03 Dezember 2020

3. Dez, 2020


Der NBA-Draft ist durch, und auch in der Free Agency sind alle großen Fische längst auf dem Weg in altbekannte und neue Gefilde. Höchste Zeit also, sich mit den Gewinnern der Free Agency Tage zu beschäftigen.

von FLO MICHELMANN @allaroundscorer | 3. Dez, 2020

Los Angeles Lakers
The rich get richer. So oder so ähnlich lässt sich die Offseason der Los Angeles Lakers zusammenfassen. Ganze sechs Spieler verließen die Franchise in Purple and Gold, während sieben neue geholt wurden.  Der amtierende Champion aus der City of Angels ging mit einigen Needs in die Offseason, die keine Wochen später fast allesamt adressiert wurden: Mehr Playmaking, ein Schütze auf dem Flügel und ein Backup Big Man sollten es sein. Was dabei rauskam kann sich sehen lassen!


Zunächst schickte Rob Pelinka den gerade in den Playoffs enttäuschenden Danny Green gemeinsam mit dem diesjährigen Erstrundenpick nach Oklahoma City, um sich die Rechte an Dennis Schröder zu sichern. Der Deutsche soll die Playmaking-Lücke schließen, welche Rajon Rondos Abgang Richtung Atlanta hinterlässt. 

Spannend zu sehen sein wird, wie sich Schröder zurück in der Starter-Rolle einfindet. Vom Fit neben LeBron James sollte Dennis allerdings profitieren, zumal er bei OKC zeigte, dass er neben einem primären Ballhandler koexistieren kann. Hier wird vor allem entscheidend sein, dass Schröder seinen Wurf ähnlich gut trifft wie vergangene Saison (38,5% FG bei knapp 6 Würfen in 36 Minuten). Sollte dies nicht der Fall sein, könnte der Point Guard schnell zu einem Problem werden und sich bestenfalls als Anführer der Second Unit wiederfinden oder gar getradet werden. 

Dennoch sollte die vergangene Saison hier positiv stimmen. LeBron ist einer der, wenn nicht der beste Spieler, wenn es darum geht, seinen Schützen offene Würfe zu kreieren. Darüber hinaus wird Schröder den King beim Ballvortrag entlasten und kann mit seinem Drive Lücken in die gegnerische Verteidigung reißen.

Weiterhin schlugen die Lakers Kapital aus ihrer aktuellen Situation (große Chance auf einen Titel-Run und dem Markt Los Angeles). Die Chance auf einen Ring und das sonnige LA, macht es vielen Free Agents einfacher, auf ein paar Dollar zu verzichten und ihre bisherige Heimat aufzugeben. Mit Wes Matthews kam ein erfahrener 3-and-D Wing, der perfekt in Coach Frank Vogels System passen sollte. 

Nach seiner langen Verletzungsodyssee scheint er zudem komplett rehabilitiert. Dadurch wiegt der Abgang von Avery Bradley, einem der besseren on-ball Defender, nicht ganz so schwer. Mit Kentavious Caldwell-Pope und Markieff Morris verlängerte L.A. zudem mit zwei weiteren Wings, die in der Postseason solide aufspielten und die Flügel Rotation neben James komplettieren.

Den Frontcourt baute GM Pelinka fast komplett um. Die eindimensionalen Center McGee und Howard wurden, trotz ordentlicher Leistungen, nicht gehalten. Stattdessen verbesserte Los Angeles die Rotation. Dass mit Montrezl Harrell ein Free Agent der benachbarten Clippers eingesackt wurde, dürfte die Freude nur noch vergrößern und die Rivalität weiter anheizen. Das 26-jährige Energiebündel wird wohl eine ähnliche Rolle wie beim Stadtrivalen, als scorender Big Man und Hustler, einnehmen. Profitieren wird er dabei sicher von LeBrons Fähigkeiten im Pick and Roll. Zudem kann er Anthony Davis Pausen verschaffen. 

