15 Januar 2021

15. Jan, 2021


Was brachte der Harden-Trade? Ändert er die Kräfteverhältnisse? Wie profitieren die beteiligten Teams? Und wie geht es weiter? Die Redaktion seziert den Status Quo.

von NBACHEFSQUAD @nbachef_de | 15. Jan, 2021

1.) Ist Brooklyn jetzt besser? Und/oder sogar Top-Favorit?

Seb Dumitru @nbachefkoch: Echt jetzt? Die Faszination vieler Sport-"Fans" mit "Potenzial", "Draft-Picks" und künftigen Aussichten auf etwas mehr als gehobene Mittelmäßigkeit, fasziniert mich. Ebenso der singuläre Fokus auf Hörensagen, Meme-Kultur und Sessel-Pyschologie via Internet. Glaubt man dem Mob, haben sich die Nets mit diesem Deal "zerfleischt" und "ihre Zukunft ruiniert". Ich sage, dass ein ohnehin-schon-Contender jetzt über zwei der besten acht und drei der besten 20 Spieler ligaweit verfügt. Wie soll Brooklyn zu stoppen sein? Ja, die Defense wird den Ausschlag geben. Viel besser als Durchschnitt müssen die Nets hinten aber nicht werden. Das reicht, historisch, und ist gar nicht so schwer zu erreichen - zumal ja auch noch nachgerüstet werden kann. Die Lakers bleiben der Top-Favorit, weil Champs. Die Nets sind next.

Anno Haak @kemperboyd: Bei Hipster-Liebling 538 sind die Ship-Chancen verachtfacht. Von solchen Monstrositäten abgesehen: ich sagte es im RY4R, Brooklyn war mein Ostfavorit, und jetzt sind sie weniger tief, stellen aber die potentiell beste Offense der Menschheitsgeschichte und werden trainiert von D'Antoni plus Steve Nash. Ja und ja.

Leon Göhl @OlajuwonsE: . Machen wir uns nichts vor, denn ein Team mit drei Top-25 Spielern zählt immer direkt zum Favoritenkreis, egal welche Mankos es gibt. KD sieht so aus, als hätte ihn die Verletzung wenig beeinträchtigt, Kyrie macht Kyrie Sachen und ist dennoch brandheiß in die Saison gestartet, und der zuletzt ach so viel gescholtene Harden legt 25/10 auf und wird dafür kritisiert, obwohl 99% aller Spieler von solchen Stats träumen. Top-Favorit ist pauschal nicht zu beantworten, denn ich sehe die LalaLakers nach wie vor als das komplettere Team an, doch Brooklyn hat diese Saison noch nicht den allerhöchsten Druck. Enttäuschender wäre es, wenn man 2022 und 2023 nicht DER Top-Favorit ist.

Stefan Dupick @hoopsgamedeKlar, die Brooklyn Nets sind auf jeden Fall besser als vor dem Trade. Aber als Favorit sehe ich sie nach wie vor nicht. Ich glaube sogar, dass das Team auf dem Papier jetzt besser aussieht, als später auf dem Court..

Björn Pahlke @newera0813: Auf keinen Fall. Klar sind das in der Spitze drei absolute Superstars, doch die Tiefe fehlt. Die Abgänge von Allen und LeVert wiegen zu schwer und auch wenn Harden das Team auf dem Papier auf ein neues Level bringt, wird die Teamchemie langfristig darunter leiden. Für mich ist das Gesamtkonstrukt weder ein Top-Favorit noch besser.


2.) Kann das gutgehen mit Durant, Irving und Harden? 

Pahlke: Ganz ehrlich, ich bin von keinem dieser drei Fan. Sie sind berechtigt Superstars und einzeln werden sie einige Teams in Angst und Schrecken versetzen. Für mich sind hier aber auch die drei größten Diven der Liga an einem Ort, die mir erst beweisen müssen, dass ihnen Teamerfolg wichtiger ist als die eigene Statline. Es gibt einfach nicht genug Bälle auf dem Platz.

Dumitru: Hat jemand die drei im Laufe ihrer Karriere Basketball spielen sehen? Nicht nur, dass sie zu den absoluten Top-Spielern auf ihrer Position zählen. Keiner von ihnen hat offensive Schwächen, alle können Partien und ganze Serien an sich reißen. Wo das wichtig wird? Genau, in den Playoffs. Wie genau man einen Angriff, in dem sich Durant, Irving und Harden abwechseln, stoppen soll, muss man mir erst beantworten. Ich glaube an die adaptiven Fähigkeiten dreier Typen, die sich diese Situation selbst so zurecht gelegt haben, und an die zwischenmenschlichen/basketballerischen von Steve Nash und Mike D'Antoni. 

