10 Dezember 2020

10. Dez, 2020


Ho, ho, ho! Oktober bis Ostern war gestern. Nach der kürzesten (und trotzdem noch zu langen) Offseason der NBA-Geschichte steht das 72-Spiele Extravaganza namens Saison 2020/21 zur Weihnachtszeit vor der Tür. Als ersten Gang serviert die Chefküche wie gehabt 30 unwiderlegbare, wettspielbare Prognosen im Reverse Power Ranking Style. No. 21: Die San Antonio Spurs...

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick | 10. Dez, 2020


Flashback
32-39, keine Playoffs(!)

Plus
Devin Vassell
Tre Jones

Minus
Marco Belinelli
Bryn Forbes
Chimezie Metu

Was ist Neu?
Alles hat ein Ende, selbst die ewigen Spurs: Nach 22 Jahren als Dauerbrenner in den Playoffs half den erfolgsverwöhnten Schwarz-Silbernen nicht einmal die Ausnahmeregel der Orlando-Bubble. Coach Gregg Popovichs Mannschaft wurde von der unbarmherzigen Western Conference auf den 11. Platz verwiesen, zum Zuschauen verdammt – und muss sich daran vorerst gewöhnen.

Lange stand Kontinuität in Alamo groß geschrieben über den fünf Championship-Bannern, lange verweigerten sich die Texaner dem Rebuild. Das mag im sportlichen Sinne löblich gewesen sein, hat die Spurs jedoch in eine Sackgasse manövriert. Denn infolge dessen ist der Kader nun gespickt mit teuren Altstars über dem Zenit sowie jungen Spielern weit fernab eben jenem.

Dieses festgefahrene Allerlei hat San Antonio in der Offseason die Hände gebunden. Signifikante Akquisitionen via Free Agency ließen sich nicht realisieren, wenigstens blieben Drew Eubanks und Jakob Pöltl. Die einzig nennenswerten Neuzugänge kamen über den Draft.

Beste Addition
Devin Vassell ... Mit ihrem ersten Lottery Pick seit 1997 (ein gewisser Tim Duncan) entschieden sich die Spurs wenig überraschend für einen pflegeleichten Teamplayer. Als Three-and-D Spezialist, der multiple Positionen verteidigen und sogar seinen eigenen Wurf kreieren kann, passt Vassell bestens in diese Zeit und auch bestens nach San Antonio.


Die dynamische Situation der Spurs sowie der beste Coach, den er hätte finden können, geben dem erst 20 Jahre alten Flügelspieler hervorragende Voraussetzungen, um gleich im ersten Jahr das Fundament für eine nachhaltige und erfolgreiche Karriere zu legen. Die San Antonio Spurs bekommen einen Allrounder ohne Allüren, wie gemacht für ihre ligaweit geschätzte Kultur.

The Planet
DeMar DeRozan ... Auf dem sinkenden Schiff hält DeRozan mit zuletzt soliden 22,1 Punkten, 5,5 Rebounds und 5,6 Assists Kurs. Die Krux: Seinen Dreier (Karrierewert: 28,2%) hat der Ex-Raptor im Norden gelassen, er nimmt in San Antonio weniger als einen pro Spiel und passt deswegen als erste offensive Option nicht mehr so recht in die heutige NBA.

Weil DeRozan in der Nähe des Korbes noch immer zu scoren weiß, transformierte ihn Coach Popovich während der Orlando-Bubble erfolgreich in einen verkappten Power Forward, an der Seite dreier junger und schneller Guards. 2020/21 gibt es keinen Grund, diese Rolle zu ändern, erst recht da er im Vertragsjahr um mehr als seine Ehre spielt: Der 31-Jährige wird im kommenden Sommer Unrestricted Free Agent und dann seinen letzten großen Kontrakt unterzeichnen. Wohl nicht im beschaulichen San Antonio.


Rising Star
Dejounte Murray ... Hoffnungsträger, All-Defensive Second Team (als jüngster Spieler der NBA-Geschichte), Kreuzbandriss, Rehabilitation. Der erst 24 Jahre alte Point Guard hat in seinen vier Jahren in der besten Basketballliga der Welt bereits einiges erlebt.