Für den Center-Spot bedienten sich die Lakers in Kanada und holten Marc Gasol für zwei Jahre. Dieser verteidigt sehr solide im Post. Damit dürften die Lakers noch schwieriger auszurechnen sein, wenn mit LeBron, AD und Gasol eine Lineup voller Riesen auf dem Parkett steht, welches zwei ausgezeichnete Passer enthält. Ein Fragezeichen steht allerdings weiter hinter der Verteidigung direkt um den Korb, wenn Davis auf die Bank geht. Weder Harrell noch Gasol können hier McGees oder Howards Shotblocking ersetzen.

Es darf allerdings bezweifelt werden, dass die Lakers die kommende Saison in der aktuellen Konstellation zu Ende spielen. Zu sehr schielt James auf einen weiteren Titel, um an seiner Legacy zu basteln. Außer dem Superstar-Duo um James und Davis dürfte kein Spieler eine Aufenthaltsgarantie besitzen, mit Kuzma und Caruso hat die LakeShow zudem noch zwei kleinere Assets, die in einen Deal involviert werden könnten. Stand heute geht Purple and Gold als Favorit in die Saison. Die Reichen wurden noch reicher.

Philadelphia 76ers
Der Draft war noch nicht ganz durch, da pfiffen die Spatzen bereits von den Dächern, dass die Sixers einer der Gewinner des Abends sind. Das lag noch nicht einmal an den Picks selbst. Daryl Morey, der neue Macher, startete sofort damit, den 76ers Kader umzukrempeln. 

Dabei konnte er sowohl Al Horford inklusive seines unsäglichen Vertrags verschiffen, als auch eine der größten Sixers-Schwächen der letzten Jahre adressieren: Shooting. Mit Seth Curry (44,3%) und Danny Green (40%) holte sich Philly zwei Shooter ins Team, die Simmons Platz für Drives ermöglichen sollten. 


Während Curry dabei defensiv gerade von Simmons Elite-D profitieren kann, muss bei Green gehofft werden, dass er seinen Wurf wiederfindet (enttäuschende 36,7% bei knapp 7 Würfen auf 36 Minuten gerechnet). Für die Dienste Currys gab Morey Josh Richardson nach Dallas ab, der zwar defensiv besser ist, dafür offensiv das Spacing unzureichend verbesserte. Darüber hinaus hat Richardson im kommenden, wichtigen Sommer, eine 11,6 Millionen Dollar schwere Spieler-Option, welche den Sixers bei stagnierender Leistung ihre Flexibilität hätte rauben können. Terrance Ferguson wurde im Green Deal als Filler beigegeben und ist momentan eher als Mini-Asset zu sehen.

Um die durch den Horford-Abgang freigewordenen Backup-Center-Minuten werden sich zukünftig Dwight Howard und Tony Bradley bewerben. Howard kommt, nach einer überraschend starken Saison, mit einem Ring aus L.A. im Gepäck nach Philadelphia. 

Wenngleich er stark vom Zusammenspiel mit LeBron und AD profitierte (+10,17 Net Rating in 231 Minuten), könnte bei den Sixers Simmons Howard mit Lob-Anspielen bedienen. Aufgrund des non-existenten Wurfs der beiden, bleibt der offensive Fit fragwürdig. Positiv gestimmt haben sollte vor allem, dass Howard sich in seine Rolle als Rim-Runner und Powerizer von der Bank fügte und damit das Teamkonstrukt positiv ergänzte. Zudem waren er und McGee wunderbare Handtuchwedler.

Philadelphia hatte vergangene Saison große Probleme damit, Würfe um den Korb herum zu erschweren. Hier könnte gerade Howard mit seiner ordentlichen Drop-Defense helfen, auch wenn er damit gegen wurfstarke Bigs das Halbfeld vernachlässigt. Mit 22 Jahren ist in Sachen Entwicklung bei Tony Bradley noch nicht aller Tage Abend, auch wenn er in seinen Minuten neben einem Teil der Starter nicht wirklich glänzen konnte.