Haak: Harden kam mit Howard, Paul und Westbrook nicht klar. Warum es mit Irving funktionieren soll, mag sich nicht erschließen. Ich baue drauf, dass beide ihre letzte Chance sehen, nicht zu Chemiegift herabgestuft zu werden. Durant ist zwar vermeintlich ein Kauz, aber sportlich einer der anspruchslosesten Superstars überhaupt.

Göhl: Warum sollte es nicht gut gehen? KD kennt eine solche Ansammlung an Stars aus seiner Warriors Zeit, Irving gewann ebenfalls einen Titel als zweite Geige und Harden ist der Unvollendete. Würde er nur für sich spielen, hätte er diesen Trade nicht mit einer solchen Vehemenz gefordert. Er wird zurückstecken müssen und wird sich mit der Second Unit austoben dürfen. Zudem hat Brooklyn das Privileg (fast) immer mindestens zwei Stars aufs Feld schicken zu können. Durant ist zudem zweifacher Finals MVP, Kyrie war in den 2016er Finals auch überragend und Harden ist der beste Regular Season Spieler seit 2014. Ein Titel ist das Minimum. Dieses Trio ist, sofern willig, eines der Unglaublichsten der Liga-Historie.

Dupick: Drei der besten Scorer der Liga spielen jetzt in einem Team. Das ist sehr spannend, aber ich glaube irgendwie trotzdem nicht, dass es gut geht. Harden muss zwingend sein Spiel anpassen und Kyrie ist eine tickende Zeitbombe.


3.) Macht Brooklyn denselben Fehler wie beim Blockbuster-Trade mit Boston, 2013? 

Dupick: Ganz so dramatisch wie vor siebeneinhalb Jahren wird es sicherlich nicht werden. Die Nets werden ein gutes Team und ein League-Pass Liebling sein, werden besser abliefern als die Nets von damals. Letztlich wird es an der Chemie auf dem Feld und fehlender Defense scheitern.

Pahlke: Ich würde eher sagen, dass sie dieses Mal einen anderen Fehler machen. 2013 waren es Stars auf einem nicht ganz so hohem Niveau wie jetzt. In der Theorie sind die heutigen Big Three besser - alleine durch Durant. Die Picks, die sie verloren haben, wären zwar keine hohen Draftrechte geworden, doch langfristig denken geht anders.

Dumitru: Ausser, dass wieder die Nets und multiple Draft-Picks involviert sind, haben diese Deals so gut wie gar nichts miteinander zu tun. Damals holte Brooklyn Garnett und Pierce straight aus dem Altersheim. Beide stanken ab, hielten es keine zwei Jahre im Borough aus. Die bereits vorhandenen "Stars" waren Deron Williams, Joe Johnson und Brook Lopez. Den Unterschied zwischen jener Truppe und drei All-NBA-Kalibern in ihrer Prime muss ich niemandem näher erläutern (hoffentlich). Der Preis und damit das Risiko ist natürlich höher als damals; die Qualität des Produktes allerdings ebenso. Diesen Deal machst du elf von zehn Mal, wenn er dir angeboten wird.

Haak: Nein. Ketzerisch: Boston war seit 2013 sechs mal in den POs, Brooklyn vier mal. Seriensiege 7-1, ja, aber aktuell ist Brooklyn näher an der Meisterschaft als die Baerbocks. So schlimm war der Fehler nicht. Durant, Harden und Irving sind im Übrigen am Ende ihrer oder mitten in der Prime (Garnett und Pierce waren 6 bis 10 Jahre drüber hinaus). Für dieses Trio ist kein Preis zu hoch.

Göhl: Auch wenn ich mir dies als Rockets Fan wünsche, aber nein. James Harden ist aktuell 31, so alt war Kevin Garnett beispielsweise als er zu den Celtics kam und nicht eben zu den Nets. Außerdem ist jeder der drei genannten talentierter und besser, als es ein Spieler zum Zeitpunkt der 2013er Nets war. Ein gewisses Risiko besteht natürlich, da dieser Locker ein gewisses Explosionspotential mitbringt, die Picks in den späten Jahren könnten schmerzen, doch sollte Brooklyn nur einen einzigen Ring holen, so hat sich der Trade ausgezahlt (in Boston feiert man ja noch heute, als wäre es Sommer 2008).


4.) Hat Houston für Harden genug bekommen?

Göhl: Ein Spieler, der All-NBA Level mitbringt (zumindest auf dem Papier), vier ungeschützte Firsts, vier Pick-Swaps und zwei Spieler, die sich beweisen dürfen? Als Fan kann man sich kaum mehr wünschen, da sich die Situation für GM Rafael Stone durchaus als kompliziert darstellte. Er hat in seinen bald drei Monaten als GM Hoffnung geschürt, obwohl er beide Stars abgegeben hat. Klar, ein Paket mit Ben Simmons wäre vielleicht lukrativer gewesen, aber inwieweit Simmons ein Team zum Titel trägt, darf angezweifelt werden. Houston ist ein Sammelsurium an abgestempelten und ehemals brillanten Spielern, die sich hier neu erfinden wollen. Meiner Meinung nach hat Houston das Maximum bekommen, was aber nicht darüber hinwegtäuscht, dass der Abgang des Bärtigen unglaublich schmerzhaft für die Fan Seele ist.  

