08 Dezember 2020

8. Dez, 2020


Ho, ho, ho! Oktober bis Ostern war gestern. Nach der kürzesten (und trotzdem noch zu langen) Offseason der NBA-Geschichte steht das 72-Spiele Extravaganza namens Saison 2020/21 zur Weihnachtszeit vor der Tür. Als ersten Gang serviert die Chefküche wie gehabt 30 unwiderlegbare, wettspielbare Prognosen im Reverse Power Ranking Style. No. 25: Die Sacramento Kings...

von CHRISTOPH LENZ @NBAKenner | 8. Dez, 2020


Flashback
31-41, keine Playoffs

Plus
Tyrese Haliburton
Hassan Whiteside
Frank Kaminsky
Glenn Robinson III
Chimezie Metu

Minus
Bogdan Bogdanović
Kent Bazemore
Harry Giles
Alex Len
Yogi Ferrell

Was ist Neu?
Dass trotz einer bemerkenswerten Stabilität im Roster und auf der Head Coach-Position geradezu Aufbruchstimmung in Sacramento herrscht liegt in erster Linie an den beiden großen Neuerungen. Anstelle von Vlade Divac, der Old School verkörpert wie kaum ein zweiter und in seiner immerhin fünf Jahre andauernden Amtszeit fast kein Fettnäpfchen ausgelassen hat, wird das Team nun von Monte McNair in der Rolle des General Manager geführt. Der kommt mit besten Empfehlungen aus der Daryl Morey-Schule in Houston und hat im ersten Sommer im Amt zumindest personell überraschend wenig auf den Kopf gestellt.

Die Veränderungen sollen also wohl weniger plakativ ausfallen, sondern eher in die DNA der Franchise übernommen und langsam eingepflanzt werden. Den ersten Schritt in diese Richtung ging das neue Front Office am Draft-Abend sowie in dessen Vorbereitung, als die zweite wichtige Neuverpflichtung zum Team stößt: Der 20-jährige Rookie Tyrese Haliburton, der von Iowa State in die NBA kommt und anders als in den letzten Jahren einen hochgelobten Draft Pick der Sacramento Kings verkörpert.

Ein weniger passender Schritt in diese Richtung war die Verpflichtung von Hassan Whiteside, der sich in den letzten Jahren zu selten als positiver Teamspieler präsentieren konnte. In Frank Kaminsky, Glenn Robinson III und Chimezie Metu gesellen sich drei weitere Neuankömmlinge dazu, die allesamt NBA-Erfahrung haben, das Roster abrunden und vielleicht für einen überraschenden Entwicklungssprung gut sein könnten.

Beste Addition
Tyrese Haliburton ... Als nach dem diesjährigen NBA Draft publik wurde, dass der eher in der Nähe der Top-5 gehandelte Tyrese Haliburton deshalb an Position zwölf rutschte, weil er den früher auswählenden Teams aktiv gesagt hatte, dass er nicht für sie spielen möchte und mit den ein oder anderen Agenten-Tricks (z. B. dem Vorenthalten von medizinischen Unterlagen) seinen Weg nach Sacramento geebnet hatte, wurde noch deutlicher, wie großartig der Pick wirklich war.


Nicht nur rutschte ein perfekt zum System passender Spieler, der mit seiner sehr erwachsenen und kontrollierten Spielweise eine tolle Ergänzung zu Franchise Player De’Aaron Fox ist, in den Schoß der Kings, sondern ebendieser Spieler hat ganz aktiv und bewusst auf mehrere Millionen einer früheren Draft-Position verzichtet, um in der von ihm bevorzugten Situation in Sacramento zu landen.

Auf dieser Basis freuen sich die Kings und ihre Fans auf ein Talent, das sofort bereit sein dürfte, eine wichtige Rolle im Team einzunehmen und sowohl mit als auch ohne Fox auf dem Feld stehen kann. Seine Scouting-Reports lesen sich in weiten Teilen wie Spiegelungen der Reports zu Fox, des einen Stärken sind des anderen Schwächen, beide vereint aber ein großer Ehrgeiz und Arbeitswille sowie das „sich nicht zu schade sein“, was in Spielsituationen, aber auch als Führungs-Duo in der Kabine eine tolle und wichtige Voraussetzung ist, die Kings gemeinsam nach vorne zu bringen.

