28 Februar 2021

28. Feb, 2021


von MARC LANGE @godzfave44 | 28. Feb, 2021


Zwei Punkte Rückstand. Nur noch 11,8 Sekunden auf der Uhr. Auszeit. Es herrscht Unruhe auf der Bank der Los Angeles Lakers. Das Team von Phil Jackson liegt in den Western Conference Finals 2002 mit 2:1 gegen die Sacramento Kings zurück. 

Den Umständen entsprechend stecken die Lakers für die nächsten knapp zwölf Sekunden ihr Vertrauen in Kobe Bryant. Er soll das Spiel retten. Doch Kobe verfehlt. Auch Shaq schafft es nach dem Rebound nicht zu punkten. Nach einem Block von Vlade Divac rollt der Ball stattdessen genau zur Mitte der Dreipunktelinie. Und da steht er: Robert Horry. 

Horry trifft diesen Wurf bekanntlich. Die Legende von „Big Shot Rob“ verfestigt sich, die Lakers schaffen schließlich den Three-Peat, und der Rest ist Geschichte. Doch was, wenn der 7-fache NBA-Champ nicht mit dem Clutch-Gen gesegnet gewesen wäre? Die Geschichte der NBA wäre vielleicht eine ganz andere – und zwar nicht nur für die Lakers. 

*PSA: Ab nun folgen viel Fiktion und jede Menge hätte, wenn & aber. 

Fall 1: Eine königliche Dynastie
Bleiben wir für den Anfang bei Spiel 4 der Western Conference Finals 2002. Trifft Horry seinen Wurf nicht, fallen die Lakers 3:1 zurück. Das volle Momentum wäre auf der Seite der Kings, die mit dem nächsten Heimspiel die Serie beenden. 

In den Finals warteten damals die New Jersey Nets, die jedoch wohl gegen keines der drei Top Teams aus dem Westen etwas hätten reißen können. Die Kings sichern sich also ihre erste Meisterschaft seit 1951.
Statt des Three-Peats der Lakers, bilden die Kings eine Dynastie in den mittleren 00er-Jahren. Der Kern des Teams um Chris Webber, Peja Stojakovic und Mike Bibby baut in Sacramento eine nachhaltige Gewinner-Kultur auf. 


Eine Top-Destination für Free Agents, die nicht wegen des nachweislich schlechten Rufs des Owners (seien es die Maloof Brüder oder Vivek Ranadive) einen weiten Bogen um die Franchise machen. Die in der Realität vorhandene, mittlerweile 14-jährige Durststrecke nach Playoff-Basketball in der kalifornischen Hauptstadt würde so nach einem schlechten Scherz klingen. 

Und die Lakers? Sie wären offensichtlich nicht das einzige Team neben den Chicago Bulls, das einen Three-Peat (in der modernen Ära) vollbringen konnte. Nachhaltig geschadet hätte es der Franchise allerdings nicht. Böse Zungen würden jedoch vielleicht bis heute behaupten, dass das Duo Bryant/O’Neal in Los Angeles nie das Maximum erreichte. 

Fall 2: Die große Entzauberung
Um sich den Beinamen „Big Shot Rob“ zu verdienen, reicht natürlich nicht nur ein Big Shot. Horrys ganze Karriere basiert auf großen Würfen. Einen davon versenkte er im Trikot der Houston Rockets in den NBA Finals 1995. 

Gemeinsam mit Hakeem Olajuwon stand die Titelverteidigung gegen die Orlando Magic an. Favorit war das Team aus Florida: Penny Hardaway und ein junger Shaquille O’Neal dominierten den Osten, während die Rockets die Regular Season nur auf Platz sechs beendeten und eher überraschend in die Finals einzogen. 

Der Favoritenrolle wurde Orlando allerdings nicht gerecht. Die ersten zwei Partien waren eng umkämpft, gingen jedoch beide knapp verloren. Auch in Partie drei war es bis in die Schlusssekunden spannend. Ein Sieg in Houston würde die Serie für Orlando am Leben erhalten. Doch da war er wieder: Robert Horry. 

Ein Clutch-Dreier zur Führung mit 14 Sekunden Restzeit besiegelte die letzten Titel-Hoffnungen von Shaq und Penny. Am Ende sweepten die Rockets die Magic mit 4-0 und wurden die erste (und bis heute einzige) Mannschaft, welche als 6th Seed einen Titel gewinnen konnte. 


Horrys Treffer war nicht nur ein Vorentscheid für die Serie. Auch die Zukunft von Shaquille O’Neal wurde dadurch beeinflusst. Die Magic kämpften sich in einem Jahr in die Finals, in dem die Chicago Bulls lange Zeit ohne Michael Jordan durch die Saison stolperten und der Thron im Osten leer stand. 

Auch die Final-Paarung mit den Rockets schien, zumindest auf den ersten Blick, glückliche Fügung zu sein. Der Sweep, den Horry durch seinen Wurf in Spiel 3 maßgeblich mitinitiiert hatte, warf bei Shaq schlussendlich eine entscheidende Frage auf: „Wenn wir es jetzt nicht geschafft haben, werden wir es jemals schaffen?“. 

Seine Antwort auf diese Frage ist bekannt: In einer der signifikantesten Free Agent-Verpflichtungen in der Geschichte der NBA wechselte „Big Diesel“ ein Jahr später zu den Los Angeles Lakers. Ein Wechsel, der die Machtverhältnisse in der besten Basketballliga der Welt maßgeblich veränderte und prägte. 

