03 Februar 2021

3. Feb, 2021


Nachdem nun endlich auch Washington und Memphis ihre COVID-bedingte Zwangspause überstanden und 16 Partien geklärt haben, ist offiziell bereits mehr als ein Viertel der Saison 2020/21 absolviert! Zeit, einen Rundumblick zu wagen und fünf aktuelle Trends genauer unter die Lupe zu nehmen. Viel Spaß! 

von NBACHEFSQUAD @nbachef_de | 3. Feb, 2021


1. Elf-Siege-Spurt, Platz eins in der NBA: sind die Utah Jazz (16-5) ein ernstzunehmender Titelanwärter?

Seb Dumitru @nbachefkoch: Utah ist so unsexy, dass große Medienhäuser bisweilen lieber Rückwärtsspagate auspacken und den Erfolg der Salzseeler lieber mit Unfähigkeit der Gegner erklären, anstatt eigenem Vermögen. Dabei gibt es viele Gründe, warum die Jazzer derart süße Musik machen: Top-Sechs in Angriff und Verteidigung (als einziges Team ligaweit), volle Kontrolle an den Brettern, allabendliche Dreierregen, ein Mike Conley in All-Star Form, und die vermutlich beste Achter-Rotation der NBA. Die Titelfavoriten sitzen weiterhin in Kalifornien. Als Außenseiter fühlt sich Quin Snyders Team aber gut genug, um die West-Party zu crashen. 

Anno Haak @kemperboyd: Das absurde NetRtg während der letzten 12 Spiele (Nuggets-Hinrichtung schon mitgerechnet) von plus 13,2 droht dafür zu sprechen. Ich habe auch nicht viel mehr als mein Gefühl entgegenzuhalten. Das allerdings schreit "Nein". Das Nuggets-Spiel spricht dafür. Wer verteidigt werfende Bigs wie Millsap? Wer übernimmt, wenn Spida im eigenen Netz hängt? Bleibe bei "Nein!".

Leon Göhl
@OlajuwonsE: Wie genau definiert man Titelanwärter? Ist man mit dem Erreichen der 2. Runde ein Titelanwärter, ab den Conference Finals? Da ich vor der Saison ein Szenario gesehen habe, in dem Utah/Portland in die Conference Finals kommen können, antworte ich hier mit einem klaren Ja. Utah ist eine eingespielte Truppe, die hervorragend gecoacht wird und Mitchell hat in der Bubble eine historische Serie gespielt. Einziges Fragezeichen bleibt Rudy Gobert in den Playoffs. 

Gerrit Lagenstein @GAL_Sports: Die Art und Weise, wie er es sagte, war zwar hart asozial, mit seiner Kernaussage hat Shaq aber recht. Donovan Mitchell wird nicht der beste Spieler eines Meisterschaftteams sein - zumindest nicht in diesem Jahr. Das ist aber keine Beleidigung. In diese Kategorie gehören nur eine Hand voll Spieler. Mitchell zeigt, dass er die NBA trotzdem gehörig aufmischen kann. Die Serie der Jazz ist beeindruckend, doch all die Siege werden ihnen in den Playoffs wenig nützen. Da sehe ich sie im Westen weiterhin maximal auf der drei.

Stefan Dupick @hoopsgamede: Die Jazz sind Legit! Letzte Saison waren sie von vielen letztlich überschätzt, diese Saison dafür unterschätzt. Als Titelanwärter sehe ich sie trotzdem nicht - letztlich wird die Starpower fehlen um den Lakers im Westen das Wasser zu reichen.


2. Miami, Dallas & Toronto mit enttäuschendem Start: Um wen machst du dir am meisten Sorgen?

Dupick: Die Raptors sind mein Sorgenkind. Nach wie vor ein guter Kader, aber irgendwie klickt es nicht. Das mag auch daran liegen, dass sie derzeit ihre Heimspiele in Florida austragen. Ich glaube, dass die Kanadier die Playoffs verpassen und sich im Draft einen weiteren guten Spieler in den Kader holen werden.

