07 Juni 2021

7. Jun, 2021


Superstars entscheiden Titelrennen. Um überhaupt in Championship-Position zu kommen, braucht es jedoch eine andere Sorte Stars: Stars in ihrer Rolle. Egal ob Shooter, Defender oder Alleskönner - die Rollenspieler werden zum Zünglein an der Meisterschaftswaage. Heute: Joe Harris.

von SEB DUMITRU @nbachefkoch | 7. Jun, 2021


"The Brooklyn Nets are who we thought they were!"... Trotz der siebtmeisten verletzungsbedingten Ausfälle ligaweit - und den meisten unter ihren Top-Spielern - hielten die Nets unter Rookie-Coach Steve Nash in der abgelaufenen Saison nicht nur den Kopf über Wasser; sie überragten. Obwohl Kevin Durant, Kyrie Irving und James Harden nur acht Mal gemeinsam auf dem Parkett standen (202 Minuten), beendete Brooklyn die reguläre Saison auf Rang zwei in der Eastern Conference, nur einen Sieg vom Top Spot entfernt. 

Das spricht nicht nur für die exzellente Arbeit, die Nashs Trainerstab geleistet hat, die etablierte Kultur und den tiefen Kader, sondern auch für die Qualität, Professionalität und Kontinuität hinter allem Glitz und Glamour der Big Three. Niemand verkörpert all das besser als der dienstälteste Brooklyn Net: Veteran und Scharfschütze Joe Harris.
 
Mittlerweile in seinem fünften Jahr im 'Borough', hat der 1,98 Meter Flügel (fast) alle Stufen eines NBA-Rollenspielers durchgezockt. Angefangen als Zweitrundenpick der Cleveland Cavaliers, just als LeBron James nach Ohio zurück kehrte, sah Harris kaum Spielzeit - trotz exzellenter Shooter-Qualitäten von Anfang an (37 Prozent Dreier als Rookie). Die Cavs schoben ihn zwischen Big Leagues und G-League hin und her, Anfang 2016 wurde er im Tausch für einen Zweitrundenpick nach Orlando getradet - wenige Monate, bevor sie in 'The Land' sensationell Meister wurden. Orlando strich Harris umgehend aus dem Kader.

Brooklyn war zu jenem Zeitpunkt auf dem Weg nach ganz unten. Der neue General Manager Sean Marks hatte eben erst begonnen, die Franchise nach den Verfehlungen des Vorgänger-Regimes von Grund auf zu sanieren. Harris unterschrieb einen Vertrag als Free Agent und traf prompt 39 Prozent seiner Dreier - obwohl die Nets damals die mieseste Rotation der NBA stellten (20-62, Platz 30). Die Nets wurden im Eiltempo besser, Harris verlängerte im Sommer 2018. 

Die Saison 2018/19 wurde zu seinem Mini-Durchbruch: Harris machte als bester Distanzschütze der Liga auf sich aufmerksam, traf 47,4 Prozent seiner Würfe von Downtown. Spätestens als er während des Three Point Contests Steph Curry auf die Plätze verwies und die All-Star Trophäe als Shootout Champion gewann, wurden viele Casuals auf ihn aufmerksam. Heimlich, still und fernab des medialen Interesses hatte Harris aber seine Toolbox um weitaus mehr als nur tödlich präzises Snipern ausgebaut.

Er verteidigt solide, kann Screens navigieren und ist robust genug, um Attacken größerer Gegner zu absorbieren. Vorne ist er ständig in Bewegung, sucht nonstop die freie Position und ist immer anspielbereit. Wenn er den Ball hat, ist er weitaus mehr als stumpfer Spot-Up Schütze, der ausser Fangen und Feuern nichts kann. 

Mal den Spalding auf den Boden setzen, zum Korb ziehen oder den Mitspieler finden - Harris' Arbeitswut in der Trainingshalle wirft zunehmend Dividenden ab. Die Nets honorierten seine konstante Verbesserung im November vergangenen Jahres mit einem neuen Vierjahresvertrag über 72 Mio. US-Dollar - ein Beweis des Vertrauens und ihres exzellenten Marktverständnisses: Typen wie Harris waren ligaweit nie wertvoller, die Interessenten standen Schlange.

Mit der Ankunft von Durant, Irving und Harden in dieser Saison ging Harris' Nutzungsrate natürlich leicht nach unten. Sein Mehrwert stieg aber exponentiell - weil jeder Contender einen Spieler seines Kalibers perfekt gebrauchen kann. Groß und mobil genug, um defensiv zu switchen, und vorne mehr Gravitation als alle anderen Rollenspieler in der NBA ausübend: wo Joe Harris ist, brennt's in der gegnerischen Defensive. Neben drei der besten Angreifer aller Zeiten wird ein Knockdown-Shooter wie er natürlich noch wertvoller. 

Der 29-Jährige beendete die reguläre Saison erneut mit der besten Dreierquote ligaweit (47,5 Prozent), bei mehr als sechs Versuchen und drei Makes pro Spiel. Er führte die Nets bei den absolvierten Partien und Minuten an, war die größte Konstante in Nashs 38 unterschiedlichen Startformationen. Kein anderer Spieler in der NBA traf sicherer von Downtown in Catch & Shoot Situationen als Harris, der 51,5 Prozent seiner 355 Versuche von außen netzte. 

Auch in diesen Playoffs spielt Harris im Automatic-Modus: 10,5 Punkte pro Partie erzielt der Wing bisher aus Catch & Shoot Situationen, bei unfassbarer 61,8 Prozent Quote von jenseits der Dreierline. Die Aufmerksamkeit, die Brooklyns Stars auf sich ziehen, generiert haufenweise offene Würfe für den vielleicht besten Shooter der Welt diesseits von Steph Curry. Joe Harris mag nicht wie ein Star wirken. In Wirklichkeit ist er der Superstar-Rollenspieler überhaupt.