Dupick: Die Rockets haben definitiv genug bekommen. Acht potentielle Picks plus Oladipo (wenn er bleibt) sind doch besser als ein unzufriedener Superstar, der seine Zeit lieber im Stripclub als beim Team verbringt und dann keine Lust hat, wenn er auf dem Court steht.

Pahlke: Das wird sich zeigen. Ich denke, dass die Rockets generell keinen schlechten Kader haben. Wall überzeugt und Wood überrascht. Durch die Eskapaden konnten die Rockets nicht mehr erwarten und Oladipo ist jemand, der absolut auf All-Star-Level agieren kann. Letzte Saison hätten sie deutlich mehr bekommen, aber ich denke, wichtiger ist die Tatsache, dass mit Harden auch die Unruhen verschwinden.

Dumitru: Sieht man vom gewünschten Top-Talent ab, das die Rockets bekanntlich nicht bekommen haben (nein, Oladipo ist es nicht), ist das hier ein monströser Fischzug - erst recht in Anbetracht der kompromittierten Lage, in der sich die Rockets dank ihres vergraulten ex-Franchise-Players befanden. Klar ist jeder Gegenwert für einen MVP-Kandidaten immer nur theoretisch fair. Vier First Rounder und vier potenzielle Swaps füllen die eigene, brach liegende Draft-Schatulle jedoch mehr als nur auf. Die Chancen, dass mindestens einer dieser Picks weit oben landet, sind hoch.

Haak: Ja. Für jemanden, der seinen Marktwert - die Amerikaner sagen so schön: deliberat - in den Keller gepumpt hat, sind vier ungeschützte Erstrundenpicks plus die Swaps schon allein mehr als genug. Oladipo könnte ihnen mit seinem kolportierten Unwillen, nach Houston zu kommen, auf die Füße fallen, aber der Gegenwert, wenn er weiter will, stünde ja noch aus.


 5.) Sind die Pacers plötzlich Contender im Osten?

Haak: Nein. Waren sie vorher nicht, und LeVert statt Oladipo macht sie nicht besser. So schwer wiegt die Stimmungsverbesserung wegen des Abgangs des abwanderungswilligen All-NBA-Teamers von 2018 am Ende nicht. 

Göhl: Jein. Ich persönlich hatte sie in einem vorangehenden Lineup bereits zum Homecourt prognostiziert, der Trade macht sie nun nicht stärker. LeVert ist kein besserer Spieler als Oladipo, bringt aber immerhin Vertragssicherheit mit. Die Pacers sind unter Nate Bjorkgren ein modernisiertes Team, dass die Liga in genommen Würfen in der Zone anführt und generell einen rocketesken Ansatz verfolgt. Sabonis bestätigt seine All-Star Saison, spielt aber moderner, weswegen er zuletzt einiges an Hype erfuhr. Myles Turner fährt eine starke DPOY-Kampagne und Malcolm Brogdon entwickelt sich langsam aber sicher zu einem Top-Guard. LeVert gibt dem Team einen zusätzlichen Ballhandler, der aber relativ ineffizient ist. Wenn Warren zurückkommt und LeVert sich auf das Kreieren für andere konzentriert, halte ich an meiner Eastern Conference Finals These fest, was in meiner Wahrnehmung Contender bedeutet, der sie aber zuvor (in meinen Augen) bereits waren.

Dupick: Die Pacers zählten für mich auch vor diesem Trade zum erweiterten Kreis der möglichen Contender in der Eastern Conference. Betonung auf "erweitert". Um zur absoluten Spitze aufzuschliessen, fehlt es nach wie vor an einem waschechten Top-Player, ein wahrer Star. Die Antwort ist also: Nein.

Pahlke: Nein. Die Pacers haben in Levert ihren Kader verbessert. Sabonis agiert aktuell auf unmenschlichem Niveau, wird das über die Saison nicht halten können. Im Zusammenspiel mit Brogdon und Turner sieht das zwar mehr als vielversprechend aus, aber selbst der Kampf um Heimrecht wird kein Zuckerschlecken.

Dumitru: LeVert ist (ein wenig) jünger, ähnlich dynamisch (minus die Defense) und viel günstiger als Oladipo. LeVerts Playmaking-Skills und Scoring-Punch als Ballhandler werden perfekt zu Malcolm Brogdon, Domantas Sabonis und Myles Turner passen. Indiana schlüpft außerdem unter die Luxussteuer-Grenze und hat Kostenkontrolle, anstatt FA-to-be Oladipo im Sommer überzubezahlen. An der sportlichen Situation ändert sich hingegen nichts: die Pacers bleiben sicheres Playoff-Team im Osten, mit Plafond zweite Runde.