Dumitru: Um die Mavs. Nicht einmal zwingend, weil das Team sechs in Folge verloren hat und bei 8-13 weit hinter den Erwartungen und Preseason-Vorhersagen her hinkt. Ausfälle wichtiger Leistungsträger wie Kristaps Porzingis, Josh Richardson, Maxi Kleber und Jalen Brunson hatten sicherlich viel mit dem schwachen Start zu tun. Besorgter bin ich um die interne Dynamik, die ein geknickter Luka Doncic vergangenes Wochenende ansprach: das Team spielt ohne Feuer, ohne Leidenschaft. "Als wäre es uns egal", so Doncic. Das muss sich schnell ändern - sonst zieht sogar der Play-In Zug irgendwann von dannen.

Haak: Hab Toronto im RY4R gekauft. Ich denke, das wäre ein Gamestop-Stinker geworden. 9 und 12, d. h. 3 unter .500 mit dem drittleichtesten Schedule der Liga ist übel. In Masai we trust, aber die Hoffnung stirbt am Ende doch.

Göhl: 7-13, 9-12, 8-13. Hätte jemand vor der Saison gesagt, dass diese Teams nach einem Viertel der Saison so schlecht dastehen, er wäre vermutlich ausgelacht worden. Bei Miami zählt die Entschuldigung, dass man große Teile der Saison auf Butler verzichten musste, dennoch setzt der Finals Kater ein. Mit einem Jahr Verspätung tat er dies auch in Tampa/Toronto. Trotz alledem haben beide Teams Qualitäten. Direkt in die Playoffs einzuziehen wird schwer, doch Play-In ist nach wie vor möglich. Zu Dallas: Es wäre herrlich ironisch, wenn KP im Nachhinein die Knicks "great again" machen würde. Mithilfe des diesjährigen Mavs-Picks könnte er dazu beitragen. Ich weiß nicht, woher der Hype um das Team vor der Saison kam, doch ich habe sie seit jeher als .500 Team gesehen und dort werden sie sich auch einfinden. You can hate me now Germany. 

Lagenstein: Das Erreichen des Heimvorteils habe ich den Mavericks in meiner Preview in Aussicht gestellt. Aktuell gäbe es nichtmal Heimvorteil im Play-In-Turnier. Meine Panik-Skala hat zwar noch nicht „der Trainer muss weg" erreicht. Es ist trotzdem enttäuschend, dass von der historisch guten Offense aus dem letzten Jahr kaum noch was zu sehen ist. Hieß es zu Saisonanfang noch: Wenn Porzingis erstmal fit ist, starten die Mavs durch. Heißt es jetzt: Eher das Gegenteil ist der Fall. Kein Team weist über die letzten zehn Spiele eine schlechtere Bilanz auf.


3. Welches .500/Non-Contender Division Team macht dir bisher am meisten Spaß?

Lagenstein: Spaß und Charlotte fallen im NBA-Sprech nicht häufig in einem Satz, es sei denn es werden Witze über die Hornets gerissen. Bisher muss ich aber zugeben, dass MJs Truppe sehr ansehnlichen Basketball spielt. Sie erzielen die meisten Assist, was  erstaunlich ist, da sie bei den erzielten Punkten im hinteren Mittelfeld rangieren. Vermutlich wird es trotzdem nicht für die Playoffs reichen. Von den vielen Spielzeiten, wo es nicht für die Postseason gereicht hat, könnte es aber eine der besseren für die Hornets-Fans sein.

Dupick: Die Cleveland Cavaliers sind nach wie vor für mich vor eine große Überraschung und machen großen Spaß. Ich glaube nicht, dass die Cavs am Ende in die Playoffs kommen, aber mit Sexton, Garland, Okoro oder Allen sind sie gut aufgestellt und überaus unterhaltsam.

Dumitru: Die Warriors. Als sich Klay Thompson schwer verletzte, war klar, dass jegliche Finalträume der Dubs vorerst auf Eis gelegt werden müssen. Solange aber Steph Curry seine Shooting- und Dribbelarien abzieht, Draymond Green den Yoda für einen sich stetig verbessernden James Wiseman gibt, sich Andrew Wiggins zu einem überaus brauchbaren NBA-Spieler entwickelt, sind diese Warriors zumindest tägliches League Pass Erdnussbutter. Honorable Mention: Charlotte, Houston und San Antonio. 

