23 Dezember 2020

23. Dez, 2020


Die Atlanta Hawks haben eine der spannendsten Offseasons aller 30 NBA Teams hinter sich. Nachdem man die vergangene Saison als vorletzter im Osten und als viertschlechteste Mannschaft der gesamten Liga abschloss (20 Siege – 47 Niederlagen), scheint das ausgerufene Ziel für die kommende Saison der Angriff auf die Playoffs zu sein.

von FLO MICHELMANN @allaroundscorer | 23. Dez, 2020

Travis Schlenk als Ingenieur der aggressiven Free Agency Strategie


Travis Schlenk ging mit einem prall-gefüllten Portemonnaie in die Free Agency, um die Franchise aus Georgia um ihren angehenden Superstar Trae Young zu einem Playoff Team zu transformieren. Doch der Reihe nach. 

Im Draft zog Atlanta an Position 6 mit Center Onyeka Okongwu eines der spannendsten Big Man Prospects. Dieser zeichnet sich durch seine defensiven Fähigkeiten im Pick and Roll (Switching) und eine gute Rim Protection aus. Offensiv agiert er zudem stark als Screen-Steller und abrollender Big, was gerade im Pick and Roll mit Trae Young zu Highlight führen sollte. 

Pre-Draft Vergleiche mit Bam Adebayo lagen auf der Hand. Die gute Pick and Roll Defense sowie solide Screens lassen ihn allerdings auch an Clint Capela erinnern, welchen die Hawks ebenfalls im Kader haben. Beide sind zudem etwa gleiche groß (Capela: 6-10, 208 kg; Okongwu: 6-9, 111 kg), womit sie kein Center-Gardemaß aufweisen. 

Anders als der Schweizer bringt Okongwu zumindest Upside bezüglich seines Wurfs mit. Im College warf er zwar keine Dreier, die solide Freiwurfquote von 72% (zum Vergleich: Capela über seine NBA Karriere: 52,6%) und einige Catch and Shoot Würfe aus Highschool-Zeiten lassen hoffen, dass er mittelfristig etwas weiter vom Korb weg agieren kann.

Während die Draft von vielen Experten noch unterschiedlich eingeschätzt wurde, war sich die überwiegende Mehrheit einig, dass die Hawks in der Free Agency einen hervorragenden Job machten. GM Schlenk agierte als einer der aggressivsten Akteure auf dem freien Markt, u.a. unterbreitete er als einziger einem restricted Free Agent ein Offer Sheet (später mehr dazu). 

Zunächst jedoch nahm Atlanta mit Danilo Gallinari einen der begehrtesten Wings dieser FA Class unter Vertrag. Gallo ist mit 32 nicht mehr ganz jung, die gut 20 Millionen Dollar pro Jahr sind aber unter Berücksichtigung des Marktes vertretbar (das letzte Jahr ist zudem nicht komplett garantiert). Der Forward bringt vor allem Shooting und mit Abstrichen solide on ball Creation mit nach Georgia. 

In Oklahoma City stand er zum Spielende häufig neben Adams und den drei Guards Chris Paul, SGA und Dennis Schröder in einem der besten Lineups der Liga auf dem Feld. Offensiv sollte der Italiener über jeden Zweifel erhaben sein, traf er doch über 40% seiner 8,6 Dreier auf 36 Minuten. Seine Usage Rate (24,6%) gepaart mit einem True Shooting von über 61% und ein 120 Offensive Rating implizieren, dass Gallos Rolle bei den Thunder maßgeschneidert war. 

Defensiv wiederum wirft er einige Fragezeichen auf, kann gerade gegen große Flügel wenig ausrichten und auch seine Mobilität lässt zu wünschen übrig. Nichtsdestotrotz ist die Verpflichtung als Erfolg zu werten, gerade wenn man die Konkurrenz um Gallo und das nicht-garantierte dritte Vertragsjahr berücksichtigt.

