ibaka optimal in das System von Tyronn Lue. Der 31-Jährige traf vergangene Saison respektable 38,5 Prozent seiner Dreipunktewürfe (3,3 Versuche pro Spiel). Davon sollten vor allem Leonard und George profitieren, für die die Bahn zum Korb damit öfter freigemacht wird.

Auch nicht zu unterschätzen: Der playofferfahrene Veteran bringt positive Vibes in Kabine der Clippers, was in der letzten Kampagne nicht immer als Ort der Harmonie bezeichnet werden konnte. Zudem verbindet Ibaka eine erfolgreiche Vergangenheit mit Superstar Kawhi Leonard: der Titelgewinn mit den Toronto Raptors 2019.

The Planet
Paul George ... Die Saison der Clippers steht und fällt – zumindest zu einem gewissen Grad – mit Paul George. Mit seinen Leistungen knüpfte er bislang keineswegs an die Zeiten bei den Oklahoma City Thunder anknüpfen. Dort wurde er im MVP Rennen einst Dritter und kam durchschnittlich auf 28 Punkte pro Spiel. Anders in LA: 2019/2020 steuerte er mit 21,5 Zählern die drittschlechteste Punkteausbeute seiner Karriere bei. In den Playoffs waren es sogar nur 20,2 Punkte bei einer mageren Feldwurfquote von 39,8 Prozent.

Die Gründe dafür? Vielseitig. George stand in der Regular Season nur 48 Mal auf dem Parkett und hatte Probleme, sich in seinem neuen Umfeld einzugrooven. Speziell seine Rolle im Team bereitete ihm anscheinend Probleme: Im Videopodcast von Matt Barnes und Stephen Jackson offenbarte der 30-Jährige, dass er sich in einer Rolle wie der von Ray Allen oder J.J. Redick unwohl fühle und seine Stärken in der Offensive besser zeigen könne, wenn er flexibler eingesetzt werde.

Zumindest die Einstellung scheint bei George aber die richtige zu sein. Er ließ verkünden, dass er in der Vorbereitung wieder mit den Trainern zusammengearbeitet hat, die ihn auch in seiner bisher besten NBA-Saison bei den Thunder fit gemacht hatten. Trotz aller berechtigter Häme und Georges Anteil am Playoff-Kollaps (10 Punkte, 4-16 aus dem Feld, fünf Turnover im entscheidenden siebten Spiel gegen Denver): Abschreiben darf man „YG Trece“ nicht. Seine 190 Mio. $ schwere Vertragsverlängerung bis 2025 zeigt, dass er es in und mit LA ernst meint


Rising Star
Luke Kennard ... Verletzungsgeplagt kam Kennard bei den Detroit Pistons letzte Saison nur auf 28 Einsätze. In diesem überschaubarem Zeitraum wusste der 24-Jährige jedoch zu überzeugen: Rund 16 Punkte und vier Assists bei einer Dreierquote von 40 Prozent machen ihn zu einem Hoffnungskandidaten auf der Bank der Clippers. Die Landry Shamet-Rolle scheint dem ehemaligen Dukey daher auf den Leib geschnitten.

In jener kann Kennard den Clippers auch genau das geben, was sie brauchen: Smarte und effiziente Offensive von zweiten Reihe. Solang der Small Forward fit bleibt, könnte er sich zu einem wichtigen Puzzleteil für den erneuten Title-Run der Franchise entwickeln.

Don’t Sleep! 
Ivica Zubac ... Der Kroate hat sich heimlich, still und leise zu einem der besseren Center der Association verbessert. In den letzten beiden Jahren stand der erst 23-Jährige rund 19 Minuten pro Spiel auf dem Parkett und kam dabei durchschnittlich auf knapp neun Punkte und acht Rebounds. Hochgerechnet käme er alle 36 Minuten damit auf ein starkes Double Double mit rund 17 Punkten und 14 Rebounds.