Alles in allem kann man Morey bereits nach wenigen Wochen in Philadelphia gratulieren. Den miesen Horford-Vertrag konnte er wegschicken und bekam dafür im Gegenzug, sicher auch Sam Prestis Affinität zu First Round Picks geschuldet, sogar noch einen nennenswerten Gegenwert. 

Die größere Dichte an Shootern auf dem Feld sollte zudem den Stärken der beiden Franchise Eckpfeiler Simmons und Embiid entgegenkommen. Inwiefern beide nächste Saison gemeinsam auf dem Feld stehen werden, bleibt dank der anhaltenden Gerüchte um James Hardens mögliche Reunion mit Morey abzuwarten. 

Portland Trail Blazers
Portland stays Me7o! Die Rückkehr des Flügelspielers nach Rip City war sicher nicht die wichtigste Offseason-Transaktion, freut die Fans in Oregon dennoch. Der Reihe nach: Vor dem Draft wurde mit Robert Covington die wohl größte Baustelle der Blazers adressiert. Ein großer, physischer Flügel, der dazu ein solider Schütze von außen ist (Karriere: 35,6% Dreier bei knapp 8 Würfen pro 36 Minuten). 

Portland muss allerdings darauf hoffen, dass 'RoCo', der seinen Wurf wohl auf dem Flug nach Houston verlor (31,5%) wiederfindet. Mit seiner physischen Defense kann er, wie bei den Rockets bewiesen, auch für einige Zeit den Smallball-Center geben und sollte ansonsten die erste Option gegenüber dem besten gegnerischen Wing sein. Der Trade war zwar nicht ganz günstig, und RoCos Vertrag läuft nach der Saison aus, dennoch ist er ein massives Upgrade gegenüber dem deutlich älteren Trevor Ariza.
Generell stand die Blazers Free Agency unter dem Motto, möglichst viele Flügelspieler zu akquirieren. Mit Derrick Jones Jr. kam ein zweiter Defense-First-Wing mit wackligem Wurf ins Team. DJJ trifft über die Karriere schwache 28,2% aus dem Dreierland, bringt dafür aber die benötigte Athletik mit, um den ein oder anderen Lob von Lillard zu verwerten. Daneben verlängerten die Blazers mit Rodney Hood, der gerade von einem Achillessehnenriss zurückkommt, und eben Anthony. Während ersterer deutlich mehr Geld bekam als erwartet, unterschrieb Melo fürs Vet-Minimum.

Sollte Hood wieder zu alter Stärke finden, wird er Portlands Spacing verbessern, auch wenn er zeitgleich eine defensive Schwachstelle ist. Als solche gilt auch Anthony, dessen Rolle von nun an sein wird, maßgeblich das Scoring in der Second Unit zu tragen. Dagegen konnte Neil Olshey Wenyen Gabriel, der in den Playoffs überraschend gegen die Lakers startete und sich in der Defense gegen LeBron versuchte, nicht halten. Seine Anfälligkeit für Fouls und die offensive Schwäche, sowie der Covington Trade, sollten diesen Verlust gut auffangen. Dass Mario Hezonja nicht länger im Moda Center aufläuft, wird viele Fans wohl sogar freuen.

Eben jener Hezonja-Trade brachte in Enes Kanter ein altbekanntes Gesicht zurück nach Oregon. Der Center wurde von den Celtics regelrecht verscherbelt und soll in Portland die Backup Minuten von Jusuf Nurkic übernehmen. Lange Zeit als „Can’t Play Kanter“ verschrien, zog er 2018/19 mit den Blazers in die Western Conference Finals ein und spielte dort phasenweise sogar brauchbare Defense (auch wenn dies nie zu seinen Stärken zählen wird). 