Als weiteres Highlight kann in Atlanta die Verpflichtung von Bogdan Bogdanovic verbucht werden. Der ehemalige Kings-Guard kommt für vier Jahre und 72 Millionen an die Ostküste. Der im Deal enthaltene Trade Kicker soll schlussendlich den Ausschlag gegeben haben, dass die Kings das Offer-Sheet nicht matchen wollten. Bogdanovic ist der nächste offensiv potente Spieler, der dafür defensiv einige Fragezeichen aufwirft.

Mit Tony Snell kam ein weiterer Shooter nach Georgia, welcher im Dewayne Dedmon-Deal akquiriert wurde. Zudem bringt Veteran Solomon Hill etwas Finals Erfahrung mit. Während Snell (12,2 Mio. Dollar) nicht ganz günstig ist, kann man ihn im Zweifel als Filler in etwaige Trades einbauen, Hill fürs Minimum ist ein smarter Move, um das Bankende zu stärken.

Während Atlanta auf dem Flügel vor allem Offensivkräfte verpflichtete, kommt mit Kris Dunn ein elitärer defensiver Guard/Wing hinzu. Offensiv liefert er teils grausame Stats (51% True Shooting in 2019/20) und hat Probleme mit seinem Wurf. Defensiv hingegen gibt er den Hawks genau das, was es in der modernen NBA braucht. Dunn kann zumindest gegen kleinere Wings switchen und ist ein unangenehmer on-ball-Defender

Daneben verpflichtet Schlenk Rajon Rondo für zwei Jahre und 15 Millionen Dollar. Der Guard kommt mit seinem zweiten Ring an der Hand nach Georgia und spielte überraschend starke Playoffs für die Lakers. Bemerkenswert waren seine starken Wurfquoten (steigerte seine TS% von RS zu den Playoffs um 5,9%) gepaart mit einem 115er Offensive Rating in der Postseason. 

Die Frage, die sich bei Rondo allerdings seit Jahren stellt, ist, inwiefern er diese Leistungen konstant und vor allem über die gesamte Saison abrufen kann? Liefert er konstant ab, bekommt Trae Young neben einem Mentor eine leitende Hand zur Seite, welche ihm ab und an die benötigten Pausen verschaffen kann. Die Abgänge kann Atlanta allesamt verschmerzen, es lässt sich eher argumentieren, dass jeder Neuzugang ein Upgrade auf seiner Position darstellt.

Das John Collins Problem
Betrachtet man nun den Kader der Hawks, so sollten zumindest Fragen zu einer Personalie aufkommen: John Collins. Der Big Man ist der einzig verbleibende Spieler aus dem Kader der Saison 2016/17. Zudem war Collins der erste Pick, den Schlenk damals als Atlantas GM tätigte. 

In den aktuellen Kader scheint er dennoch nicht ganz passen zu wollen, da Collins am besten auf der Vier aufgehoben ist, die eigentlich nun von Gallinari ausgefüllt werden sollte. Ließe man hingegen beide spielen, inklusive Young auf der Eins und vermutlich aufgrund des Contracts Bogdanovic daneben, stehen schon vier Spieler auf dem Feld, die defensiv nicht viel Positives beitragen. Mit Blick auf die Depth Chart fallen einige Probleme in Bezug auf Collins auf.


In der ultra-offensiven Lineup der Hawks braucht es zumindest unter dem Korb einen gestandenen Verteidiger, der Rim Protection mitbringt. Also sollten Capela und mittelfristig Okongwu hier gesetzt sein. Die zweite Frontcourt Position sollte im besten Fall Gallo einnehmen, der damit das Feld für Young in die Breite zieht. Bogdanovic oder Hunter könnten je nach Matchup den Small Forward geben, wodurch etwa ein Young/Dunn, Young/Rondo oder Young/Bogdanovic Backcourt + Hunter auf dem Flügel möglich wären. Hier stellt sich wieder die Frage, was aus Collins wird. 