Bis heute, vielleicht sogar sportübergreifend, hat die Entscheidung eines einzelnen Free Agents noch nie eine potenzielle Dynastie so endgültig zerstört und gleichzeitig eine andere geboren. Und selbst das reicht nicht aus, um die ganze Tragweite dieses Schrittes zu erfassen.

Fall 3: Cheap Shot Rob
Während es bei den ersten beiden Szenarien vor allem um Würfe ging, geht es hier um eine andere Art von „Shot“. Die Rivalität zwischen den Suns und Spurs war speziell in den 90er und 00er Jahren Must-Watch-Basketball für NBA-Fans. Wobei sich Anhänger aus Phoenix wohl eher ungern an das Jahr 2007 zurückerinnern. 

Dabei sah es anfangs noch sehr gut aus: Amar’e Stoudemire und Steve Nash spielten wie eine Reinkarnation von Karl Malone und John Stockton. Allgemein spielte Phoenix zu diesem Zeitpunkt den wahrscheinlich „besten“ (auch wenn es dazu sicherlich verschiedene Ansätze gibt) Basketball der Liga. Unbestreitbar ist jedoch, dass die fastbreakorientierte „7 Seconds or less“-Offensive von Coach Mike D’Antoni großen Einfluss auf die Liga nahm. 

Die richtigen Puzzleteile waren definitiv vorhanden, um Phoenix zur ersten Meisterschaft in der Geschichte der Franchise zu führen. Um dahin zu kommen, mussten die Truppe aus Arizona in den Western Conference Semi-Finals allerdings an den San Antonio Spurs vorbei. 

Die Serie war wie erwartet hart umkämpft. So auch Spiel 4, welches die Suns mit 104:98 für sich entscheiden konnten. Über den Sieg sprach danach aber kaum noch jemand. Der eigentliche Knackpunkt fand nämlich 20 Sekunden vor Schluss statt. Mittendrin: natürlich Robert Horry. Phoenix führte zu diesem Zeitpunkt 100:97, die Spurs waren im Foul-Modus. Steve Nash (FT% für die Karriere: 90,4%) bekam den Ball in die Hände, um an der Freiwurflinie einen Haken hinter dieses Spiel zu setzen. 


Nach dem Einwurf dribbelte er an die Außenlinie. Dort traf er auf Horry, der ihn mit einem harten Bodycheck an die Bande schmetterte. Aufgebracht stürmten die Spieler auf dem Feld zum Tatort. Auch zwei Spieler von der Bank, Amar’e Stoudemire und Boris Diaw, wollten Nash zur Hilfe eilen. Sie begingen dadurch aber den vielleicht größten Fehler ihrer Karriere. Das NBA-Protokoll besagt nämlich, dass bei Auseinandersetzungen auf dem Feld Bankspieler unter keinen Umständen ihren Bereich verlassen dürfen. 

Das Ende vom Lied: In Spiel fünf fehlten den Suns sowohl Stoudemire, Diaw als auch Raja Bell (technisches Foul). Die Spurs hingegen mussten nur auf Robert Horry verzichten, was in diesem Zusammenhang durchaus verkraftbar war. San Antonio gewann daraufhin Spiel 5 und schließlich auch Spiel 6 und wurde am Ende NBA-Champ. 

Ohne den berüchtigten Bodycheck wäre Phoenix in Spiel 5 vor heimischer Kulisse mit breiter Brust aufgelaufen und die Serie hätte einen anderen Verlauf genommen. Ein Sweep in den Finals gegen die Cavaliers wäre den Suns ebenso zuzutrauen gewesen wie den Spurs. 

Die Folgen: Phoenix trägt sich mit der ersten Meisterschaft unwiderruflich in die Geschichtsbücher der NBA ein. Zudem bleibt Steve Nash nicht unvollendet: Einer der besten Point Guards seiner Generation sollte seine Karriere mit einem Ring beenden und in zukünftigen Spielmacher-G.O.A.T.-Diskussionen häufiger auftauchen. 

Des einen Leid ist bekanntlich des anderen Freud, in diesem Fall vor allem der Dallas Mavericks. Die Suns gerieten nach dem erneuten Scheitern in den Playoffs langsam in einen Umbruch und entschlossen sich u.a. den mehrfachen All-Star Shawn Marion ziehen zu lassen. 

Dieser landete nicht einmal zwei Jahre später über Umwege bei den Mavs und war eine tragende Säule für den sensationellen Meisterschafts-Run 2011. Wie wir alle wissen, war diese Leistung vor allem ein Kraftakt, angetrieben von immer noch hungrigen, titellosen Veteranen. Dank Robert Horrys Flagrant Foul gehörte Marion noch zu dieser Kategorie. 


Die Legende von Big Shot Rob bleibt
Robert Horry ist trotz seiner vielen Clutch-Würfe und insgesamt sieben Meisterschaften sicherlich kein Hall of Famer. Dagegen sprechen allein schon seine Leistungen in der Regular Season, in der er so gut wie nie stattfand. Über seine Karriere kommt er durchschnittlich auf 7.0 PPG, 4.8 RPG & 2.1 APG. 

Der mittlerweile 50-Jährige wusste aber wie kein Zweiter, wann er in den Playoffs den Schalter umlegen muss, um Einfluss auf ein Spiel zu nehmen. Gehört Glück dazu? Sicherlich. Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. 

Die Frage sollte aber eher lauten: Hatte Horry Glück, mit großartigen Spielern in großartigen Teams zu spielen oder war es vielleicht sogar umgekehrt? Auch wenn es mit der HOF-Aufnahme wahrscheinlich nie klappen wird: Der Mann mit einem der stärksten Clutch-Gene aller Zeiten hat die Geschichten viele Franchises durch seine Plays für immer verändert.