Haak: Eigentlich müsste ich ja "Atlanta" sagen, nur sollte man Trae Young und Clint Capela nicht mit "Hawks" verwechseln. Dank übermieser Defense macht Sacramento angucken mit am meisten Spaß, wenn auch aus den falschen Gründen. Ansonsten, auch wenn wenig Merkbares bleibt, macht OKC, das schon wieder über Erwartung rumeiert, einfach Spaß.

Göhl: GM weg, Coach weg, Star weg, ehemaliger Star weg und dennoch 10-9? In Houston lebt der Spirit von Daryl Morey weiter, denn in seiner gesamten Amtszeit gab es keine Saison below .500 (seit 84/85 erst drei Mal insgesamt). Das Team ist eine muntere Ansammlung von Spielern, an die keiner so recht glauben wollte. Sofern sich Dipo, Wall und Boogie nicht zur gemeinsamen Reha verabreden, ist dieses Team spaßig anzusehen. Coach Silas hat eine Offense entwickelt, die alle involviert und stark auf Ball-Movement setzt. Defensiv ist Houston seit Hardens Abgang über allem erhaben. Der Schedule sprach zuletzt für sie, dennoch: wie dieses Team die Unruhen verarbeitet hat ist sensationell. 


4. Wer ist dein MVP des ersten Saisonviertels?

Göhl: Ich gehe stark davon aus, dass der Großteil hier nun Jokic oder LeBron schreibt. Ich tendiere zu Joel Embiid. Der Kameruner führt die 76ers an, brilliert an beiden Enden des Feldes und ist der Hauptgrund, warum Philadelphia im Osten als ernst zunehmender Contender gilt. 55-40-80 sind sensationelle Quoten, die ihm zu 28,3 Punkten verhelfen, dazu 11 Rebounds, 1,2 Steals und 1,3 Blocks. Der Mann liefert! Ohne Embiid haben die 76ers einen Record von 0-4, mit ihm 14-2. Noch Fragen? 

Lagenstein: Die Feel-Good-Story ist sicherlich Kevin Durant. Wer die letzten zwei Jahre im Koma lag, dürfte kaum vermuten, dass sich KD in dieser Zeit von einer der schwersten Verletzungen, die sich ein Basketballer zuziehen kann, zurückgekämpft hat. Trotz seiner 32 Jahre wirkt er so agil wie eh und je. Meine Wahl fällt trotzdem auf einen Spieler, der sich sogar noch gesteigert hat: Joel Embiid spielt endlich so, wie es sich für einen Spieler von seiner Statur und seinem Talent gehört. Er hat die Sixers auf den ersten Platz im Osten geführt, dafür gibt es auch hier die Goldmedaille.

Dupick: Der beste Spieler der Welt hat für mich die Nase vorne: LeBron James gibt Vollgas und führt den Meister aus Los Angeles in allen Belangen an. Es ist aber eng, denn auch Jokic, Durant und Embiid haben legitime Ansprüche.

Dumitru:
 Lasst euch nicht blenden! Man kann und sollte LeBron James', Joel Embiids und Kevin Durants Leistungen in höchste Sphären loben, und kann dennoch ohne Weiteres eingestehen, dass bisher niemand wertvoller war als Nikola Jokic in Denver. Der Spielbär legt fast ein Triple Double im Schnitt auf, hat stolze 20 Double-Doubles in 20 Einsätzen, führt alle für diesen Award relevanten Advanced Stats an. Achja, und sein Team ist das Top-6 ligaweit, sowohl nach Bilanz als auch Net-Rating. Ich könnte fast wetten: Niemand pickt Jokic. Dieser Niemand bin dann wohl ich.