Nach einer solch horrenden Knieverletzung bedarf es in den meisten Fällen nicht nur ein ganzes Jahr Genesung, um wieder auf dem Parkett zu stehen, sondern ein weiteres, um auch wieder zu alter Stärke zu finden. Dieses weitere Jahr hat Murray jetzt hinter sich gebracht und steht damit wieder am Anfang: Hoffnungsträger. Unter den vielen talentierten Youngstern ist der 29. Pick des Drafts 2016 die sicherste Wette für einen Durchbruch 2021.

Don’t Sleep! 
Gregg Popovich ... Der Trainer ist immer noch der Star. Popovich hat es seinen zweieinhalb Dekaden auf dem Trainersessel der Spurs stets verstanden, selbst aus (unter-)durchschnittlichen Spielern das Maximum heraus zu holen: Man achte nur darauf, wie sich die im Spurs-Trikot mindestens passablen Kyle Anderson, Jonathon Simmons oder Cory Joseph seit ihrem Abgang aus San Antonio schlagen.

In der Post-Duncan Ära waren seine Spurs schon mehrfach abgeschrieben, bis letzten Sommer fand Popovich immer die richtige Antwort darauf. Es ist erst eineinhalb Jahre her, seit San Antonio in der ersten Playoff-Runde die zweitplatzierten Denver Nuggets in ein siebtes Spiel zwangen. Selbst mit dieser Außenseitertruppe wird Coach Pop im Rennen um die Top-8 der Western Conference manch aufstrebendem Rivalen das Leben schwer machen. So lange wie möglich.


Beste Fünf
Murray – Walker – White – DeRozan – Aldridge

Good News
+ Für 2021/22 stehen bislang unter 30 Mio. $ in den Büchern
+ Jede Menge Minuten für Pöltl (25), Murray (24), Eubanks (23), Lonnie Walker (21), Keldon Johnson (21), Luka Šamanić (20) sowie die beiden Rookies
+ Popovich zeigt bislang keine Anzeichen vom Amtsmüdigkeit
+ Sollte er doch irgendwann aufhören, stehen in seinen derzeitigen Assistenten Becky Hammon, Will Hardy oder ehemaligen wie Ime Udoka qualitative Thronfolger Gewehr bei Fuß, die die Spurs-Kultur kennen und atmen

Bad News

- Der Mythos der ewigen Spurs ist gebrochen und damit auch ein ordentliches Stück Selbstverständnis
- Reicht das Talent der jungen Spieler, um darauf eine kompetitive Mannschaft aufzubauen?
- Die Verteidigung war schon letztes Jahr löchrig (24. im Defensiv-Rating), keine Aussicht auf Besserung
- Offensiv sind in LaMarcus Aldridge (35) und Rudy Gay (34) zwei Stützen wieder ein Jahr älter, der zehrende Spielplan mit 72 Spielen von Weihnachten bis Mai verspricht sein Übriges


Was fehlt?
Abgesehen von einem herausragenden Coach: Alles. Die Spurs trauern heimlich noch immer Kawhi Leonard hinterher, der prädestiniert war, die Fackel zu übernehmen und San Antonio in die nächste goldene Ära zu führen. Einen Franchise Player dieses Formats zu finden ist die undankbare Aufgabe für Popovich und GM R.C. Buford – und doch nur der erste von vielen Schritten, um eine neue Generation nach dem Vorbild Tim Duncans, Manu Ginóbilis und Tony Parkers zu kultivieren.

Check 1,2
San Antonio steht weiterhin für ansehnlichen Teambasketball und wird an guten Abenden jeden Gegner in Bedrängnis bringen. Im besten Fall mogeln sich die Spurs über das neue Play-In Format zurück in die Postseason, um dann in vier bis fünf Spielen die Grenzen aufgezeigt zu bekommen. Realistischer ist aber ein Platz im Tabellenkeller des Westens, abgeschlagen von den Playoff-Rängen.

Das saftige Auftaktprogramm (Raptors, Jazz, Clippers, 3x Lakers direkt in den ersten beiden Wochen) nimmt ihnen womöglich die Entscheidung ab, ob sie weiterhin krampfhaft etwas sein wollen, was sie nicht mehr sind – oder ob sie die neue Realität annehmen, die Weichen frühzeitig stellen und spätestens zur Trade Deadline für die auslaufenden Verträge von DeMar DeRozan, LaMarcus Aldridge, Rudy Gay und/oder Patty Mills Verwertbares generieren.

Die Rechnung, bitte