11 Dezember 2020

11. Dez, 2020


Ho, ho, ho! Oktober bis Ostern war gestern. Nach der kürzesten (und trotzdem noch zu langen) Offseason der NBA-Geschichte steht das 72-Spiele Extravaganza namens Saison 2020/21 zur Weihnachtszeit vor der Tür. Als ersten Gang serviert die Chefküche wie gehabt 30 unwiderlegbare, wettspielbare Prognosen im Reverse Power Ranking Style. No. 20: Die Memphis Grizzlies...


von CHRISTOPH LENZ @NBAKenner | 11. Dez, 2020


Flashback
34-39, keine Playoffs

Plus
Desmond Bane
Xavier Tillman

Minus
Josh Jackson
Anthony Tolliver
Yuta Watanabe

Was ist Neu?
An gleicher Stelle wollte ich im Vorjahr die Frage der Einfachheit halber zu „Was ist nicht neu?“ umformulieren. Aus bekannten Gründen nicht ein, sondern eineinhalb Jahre später stellt sich in Memphis fast die gegenteilige Situation ein. Denn die Neuerungen in dieser Grizzlies-Offseason beschränken sich auf kleinste Veränderungen.

Der via Trade akquirierte Mario Hezonja wurde direkt wieder aussortiert, beschränken sich die Neuzugänge auf Draftees und ungedraftete Rookies. Der früheste Pick ist Demond Bane, der mit Nummer 30 ausgewählt und dann per Trade nach Tennessee geschickt wurde. In Xavier Tilman stößt ein früher Zweitrunden-Pick zum Team, der sich als sehr passender Rollenspieler empfiehlt und nahtlos ins bestehende Roster einfügen dürfte.

Die Abgänge lesen sich mit Josh Jackson und Anthony Tolliver ebenfalls wenig spektakulär. Folglich steht diese Offseason unter dem Sternzeichen der Stabilität, die in Memphis nach der Umbruch-Phase aus der ebenfalls sehr stabilen Gasol-Conley/Grit-and-Grind-Ära nicht unbedingt so schnell erwartet wurde.

Beste Addition

Justise Winslow ... Streng genommen steht Winslow nicht auf der Liste der Additionen in dieser Offseason. Allerdings absolvierte der Flügelspieler, der im Februar im Rahmen des Andre Iguodala-Trade von den Miami Heat nach Memphis verschifft wurde, bisher noch kein Spiel im neuen Trikot.

Der 24-Jährige könnte nach fünf Saisons bei den Heat jetzt genau das in den jungen Kern des Grizzlies-Teams bringen, was bisher gefehlt hat. Zumindest hat er alle Anlagen, im Spannungsfeld zwischen Morant und Jaren Jackson Jr. das benötigte verbindende Element zu werden: Ein defensivstarker und flexibel einsetzbarer Forward, der (mit Ausnahme seiner elf Spiele zum Saisonstart im Vorjahr) sich mittlerweile auch als überdurchschnittlicher Dreierschütze präsentiert hat.


Dazu kommen seine hervorragenden Ballhandler-Fertigkeiten und die Fähigkeit, den richtigen Pass zur richtigen Zeit zu spielen, was seine mehr als vier Assists pro Spiel beweisen.

Der nicht unwesentliche Haken am NBA-Spieler Winslow zeigt sich mit Blick auf die Zahl der Partien, die er bisher auf dem Court stand: Nur 241 von 400 möglichen Spiele (also ziemlich genau 60%). Aus diesem Grund stehen alle positiven Aussichten und Gedankenspiele unter dem Vorbehalt, dass Winslow endlich konstant fit bleiben muss. Dass er das ausgerechnet in der diesjährigen komprimierten und pausenarmen Saison schafft, wäre ihm zu wünschen, scheint aber durchaus fraglich.

The Planet
Ja Morant und Jaren Jackson Jr. ... In der Season Preview 2019-20 ging es primär darum, dass die Saison das erste Jahr nach dem Ende der Grit-and-Grind Ära darstellen würde. Ein dabei aufgezeigtes „Optimal-Szenario“ war, dass Jaren Jackson Jr. und Ja Morant sich als Nachfolger des Führungs-Duos Mike Conley und Marc Gasol etablieren. Der ideale Entwicklungsschritt, den ich beim Schreiben der Preview im Kopf hatte, wurde in der abgelaufenen Saison nicht erreicht, es wurde sogar übertroffen!


Morant wurde auf Anhieb zu einem der spannendsten Spielern auf dem Court und teilt sich in einer harmonischen Führungsarbeit mit JJJ die repräsentativen Aufgaben rund um die Franchise. Dass diese Aufteilung auch weiterhin harmonisch verläuft ist einer der zentralen Bausteine auf dem Weg in eine neue langfristig erfolgreiche Ära. Schon im ersten Jahr hob sich der Rookie of the Year ein Stück weit vom als möglich gehandelten Franchise Player Jackson ab. Wenn sich diese Entwicklung als nachhaltig erweist, wird es wichtig, dass die Rollenverteilung für beide passt und die spielerische und menschliche Zusammenarbeit positiv bleibt.

Daher ist der Planet, um den sich die Franchise dreht, ein Zwillings-Planet. Um diese Konstellation noch heller leuchten zu lassen, gilt es nun das Umsystem so auszustatten, dass es sowohl offensiv als auch defensiv genug Unterstützung gibt, um das Wachstum der beiden nicht zu beschneiden sondern zu fördern.