GM Schlenk sprach kürzlich davon, dass Gallo zunächst den Backup für Collins geben wird. Diese Aussage wirft weitere Fragen auf: Warum zahlt man dem Italiener so viel Geld, wenn er nur von der Bank kommen soll? Wie sieht Collins' Rolle im Teamgefüge aus? Dieser hat zwar seinen Wurf von außen seit seiner Ankunft in der NBA stetig verbessert (letzte Saison: 40,1% 3FG bei 3,9 Würfen pro 36 Minuten und 65,9% True Shooting), dennoch stellt sich die Frage, inwiefern dieser Trend aufrechtzuerhalten ist (Collins steigerte allerdings auch jede Saison seine FT%, was als gutes Zeichen zu werten ist). 

Collins stellt zudem gegenüber Gallinari den besseren Rebounder und Defender dar. Was gegen den Big Man spricht ist der Fakt, dass sein Rookie Contract nach der Saison ausläuft. Atlanta kann es sich zwar leisten, beide zu hohen Bezügen zu bezahlen, dies würde allerdings den finanziellen Spielraum weiter verkleinern und die Hawks tiefer in die Luxussteuer treiben. Zumal Collins bereits öffentlich kundtat, dass er sich als einen Anwärter für einen Max. Contract sieht

Dass Schlenk ihn trotz dessen zum Starter designierte, kann zweierlei Gründe haben: dass Collins so als Starter seine Stats aufhübschen und sich für andere Teams interessanter machen kann. Das Problem: aktuell scheint in der Association aktuell kein passender Trade-Partner vorhanden zu sein. Kaum ein Contender braucht auf der Vier ein Upgrade, das wenig Defense mitbringt und nächste Saison (wenn Giannis Free Agent wird), bezahlt werden will. Zudem ist er für die meisten Rebuilding Teams uninteressant, da er nicht zu deren Timeline passt.

Sollte man Collins bis zur Deadline oder im Sommer per Sign-and-Trade für Assets traden können, kann Atlanta im Rückblick als großer Gewinner aus der Free Agency 2020 gehen. Verliert man allerdings Collins im Sommer ohne Gegenwert, würde das einem Desaster gleichen. Viel wird in der angesprochenen Thematik von Coach Lloyd Pierce und dessen Minuten- und Lineup Management auf dem Flügel abhängen.

Warum die Hawks vielleicht doch keine Offseason-Gewinner sind...
Neben der angesprochenen Problematik rund um die Personalie John Collins, lassen sich weitere Kritikpunkte an Atlantas Offseason finden. Atlanta ging mit etwa 44 Millionen Dollar in die Free Agency, hat zudem keine realistische Chance auf eine Giannis Verpflichtung im kommenden Sommer, und konnte deshalb ordentlich Geld raushauen. GM Travis Schlenk ließ sich nicht zweimal bitten und ging auf Shopping Tour. 

Als Small-Market-Team ist es oft unvermeidlich, begehrte Free Agents überzubezahlen, was Schlenk dann auch teilweise tat. Vor allem der Rondo Deal kann - sollte dieser nicht die gewünschte Leistung bringen - retrospektiv ziemlich schlecht aussehen. Auch der Gallo Deal ist ziemlich teuer für einen alternden Flügelspieler mit defensiven Problemen und einer langen Verletzungshistorie. 

Zugutehalten muss man Schlenk hier, dass er eine Team-Option für das dritte Jahr aushandelte. Der Deal für Kris Dunn kann wiederum als fair oder günstig eingeschätzt werden. Trotz allem muss festgehalten werden, dass die Hawks ihre Cap-Flexibilität für einige wenige, ältere Spieler (Rondo und Gallinari) aufgaben und nun außerhalb von Tauschgeschäften mit gebundenen Händen dastehen

Da allerdings viele der Spieler primär am offensiven oder eben am defensiven Ende ihre Stärken haben und kaum ein „Two-Way-Player“ im Kader steht, könnte die fehlende Flexibilität zum Problem werden. Zudem stehen neben Collins in den nächsten Jahren richtungsweisende Vertragsgespräche mit Huerter, Hunter, Reddish und allen voran Young an. Im Worst Case könnte Atlanta mittelfristig mit einem Kader dastehen, der zu gut zum Tanken und zu schlecht zum Gewinnen ist.