Wegen der Verpflichtung von Serge Ibaka wird Zubac mit hoher Wahrscheinlichkeit zwar seinen Starter-Job verlieren. Das soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass er auch kommende Saison weiterhin ein wichtiger Teil der Rotation sein wird. Vor allem seine Fähigkeiten in der Defensive werden in der zweiten Garde gefragt sein: Coach Lue versuchte sich in der Preseason oft mit einem Line-Up, in dem Lou Williams, Reggie Jackson und Luke Kennard gleichzeitig auf dem Feld standen, was einem defensiven Desaster gleicht. Zumindest unter dem Korb wird Zubac also umso mehr für Ordnung sorgen müssen, um die Schwächen seiner Kollegen am Perimeter auszugleichen und Ibaka Verschnaufpausen zu gönnen.

Beste Fünf
Beverley – George – Leonard – Morris – Ibaka

Good News
+ Die Bank der Clippers ist trotz vieler Abgänge weiterhin stark
+ George und Leonard starten ohne Verletzungen in die neue Saison
+ PGs Vertragsverlängerung ist Grundvoraussetzung, um auch Kawhi über den Sommer hinaus zu halten
+ Clippers-Boss Steve Ballmer gilt als der vermögendste Teambesitzer im gesamten US-Sport

Bad News

- Das Debakel in den Playoffs 2020 hat den Ruf als Verlierer-Franchise gefestigt
- Die andere Mannschaft in Los Angeles hat sich in der Breite besser verstärkt als die Clippers
- Ein erneutes Scheitern stellt Kawhis langfristigen Verbleib in Frage
- Die NBA hat ein Verfahren gegen die Clippers und Berater Jerry West eröffnet, weil dieser mit Schmiergeldzahlungen über einen Mittelsmann Kawhi Leonards Wechsel nach LA befeuert haben soll


Was fehlt?
Es gibt vor allem zwei Problemstellen: Eine fühlbare Struktur in der Offensive sowie die schwache Besetzung auf der Point Guard-Position. Ersteres muss Tyronn Lue in den Griff bekommen. Letztes Jahr waren rund acht Prozent aller Angriffe der Clippers Iso-Plays. Damit rangierte das Team auf Platz sechs in der NBA. Allerdings war LAC nur auf Platz 14, wenn es darum ging, Punkte aus Isolationen zu erzielen. Dies unterstreicht, dass Coach Rivers' Offensive größtenteils unorganisiert und komplett abhängig vom Playmaking seiner zwei Superstars war.

Dabei liegt es selbstverständlich in der Natur der Sache, dass Deine zwei besten Spieler in der Crunchtime am liebsten in Isos geschickt werden. Wenn das jedoch häufig nicht fruchtet, müssen taktische Alternativen im Playbook stehen. In Rivers' Buch waren letzte Saison aber zu viele leere Seiten.


Zudem kommt das Problem auf der Eins: Patrick Beverley, so laut er auch bellen mag, war letzte Saison lediglich ein durchschnittlicher Verteidiger mit der gewohnt unterdurchschnittlichen Offensive. Reggie Jackson ist ebenfalls nicht die Antwort auf die Frage nach einem besseren Playmaker.

Finanziell gibt es wenig Spielraum für Verbesserungen, von daher wird hier wohl weiterhin Paul George einen großen Teil des Spielaufbaus übernehmen müssen. Die Franchise kann nur hoffen, dass Beverley defensiv wieder einen Schritt nach vorne macht, um wie in seinen besseren Tagen die kaum vorhandene Offensive auszugleichen. Ansonsten wird er zu einer Bürde auf dem Feld.

Check 1,2
Verstehen wir uns nicht falsch: Die LA Clippers gehören auch diese Saison wieder zum engeren Kreis der Titelanwärter. Daran ändert das schlampige Aus der vergangenen Saison nichts, genauso wenig wie die Abgänge von Landry Shamet, JaMychal Green und Montrezl Harrell.

Kawhi Leonard ist immer noch ein Top-5 Spieler in der NBA. Ein fitter und fokussierter Paul George gehört an beiden Enden des Parketts ebenfalls zur Elite der Liga. Gepaart mit einer weiterhin starken Bank und einem frischen Start auf der Trainerbank können sich die Clippers auch dieses Jahr nur selbst im Wege stehen. Das gewünschte Western Conference Finale der Brüder aus Los Angeles scheint also eher vertagt als verworfen.

Die Rechnung, bitte