28 Januar 2021

28. Jan, 2021


von LEON GÖHL @OlajuwonsE | 28. Jan, 2021

Als ich am 4. Dezember 2020 das WTD zum Trade zwischen den Wizards und Rockets schrieb, betätigte ich mich dem Wort "eigentlich". Auch hier wird es wohl oder übel des Häufigeren fallen. 

Denn eigentlich war John Wall "done", so zumindest der Konsens vor einem Monat. Kaum jemand traute ihm zu, dass er nochmals an das alte Leistungsniveau anknüpfen könnte und viele (mich eingeschlossen) sahen Washington als Gewinner des Trades an. 

In der vergangenen Nacht spielte Wall erstmals in seiner Karriere gegen eben jene Wizards, die ihn 2010 an erster Stelle im Draft zogen. Für Wall war es ein emotionales Spiel und einmal mehr untermauerte er, dass die Rockets gut daran taten, ihn vor knapp zwei Monaten zu ertraden. 

Es wird Zeit, einen Blick zurück auf den Rehabilitationsprozess zu werfen und ein erstes Zwischenfazit zur sportlichen Lage von John Wall zu wagen. 


Ein kurzer Handshake vor dem Spiel mit Bradley Beal, dann ging es bereits los. Rockets gegen Wizards klingt im Januar 2021 zwar nicht nach dem anschaulichsten Spiel, doch, aus sentimentaler Sicht, war es bedeutend. Für Wall, für Fans der Rockets und Wizards. Letztere verließen die Bildschirme zwar erneut resigniert, doch John Wall bewies einmal mehr, dass wieder mit ihm zu rechnen ist. 

24 Punkte und 5 Assists standen letztendlich auf der Haben-Seite des Guards, eine kurze Auseinandersetzung mit seinem Vorgänger Russell Westbrook gab es ebenfalls und viele warme Worte für Bradley Beal. 

"Jeder kennt Bradley Beal mittlerweile. Er führt die Liga bei den Punkten nicht unbegründet an. Ich wusste, dass er dieser Typ von Spieler sein kann und bin glücklich, seinen Fortschritt zu sehen. Bis heute möchte uns jeder ein schlechtes Verhältnis nachsagen." 

Wall lenkte den Fokus von sich, um seinen ehemaligen Teammate zu würdigen. Es zeigt eine gewisse Reflexion in seiner Denkweise. Nichts ist mehr von dem Headcase John Wall zu hören, dieses Stigmata überarbeitete er in seiner fast zwei Jahre andauernden Verletzungspause und gibt sich nun als teamdienlicher Spieler, der lieber über andere, als über sich selbst spricht. 

Mit dieser Attitüde entwickelt sich Wall still und heimlich zu einem Liebling der Fans, denn Wall liefert nicht nur in Interviews, sondern auch auf dem Platz. Seinen Signature-Move (behind-the-back Handwechsel, um anschließend mit der schwachen Hand zu finishen) beherrscht er allem Anschein nach immer noch. 


Er wollte es seiner großen Liebe Wizards beweisen, denn diese vermittelte ihm in der Offseason den Eindruck, als wäre er fertig. Einen Eindruck, dem sich Wall erwehrt. "Heute musste ich es niemandem beweisen, denn ich weiß wie hart ich die letzten zwei Jahre dafür gearbeitet habe." 

Auf die Frage, ob er über den Trade hinweg sei (Have you moved on from the trade?) antwortete er nüchtern: "I've been moved on". Er würde weiterhin viele Wizards Spiele schauen, um seine alten Teammates spielen sehen zu können und lenkte umgehend das Thema zurück auf Beal. 

Wall ist zurück auf der Bildfläche der NBA und dürfte überwiegend positiven Zuspruch genießen. Zum einen liebt die NBA Cinderella-Stories, zum anderen nahm sich John Wall die Zeit, die er benötigte, um auf dieses Level zurückzukommen. Theoretisch hätte er schon im vergangenen Jahr zum All-Star Break zurückkommen oder in der Bubble spielen können, doch er wollte sichergehen, bei 110% zu sein, um Vertrauen in seinen Körper zu erlangen. 

