16 Dezember 2020

16. Dez, 2020


Ho, ho, ho! Oktober bis Ostern war gestern. Nach der kürzesten (und trotzdem noch zu langen) Offseason der NBA-Geschichte steht das 72-Spiele Extravaganza namens Saison 2020/21 zur Weihnachtszeit vor der Tür. Als ersten Gang serviert die Chefküche wie gehabt 30 unwiderlegbare, wettspielbare Prognosen im Reverse Power Ranking Style. No. 9: Die Miami Heat...

von JONAS RÖHRIG @jonasRo19 | 16. Dez, 2020


Flashback
44-29, NBA Finals (2-4 vs. Los Angeles Lakers)

Plus
Avery Bradley
Maurice Harkless
Precious Achiuwa

Minus
Jae Crowder
Solomon Hill
Derrick Jones Jr.

Was ist Neu?
Im Vergleich zur letzten Saison hat sich bei der größten Überraschung der vergangenen Playoffs personell nicht viel getan. Der Blick in dieser Free Agency war schon klar auf kommenden Sommer ausgerichtet, wenn der nächste Superstar seine Talente nach South Beach bringen soll.

Sowohl die Verstärkungen Avery Bradley und Maurice Harkless als auch Fanliebling Goran Dragić und Big Man Meyers Leonard unterschrieben Einjahresverträge bzw. Deals mit Team Option, die den Heat im Sommer 2021 hohe Flexibilität gewährleisten. Geld ausgegeben wurden trotzdem und Bam Adebayo nach seiner Breakout-Saison mit einem Maximalvertrag über fünf Jahre belohnt, der inkusive Boni auf 196 Mio. $ anwachsen kann.

Dagegen konnte Jae Crowder nicht gehalten werden, der sich durch gute Playoff-Leistungen für andere Teams interessant machte und den längerfristigen Deal mit dem Phoenix Suns einer kürzeren Verlängerung beim Finalisten vorzog. Auch Slam Dunk Champion Derrick Jones Jr. verließ das Team gen Westen und heuerte bei den Portland Trail Blazers an. Doch sein Verlust fällt für die Heat weniger schwer, da Jones gerade in den Playoffs regelmäßig seine Grenzen aufgezeigt bekam.

Im Draft entschied sich die sportliche Führung um den „Paten“ Pat Riley mit dem 20. Pick für Precious Achiuwa, einen mobilen, physischen Big Man, der sowohl offensiv als auch defensiv großes Potenzial mitbringt und langfristig neben Adebayo spielen soll.



Beste Addition
Avery Bradley ... Der 30 Jahre alte Haudegen löst das vielleicht größte Problem der Heat aus der letzten Saison. Miamis Guards mussten defensiv oft versteckt werden und gerade in den Playoffs waren die Heat dort angreifbar, da weder Dragić noch Herro oder Nunn wirklich gute Verteidiger sind.

Bradley schließt diese Lücke mit seiner Ankunft sofort. Der amtierende Meister und ehemalige All-Defense Guard ist ein sehr guter On-Ball Verteidiger, was gerade in der von Pick & Roll dominierten NBA enorm wertvoll ist. Abseits des Balles fiel er defensiv zuletzt zwar nicht immer nur positiv auf, doch Jimmy Butler und Co. werden dafür sorgen, dass er sich in das defensive Teamkonzept der Heat integriert.

Offensiv werden seine Qualitäten als Werfer zwar oft überschätzt (Dreier-Karrierequote von 36,4%), doch er muss zumindest von der gegnerischen Defense ernstgenommen werden.

The Planet
Bam Adebayo ... Adebayo ist der wichtigste Spieler der Miami Heat und ihr Franchise-Anker für die kommenden Jahre. Auch wenn Butler natürlich der prominentere Name, der zum jetzigen Zeitpunkt bessere Spieler sowie der emotionale Leader und Closer in Miami ist, dreht sich doch das gesamte Spiel der Heat nicht um ihn, sondern um den gerade mal 23-jährigen All-Star.

Offensiv lässt Coach Erik Spoelstra die meisten Spielzüge durch Bam initiieren, entweder als Abroller im Pick-and-Roll oder als Passgeber vom High Post. Insbesondere seine Handoffs mit den beiden Schützen Herro und Duncan Robinson gehören zu den gefährlichsten Plays der gesamten Liga. Allein dadurch kreierten die Heat 10,2 Punkte pro Spiel (mit Abstand Platz eins in der NBA) mit unglaublicher Effizienz (97. Perzentil). Insgesamt war Adebayo für 13,6 Punkte durch Anspiele auf seine Mitspieler verantwortlich und rangierte damit ligaweit einzig hinter Nikola Jokić.


Dass er defensiv ein besserer Spieler als Jokić ist, kann Jayson Tatum bestätigen. Neben seinem Ringschutz ist Adebayo enorm beweglich und kann so ziemlich jeden Spieler Eins gegen Eins verteidigen, der nicht Anthony Davis heißt.

Rising Star
Tyler Herro ... In seinem ersten Profijahr überzeugt Herro letzte Saison nicht erst in den Playoffs mit seiner für einen 20-Jährigen unglaubliche Abgezocktheit und den starken Wurf von außen. Er ist der jüngste Spieler, der je in den Finals startete, der erste Rookie, der jemals 37 Punkte in den Conference Finals auflegte und er brach den Rekord für die meisten Dreier eines Rookies in der Postseason.

