25 März 2021

25. Mar, 2021


von MARCEL EGGSTEIN @eggsteinmarcel | 25. Mar, 2021


Willkommen in der Stadt der brüderlichen Liebe. Das hieß es vor der Saison für Daryl Morey und Doc Rivers. Der streitbare President of Basketball-Operations und der angesehene Meistertrainer von 2008 sollten die Sixers nach sieben Jahren unter Brett Brown und mitunter bitteren Playoff-Niederlagen – unvergessen Leonards „The Shot“ – weiter bringen als nur in die Conference-Finals. 

Die neuen Verantwortlichen fanden bei der Traditionsfranchise einen elitären Kern um Joel Embiid, Ben Simmons und Tobias Harris vor. Dazu gesellten sich neben den Veteranen Josh Richardson und Al Horford junge sowie talentierte Rollenspieler und Zweitjahresprofis wie Shake Milton, Furkan Korkmaz oder Matisse Thybulle. 

Was es brauchte, war mit Blick auf den Kader offensichtlich – es brauchte Shooting und Leadership. Mit den Verpflichtungen von Danny Green und Seth Curry gelang es, genau diese Planstellen zu beheben. Zudem konnte man mit Dwight Howard einen veritablen Backup für Joel Embiid verpflichten. Ergänzt durch u.a. Tony Bradley und Rookie Tyrese Maxey stand nach den verschmerzbaren Abgängen von Horford und Richardson ein Kader, der im Vergleich zum Vorjahr harmonischer wirkte. 


Zudem hatte man mit Doc Rivers nun einen Übungsleiter, der einerseits hinter der oft kritisierten Paarung Embiid-Simmons stand und andererseits Tobias Harris schon in Los Angeles zu Karrierebestwerten coachte. Dass Sam Cassell ebenfalls zum Trainerteam stieß, rundete die Saisonvorbereitung der Sixers ab – der dreifache Meister und einstige Premiumguard arbeitete von nun an mit Ben Simmons intensiv an seinem Spiel.

Entscheidend für eine erfolgreiche Sixers-Saison war und bleibt jedoch Joel Embiid – ist er fit und motiviert, kann er konstant dominieren? Fragen, die schnell mit „ja“ beantwortet werden konnten. Denn der Saisonstart wirkte vielversprechend. Bis Anfang Januar gewann Philadelphia sieben seiner ersten acht Spiele und der mittlerweile 27-Jährige Kameruner spielte sich früh in die MVP-Konversation. 

Die drei folgenden Niederlagen warfen jedoch erste Fragen auf: Ist der wenig aggressive Ben Simmons noch tragbar? Und der Kader – ist der tief genug? Die ersten Tradegerüchte kamen auf. Vor allem der wechselwillige Harden rückte für viele Fans und Medienvertreter in den Fokus – auch, weil dessen ehemaliger Vorgesetzte nun in Philadelphia residiert. 


Dass der Elitescorer letztlich nach Brooklyn wechselte, hatte offenbar auch mit der Weigerung Moreys zu tun, die von Houston geforderten Simmons, Thybulle, Maxey und multiplen Firstrounder nach Texas zu schicken – er entschied gemeinsam mit Rivers, dessen Faible für das Team verbrieft ist, keine Tiefe, defensive Agilität, Teamgeist und Zukunft zu opfern. 

Eine Entscheidung, die sich positiv auswirken sollte: Das Team fand immer besser zusammen und erspielte sich bis zum Allstar-Break die beste Bilanz im Osten (24-12). Auch der oft kritisierte Ben Simmons spürte das Vertrauen des Trainers, der immer wieder seinen Wert abseits der Statistiken (16.1 Punkte, 7.9 Rebounds, 7.6 Assists sowie 1.6 Steals) hervorhob. 

Es zeigte sich aber auch, dass die 76ers ohne ihren MVP-kalibrigen Center Probleme hatten, zu gewinnen (1-5). Zudem war die Bank der Sixers kaum ein Faktor (57.7 Punkte im Schnitt) und die Quoten von außen waren ebenfalls ausbaufähig (36.5%). 

Nach dem Allstar-Game zeigte sich ein anderes Bild. Embiid, der nach wie vor dominierte (29.9 Punkte, 11.5 Rebounds), verletzte sich nach nur einem Spiel schwer und fehlt den Sixers seitdem. Doch offenbar tat die mehrtägige Pause der Mannschaft gut. Denn diesmal gewinnen die Sixers auch ohne ihre Nummer 21 (6-1). 

Neben den Quoten von draußen (39.5%) stieg auch die Unterstützung von der Bank (67.2 Punkte pro Spiel). Und Tobias Harris? Der spielt eine Premium-Saison mit 20.8 Punkten bei Sahnequoten (50.8%FG, 41.3% Dreier, 89.4%FT). Dass er nicht der dritte Allstar der Sixers wurde, ärgerte den 28-Jährigen sehr. "He took that personally" - Harris führt die Mannschaft in Abwesenheit von Embiid auch in engen Spielen sowie in der Crunchtime mit offensiver Vielseitigkeit und starker Verteidigung an. 


Letzteres ist ohnehin die große Stärke des Teams – neben DPoY-Kandidat Simmons kann Rivers in Embiid, Green, Harris, Howard und Thybulle auf überdurchschnittliche Verteidiger bauen, sodass die Sixers das zweitbeste Defensivrating der Liga ihr eigen nennen können.