Für ihn ist das der Hauptgrund für seinen überraschend positiven Saisonstart. Es war ein langwieriger Prozess, den Wall nach seinem Achillessehnenriss durchlitt, bei dem er aber nichts dem Zufall überließ. Immer und immer wieder nennt er Alex McClean, einen Assistenzcoach der Wizards. 

Im Sommer 2019 fing Wall an, sich auf seine Rückkehr vorzubereiten, anfangs mit leichtem Gewicht, die Schwierigkeit peu-à-peu steigend. Zu Beginn konnte er nur gehen, die Ferse belasten war schmerzhaft, weshalb Wall viel an seiner Wurfbewegung arbeitete, da er nichts anderes tun konnte (erste positive Tendenzen sind bereits zu erkennen). 

Zum Trainingscamp hin reiste er mit den Wizards und schuftete im Gym wie ein Verrückter, um wieder zu einem All-Star zu werden. Kurz vor Pandemiebeginn fing er an, mit anderen Wizards zu spielen, eingerostet, aber nach wie vor talentiert. Durch die Schließung sämtlicher Einrichtungen, hielt sich Wall in Miami fit und holte sich bei LeBron James Ratschläge, wie er die ideale Offseason durchleben könnte. 

So fügte er seinem Stab neben McClean noch einen Physiotherapeuten und einen Besitzer einer Sportanlage hinzu. Mit diesen Rahmenbedingungen fing er an, wie ein Besessener zu arbeiten. Täglich fing er gegen sechs oder sieben Uhr morgens an und entdeckte dabei das Radfahren für sich. Touren von bis zu 100 Kilometern waren oftmals normal, anschließend standen CoreFit Einheiten auf dem Tagesprogramm. 

[CoreFit definiert sich wie folgt: "Core bedeutet für uns "stark von innen heraus". Wir glauben daran, dass ein starker Geist in einem starken Körper wohnen sollte und setzen auf genau diese Wechselwirkung: Es geht bei CoreFit nicht nur darum, sich “ab und zu mal zu bewegen... um was gemacht zu haben... wegen Gewissen und so ...”, sondern wir glauben, dass ein trainierter Körper dich darin unterstützt, den Ansprüchen deines Alltags gerecht zu werden – physischen wie mentalen." (Quelle: corefit.de)]

Abschließend arbeitete Wall mit Gewichten. Walls primäres Ziel war es, seine Beine zu stärken, in seiner Wahrnehmung gelang ihm dies. Das Wichtigste für einen Sportler, der seinen Beruf liebt und auf dem höchsten Level spielte, ist aber die Praxis mit dem orangefarbenen Leder, weswegen McClean Drills organisierte, um Wall Trainingspartner an die Seite zu stellen, damit dieser sich nicht alleingelassen fühlte und wieder ein Gespür für Teammates bekommen konnte. Wall selbst legte immer wieder Wurfeinheiten ein, um der schwindenden Athletik eines Tages zu trotzen und sein Spiel noch facettenreicher zu gestalten. 

In der heutigen Zeit spielt der mentale Aspekt eine ähnlich wichtige Rolle wie der physische. Bei schwerwiegenden Verletzungen zeigen Psychologen den Sportlern ihre besten Clips, um sie daran zu erinnern, wie leistungsfähig sie bereits waren. Diese Strategie wird häufig im Skispringen bei schweren Stürzen verwendet, um dem Sportler die Angst vor dem erneuten Stürzen zu nehmen. 


Wall studierte sein eigenes Spiel auf die gleiche Weise und benutzte dafür vor allem die 2017er Playoffs. Dabei gewährte er sich selbst keine Auszeiten vom Sport und legte seinen Fokus sieben Tage die Woche auf das Ziel NBA. Mit der Zeit maß er sich mit Andre Drummond und James Harden und täglich war dabei zu beobachten, wie sein Selbstvertrauen und seine Kraft in den Füßen zurückkehrte. 

"Er rannte auf der linken Seite in Transition, bremste ab, nur um direkt wieder zu beschleunigen und den Ball dann mit aller Härte zu dunken", beschrieb Skills-Trainer Stanley Remy das Ereignis, als er merkte, dass Wall wieder der Alte sei.