The Planet
De'Aaron Fox ... Als einer von erstaunlich vielen Spielern seiner 2017er Draft-Class wurde De'Aaron Fox in der Offseason mit einem Maximal-Vertrag ausgestattet, der ihm zwischen 2021 und 2026 bis zu 195 Mio. $ einbringen wird.


Daran, dass er diese Investition wert ist, besteht weder im alten noch im neuen Front Office seiner Franchise ein Zweifel. Er ist der klare Führungsspieler und gleichzeitig der talentierteste Akteur im Roster. Die große Frage, die nach drei Jahren in der Liga bei den wenigsten Spielern seriös mit „ja“ beantwortet werden kann, ist, ob ein Team mit Fox als bestem Spieler wirklich um Titel spielen kann. Seine Entwicklung zeigt ganz objektiv weiterhin nach oben, insbesondere in Sachen Scoring steigerte er sich verglichen mit der Vorsaison wieder um knapp vier Punkte pro Spiel.

Bei isolierter Betrachtung der Orlando Bubble war Fox in sechs Spielen sogar nochmal fünf Punkte über diesem Schnitt und steigerte auch seine Assist-Zahlen. Der Knackpunkt ist, dass von diesen sechs Spielen fünf verloren gingen und sein Dreier noch viel schlechter fiel als bis dahin sowieso schon.

Unterm Strich ist der Blick auf Fox nach wie vor geprägt von jeder Menge Potenzial, bisher konnte er von Jahr zu Jahr mehr davon aufblitzen lassen und sich gleichzeitig steigern. Um im Laufe seines Vertrags weiterhin als „Planet“ in der Kings-Preview genannt zu werden, muss er das auch auf jeden Fall weiterhin tun.

Rising Star
Marvin Bagley III ... Wenn Bagley spielen kann, dann spielt er stets überzeugend. Der in einer der oben genannten zweifelhaften Entscheidungen unter der Führung von Vlade Divac 2018 an Nummer zwei (und somit vor Luka Dončić) gedraftete Big Man hatte leider in seinen beiden ersten Saisons jeweils mit Verletzungsproblemen zu kämpfen und absolvierte im abgelaufenen Jahr nur 13 Partien.

In diesen Auftritten zeigt er wie auch schon in seiner Rookie-Saison (wo er immerhin 62 mal dabei war) eine bemerkenswerte Stabilität. Seit dem Halbzeitpunkt seines ersten Jahres erzielte er in 48 Spielen nur drei Mal weniger als zehn Punkte und holte nur fünf Mal weniger als fünf Rebounds. Ausgehend dieses grundsoliden „Sockels“ lässt Bagley immer wieder Talente aufblitzen, die für seine Entwicklung große Hoffnungen zulassen. Auch wenn sein Dreier in der NBA noch nicht wie erhofft fällt, lässt er sich nicht abschrecken und streut ihn dosiert als Waffe in sein Spiel mit ein.


Seine deutlich verbesserte Freiwurfquote lässt darauf schließen, dass er weiter hart an seinem Wurf arbeitet und dahingehend noch mehr Raum zur Verbesserung hat. Der Schatten von Luka Dončić ist ohne Zweifel zu groß für Marvin Bagley, aber er muss sich auch nicht immer und ausschließlich dahinter verstecken.

Don’t Sleep! 
Richaun Holmes ... Die beste Feldwurfquote, die meisten Rebounds pro Spiel und die meisten Blocks pro Spiel in der Saison 2020/21 lieferte für die Sacramento Kings der 26-jährige Holmes. In seiner bisherigen Karriere bei den Philadelphia 76ers und beim kurzen Abstecher bei den Phoenix Suns deutete Holmes als Energie-Bringer von der Bank an, dass er eine Rolle in der Liga finden kann.

Bei den Kings war es dann letztes Jahr so weit, schon kurz nach Saisonstart wurde er zum Starter befördert und zeigte seine Leistungen als klassischer mobiler Center, der Rebounding und Rim Protection mitbringt, auch in dieser Rolle. Während auch im kommenden Jahr keine ganz großen Sprünge von ihm zu erwarten sind, besteht auch mit Blick auf seine bisherigen Stationen durchaus noch die Hoffnung, dass er sein Spiel weiter abrundet.