Zusätzliche Konkurrenz bekommt der Türke durch den frisch verpflichteten Harry Giles, der mit 22 Jahren eventuell noch einen moderaten Leistungssprung machen kann, zumal er sich vergangene Saison in fast allen Statistiken verbesserte. Fun Fact: Giles wurde 2017 von Portland gedraftet (der Pick kam inklusive Jusuf Nurkic für Mason Plumlee aus Denver) und im Gegenzug für Zach Collins direkt nach Sacramento verschifft. Call it a reunion.

Durch die Free Agency Transaktionen hat GM Olshey den Roster auf ein neues Level gehoben (manche sehen sie so stark wie letztmals 2014/15) und damit die Fehler der letzten Offseason eingestanden. Die Flügel-Rotation um Covington, Gary Trent Jr., Hood, Jones Jr., Nassir Little und Anthony wird sofort von einer der Schwächen des Teams zu einer der Stärken. 

Spannend dürfte noch sein, wie sich Anfernee Simons als einziger Backup-Playmaker schlägt. Wenn dann Zach Collins im Januar wieder zum Team stößt, erhält Portlands Bank nochmals einen Boost. Das alles dürfte den oft überragenden Damian Lillard sehr positiv stimmen und Portlands Chancen im Westen massiv erhöht haben.

Phoenix Suns
Den wichtigsten Move der Offseason vollzogen die Suns bereits vor der Draft Night: im Paket mit Abdel Nader wurde All-NBA 2nd Teamer Chris Paul von den Thunder akquiriert. Im Gegenzug schickte Phoenix Kelly Oubre, Ricky Rubio, Ty Jerome und Jalen Lecque, sowie den 2022er 1st Round Pick, nach Oklahoma City. 


Die Suns bekommen mit Paul den deutlich besten Spieler des Trades, der eine überragende vergangene Saison hinter sich hat und seinen Wert deutlich in die Höhe schraubte (in Houston wird man sich noch immer ärgern, dass man CP3 plus Picks gegen Russell Westbrook tauschte). Gleichzeitig geht den Suns dadurch Tiefe verloren. Oubre Jr. war zwar nicht Teil der „8-0 Bubble Suns“, spielte allerdings einen starken offensiven Basketball neben Devin Booker und Ricky Rubio (117 Offensive Rating in 982 Minuten). 

Rubios Abgang wird Paul mehr als ausgleichen, dennoch muss das hohe Alter, gepaart mit dem fürstlichen Salär und der Verletzungshistorie, berücksichtigt werden. Trotz all dieser Risiken ist der Move der Suns absolut vertretbar. Der 'Point God' sollte hervorragend mit Booker koexistieren und diesen beim Ballvortrag ähnlich wie Rubio entlasten bzw. seine Stärken maximieren.

Im Frontcourt könnte der Abgang von Aron Baynes schwerer wiegen als zunächst vermutet. Baynes' physisches Spiel und sein unermüdlicher Einsatz wird Phoenix genau wie sein Wurf von außen fehlen (vergangene Saison 35,1% Dreier bei 6,5 Versuchen). 

Auffangen könnte das unter Umständen Rookie Jalen Smith, den die Suns etwas überraschend an Position zehn pickten. Die Verträge von Dario Saric und Jae Crowder sind positiv zu sehen. Gerade letzterer kann beim Angriff auf die Playoffs mehr D als Three beitragen und wertvolle Erfahrung vorweisen, die den meisten Suns Akteuren noch abgeht. Gemeinsam mit Cam Johnson und Mikal Bridges bildet Crowder eine solide Flügel-Rotation, welche mit Abdel Nader günstig ergänzt werden kann.

Damit die Suns erfolgreich die Top-.8 im weit offenen Westen entern, brauchen sie natürlich auch ein wenig Glück. Das Grundgerüst um Booker, Ayton, Johnson, Saric und Bridges mit CP3 und Jae Crowder zu verstärken, sollte die Chancen klar erhöht haben. The Bright Future Suns are for real.