Über 50 NBA Spieler kamen zum Kräftemessen und laut Remy schlug Wall sie alle. Grund dafür sei seine Emotion, mit der er seinem Beruf nachgeht. Auch hätte es ihn motiviert, all die Kritiker lügen zu strafen, die ihn in der Zwischenzeit abgeschrieben hatten. Immer als erstes im Gym und stets der Letzte, der es wieder verließ. "Ich sah einen Fokus, den ich so bis dato nie gesehen hatte, deswegen war ich mir sicher, dass er eine gute Saison spielen wird, da er nur darauf fokussiert war.", beschreibt Remy seinen guten Start. 

Ab September verlagerte er sein Training nach Los Angeles in die Kobe Bryant Mamba Sports Academy und stellte dort ein Team zusammen, mit dem er gegen die Brooklyn Nets rund um Kyrie und KD spielte. Ganze Spiele im zwei-Tages-Rhythmus, Best of 7. Walls Team schlug die Nets 4-0 (u.a. noch DeAndre Jordan und Caris LeVert). Für Wall war es der letzte Schub an Motivation, um sich selbst zu bestätigen, dass er fortan wieder zurück ist und noch viele Jahre in der Liga vor sich hat. 


Wegen der Covid-Protokolle verpasste er die ersten beiden Spiele der Saison, doch im zweiten Spiel gegen die Sacramento Kings meldete er sich schlussendlich zurück. Er schlug Buddy Hield im Post mit Hook-Shots, erkannte das Hield zu klein für ihn sei und attackierte ihn danach erbarmungslos - der alte John Wall blitzte das erste Mal durch. 

Im nächsten Spielzug schickte De'Aaron Fox Danuel House per Pump Fake auf die Reise, doch Wall half aus, stahl ihm den Ball beim Crossover und die Refs entschieden für Ballbesitz Rockets. Anspannen, Arme flexen und den Emotionen freien Lauf lassen. 28 Punkte, 6 Assists, 4 Rebounds, 2 Blocks und 3 Steals waren es zum Ende der Partie. Es war der erste Beweis an seine Zweifler und Kritiker, dass mit John Wall immer noch zu rechnen ist. 

Wall betont dabei immer wieder, dass die Geburt seines zweiten Sohns und der Tod seiner Mutter ihn zu Höchstleistungen antreiben. Demütig gibt er sich, dankbar dafür, weiterhin spielen zu können, dennoch wird er nicht müde zu betonen, dass dieses Privileg nicht auf eine glückliche Fügung zurückzuführen ist, sondern auf seine harte Arbeit in den vergangenen zwei Jahren. 

Eigentlich ist es verwunderlich, dass Wall sich in Houston so schnell zum Hoffnungsträger entwickelte, schließlich hat Housten Monate der Unruhe hinter sich. Coach weg, GM weg, Posse um James Harden. Wall scheint all das nicht zu beeindrucken, er hat eine gute Beziehung zum neuen Coach Stephen Silas, agiert als sein verlängerter Arm auf dem Feld und redet abseits dessen viel mit ihm. 

Innerhalb des Teams geht er mit gutem Beispiel voran, spricht Dinge an, lobt und kritisiert zugleich. Auffallend positiv war auch sein Verhalten in den Spielen, in denen er nicht mitwirken konnte. Kommunikativ präsentierte sich Wall, sichtlich erfreut endlich wieder Teil des Zirkus NBA zu sein. 

Wall ist das Gesicht des zuletzt gezeigten Aufschwungs. Über die vergangenen sieben Spiele waren nur die L.A.-Teams am defensiven Ende des Felds stärker, während die Offense so langsam aber sicher ihren Rhythmus findet - mit Wall als Initiator. 

Sein Tradepartner Westbrook dagegen steht in Washington eher für die Abwärtsspirale. Platz 15 im Osten und aufkeimende Trade-Gerüchte um Star Bradley Beal tragen nicht gerade zu einem positiven Klima in der Hauptstadt bei. 

Eigentlich sollte Westbrook noch gut genug sein, um ein Team in die Playoffs führen zu können, doch aktuell sieht John Wall wie der bessere Spieler der beiden aus und ist früher als erwartet zur erhofften Unterstützung für die Raketen geworden. GM Raffael Stone sieht für den Moment wie der Gewinner dieses Trades aus. Eigentlich undenkbar.