Haak: Meine Sympathie spricht für den chancelosen Damian Lillard. Meine Lust am Brennensehen der Welt spricht für Gobert. Mein Gedanke an den einstigen Underdog mag die beiden Stars der former Braves, die sich aber gegenseitig die Stimmen nehmen. Der Kopf sagt Jokic, der Bauch und das Herz LeBron James.


5. Wohin mit Bradley Beal? 

Haak: Ich fände natürlich Houston für Oladipo, Exum und ein Nets-Pickpaket lustig, aber zu meinem immerwährenden Missgefallen wird das nicht passieren, solange John Wall lebt. Dallas würde mir gefallen, aber da ist keine Pick-Schleife zu erkennen, das Washington die auslaufenden Deals verschnüren könnte, mit Abstrichen gilt das auch für Golden State (wobei der Minny-Pick ein Asset sein könnte). Simmons ist mir zu langweilig. Ich gehe mit einem Außenseiter und sage Pelicans für (die auslaufenden Deals von) Redick, Ball (ggf. Hayes) und ein Tinseltown-Draft-Package (ja, der wäre nur für die Wasservögel "best").

Göhl: Die sportliche Lage in Washington im Januar 2021, war ein wenig mit den letzten politischen Wochen von Trump zu vergleichen. Verheerend. Westbrick ist nicht die gewünschte Verstärkung und generell ist dieses Team nicht homogen zusammengestellt. Einziger Lichtblick, Bradley Beal. In James Hardenesker Form legt er Nacht für Nacht Fabelzahlen auf und weckt so einiges an Begehrlichkeit. Das NBA Volk ist sich einig, Beal muss da raus. Mein Tipp wo er landen könnte, ist eins der bereits oben genannten Teams. Nein, nicht Miami und auch nicht Dallas (keiner will KP). Ich gehe wieder einmal mit dem unkonventionellen Pick und sage Toronto. Ujiri hat bewiesen, dass er nicht vor unpopulären Entscheidungen zurückschreckt und Assets gibt es zuhauf. Beal landet in Kanada.

Lagenstein: Beal zu den Mavs für Tim Hardaway, Josh Richardson, Josh Green und was immer die Wizards an Picks fordern. Mir ist schon klar, dass bei diesem Trade mehr Wunsch als Vernunft herrscht. Aber wer weiß, vielleicht will Beal bald nach den nächsten Klatschen ja wirklich weg und es kommt kein besseres Angebot. Hardaway steht nur noch bis zum Sommer unter Vertrag, Richardson ist verhältnismäßig günstig und Green quasi ein zusätzlicher First-Rounder. Jedenfalls war er das im November. Bei den Picks sollten sich Dallas nicht lumpen lassen. Außer Doncic hat die Draft bei den Texanern eh nicht viel brauchbares abgeworfen und anders bekommst du eben keinen Star an die Seite des Slowenen.

Dupick: Hier gibt es viele interessante Szenarien, letztlich sticht aber eines heraus, und zwar Beal zu den Warriors für Oubre, Wiseman, den 2021 Pick der Wolves und ggf. einen weiteren 1st Round Pick der Warriors. Für die Dubs wäre es ein letztes, massives Aufbäumen und speziell in der nächsten Saison mit Klay ein Angriff auf den Titel. Für die Wizards gibt es einen Big, der mit Westbrook (Russ ist auch der Grund, warum ein 76ers Trade wenig Sinn macht, denn Ben und Russ geht nicht) funktionieren kann und einen vielversprechenden Pick - Win/Win!

Dumitru: Miami. Wer mir in letzter Zeit gelauscht hat, weiss, wo ich - sollte Beal seine bewundernswerte Loyalität hinten an stellen und Washington realisieren, dass diese Truppe ein paar Jährchen davon entfernt ist, ein paar Jährchen von irgendwas entfernt zu sein - den NBA-Topscorer (knapp 35 PPG) am liebsten sehen würde. Tyler Herro (21), Kendrick Nunn (25), Precious Achiuwa (21) und mehrere First Round Picks sind eine gute Basis, um ehrlich von unten zu rebuilden. Niemand will Beal beim schlechtesten Team der Liga versauern sehen. Lasst diesen Mann endlich wieder in die Playoffs!