Rising Star

Brandon Clarke ... Als der durchaus in den Top-10 gehandelte Brandon Clarke am Draft-Abend 2019 bis an Position 21 rutschte, konnte das neu formierte Front Office der Grizzlies sein Glück kaum fassen. Nach der Rookie-Saison des Frontcourt-Allrounders dürfte diese Freude tendenziell noch größer sein. Dass er einen Beitrag durch defensive Härte und Beweglichkeit liefert war zu erwarten. Dass er diese Flexibilität auch offensiv an den Tag legt und sofort eine wichtige Rolle einnimmt war in der Form weniger zu erwarten. Diese Vielseitigkeit machte ihn auf Anhieb zu einem wichtigen Teil der Rotation und überraschenderweise auch zum Viertplatzierten im Voting zum Rookie of the Year.


Im kommenden Jahr sollte Clarke seine Rolle als erster Big Man, der von der Bank kommt, behalten (in Abwesenheit von Jaren Jackson Jr. wird ihm in dieser Rolle zusätzliche Verantwortung zukommen) und es wäre nach seinem Award-Run im Vorjahr überraschend aber nicht gänzlich unwahrscheinlich, dass er diesmal um den Sixth Man of the Year mitkämpft. Clarke wurde vor Kurzem 24 Jahre alt, ist also trotz seiner geringen NBA-Erfahrung kein klassischer Rohdiamant. Nichtsdestotrotz ist seine Entwicklung sicher noch nicht abgeschlossenen und mit zunehmender Zeit in der Liga wird er seine Fähigkeiten weiter verfeinern und verbessern, sodass durchaus noch mehr zu erwarten ist.

Don’t Sleep! 
Jonas Valančiūnas ... Die Liste aller Spieler, die in jeder der letzten sieben Jahren immer mindestens elf Punkte und acht Rebounds pro Spiel aufletgen, ist kurz: Neben Anthony Davis, Andre Drummond, Kevin Love und Nikola Vucevic schafft es auch Valančiūnas in diese Riege.

Sowohl bei den Toronto Raptors als auch in Memphis ist der Litauer ein Muster an Beständigkeit und bietet ein hohes Maß an Verlässlichkeit. In der abgelaufenen Saison wurde er von Coach Taylor Jenkins so gezielt eingesetzt wie selten zuvor. Valančiūnas stand in allen Spielen von Beginn an auf dem Parkett, je nach Matchup mal länger und mal weniger lang, allerdings gelangen ihm gleich achtmal mehr als 25 Punkte und 16 mal mehr als 20 Punkte.

In dieser maßgeschneiderten Rolle wird der 28-jährige Center auch in der kommenden Saison eine wichtige Rolle einnehmen und für die Grizzlies wichtige Punkte in den passenden Matchups erzielen.

Beste Fünf
Morant – Brooks – Winslow – Jackson Jr. – Valančiūnas

Good News
+ Stabilität und Vertrauen in die Youngster
+ Morant und JJJ ziehen an einem Strang
+ Frontcourt-Tiefe
+ Gorgui Dieng ist der einzige Spieler Ü30 (und nicht einmal Teil der Rotation)

Bad News
- Jackson Jr. wird den Saisonstart verpassen
- Fehlende Erfahrung im Vergleich zu Top-Teams im Westen
- Harter Spielplan für verletzungsanfälliges Team
- Keine nennenswerte Neuverpflichtung, die sofort hilft

Was fehlt?
Das Team der Grizzlies ist trotz der Stabilität vom Vorjahr zur kommenden Saison in der Zusammenstellung relativ „neu“. Es fehlt insbesondere auch den einzelnen Spielern noch an NBA-Erfahrung, was es in der schwierigen Western Conference äußerst herausfordernd machen dürfte, wieder ins Playoff-Rennen einzugreifen. Das betrifft sowohl die individuelle Erfahrung der Star-Spieler, als auch die absolute Führungsqualität der Rotations-Spieler.


Die Veteranen-Rolle, die im Vorjahr von Anthony Tolliver eingenommen wurde, müsste mit Blick auf die NBA-Erfahrung Valančiūnas oder Dieng zukommen. Beide sind zwar geschätzte Teamplayer und sammelten in ihren Karrieren vielfältige Erfahrungen. Die Rolle des Grandseigneur im Stile von Vince Carter, Andre Iguodala, Jared Dudley oder in geringerem Maße Anthony Tolliver im Vorjahr werden sie jedoch wahrscheinlich nicht erfüllen.

Was außerdem fehlt ist der Faktor Zeit, der gerade bei einer unerfahrenen Mannschaft in der kommenden verknappten Saison fehlt. Unter diesen besonderen Umständen die ganz großen Entwicklungen zu erwarten scheint nicht realistisch. Aus einer anderen Perspektive fehlt die Zeit um auch zwischen den Spielen für Erholung zu sorgen. Obwohl die Grizzlies ein recht junges Team ins Rennen schicken sind durchaus dicke Krankenakten vertreten, sodass nicht auszuschließen ist, dass es Verletzungsprobleme geben wird.

Check 1,2
In den letzten beiden Jahren waren die Erwartungen fast minimal. Die Grizzlies sorgten angesichts dessen einigermaßen für Furore und kämpften sich zumindest in die Reichweite der Playoffs, scheiterten im Sommer gar erst im Play-In. Dass dieses Jahr ein Rückschritt in Sachen Record und ein gleichzeitiger Fortschritt in Sachen Team-Entwicklung möglich und vermutlich sogar der wahrscheinlichste Ausgang der Saison ist, prädestiniert die Ausgangslage durchaus auch wieder für eine überraschende Grizzlies-Saison.

Diesmal dürfte der Weg dorthin allerdings verhältnismäßig steinig werden und Fans der Franchise sollten sich durchaus auch für eine Enttäuschung rüsten, die in der langfristigen Planung und Aufbau des Teams aber eher ein Schwung holen als ein Ausbremsen darstellen dürfte.

Die Rechnung, bitte