22 April 2021

22. Apr, 2021


In Indianapolis spielt eine der konstantesten Franchises der NBA. Nach dem Zusammenschluss der ABA und NBA durchlebten die Pacers dank Reggie Miller eine unglaublich erfolgreiche Zeit, ehe sie Anfang des letzten Jahrzehnts LeBron James und seine Miami Heat herausforderten. Über ein Team, das in Vergessenheit zu geraten scheint.

von LEON GÖHL @OlajuwonsE | 22. Apr, 2021


Am 3. Juni 2013 kochte die American Airlines Arena. Nicht schon wieder, dachten sich die Anhänger der Miami Heat an diesem Abend. Nicht schon wieder gegen ein Team verlieren, das eigentlich keine Chance gegen das Triumvirat der Heat haben sollte. Nicht schon wieder scheitern, schließlich wurden den Fans drei Jahre zuvor nicht nur eine, nicht nur zwei Titel, sondern drei, vier, und so weiter, versprochen. 

Der amtierende Champion stand an diesem Abend den jungen, aufstrebenden Indiana Pacers gegenüber, die die gesamte Saison bereits überraschten und nun ihre Chance in diesem siebten Spiel der Conference Finals witterten. Doch alles auf Anfang.

Zu Saisonbeginn hatte nahezu niemand die Pacers auf dem Schirm gehabt. Miami mit LeBron James, Dwyane Wade und Chris Bosh, thronte über allem. Auch die Knicks hatten kurz zuvor mächtig aufgefahren und wollten nun mit Carmelo Anthony angreifen. Ebenso der Stadtrivale aus Brooklyn, der sich mithilfe der Altstars Kevin Garnett, Paul Pierce, Joe Johnson und Deron Williams einen Titel erhoffte. 

Die Pacers dagegen hatten einen spannenden Kader, doch ernsthafte Chancen räumte ihn kaum einer ein. David West schien seinen Zenit überschritten zu haben, Danny Granger baute im Vorjahr ebenfalls ab und die jungen Talente Paul George und Lance Stephenson konnte keiner so recht einschätzen. Roy Hibbert und George Hill waren etablierte Profis, denen man aber ebenfalls nicht den Unterschied zutraute. Falls die Saison erfolgreich werden sollte, so müsste die Defensive elitär sein, West und Granger wieder auf All-Star Niveau spielen und George den nächsten Schritt machen. 

Apropos Granger. Granger wurde 2005 gedrafted und avancierte in seinem dritten Jahr zum Topspieler. 2008-09 wurde er erstmals All-Star und heimste zusätzlich den MIP-Award ein. Einziges Manko: die Pacers gewannen nicht wirklich viel mit ihm. Denn Granger war zwar im Stande, schwierige Würfe zu treffen, verweigerte aber zu häufig die Einfachen. So ist es bezeichnend, dass die Pacers mit ihm als Star nur zwei Mal die Playoffs erreichten und lediglich einmal die erste Runde überstanden. 

Letzteres stand immer im Einklang mit weniger Aktionen von Seiten Grangers. Dennoch setzte Indiana auf den 29-Jährigen. Mindestens ebenso viele Hoffnungen, dass die Pacers den nächsten Schritt gehen könnten, ruhten auf ihm, ehe im Oktober 2012 eine Entzündung seiner Patellasehne bemerkt wurde und er bis zum 23. Februar pausieren musste. Er kam für fünf Spiele zurück und spielte unter immensen Schmerzen, ehe er beschloss, sich einer erneuten Operation zu unterziehen. 

Zum Zeitpunkt seiner Rückkehr hatten sich die Pacers dennoch zu einem absoluten Top-Team im Osten entwickelt und erstickten ihre Gegner vor allem defensiv. Es reichte zu einer 34-21 Bilanz und auch danach fanden gegnerische Offensiven kein Mittel gegen die von Frank Vogel exzellent eingestellte Pacers-Defense. 

Stephenson hatte sich in seinem dritten Jahr zum absoluten Kettenhund entwickelt und war bei Gegnern vor allem für seine unkonventionelle Unsportlichkeit (einfach mal bei LeBron James nachfragen) verhasst. Am Flügel erstickten er und George alles. Hill verteidigte ebenso aggressiv und kam dennoch mal ein Gegner durch, stand der lange Hibbert im Weg. 