Eine Nacht vor der Trading-Deadline stehen die Sixers noch immer auf Platz 1 im Osten (31-13) und wirken noch gefestigter, gewinnen auch die knappen, dreckigen Spiele und können optimistisch in die nächsten Wochen gehen – auch ohne ihren Starcenter.

Trotzdem ranken sich auch um die Sixers Tradegerüchte. Und das hat trotz der guten Saison bisher seine Gründe. Zum Beispiel treffen sie ihre Dreier zwar gut (13. ligaweit), drücken dafür aber viel zu selten von Downtown ab (28.). Generell wirkt die Offensive etwas gebremst (13. im Offensivrating) und phasenweise braucht es Einzelaktionen, um zu punkten (22. bei den Assists). 

Das hängt auch mit dem fehlenden Playmaking zusammen – vor allem, wenn Ben Simmons auf der Bank Platz nimmt. Der Australier ist bekannt dafür, seine Nebenleute und offene Dreierschützen zu bedienen – es sind ca. 4 Assists pro Spiel. 

Die Bankspieler sind dagegen kaum in der Lage, sich eigene Würfe bzw. für die Mitspieler zu kreieren. Daher wundert es nicht, dass die Sixers nach einem zweiten Spielmacher fahnden, zumal Tyrese Maxey – so gut der Rookie auch agiert (7.5 Punkte, 1.6 Assists in 15.2 Minuten) – noch nicht in der Lage ist, die zweite Reihe anzuführen. 

Für die Regular-Season scheint der derzeitige Kader zu genügen, in den Playoffs braucht es aber mehr – vor allem beim Playmaking. Auf dem Radar sind demnach George Hill von den Thunder, Lonzo Ball von den Pelicans sowie Kyle Lowry. Letzterer wird am Deadline-Day bereits 35 Jahre alt und gilt dennoch als Wunschkandidat vieler Sixers-Fans, da der Meisterschafts-Pointguard von 2019 aus Philadelphia stammt und zwei Jahre für die örtliche Villanova Universität spielte. Allerdings ist sein auslaufender Vertrag ($30 Millionen) eine beachtliche Hürde. 


So gut sich Danny Green auch präsentiert hat, einen Spielertyp wie Kyle Lowry haben die Sixers nicht: Einen erfahrenen Anführer und robusten, teamdienlichen Spielmacher in Personalunion, der nach wie vor produktiv wie effizient ist (17.4 Punkte bei 39.5% Dreier und 7.5 Assists pro Siel). Zumal sie davon ausgehen können, dass er nach Vertragsende in seiner Heimat bleibt, wo die Chancen auf einen weiteren Ring groß sind. 

Kommt Lowry nach Philly, verändert sich das gesamte Konstrukt zum Positiven. Denn mit ihm und Simmons im Team stünde immer mindestens ein elitärer Playmaker auf dem Hartholz, ohne defensive Agilität zu opfern. Und Green? Der könnte spielerisch von Matisse Thybulle (nach dem Allstar-Break: 47.6% Dreier, 2 Steals, 1.3 Blocks in 21.5 Minuten pro Partie) ersetzt werden. 

In die ähnliche Kerbe schlägt das Tradeziel George Hill, wobei der weniger Playmaker und weniger elitär ist. Dennoch würde auch Hill den Sixers helfen – allerdings eher als reiner Backup. Vorteil ist, dass Morey nicht ansatzweise so viel Gegenwert generieren muss. Allerdings braucht es hier ein drittes Team, da Green, Ferguson und Poirier nicht zurück getradet werden können.

Lonzo Ball soll ebenfalls in den Fokus der Sixers gerückt sein. Der Guard spielt eine gute Saison im Big Easy (14.2 Punkte und 5.6 Assists pro Spiel bei 38.5% von Downtown) und ist deshalb für viele Teams interessant – dass sein Vertrag ($11 Millionen) nach der Saison ausläuft und er anschließend bezahlt werden möchte ($20+ Millionen soll Papa-Ball aufgerufen haben), garniert einen Trade für ihn mit gewissem Risiko.

Auch sein Teamkollege und Ex-Sixer JJ Redick schien ein möglicher Kandidat in Philadelphia zu sein. Allerdings ist hier die Frage, ob bei dessen auslaufenden Vertrag ($13 Millionen) ein Trade Sinn ergibt oder ob man im Nordosten auf einen Buyout hofft. Letzteres scheint offensichtlich zu sein, nur zieht es den Edelschützen wohl eher nach Brooklyn, wo seine Familie wohnt und die Chance auf einen Ring nicht kleiner ist. 

Vielleicht orientieren sich Morey und Rivers in eine gänzlich andere Richtung. So rutschte mehrfach Norman Powell von den Raptors oder Buddy Hield von den Kings in die medialen Trade-Machines – hierbei scheint die Stoßrichtung klar zu sein: Scoring. Denn das haben beide im Portfolio stehen.

Unabhängig von möglichen Trades: Wenn es um kostengünstige Verstärkungen nach den Buyouts geht, werden die Sixers wohl ebenfalls in der Schlange stehen – wie so viele andere Teams. Und dann heißt es wieder: Willkommen in der Stadt der brüderlichen Liebe! Für wen? Das wird uns Woj zeitnah verraten.