In der Saison 2016/17 traf Holmes über 35% seiner 1,4 Dreier pro Spiel und im vergangenen Jahr legte er einen Karrierebestwert von 78,8% Freiwurfquote hin. Aus dieser Kombination eine Entwicklung hin zum modernen „Shooting Big“ zu erträumen ist nicht gänzlich unbegründet. Wird der Traum wahr, ist Holmes ein unentbehrlicher und wichtiger Bestandteil der neuen Kings.

Beste Fünf
Fox – Haliburton – Barnes – Bagley III – Holmes

Good News
+ De’Aaron Fox hat ohne Diskussionen seinen Maximal-Vertrag erhalten und kann nun mit freiem Kopf „sein“ Team anführen
+ Im Front Office gab es den lange überfälligen Wechsel hin zu Monte McNair, der die Rockets-Kultur nach Nordkalifornien bringt
+ Sowohl an den wichtigen Stellen des Rosters als auch in Sachen Head Coach hat sich die Lage in Sacramento stabilisiert
+ Die Einführung des Play-In-Turniers gibt den Kings im beinharten Westen zumindest einen Funken Hoffnung, die Playoffs zu erreichen


Bad News
- Die reine Qualität und das Talent des Rosters ist einfach nicht gut genug, um im Westen eine ernsthafte Rolle zu spielen
- Auch wenn Buddy Hield nicht mehr mit Bogdan Bogdanović konkurrieren muss, scheint er weiterhin unglücklich bei den Kings, jedoch ist der Trade-Markt für ihn ist wohl nicht existent
- Die Verpflichtung von Hassan Whiteside bietet auf und neben dem Court mehr Potenzial für schlechte als für gute Nachrichten
- Nachdem im Saison- und Offseason-Verlauf die erfahrenen Trevor Ariza, Corey Brewer, Kent Bazemore und Anthony Tolliver abgewandert sind, fehlt die oft zitierte Veteran-Leadership

Was fehlt?
Der Blick auf das Roster der Sacramento Kings kann in Segmenten durchaus spannend und vielversprechend sein, im Großen und Ganzen fehlt es aber sowohl an der absoluten Ausnahme-Qualität sowie an erfahrenen Spielern, die wichtige Rollen in sehr guten Teams hatten und dadurch der Klebstoff werden, der talentierte Fragmente zu einem Contender machen.

Weder Harrison Barnes noch Nemanja Bjelica oder Cory Joseph verkörpern diese Funktion, auch wenn sie alle schon Meisterschaften gewannen. Vielleicht schlummert diese Rolle aber ja doch irgendwo im Roster, wird in den späten Zügen der Free Agency oder im Saisonverlauf hinzugefügt. Nichtsdestotrotz fehlt es dann immer noch an der aktuellen Klasse. Fox, Bagley und Haliburton könnten, wenn alles im Sinne der Kings sehr gut läuft, in ein paar Jahren eine wichtige Rolle in der Western Conference spielen. Dieses Jahr dürfte das schwierig werden.

Check 1,2
Mit Blick auf die Teams, die letzte Saison eine schlechtere Bilanz als die Kings aufwiesen und jetzt aus unterschiedlichsten Gründen teils sehr aggressiv in den Angriffs-Modus schalten wird klar: Für Sacramento muss der Blick realistischerweise eher in Richtung Top-Pick in einem starken Draftjahrgang gehen als in Richtung Playoffs.

Sollte die frühe Saisonphase etwas anderes ergeben, sind die Chancen auf eine Postseason dank des neuen Formats und der verkürzten Saison zumindest besser als in den Vorjahren. Der Fokus sollte darauf liegen, mit dem jungen Kern eine echte Identität zu finden, die für die Zukunft wichtigen Spieler eine Einheit werden zu lassen und daraus ein Team (inklusive Coaching-Staff) zu formen, das ganz bewusst und akribisch drauf hinarbeitet, in ein paar Jahren anzugreifen und dann seine beste Zeit zu haben.

Als Sahnehäubchen unter dieser Saison mit dem Motto „Findungsphase“ könnte ein Top-Pick stehen, der die Frage nach De'Aaron Fox' Fähigkeit, der beste Spieler eines Titelanwärters zu sein, obsolet machen würde. Ein komplett offensichtlicher Tank ist dazu vielleicht gar nicht nötig, die Überschrift „Findungsphase“ über der aktuellen Saison und das aktive und offensive Steuern von Erwartungen könnten schon reichen, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und beide Ziele zu erreichen.

Die Rechnung, bitte