Offensiv kehrte Indiana weitestgehend von Isolations ab (lediglich 8% der offensiven Aktionen) und spielte variablen Teambasketball. Viel lief über die beiden Big Men West und Hibbert. Zusätzlich strahlte George andauernd Gefahr aus, auch Hill wusste etwas mit dem Ball anzufangen. Das reichte im Angriff zwar maximal zum Durchschnitt, doch in Indianapolis wussten alle bereits: Offense wins games, Defense wins Championships.

Mit 49 Siegen beendeten die Pacers die reguläre Saison auf Rang drei im Osten und sahen sich in der ersten Playoff-Runde den Atlanta Hawks gegenüber. Atlanta war zu dem Zeitpunkt eine unangenehm zu bespielende Mannschaft, die ähnlich wie Indiana über ein starkes Kollektiv rund um Josh Smith, Al Horford und Jeff Teague kam. Nach einem Hin und Her ging es mit 2-2 zurück nach Indiana, wo vor allem der Veteran West voranging und die Pacers-Defense in beiden Spielen nur noch 156 Punkte (kombiniert) zuließ. 

In der zweiten Runde warteten die New York Knicks, die nach Jahren der Tristesse wieder einen Star in ihren Reihen wussten: Carmelo Anthony. Ein kleiner Vorteil war auf Seiten der Knicks, die zuhause beginnen durften, doch Indiana raubte diesen Heimvorteil umgehend und verlor anschließend kein Heimspiel mehr. 

Das Kollektiv der Pacers stach den Star aus. So legte "Melo" zwar 28,5 Punkte pro Partie auf, doch bei Indiana scorten gleich fünf Spieler zweistellig. Die Serie war so etwas wie die Geburtsstunde des Paul George als Superstar, der an beiden Enden voranging und JR Smith bei nichtmal 29% aus dem Feld hielt. Zusätzlich blockte Hibbert die Knicks insgesamt 19 Mal (die Knicks als Team kamen nur auf 25 über sechs Spiele), so dass Indiana letztendlich in die Conference Finals einzog, wo das Superteam um LeBron James und Dwayne Wade wartete.

In Spiel eins hatten die Pacers die riesige Chance, direkt den Heimvorteil umzudrehen, doch sie verloren mit einem Punkt Unterschied. Dafür holten sie sich Spiel zwei, doch die Heat ließen das nicht auf sich sitzen und gewannen das dritte Spiel der Serie. So ging es immer hin und her, bis eben zum entscheidenden siebten Spiel einer irren Serie. 

Dort gab es dann kein Mittel gegen LeBron James, der über die komplette Serie 29 Punkte im Schnitt auflegte. Speziell Granger wurde hier schmerzlich vermisst, da die Heat Hibbert konstant doppelten und Stephenson am Perimeter frei stehen ließen. Letzterer konnte dies nicht bestrafen, wozu Granger wohl eher in der Lage gewesen wäre (38% Dreier über die Karriere). 

Was, wenn die Pacers Spiel sieben gewonnen hätten? Oder bereits früher in der Serie den Sack zugemacht hätten? Es ist mal wieder ein riesiges "What If" - wie so häufig bei Teams, die kurz vor dem Ende scheiterten. Die Heat kamen in die NBA Finals und gewannen dort bekanntlich dank Ray Allens Wunderdreier den zweiten und letzten Titel der LeBron Ära. 

In Indiana war man dennoch positiver Dinge und schaute optimistisch in die Zukunft. Schließlich blieb der Kern dieses aufregenden Teams beisammen, und so hofften sie dort eigentlich nur auf die Rückkehr von Granger, der ihnen zur neuen Saison dringend benötigte Offensive bringen würde. 

Die Pacers spielten 2013-14 sogar noch besser, doch scheiterten in den Playoffs erneut an den Heat. Granger wurde nach seinen OPs nie wieder der Alte. Nach der Saison verletzte sich George schwer, und das Team zerfiel nach und nach. Granger wurde zu den Los Angeles Clippers geschickt und beendete 2015 bei den Miami Heat seine Karriere. Die Verletzungen forderten ihren Tribut. 

2013 sollte die größte Chance der Pacers auf einen erneuten Finaleinzug bleiben. Es wäre der zweite ihrer NBA-Historie gewesen. Mit einem jungen aufstrebenden Paul George und phänomenaler Defense spielten sich die Pacers auf die Landkarte und in die Herzen der Fans, doch am Ende rüttelten sie nur am Thron von "King James" und konnten ihn nicht endgültig stürzen. Ob das mit einem gesunden Granger möglich gewesen wäre, können einem nur die Basketballgötter beantworten.