Zudem ist der ausgerufene Angriff auf die Playoffs ein Fingerzeig der Franchise, auf wen sie in Zukunft setzen wird. Die teuren Veteranen um Gallo, Bogdanovic und Rondo werden sicher nicht die Handtuchwedler von der Bank geben. Dies kann eine signifikant kürzere Spielzeit der Young Guns Reddish, Huerter und Hunter nach sich ziehen, was ihren Entwicklungen sicher nicht zugutekommt.

Kann das Play-in Turnier Atlanta schaden?
Nachdem die Hawks vergangene Saison zu den schlechtesten Teams in der NBA zählten, sind sie heuer ein Playoff-Kandidat, für manche gar ein Lock. Der projizierte Leistungssprung sollte Grund zu Freude sein, da man Trae Young langsam beweisen sollte, dass man ein Gewinner-Team um ihn als Franchise Player bauen kann. 

Dass Atlanta dabei gerade eine Neuerung der NBA-Playoffs in die Quere kommen kann, mag da zunächst überraschen. Während der Osten in der Spitze mit den Bucks, Celtics, den frisierten Sixers und neuen Nets sowie dem Finalisten aus Miami stark besetzt ist, ordnet sich Atlanta im besten Fall in der Riege dahinter ein. Zwischen Platz 6 und 8 sollte alles machbar sein, schlechtere Szenarien oder Verletzungspech könnten die Hawks allerdings auch aus den Top-8 rutschen lassen. Durch die Einführung des Play-in Tournaments (7. spielt gegen 10. und 8. gegen 9.) sind allerdings gerade die Playoff-Plätze 7 und 8 deutlich unattraktiver geworden, da sie eben keine Playoff-Teilnahme garantieren.

Erreicht man nun Platz 7 oder 8 und erwischt etwa einen Shooting Slump oder spielt gegen überraschend stark aufspielende Gegner, kann einem dies zum Verhängnis werden und der Playoff-Zug an Georgia, ohne anzuhalten vorbeifahren. Das wäre aus zweierlei Gründen fatal: Erstens können Young und Co. nichts von der wichtigen Playoff-Luft, samt personalisierter Gameplans, schnuppern. Zweitens sind Atlantas Chancen auf einen hohen Pick im 2021er Draft deutlich geringer.

Trifft dieser Fall ein, dürften berechtigterweise kritische Fragen bezüglich dieser Offseason gestellt werden. Wäre es nicht besser, den jungen Spielern (v.a. Reddish und Hunter) ein weiteres Jahr mit viel Spielzeit zuzugestehen? Gerade, da man von Jahr eins zu Jahr zwei den größten Leistungssprung erwartet. Ist der Kader um die Achse Young, Bogdanovic, Gallinari und Capela zu unausgewogen konstruiert? Wäre ein höherer Draft Pick und dadurch eventuell ein weiteres Blue Chip Talent nicht mehr wert gewesen als eine halbwegs erfolgreiche Saison? 

Selbst wenn Atlanta die Playoffs erreichen sollte, dürfte das Team wahrscheinlich die Rolle des Kanonenfutters für eines der Powerhouses der Eastern Conference einnehmen. Dafür scheinen die Schwachstellen im Moment noch zu krass, und gerade ein Trae Young würde defensiv über die vollen 48 Minuten das ausgemachte Ziel des Gegners sein. Im Offseason Mailbag des „Talkin‘ the Game“-Pods wurde die Frage gestellt: Wie viel sind die erlebten Playoff-Minuten wert, wenn man mies verprügelt wird? Wächst das Team daran oder wird die Atmosphäre beschädigt?

All diese Fragen lassen sich natürlich aktuell nicht beantworten, da neben einigen anstehenden Entscheidungen noch 72 Basketball-Spiele absolviert werden müssen. Dennoch ist der in Georgia eingeschlagene Weg ein klarer Fingerzeig für die mittelfristige Ausrichtung der Franchise. Die Zukunft beginnt jetzt, der Welpenschutz ist abgelegt. Atlanta sehnt sich nach den Playoffs.