16 Juni 2021

16. Jun, 2021


Superstars entscheiden Titelrennen. Um überhaupt in Championship-Position zu kommen, braucht es jedoch eine andere Sorte Stars: Stars in ihrer Rolle. Egal ob Shooter, Defender oder Alleskönner - die Rollenspieler werden zum Zünglein an der Meisterschaftswaage. Heute: Joe Ingles.

von MARCEL EGGSTEIN @EggsteinMarcel | 16. Jun, 2021


Joseph Howarth Ingles hat auf den ersten Blick die Aura eines südaustralischen KfZ-Mechanikers vom Land. Und das ist alles andere als despektierlich gemeint! Dass hinter dem gemütlich, sympathischen Wesen mit dem etwas ulkig anmutenden Akzent ein immens wichtiger Spieler der aktuell besten Regular-Season-Mannschaft steckt, verrät nicht einmal der zweite Blick. Zumal ein richtig guter Spieler. Doch dazu später mehr. 

Fakt: Joe Ingles ist "legit". Auch, weil ihm alles andere drumherum egal ist. Der 1987 in Adelaide geborene Flügelspieler gibt wenig auf Attitüde, Star-Sein und Namen. Nicht bei sich und auch nicht beim Gegner. Das zeigt sich vor allem dann, wenn er sich mit deren Stars anlegt – sie nervt, provoziert und hart verteidigt: Joe Ingles schreckt vor niemanden zurück. James Harden, Russell Westbrook und vor allem Paul George können ein Lied davon singen. 

Nun können NBA-Fans das Wiedersehen mit letzterem verfolgen, denn dessen L.A. Clippers treffen in der zweiten Playoffrunde auf die Utah Jazz. Das beste Team der Regular Season (52-20) und zugleich basketballerische Heimat für Ingles seit 2014 empfängt das andere Team aus Los Angeles – dabei treffen NBA-Welten aufeinander: Big-Market vs. Small-Market, 20 Allstar-Nominierungen vs. 5, fünf Titel vs. null usw. – eine Schieflage ist zu erkennen. 

Dennoch trifft hier nicht David auf Goliath. Der vermeintliche Underdog vom Salzsee kann neben der besten Bilanz auch den Defensive Player oft he Year sowie den Sixth Man of the Year aufs Parkett schicken. Und Joe Ingles. Der war tatsächlich zweiter hinter Jordan Clarkson bei der Wahl zum besten sechsten Mann. 

Und Ingles wäre nicht Ingles, wenn er seinem Mitspieler den Award nicht gewohnt charmant selbst überreicht hätte. Aber auch der Australier hätte den Award verdient gehabt. Denn was der 2,03m große Forward bisher in dieser Saison auf den Statistikbogen zauberte, sind definitiv Zahlen eines Premium-Rollenspielers. 

Dabei ist es zwar nicht das Scoring eines Clarkson, dafür sekundäres Playmaking, Defense und die von den Jazz-Fans so geliebten Hustle-Plays inklusive der erwähnten Stänkereien. Letzteres lässt sich natürlich nicht in Zahlen gießen. Ein Blick auf diese verrät dabei, dass die abgelaufene Regular Season bisher seine statistisch beste war: 12.1 Punkte, 3.6 Rebounds und 4.7 Assists bei 45.1% von Downtown – allesamt Karrierebestwerte, und das nicht knapp. Dass der Kaffeeliebhaber, der in der Halbzeitpause schonmal ein koffeinhaltiges Heißgetränk zu sich nimmt, mit diesen Werten ein richtig guter NBA-Profi ist, sollte nun klar sein. 

Dass er das Herz dieser Utah Jazz ist, wohl auch. Dass Joe Ingles darüber hinaus ein besonderer Sportler ist, lässt sich dabei nur erahnen. Verfolgt man ihn jedoch abseits des Hartholzes wird schnell klar: Der Mann ist for real. Vor allem beim Thema „Autismus“ ist Joe gemeinsam mit seiner Frau Renae sehr aktiv. Die beiden bekamen 2016 ihre Zwillinge Milla und Jacob – und 2019 erhielten sie die Autismus-Diagnose für ihren Sohn, was die Familie vor komplett neue Herausforderungen stellte und über so manche Tellerränder hinweg blicken ließ. So engagieren sie sich intensiv dafür, die Spektrumsstörung bekannt zu machen, aufzuklären und viele Bereiche im Umgang damit zu unterstützen, wie zuletzt die Polizei von Salt Lake City.

Dieses Thema und vor allem Fragen rund um die NBA, seine Jazz und auch das bevorstehende Olympia-Turnier bespricht er zudem in seinem eigenen Podcast zusammen mit DJ & PK, The Joe Ingles Show (https://1280thezone.com/tag/the-joe-ingles-show/). Auch hier wird deutlich, dass der 33-Jährige viel mehr als nur ein gewöhnlicher NBA-Rollenspieler ist. 

Der 2014 in die Liga gekommene Linkshänder ist auf dem Weg, eine Legende am Salzsee zu werden. Dass er die Franchise bereits bei den verwandelten Dreipunkttreffern anführt, überraschte ihn zuletzt selbst. Für ihn gäbe es aber wichtigeres, wie beispielsweise ein Titel. Aber auch unabhängig davon wird er seinen Platz wohl auf ewig in der Herzen der Jazz-Fans haben. 

Wenn allerdings doch noch ein Meisterschaftsbanner dazu kommt – dann hängt seine Nr. 2 definitiv unter dem Dach der EnergySolutions Arena. Und die Chancen dafür stehen gar nicht so schlecht. Joe Ingles wird auf jeden Fall wie gewohnt werfen, kreieren und stänkern. Und das mit dem gewohnt charmanten Lächeln im Gesicht.