06 Juni 2021

6. Jun, 2021


Superstars entscheiden Titelrennen. Um überhaupt in Championship-Position zu kommen, braucht es jedoch eine andere Sorte Stars: Stars in ihrer Rolle. Egal ob Shooter, Defender oder Alleskönner - die Rollenspieler werden zum Zünglein an der Meisterschaftswaage. Heute: Bobby Portis.

von MARCEL EGGSTEIN @EggsteinMarcel | 6. Jun, 2021


Die Playoffs 2021 dürften nach dem Geschmack von Bobby Portis sein: Erst schickten seine Milwaukee Bucks die Vorjahresfinalisten aus Miami per Sweep in den Urlaub, nun warten die Brooklyn Nets. Schaffen es die Bucks, auch Harden, Durant, Irving & Co. zu schlagen, warten vermutlich die Philadelphia 76ers. Der Weg in die Finals könnte also leichter sein. Doch das ist ohnehin nicht das, was Bobby Portis kennt – leichte Wege. 

Geboren und aufgewachsen in Little Rock, machte der junge Bobby früh Bekanntschaft mit einem rauen Umfeld. Denn die Hauptstadt des Bundesstaates Arkansas zählte lange Zeit zu den fünf gefährlichsten Städten der USA. Doch nicht nur Drogenkriminalität und Gangrivalitäten prägten die Jugend des heutigen NBA Big Man. 

Auch die zahlreichen, wechselnden Partner seiner Mutter sollten ihn zu dem machen, der er heute ist. Einschneidend war laut Portis und seiner Mutter Tina Edwards ein Vorfall, bei dem der damals 14-jährige Bobby sie vor ihrem gewalttätigen Partner beschützte. Ein Turning-Point in seiner Entwicklung. 

Generell spielt die Alleinerziehende eine große Rolle im Leben des heute 26-Jährigen. Sie selbst spielte ebenfalls Basketball, wuchs jedoch in ärmlichen Verhältnissen auf und erhoffte sich mehr für ihre vier Söhne. Disziplin wurde groß geschrieben. Für Bobby bedeutete dies, keine Videospiele unter der Woche und vor dem Basketballtraining mussten Hausaufgaben gemacht werden. Zudem waren nur As und Bs, maximal ein C auf dem Zeugnis erlaubt. Trotz der führsorglichen Mutter ging all die Gewalt, die Armut und der Druck als ältester Bruder nicht spurlos am jungen Bobby vorbei. 

Das zeigte sich vor allem beim Basketball. Zum einen weinte er verzweifelt nach Niederlagen. Zum anderen waren Aggressionen seinerseits nicht selten – gegenüber Schiedsrichtern und Mitspielern. Dass sich solche Verhaltensweisen festsetzen können, davon kann Nikola Mirotić wohl ein Lied singen. Dem verpasste Teamkollege Portis im Bulls-Training 2017 eine Gesichtsfraktur. Acht Spiele Sperre und ein zweifelhafter Ruf, sowie der Trade nach Washington D.C. waren die Folge. 

Zurück zum jungen Bobby Portis. Der musste erst lernen, die Wut und Energie zu kanalisieren. Dabei half ihm vor allem seine Mutter – aber auch seine Jugendtrainer, darunter Ex-NBA-Profi und Arkansas-Legende Corliss Williamson. Der war von Portis‘ Athletik beeindruckt und nahm sich des rohen wie talentierten Rechtshänders an. Im ehemaligen Sixth Man of the Year (2002) fand der Neunjährige Bobby wiederum ein Vorbild, gar eine Vaterfigur. So war die Frage nach dem weiteren Weg keine – die University of Arkansas wurde Portis‘ basketballerische Heimat.

Nach zwei Jahren als Razorback kam er schließlich in die NBA. Die Chicago Bulls zogen ihn 2015 an 22. Stelle. Scouts und Trainer sahen ein Paket, das an Kevin Garnett erinnerte – das sportliche Vorbild von Bobby Portis. So sahen sie den Motor, die Energie, die Größe (2.08m) und einen guten Wurf. Trotz guter Anlagen kam er jedoch nie über die Rolle des Bankspielers hinaus – nicht in Chicago, Washington, New York oder Milwaukee. Es spricht jedoch für ihn, dass er diese Rolle angenommen hat - und mittlerweile in ihr aufblüht. 

Besonders in dieser Saison ist sein Einfluss auf das Spiel der Bucks enorm. Seine 11.4 Punkte und 7.1 Rebounds pro Partie geben den Startern die erhoffte Unterstützung bzw. Entlastung. Vor allem, wenn man sich seine Quoten dabei anschaut: 54.2% Zweier, 47.1% Dreier – letzteres zugleich der drittbeste Wert ligaweit. Diese Zahlen aus der regulären Saison konnte er mit in die erste Playoffrunde gegen die Heat nehmen. 

Ob er sie nun auch gegen die Brooklyn Nets abrufen kann, bleibt abzuwarten. Zunächst müssen die Bucks ihren 0-1 Rückstand wettmachen. Fest steht: Bobby Portis wird alles auf dem Parkett lassen. Denn er hat sich über all die Jahre eine – wie er sie nennt – "I'm-not-going-to-let-you-stop-me"-Mentalität angeeignet - und mit dieser geht er in jedes Spiel.