Infolge der Ausfälle von zunächst Nunn und später Dragić musste Herro in den Playoffs zunehmend offensive Verantwortung übernehmen und meisterte dies etwas überraschend. Er steigerte seinen Scoringschnitt im Vergleich zur regulären Saison um drei Punkte auf über 16 und verbesserte sich auch bei den Assists und Rebounds deutlich, während seine Dreierquote konstant hoch blieb.


Besonders beeindruckend sind vor allem seine Statistiken aus der Crunchtime. In Clutch-Situationen traf Herro mehr als 40% seiner Dreier, was über seiner durchschnittlichen Quote liegt. Sein Net-Rating in diesen Situationen sprang von -0,6 auf über 12(!). Mit ihm glauben die Heat einen ähnlichen Spielertypen wie Devin Booker gefunden zu haben, der zusammen mit Adebayo ein sehr spannendes Duo für die nächsten Jahr bilden wird.

Don’t Sleep! 
K.Z. Okpala ... Der 32. Pick des Drafts 2019 ist wahrscheinlich den wenigsten ein Begriff, seinen Namen sollte man sich dennoch merken. Jedes Jahr schaffen es Spieler in Miami aus dem Nichts zu überraschen, zuletzt Robinson und Nunn. Okpala könnte der nächste Name in dieser Liste sein. Seine Akquisition (ursprünglich wurde er von den Phoenix Suns gedraftet) war den Heat immerhin drei zukünftige Zweitrunden-Picks wert.

Als Langzeitprojekt stand er letzte Saison hauptsächlich in der G-League auf dem Parkett, legte dort solide zwölf Punkte, sieben Rebounds und zwei Assists auf. Doch vor allem seine vielseitige Defense (1,4 Steals und 1,1 Blocks) zeichnet den 2,03 Meter großen Flügelspieler aus. Er ist ein explosiver Athlet mit einer für seine Größe unglaublichen Spannweite von annähernd 2,20 Meter.

Offensiv ist vor allem sein Wurf noch ausbaufähig, doch er zeigte dort bereits Entwicklungspotenzial und hob seine Quote am College von zunächst 22% auf über 44% an. Sein Ballhandling ist für einen Spieler seiner Größe überdurchschnittlich, somit passt er gut in Miamis Drive-and-Kick Offense. Hier könnte er zusammen mit Neuzugang Harkless die Minuten übernehmen, die durch die Abgänge von Crowder und Jones Jr. freigeworden sind.

Beste Fünf
Dragić – Herro – Butler – Harkless – Adebayo

Good News
+ Fast alle Leistungsträger aus der Überraschungssaison wurden gehalten
+ Bradley füllt eine wichtige Lücke im Kader
+ Rookie Achiuwa wertet die Big Man Rotation hinter Adebayo deutlich auf
+ In Adebayo hat einer der besten jungen Spieler der Liga langfristig verlängert

Bad News

- Das Primärziel der Free Agency 2021, Giannis Antetokounmpo, wird nicht nach Miami wechseln
- Es ist noch unklar, ob Harkless die Rolle von Crowder als Small Ball-Vierer übernehmen kann
- Der Osten ist an der Spitze und auch im Mittelfeld (Southeast Division!) stärker geworden, während sich Miami nur punktuell verstärkt hat
- Die Emporkömmlinge Herro, Nunn und Robinson müssen ihre Leistungen der letzten Saison erst noch bestätigen

Was fehlt?
Insgesamt fehlt nicht viel, die Heat verfügen über eine sehr ausbalancierte Mannschaft. Dennoch muss sich noch zeigen, wie es Coach Spoelstra schafft, mit diesem Kader so effektiven Small Ball zu spielen wie in der vergangenen Saison. 

Wegen des Verlusts von Crowder, dem Starter auf der Vier, stünde dem Kader ein physisch starker Flügelspieler, der neben Bam auflaufen kann, gut zu Gesicht. Harkless spielte letzte Saison nur 9% seiner Minuten als Power Forward. Ob es den Heat gelingt, ihn hier effektiv einzusetzen, bleibt abzuwarten.

Ansonsten fehlt am South Beach, um ein waschechter Contender zu sein, ein offensiver Superstar, der Butler nur phasenweise sein kann. Ein solcher soll im nächsten Sommer verpflichtet werden. Aber vielleicht hat Miami die Lösung dieses Problems auch bereits im Kader und Herro kann seine in den Playoffs gezeigte Entwicklung in der kommenden Saison genauso fortsetzen.


Check 1,2
Nachdem in der als Übergangsjahr eingeplanten letzten Saison die Finals erreicht wurden, sahen sich die Heat unter keinerlei Handlungsdruck und entschieden sich, mit Blick auf den nächsten Sommer den Kader zusammen zu halten.

Abgesehen von Jimmy Butler ist der Kern der Mannschaft sehr jung und noch überaus entwicklungsfähig. Deswegen setzen die Heat auch 2020/21 weiter auf interne Verbesserungen, insbesondere von Adebayo und Herro. Sollten diese einen erneuten Leistungssprung machen und der ein oder andere Rollenspieler überraschen (Achiuwa, Okpala), ist in der stärker gewordenen Eastern Conference dennoch ein Sprung in die Top-3 denkbar.

Die Rechnung, bitte